Wenn du einem geretteten Trinker begegnest…

Wenn du einem geretteten Trinker begegnest,
dann begegnest du einem Helden.
Es lauert in ihm der Todfeind.
Es bleibt behaftet mit seiner Schwäche
und setzt seinen Weg fort,
durch eine Welt der Trinkunsitten.
In einer Umgebung,
die ihn versteht,
in einer Gesellschaft
die sich berechtigt hält,
in jämmerlichen Unwissenheit
auf ihn herabsehen,
als auf einen Menschen zweiter Klasse.
Weil er wagt gegen den Alkoholstrom
zu schwimmen.
Du solltest wissen:
Er ist ein Mensch erster Klasse!

Friedrich von Bodelschwingh

Bibellesen

„Ich habe mir angewöhnt, die beim Lesen des Bibeltextes schnell gewonnenen Erkenntnisse nicht für die Predigt zu berücksichtigen. Was ich zuerst sehe, steht meist nicht im Text, sondern befindet sich als Vorurteil im eigenen Kopf. Wenn ich mich dem Bibelwort länger aussetze, dringe ich tiefer ein. Das Wort Gottes setzt sich gegen meine vorgefasste Meinung durch. Oft kommen unbequeme Wahrheiten zutage, häufig überrascht mich das Bibelwort. Mal sind befreiende und erfreuende, mal herausfordernde Überraschungen, auch Zumutungen.“ Ulrich Parzany, Dazu stehe ich, s. 121.

Kinder für alle?

Wie würde sich die Annahme der Gesetzesvorlage “Ehe für alle inklusive Samenspende” auf das Wohl betroffener Kinder auswirken? Neben der Frage, was die Ehe für alle für gleichgeschlechtliche Paare bedeutet, muss dieses Thema ehrlich und fundiert untersucht und diskutiert werden. Weil Kinder nicht mitentscheiden können, in welche Familie sie hineingeboren werden, sind sie darauf angewiesen, dass Erwachsene ihr Wohl an die erste Stelle setzen und diesem auch in der Gesetzgebung höchste Priorität einräumen.

Regelmässig wird in der Debatte um Ehe für alle beteuert, Studien bewiesen, dass die Kinder gleichgeschlechtlicher Paare keinerlei Nachteile hätten. Unterschlagen wird dabei in aller Regel, dass namhafte Wissenschaftler dieser Behauptung entschieden widersprechen. So erklärt beispielsweise John P. Sullins in “The case for mom and dad”:[1]

„Sämtliche, wissenschaftlich valide, randomisierte Studien über Kinder und gleichgeschlechtliche Eltern kommen zu dem Schluss, dass es für Kinder zum Nachteil ist, wenn sie bei gleichgeschlechtlichen Eltern statt bei einem Mann und einer Frau aufwachsen“

Gestützt wird Sullins These durch verschiedene, breit angelegte Studien, die bei jungen Erwachsenen aus Regenbogenfamilien deutlich mehr psychische und soziale Instabilität sowie deutlich mehr Missbrauchserfahrungen feststellten. Weil es für eine fundierte Debatte unverzichtbar ist, auch den kritischen Stimmen Gehör zu schenken, kommen einige dieser Forscher und Studien in diesem Artikel zu Wort.

Festzuhalten ist aus meiner Sicht, dass das Phänomen gleichgeschlechtlicher Elternschaft in den Ländern Europas noch jung ist und daher eine gewisse Zurückhaltung beim “Zementieren” oder Übertragen von Studienergebnissen auf Schweizer Verhältnisse geübt werden sollte. Was jedoch nicht bedeutet, dass nur eine, nämlich die zustimmende Seite der Medaille betrachtet werden darf.

Keine Unterschiede? Professor Mark Regnerus widerspricht!

Wer die Behauptung, es spiele keine Rolle, in welcher Elternkonstellation Kinder aufwachsen, hinterfragt, stösst früher oder später auf Mark Regnerus. Regnerus, geboren 1971, ist Professor für Soziologie und Philosophie am Forschungszentrum für Bevölkerungsentwicklung der Universität Austin (Texas). Dieser kritisiert beispielsweise, dass eine der bekanntesten und häufig zitierten Studien, die “Nationale Langzeitstudie zu lesbischen Familien” (NLLFS) eine fragwürdige Stichprobenauswahl benutzt: Die Studienteilnehmerinnen wurden, so Regnerus, nicht zufällig aus der gesamten Bevölkerung genommen, sondern über Anzeigen in Zeitschriften für lesbische Frauen, über Buchläden speziell für Frauen und über Events für lesbische Frauen in mehreren größeren Metropolregionen angeworben. Das ergibt logischerweise ein verzerrtes Bild, weil der Anteil lesbischer (zustimmender) Frauen und ihrer Kinder dadurch im Blick auf die Gesamtbevölkerung viel zu hoch ist.

Wenig vertrauenswürdig ist zudem laut Regnerus, dass sich viele Studien über homosexuelle Elternschaft darauf konzentrieren, was im Moment — während die Kinder noch unter der Fürsorge der Eltern stehen — in diesen Haushalten vor sich geht. Üblicherweise werden gleichgeschlechtliche Eltern darüber befragt, wie es ist, als schwuler Mann oder lesbische Frau ein Kind zu erziehen.

Solche Forschungen können jedoch nicht aufzeigen, wie es den Kindern später als Erwachsene geht, oder was sie während ihres Aufwachsens erlebt haben. In manchen Fällen werden laut Regnerus auch Informationen von Teilnehmern gesammelt, die sich schon über eventuelle politische Auswirkungen ihrer Antworten bewusst und somit während der Befragung voreingenommen sind.

Nachfolgend nenne ich einige Ergebnisse aus zwei Studien:

  • Regnerus-Studie mit dem Titel „Wie verschieden sind die erwachsenen Kinder, deren Eltern gleichgeschlechtliche Beziehungen haben [im Vergleich mit Kindern aus anderen Familienstrukturen]?”
  • Studie „Gleichgeschlechtlich lebende Eltern, Familieninstabilität und die Auswirkungen auf das Leben der erwachsenen Kinder”, die in deutscher Übersetzung beim Familienbund deutscher Katholiken in Augsburg heruntergeladen werden kann. [2]

Regnerus legt in seinen Studien umfassende empirische Belege für Unterschiede vor zwischen Kindern, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwuchsen, und Kindern, die von ihren biologischen, verheirateten Eltern grossgezogen wurden. Er stellt mitunter grosse Unterschiede fest.

Eine Stärke der Forschungsarbeit von Prof. Regnerus liegt darin, dass sie Daten von 2988 jungen Erwachsenen in vierzig verschiedenen Bereichen sammelt, die von wesentlichem Interesse für Erziehungsforscher sind. Sie deckt das soziale, emotionale und das Beziehungs-Wohlbefinden ab, von zum Zeitpunkt der Studie bereits erwachsenen Kindern im Alter von 18 bis 39 Jahren.

Eine Auswahl der Ergebnisse von Regnerus Befragungen: 

  1. Sozialhilfe: Wirtschaftlich gesehen sind die erwachsenen Kinder aus lesbischen Beziehungen laut Mark Regnerus’ Studie viermal wahrscheinlicher auf Sozialhilfe angewiesen als die Kinder verheirateter, heterosexueller Paare. Es ist ausserdem dreieinhalbmal wahrscheinlicher, dass sie arbeitslos sind.
  2. Sicherheitsgefühl: Die Studienteilnehmer wurden nach ihren Empfindungen gefragt, in Bezug auf die Erfahrungen in der Familie, während sie dort aufwuchsen. Die Kinder lesbischer Paare gaben die niedrigsten Werte in Bezug auf das Empfinden von Sicherheit in der Kindheit an, gefolgt von den Kindern von Männerpaaren; die Kinder heterosexueller Ehepaare hatten die höchsten Werte in Bezug auf ihr Sicherheitsgefühl.
  3. Depressionen: Auf der allgemeinen Depressionsskala (CES‑D) gaben die jungen Erwachsenen mit lesbischen und homosexuellen Eltern signifikant häufiger höhere Depressionswerte an, als die Kinder heterosexueller Ehepaare. Die Kinder aus lesbischen Beziehungen gaben zweimal häufiger als die Kinder aus homosexuellen Partnerschaften und fast fünfmal häufiger als die Kinder heterosexueller Ehepaare an, in den letzten zwölf Monaten an Suizid gedacht zu haben.
  4. Sexuelle Belästigung: Auf die Frage, ob sie jemals von einem Elternteil oder einer anderen erwachsenen Fürsorgeperson sexuell berührt worden seien, antworteten die Kinder von Müttern in lesbischer Beziehung elfmal häufiger mit „Ja“ als die Kinder aus heterosexuellen Ehen. Bei den Kindern schwuler Paare war die Wahrscheinlichkeit, die Frage mit „Ja“ zu beantworten, dreimal höher. Kinder aus heterosexuellen Ehen waren am seltensten sexuell belästigt worden.
  5. Beziehungsqualität der eigenen Liebesbeziehung: Nach der Qualität ihrer aktuellen Liebesbeziehung befragt, gaben die Kinder von Männerpaaren die geringste Qualität an, gefolgt von denen, die von nicht verwandten Personen adoptiert wurden; danach kamen die Kinder aus Patchworkfamilien und danach die Kinder lesbischer Frauenpaare. Die höchste Beziehungsqualität gaben die Kinder aus heterosexuellen Ehen an.

Gedanken zur Regnerus-Studie

Zu Punkt drei (Depressionen/Suizidalität) führen LGBT-Aktivisten häufig ins Feld, dass die höhere Suizidalität durch Stigmatisierung und Diskriminierung durch das soziale Umfeld verursacht würde. Fünf Befürworter der „Minderheiten-Stress“-Theorie behaupteten während Jahrzehnten, dass, wenn ein Land keine gleichgeschlechtliche Ehe anbiete, dies zu Minderheitenstress führe und dies wiederum Depressionen und Suizidalität bei sexuellen Minderheiten verursache oder erhöhe. In einer repräsentativen, neuen Studie[3] stellen dieselben Autoren jedoch nun fest:

“Obwohl sich das soziale und gesellschaftliche Umfeld in den USA – mit den neuen Rechten für LGBT, mit der Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe und durch andere Gesetze – sehr verändert hat, nehmen Suizidalität und psychische Probleme bei LGB-Personen nicht ab.”

Im Gegenteil: Die Autoren fanden, dass bei jungen LGB-Personen, die in einer liberalen Gesellschaft aufwachsen, wie sie die USA vorher nie gekannt hat, die psychischen Probleme und Suizidalität zunehmen. Die Überlegung einiger Forscher, die Aussicht auf eine gleichgeschlechtliche Ehe könnte homosexuell empfindende Kinder oder Jugendliche von ihren Depressionen und Suizidgedanken befreien, wird durch die neue repräsentative Studie in Frage gestellt, wenn nicht sogar für unhaltbar erklärt.

Persönlich hätte ich insbesondere das Ergebnis von Punkt vier dieser Auflistung (sexuelle Belästigung) absolut nicht erwartet! Angesichts der hohen Missbrauchs-Zahlen in heterosexuellen Familien waren noch höhere Zahlen für mich kaum denkbar. Doch Regnerus’ Ergebnisse stimmen mit anderen Forschungsergebnissen überein. Ein 2015 veröffentlichter Regierungsbericht[4] aus den USA kommt ebenfalls zum Schluss, dass Kinder, die in einer intakten biologischen Familie mit verheirateten Eltern aufwachsen, die geringste Wahrscheinlichkeit haben, sexuell, physisch oder emotional misshandelt zu werden.

Dass Regnerus Studien teilweise hart kritisiert wurden und noch immer werden, versteht sich von selbst. Mark Regnerus hat seine Arbeit jedoch verteidigt und zur geäusserten Kritik Stellung genommen. [5] Auch wenn sicher nicht jedes Ergebnis der Regnerus-Studie eins zu eins für die Schweiz übernommen werden kann, beinhalten seine Studien meines Erachtens Hinweise, die ernst zu nehmen sind und unbedingt in die Debatte um die Ehe für alle einfliessen sollten. Dass jegliche kritische Anmerkung in vielen Fällen umgehend mit einem Homophobievorwurf gekontert wird, sollte uns nicht davon abhalten, Fragen zu stellen und auch weniger schmeichelhafte Studienergebnisse zu präsentieren. Die ungesunde Immunität, die Regenbogenfamilien in Medien und Gesellschaft geniessen, dient einer sachlichen Debatte um Ehe für alle und das Wohl von Kindern nicht.
Gleichzeitig gilt jedoch auch: Wenn ich mit diesem Artikel einen kritischen Blick auf Regenbogenfamilien werfe, bedeutet dies ganz und gar nicht, dass ich heterosexuelle Elternschaft idealisieren will. Ich war und bin in meiner Tätigkeit als Elterncoach (und in meinem eigenen Muttersein) oft genug mit den Defiziten und Missständen traditioneller Familien konfrontiert.

Mehr Aufmerksamkeit für Betroffene

Ich meine, es wäre für eine fundierte Auseinandersetzung zentral, kritischen Studien sowie den Stimmen betroffener Kinder deutlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken. In einem 2015 von der “Alliance defending Freedom” veröffentlichen Video erklärt der bisexuell empfindene Oscar Lopez:

“Meine Mutter und ihre Partnerin lebten eine stabile Partnerschaft. Doch trotzdem empfand ich Sehnsucht, meinen Vater zu kennen. Diese Idee, dass irgendwo da draussen ein Vater, eine Mutter ist, sie ist einfach präsent in deinen Gedanken und Gefühlen. Du kannst ein Kind in eine Bubble stecken, in ein Quartier mit anderen lesbischen Paaren ziehen, es mit Menschen umgeben, die gleichgeschlechtliche Partnerschaften befürworten, doch das Kind wird mit 12 oder 13 Jahren trotzdem empfinden, dass etwas “falsch” ist. Das ist, was ich dazu sage.”

Stimmen wie diese sollten in einer verantwortungsvoll geführten Debatte unbedingt gehört und ernst genommen werden. Dass sich nur wenige Betroffene öffentlich outen, ist unter anderem leider dem Umstand geschuldet, dass sie Anfeindungen aus den eigenen Reihen fürchten. Trotzdem gibt es, wenn man sich auf die Suche macht, durchaus persönliche (wenn auch teilweise anonymisierte) Statements aus dem deutschsprachigen Raum. Das 2016 erschienene Buch “Spenderkinder”[6] von Wolfgang Oelsner und Prof. Dr. Gerd Lehmkuhl gibt Einblick in noch wenig bekannte Schicksale und Fakten. So schreibt beispielsweise der 25jährige Arthur:

“Gerne würde ich einfach alles von Anfang an erzählen. Aber von welchem Anfang? Meine Geschichte ist, wenn man so will, ohne Anfang, weil ich meine genetische Herkunft nicht kenne.”

Die 28jährige Stefanie erklärt:

“Drei Männer nehmen bei mir Vaterrollen ein. Doch keinen von ihnen mag ich “Vater” nennen. Dazu fehlt immer etwas”.

Persönlich berühren mich solche Aussagen. Nicht zuletzt, weil sie in meinem eigenen Herzen Resonanz finden. Ja, Vaterbeziehungen sind wichtig – auch da, wo sie nicht ideal und in manchen Fällen sogar äusserst schwierig oder belastend sind. Ich meine, dass es nicht nur gegen jede Vernunft, sondern auch irgendwie lieblos ist, wenn Menschen, die selber das Privileg hatten, ihren leiblichen Vater von Anfang an zu kennen, nun plötzlich erklären, Vaterbeziehungen seien verzichtbar.  Was oder wer hat uns “verzaubert”, dass wir allen Ernstes ein Gesetz diskutieren, das Kindern mit Absicht vorenthält, was vielen von uns Identität, Schutz und Verwurzelung gegeben hat und noch gibt?

Politisch und gesellschaftlich geförderte Vaterlosigkeit

Der Vorschlag, das zutiefst emotional gefüllte Wort “Vater” aus dem Familiengesetz zu streichen und durch den neutralen Begriff “Elternteil” zu ersetzen, ist nicht zuletzt aus Sicht der Generativität abwegig.  Der Genfer Nationalrat Yves Nidegger sprach in der Ratsdebatte zum Thema von “gesellschaftlichem Vatermord”. Ein prägnante Aussage, die in modernen Studien auf Resonanz stösst. Bemerkenswerte Beobachtungen zur Frage, wie sich vielfältige Beziehungsformen auf das soziale und emotionale Umfeld von Kindern auswirken, legen unter anderen die 2021 im Springer-Verlag veröffentlichten Soziologischen Fallstudien von Dorett Funcke mit dem Titel “Die gleichgeschlechtliche Familie” vor. Zu ihren Interviews mit gleichgeschlechtlichen Inseminationsfamilien schreibt Funcke (Seite 349):

“…Des Weiteren drückt sich in den Interviews auf der Ebene der Sprache ein versachlichter Umgang mit den beiden Sozialbeziehungen, der Eltern-Kind-Beziehung und der Paarbeziehung, aus. Sie werden, wie auch die Sozialisationspraxis selbst, behandelt wie ein kalter Gegenstand.”

In den Interpretationen fiel Funcke die Verwendung einer abstrakten Sprechweise auf, ein “abstraktes Reden über den anderen, was ich als Pronominalisierung bezeichnet habe.” Es würden, so die Soziologin, nicht die Eigennamen (z. B. Vornamen) oder Gattungsnamen (z. B. „meine Partnerin/Ehefrau“) sondern Pronomen (z.B. „sie“) für die Person, über die gesprochen wird, benutzt, obwohl diese im Raum anwesend ist. In allen Fallrekonstruktionen seien neutrale und distanzierende Darstellungsweisen aufgefallen.

Gleichgeschlechtliche Frauenpaare und ihre Kinder stehen unter hoher emotionaler Belastung. Weil die nicht-leibliche Mutter, wie Funcke erklärt, nicht wie die leibliche über den gemeinsamen biologischen Unterbau die Beziehung zu ihrem Kind aufbauen kann, ist sie kontinuierlich bemüht, diesen Mangel zu kompensieren. Dies führt zur Aufspaltung der Mutter-Kind-Dyade, bei der die leibliche Mutter an die Peripherie rückt, der Vater “neutralisiert” oder die Reproduktionstriade aufgespaltet wird, um den nicht-leiblichen Elternteil zu inkludieren.

Druck und ideologisch unterdrückte Trauer

Für betroffene Kinder dürften diese intensiven Bemühungen ihrer beider Mütter, ihre Lebensgemeinschaft als “gleich gut für das Kind” zu etablieren, viel Druck erzeugen. Während Jungen und Mädchen, die ihren Papa durch Tod oder Scheidung verlieren, diesen Verlust in aller Regel betrauern dürfen, werden die Kinder von Frauenpaaren dies häufig nicht tun (dürfen), weil sie ihre Mütter nicht verletzen und deren Lebensentwurf nicht in Frage stellen wollen. Die kindliche Trauer wird dadurch unterdrückt und “ideologisch zugemauert”; eine hohe Belastung, die viele Betroffene wohl erst im Verlauf ihres Erwachsenenlebens wahrnehmen und benennen können.

Als Tochter und Mutter, aber auch als Christin ist für mich offensichtlich, dass die Ent-emotionalisierung von Vater- oder Mutterschaft einen immensen Verlust bedeutet. Wäre das Wort “Vater” nicht wichtig, würde die Bibel es nicht so oft verwenden und der Segen würde (könnte) nicht, wie es im alten Testament immer wieder beschrieben wird, durch die Väter weitergegeben werden. Wäre die Emotionalität von Beziehungsbegriffen nicht wichtig, würde Jesus uns seinen Vater nicht als Abba vorstellen und der heilige Geist in uns würde es nicht ermöglichen, dass wir Gott als “Abba, lieber Papa” anrufen können.

Recht auf ein Kind?

Verfolgt man die gegenwärtigen Debatten, wird das Kinderhaben zunehmend zum Recht hochstilisiert. Bioethikerin Susanne Kummer schreibt dazu in ihrem Artikel “Kindeswohl vor Kinderwunsch”:[6]

“Eine aktuelle Studie zeigt: 92 Prozent aller Kinder wollen wissen, wer ihre genetischen Verwandten sind und fahnden nach genetischem Vater und potentiellen Halbgeschwistern. Als Begründung gab ein Großteil der Kinder an, dass ihnen etwas von ihrer persönlichen und genetischen Identität fehle.”

Dass Samenspende und Leihmutterschaft in der öffentlichen Debatte häufig mit der Adoption verglichen werden, ist laut der in Wien tätigen Ethikerin nicht sachgerecht:

“Dass Eltern bereits existierende, fremde Kinder in einer Notsituation auffangen und ihnen ein neues Zuhause schenken, kann nicht mit der gezielten Absicht verglichen werden, ein Kind vom Beginn seiner Existenz an dazu zu verurteilen, ein „Adoptionsfall“ zu sein”.

Kinderechte und Kindeswohl haben unbedingten Vortritt

Laut UN-Kinderrechtskonvention Art. 9 hat jedes Kind ein natürliches Recht darauf, wo immer möglich bei seinen biologischen Eltern und in der Herkunftsfamilie aufzuwachsen. Ihm dieses Recht vom Vornherein und mit Absicht vorzuenthalten, ist im Blick auf das Kindswohl zutiefst fragwürdig. Dies unterscheidet sich, wie Kummer sagt, grundlegend von der Situation, wenn ein Kind durch Trennung oder Tod eines Elternteils in eine Patchwork-Familien-Situation kommt. Werden für eine Zeugung fremde Samenzellen eingesetzt, gibt es von Vornherein drei Elternteile, mit denen das Kind zurechtkommen muss. Die kindliche Identität wird fragmentiert und es kommt zu einem Splitting der genetischen und sozialen Elternschaft.  Dass Fragmentierung sich zerstörerisch auf das Wohl von Menschen auswirkt, wissen wir aus Therapie und Seelsorge. Dass sich diese Auswirkungen häufig zeitverzögert zeigen, weil Kinder sehr anpassungsfähig sind, macht sie nicht weniger schlimm. Die Erfüllung des verständlichen Wunsches nach Kindern erreicht dort eine Grenze, wo das Kindeswohl und damit letztlich auch die Zukunft der Gesellschaft auf dem Spiel steht.

Leibferne als Folge der Abwendung vom Prinzip der sinnvollen, göttlichen Ordnung

Wie ist es möglich, dass Ideologien, welche die Bedeutung des biologisch Gegebenen herabsetzen, in unserer Gesellschaft und in unseren Kirchen ein teilweise verblüffend leichtes Spiel haben? Noch niemals in der Geschichte war es so einfach, die Genialität des menschlichen Körpers und seiner Funktionen sichtbar zu machen. Was David in Psalm 139 so poetisch beschreibt, nimmt mit Hilfe modernster Technik auf unseren Bildschirmen bis in kleinste Details Gestalt an. “Wir haben es mit einer “eigenartigen Leibferne” zu tun”, schreibt Bioethikerin Kummer in ihren Ausführungen zu Samenspende und Fortpflanzungsmedizin. “Man tut so, als ob der Leib nur Rohstoffmaterial wäre. Dabei ist die leibliche Herkunft Teil der Identität.”

Was hat unser Denken vernebelt, dass wir solch offensichtliche Tatsachen überhaupt zur Debatte stellen? Der menschliche Leib zeigt in aller Deutlichkeit, dass Mann und Frau auch in ihrer Geschlechtlichkeit aufeinander hin geschaffen sind. Wie in Nord- und Südpol, wie in Tag und Nacht spiegelt sich in Mann und Frau das Prinzip der Gegensätzlichkeit. Die ganze Schöpfung funktioniert nach dem Ergänzungsprinzip, welches Fruchtbarkeit und damit Zukunft ermöglicht. Es gibt keine neuen Erkenntnisse, die dies widerlegen würden. Noch immer braucht es natürlicherweise für das Entstehen eines Kindes eine Samenzelle, eine Eizelle und eine mütterliche Gebärmutter, die dieses neue Leben umhüllt und versorgt. Nichts hat sich verändert – ausser dem Druck einer Lobby, die fordert, was die Natur oder ihr Schöpfer bei aller Liebe zu allen Menschen nicht vorgesehen hat.

Welche Argumentations-Strategie bietet sich an?

Aus meiner Sicht sind wir in Blick auf die bevorstehende Abstimmungsdebatte herausgefordert, uns als Kinder Gottes und Teil der weltumspannenden Gemeinde Jesu mit Weisheit und Fachwissen, aber ebenso in Einfachheit, Demut und Klarheit zur grundlegenden Ordnung zu stellen, welche die Welt seit ihrer Erschaffung zusammenhält. Im ersten Satz unseres gemeinsamen Glaubensbekenntnisses bekennen wir Gott als Vater und Schöpfer und ordnen uns damit als Geschöpfe in ein Ganzes ein, das unendlich viel grösser ist als wir selber.  Wie Kinder sind wir überzeugt, dass alles, was unser himmlischer Papa gemacht und angeordnet hat, gut ist und allen Menschen Leben und Segen bringt. Wir sind gerufen, in Liebe, Demut und Klarheit der Selbstvergottung und Selbstbestimmung entgegenzutreten, die letztlich nichts anderes ist als eine moderne Form von Götzendienst, zu dessen Opfern schon in biblischer Zeit Kinder und Frauen gehörten. Dieses klare, vielleicht sogar kindliche Bekenntnis muss nicht in frommer Terminologie geschehen. Gottes Ordnungen stimmen mit dem überein, was tief im Menschen angelegt ist und sich auch im Sichtbaren zeigt. Mit allem, was wir wissen — wenn wir es denn wissen wollen.

Fest stehen in dem, was Gemeinde und Welt zusammenhält

Für Kinder ist die Sache klar: “Der Kaiser ist im Hemd” und ohne Papas gibt es keine Babys. Werden sich genügend Menschen finden, die frei heraus Zweifel äussern und Beobachtungen mitteilen? Die dem Wohl von Kindern unbedingten Vortritt gewähren und die Eins nicht zur Zwei umbiegen, wenn der “Mainstream” dies verlangt? Die unbefangen wie Kinder benennen, was seit Urzeiten festgelegt ist und alle gesellschaftlichen Um- und Irrwege überdauern wird? Was aus der Gemeinde Jesu wird, hängt aus meiner Sicht elementar mit der Frage zusammen, ob sie bereit ist, auf dem Fundament ihres gemeinsamen, weltumspannenden Glaubensbekenntnisses zu bleiben. Auf ewige Grundwahrheiten zu setzen und den gesellschaftlichen Brandungswellen standzuhalten, statt sich Trends anzubiedern, die weder Zukunft haben noch Zukunft schaffen. Kindlich und unbeirrbar einzustimmen in das Bekenntnis, das uns als weltweite Kirche verbindet. “Ich glaube. An Gott, den Vater, den Allmächtigen. Den Schöpfer des Himmels und der Erde. An Gott, der den Menschen erschaffen und mit einem Leib ausgestattet hat, der eindeutig und unmittelbar bezeugt, wie es von Anfang an mit Ehe und Familie gedacht ist.”

Einfacher geht’s nicht, besser auch nicht. Das Himmelreich gehört den Kindern.


Bilder:
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Fussnoten:

[1] Sullins, P., The case for mom and dad. The Linacre Quarterly, 8. März 2021. https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0024363921989491
[2] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0049089X12001731?via%3Dihub
https://bistum-augsburg.de/content/download/203984/file/Keine_Unterschiede_Vier-Sozialwissenschaftliche-Studien-zum-Wohlergehen-von-Kindern-in-gleichgeschlechtlichen-Haushalten_2019-05%20.pdf
[3] Meyer, Ilan, Minority stress, distress, and suicide attempts in three cohorts of sexual minority adults: A.U.S. probability sample. 2021
[4]Siehe Andrea J. Sedlak, Jane Mettenburg, Monica Basena, Ian Petta, Karla McPherson, Angela Greene, and Spencer Li, „Fourth National Incidence Study of Child Abuse and Neglect (NIS‑4): Report to Congress, Executive Summary“, U.S. Department of Health and Human Services, Administration for Children and Families, available at acf.hhs.gov
[5]https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0049089X12001731?via%3Dihub
[6] https://www.orellfuessli.ch/shop/home/artikeldetails/ID44364211.html?ProvID=10917736&gclid=Cj0KCQjw24qHBhCnARIsAPbdtlLjhmmP-LOwGtpJsLBFgzEa9vXR8SevNYrJX6tOzlK-0x3NE16kpScaAlIeEALw_wcB&nclid=sjzhsTb_m-pbKX_0YQ0AJiaMvhRp2vRbXxau23PEXaYLtMwYxY5wKugmhajDMekf
[7] https://www.zukunft-ch.ch/kindeswohl-vor-kinderwunsch/ Tags: Adoption, Dorett Funcke, Familienbund deutscher Katholiken, John Sullins, Leihmutterschaft, LGBT, Mark Regnerus, NLLFS, Oscar Lopez, Prof. Dr. Gerd Lehmkuhl, Regula Lehmann, Samenspende, Susanne Kummer, UN-Kinderrechtskonvention, Wolfgang Oelsner, Yves Nidegger

Regula Lehmann
Regula Lehmann

Jahrgang 1967, als Tochter eines Buchhändlers im Zürcher Oberland zwischen Bibel, Zeltmission und Täuferbewegung aufgewachsen. Die gelernte Familienhelferin arbeitet seit 2011 als Autorin, Elterncoach und Referentin für Glaubens- und Sexualerziehung und leitet die Ehe-und Familienprojekte einer christlichen Stiftung. Regula lebt mit ihrer Familie in Herisau.
https://danieloption.ch/featured/kinder-fuer-alle/?fbclid=IwAR2nc0-XiCT-w6IjWq4rzcPUtWg_dDo5Mwa6_48LoDV_XbQDameAJXTkqwk

Eine kurze Theologie des Gesichts (und der Masken)

Eine kurze Theologie des Gesichts (und der Masken)

Seit eineinhalb Jahren tragen wir im öffentlichen Leben häufig Gesichtsmasken. Nun, im Sommer, wurden die Vorschriften in vielen Staaten zwar gelockert, aber in Deutschland wie in Litauen werden wir wohl auch in den warmen Monaten vor allem in Geschäften Masken tragen müssen. Und beim Singen in Gottesdiensten sind sie – je nach Bundesland – meist immer noch Vorschrift (Stand Juli). Viele sehen in den Masken nur ein Stück Stoff vor Mund und Nase – sollten wir zu dieser geringen Einschränkung unserer Freiheit nicht gerne bereit sein, um Menschenleben zu bewahren? Muss man sich nicht ans Tragen von Masken gewöhnen wie an das Händewaschen?

Zu Masken kann man unterschiedliche Meinungen haben, und dennoch sind sie kein theologisch neutrales Thema. Denn wir bedecken damit schließlich nicht unsere Beine oder Ellbogen, sondern weite Teile des Gesichts – und vom Gesicht oder Antlitz ist in der Bibel überraschend oft die Rede. Es hat eine in vielerlei Hinsicht besondere Bedeutung.

Gott selbst hat keinen Körper aus Fleisch und Blut wie wir Menschen; schließlich ist er kein geschaffenes Wesen. Wenn in der Bibel von seinen Händen oder Augen gesprochen wird (s. z.B. 2 Mose 15,6ff), so ist dies daher auf der einen Seite nicht in falscher Weise wörtlich zu verstehen. Mit solchen und ähnlichen Ausdrücken soll uns Gottes Handeln verständlich gemacht werden. Gott ist schließlich ein Geistwesen (Joh 4,24), der Unsichtbare (Kol 1,15). Aber dies meint andererseits nicht, dass Gott in keinerlei Hinsicht sichtbar wäre bzw. sein wird. Gott hat eine Gestalt, aber wegen der Sünde können wir sie, also Gott selbst, nicht direkt sehen. Noch „sehen wir alles nur wie in einem Spiegel“, so Paulus, doch in der Ewigkeit „werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen“ (1 Kor 13,12). Wenn die Menschen bei Gott „wohnen“ werden (Off 21,3), gibt es sicher etwas zu sehen! (Es war aber auch unter den Theologen der Reformationszeit umstritten, was genau von Gott dann sichtbar sein wird.)

Es ist kein Zufall, dass bei Paulus vom Gesicht oder Antlitz Gottes die Rede ist. Mose redete mit Gott selbst, kam ihm so nah wie wohl kein anderer irdischer Mensch. Er wollte aber auch noch die „Herrlichkeit“ Gottes direkt sehen (2. Mose 33,18), was Gott dem Sünder jedoch verwehren musste: „Mein Gesicht darf niemand sehen“ (33,20; NGÜ). Gott bekräftigt also selbst, dass er so etwas wie ein Gesicht hat, und gerade in diesem zeigt sich seine Herrlichkeit, sein vollkommen heiliges Wesen.

Nach dem Sündenfall versteckten sich die ersten Menschen vor dem „Angesicht Gottes“ oder seiner „Gegenwart“; in vielen Übersetzungen von 1. Mose 3,8 heißt es auch einfach „vor dem HERRN“ oder „vor ihm“. Denn das Gesicht Gottes repräsentiert die Person Gottes selbst. Daher ist das verborgene Antlitz Gottes ein Zeichen des Gerichts (Hiob 13,24), lässt den Menschen erschrecken (Ps 30,8) und flehentlich rufen: „Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?“ (Ps 13,1). Umgekehrt ist es Ausdruck von Gnade, wenn Gott uns sein Antlitz zuwendet oder und leuchten lässt (Ps 80,20; 4. Mose 6,25). Der Gläubige sucht Gottes Angesicht, d.h. seine Gegenwart und Gemeinschaft (Ps 27,8; 105,4).

In erster Linie ist das Gesicht Repräsentant einer Person, steht für das Ganze des Individuums. Das gilt für Gott wie für den Menschen, der nach dem Bildnis Gottes geschaffen wurde. Nicht zufällig bliess Gott den Lebensatem dem ersten Menschen in die Nase, also ins Gesicht (1. Mose 2,7). Wir sind Personen wie Gott, der eine dreieinige Person ist. Gott hat uns mit Gesichtern gemacht, damit wir unser Menschsein (z.B. Gefühle und Stimmungen) ausdrücken und miteinander kommunizieren können. Schließlich sind wir wie Gott mitteilende und liebende Wesen. Ein wahrhaft menschliches Zusammenleben ohne das Sehen von Gesichtern, ohne den Austausch zwischen Gesichtern ist kaum möglich. Gesichter sind der wichtigste Spiegel unserer Seele.

Übrigens sagte der aus Litauen stammende französische Philosoph Emmanuel Levinas (1906–1995), dass das Gesicht des Anderen uns gleichsam schweigend sagt: „Du wirst nicht töten.“ Ein sehr tiefsinninger, aber gleichzeitig auch unschwer zu verstehender Gedanke. Man denke nur an das Phänomen der Abtreibung: man hat sich allseits, selbst in den Kirchen, daran gewöhnt, denn niemand muss dien getöteten Kindern in das Gesicht sehen (erste Gesichtszüge sind ab der sechsten Schwangerschaftswoche zu erkennen).

Wie wichtig das menschliche Gesicht ist, zeigt auch 2. Mose 34,29ff. Mose kehrt von der Gottesbegegnung zurück und erschreckt die Israeliten mit einem strahlenden oder glänzenden Gesicht. Die Herrlichkeit von Gottes Antlitz – wenn auch für Mose nicht völlig sichtbar – strahlte auf sein menschliches Gesicht über, nicht auf Hände, Füße oder Brust. Denn im Gesicht verdichtet sich gleichsam das Ebenbild Gottes im Menschen. Das Gesicht sind wir selbst, weshalb sich in Ausweisen ein Gesichtsabbild befindet. Das Gesicht hat geradezu etwas Heiliges, weshalb das Schlagen ins Gesicht traditionell als entehrend und demütigend gilt (s. Joh 19,3). Und aus diesen Gründen untersagte Kaiser Konstantin nach seiner Hinwendung zum christlichen Glauben die Verstümmelung des Gesichts als Strafe oder in der Folter. Wie wichtig das Gesicht in unserer Kultur ist, zeigen bis heute Redewendungen wie „sein wahres Gesicht zeigen“ oder „sein Gesicht verlieren“.

Gott ist zwar bisher weitgehend unsichtbar, aber er zeigte gleichsam sein wahres Gesicht in der Person Jesu. Der Sohn Gottes ist das „vollkommene Abbild von Gottes Herrlichkeit“ (Hbr 1,3). Obwohl auch Mensch, wohnt in ihm „die ganze Fülle“ des göttlichen Wesens (Kol 1,19). Paulus schreibt in 2 Kor 4,6, dass wir „in dem Angesicht Jesu Christi“, d.h. in seiner Person die „Herrlichkeit Gottes“ erkennen.

Im dritten Kapitel dieses Briefes stellt der Apostel die Überlegenheit des neues Bundes gegenüber dem alten dar. Er greift dabei als bildlichen Vergleich das verdeckte Gesicht des Mose aus 2. Mose 34 auf: Menschen, die an Jesus glauben, ist gleichsam der Schleier vor Augen, die Decke vor dem Gesicht genommen – sie erkennen Gottes Herrlichkeit und die Wahrheit des Evangeliums. Was einst nur das Privileg des Mose war – Gott ganz nahe sein, so dass dessen Herrlichkeit abstrahlt –, genießen nun alle Christen (s. Eph 2,13). Sie leuchten sogar heller, als Moses es tat, denn vom neuen Bund und Christus strahlt noch mehr Herrlichkeit als vom alten (s. 2 Kor 3,9–11); auch in den Herzen der Gläubigen scheint es hell (2 Kor 4,6). Daher kommt Paulus zu dem Schluß: „Wir alle aber spiegeln mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider“ (2 Kor 3,18).

Gott ist  Licht und wohnt im Licht (Ps 27,1; 1 Tim 6,16); Jesus ist das Licht der Welt, das in der Finsternis scheint (Joh 8,12; 1,5); und auch die Christen sind Licht, das leuchten soll (Mt 5,14.16). Gott lässt sein Antlitz über uns leuchten; bei der Verklärung begann Jesu „Gesicht zu leuchten wie die Sonne“ (Joh 17,2); und auch das Angesicht der Christen ist ein heller Schein. Christen sind daher nicht nur ein „Wohlgeruch“ (2 Kor 2,15), nicht nur „Botschafter“ (2 Kor 5,20) oder „Brief“ Christi (2 Kor 3,3), sondern auch gleichsam das leuchtende Gesicht Gottes für die Welt.

Natürlich spricht Paulus hier in Bildern. Die Gesichter von Christen leuchten nicht physisch, und ein Dauerlächeln o.ä. ist auch nicht damit gemeint. Wir können aber sagen, dass die Gemeinde gleichsam das Gesicht Christi ist. In jedem Mitmenschen erkennen wir das Ebenbild Gottes; in den „geringsten Brüdern“ (Mt 25,40), Glaubensgeschwistern, sehen wir Jesus – wenn auch noch nicht sinnlich/physisch. In Zukunft wird aber genau dies passieren: Wir werden Jesus sehen – „so wie er wirklich ist“ (1 Joh 3,2), mit einem menschlichen Gesicht. Zu oft vergessen Christen dabei, dass Jesus nun in Ewigkeit Gott und Mensch ist. Er besitzt zwar einen verwandelten Körper, aber immer noch eine menschliche Gestalt. Bei der Himmelfahrt verwandelte er sich nicht in einen reinen Gott. Gläubige werden also dereinst tatsächlich das Gesicht Gottes sehen, das Gesicht des Gottmenschen Jesus.

Das „perfekte Zeichen gelebter Nächstenliebe“?

Was bedeutet all das nun in der aktuellen Coronazeit? Vorweg sei betont, dass es aus biblischer Sicht natürlich kein allgemeines Maskenverbot gibt. Zum Schutz der eigenen Person oder anderer Menschen werden Gesichtsmasken ja schon lange vor allem in der Arbeitswelt eingesetzt. Aber dort trägt man sie eben nur dann, wenn es wirklich nötig ist, denn Masken stören einfach. Anders als Hut oder Mütze behindern Masken die Atmung und das Sprechen. Sie erschweren außerdem die Erkennbarkeit von Menschen deutlich (was schließlich der Grund für das sog. „Vermummungsverbot“ war), schränken die Kommunikation ein. Masken sind daher ein gravierender, auf keinen Fall zu bagatellisierender Eingriff in die menschliche Persönlichkeit. Der Einsatz von Masken ist für Schutz und Hygiene natürlich nicht pauschal zu verwerfen, muss aber gut begründet werden.

Mit dieser Begründung hapert’s nun aber ordentlich. Oder anders gesagt: zwischen der Strenge der aktuellen Vorschriften und dem Nutzen der Masken besteht ein Missverhältnis. Allein schon der Vergleich von Staaten mit strengen Maskenverordnungen und denen ohne (z.B. Schweden) zeigt, dass Masken – wenn überhaupt – nur einen sehr begrenzten Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben. (Auch die in der Pandemie teilweise sehr unterschiedliche Praxis der US-Bundesstaaten bestätigt dies.) Eine wichtige dänische Studie vom November 2020 zeigt, dass es nur einen eher schwachen Schutzeffekt von Masken in Innenräumen gibt. Dass Masken die großen Lebensretter seien, ist wissenschaftlich schlicht und einfach nicht belegt.

Hinzu kommen gesundheitliche Beeinträchtigungen und Schäden durch längeres Maskentragen. Eine im April des Jahres veröffentliche Sammelstudie (Kai Kisielinski et al.; hier ein ausführliches Interview mit Kisielinski in deutscher Sprache) weist auf mitunter gravierende Nebenwirkungen hin. Das Tragen von Masken ist also keineswegs völlig risikofrei. Außerdem ist zu bedenken, dass es Alternativen gäbe. Der angesehene Hygieniker Prof. Klaus-Dieter Zastrow (übrigens gar kein Maskengegner) plädiert schon lange für eine regelmäßige Mund- und Rachendesinfektion, um die Virenlast deutlich zu reduzieren. Leider wurde seine einfache Idee von der Politik konsequent ignoriert.

Es spricht aus wissenschaftlicher Sicht also eigentlich so gut wie nichts dafür, dass man sich allgemein an die Maske wie an andere Hygienestandards gewöhnen müsste. Aber sollte man nicht, so wenden manche ein, alles tun, um auch nur ein Menschenleben zu retten? Also lieber möglichst immer die Maske aufsetzen, um nur ja niemanden zu gefährden? Im Zweifel immer für die Maske? Dies ist jedoch ein ethisch fragwürdiges Argument. Denn wir tun im Alltag nie „alles“, um andere Leben zu schützen. Wäre dies der normative Grundsatz, dürfte sich z.B. niemand mehr ans Steuer eines Autos setzen, denn von jedem fahrenden Automobil geht eine potentielle Todesgefahr aus. Im Einzelfall kann es wie etwa in Pflegeeinrichtungen geboten sein, Masken als Vorsichtmaßnahme zu tragen. Als Grundlage für allgemeine Gebote oder Verbote ist der Grundsatz „wir-müssen-alles-tun“ wenig praktikabel, ja im Grunde unsinnig.

Wir haben also auf der einen Waagschale einen recht begrenzten Nutzen und auf der anderen durchaus bestehende gesundheitliche Risiken. Hinzu kommen dort außerdem auf Grund des oben Gesagten gewichtige theologische Argumente: Das Gesicht will gesehen werden, sichtbar sein. Wir sind von Gott dazu geschaffen, das Angesicht wann immer möglich nicht zu verhüllen. Das Schauen „von Angesicht zu Angesicht“ ist auch unter Menschen das Ideal, eben nicht maximaler Schutz. Und wenn nichts anderes als die ewige Seligkeit mit diesem Begriff umschrieben wird, dann kann lange, dauerhafte Gesichtsbedeckung in Abwehr eines nur mäßig gefährlichen Erregers keine Option sein. Das Angesicht ist nur zu bedecken, wenn es wirklich nötig und von der Situation gefordert ist. Über diese Notwendigkeit und die genaue Dauer kann und muss im Einzelfall natürlich diskutiert werden.

Das unverhüllte, offene Gesicht hat für Christen eine ungeheure Symbolkraft. Es steht für personale Gemeinschaft mit Gott und Menschen. Von Angesicht zu Angesicht das Gesicht Christi erkennen, die Gnade des leuchtenden Antlitzes Gottes erfahren und selbst das strahlende Gesicht Gottes der Welt darstellen – all dies will nicht zu einer Normalität des verhüllten menschlichen Gesichts passen. In der Gemeinde sollte die Kommunikation von Offenheit, Klarheit und Direktheit gekennzeichnet sein; in ihr darf kein Platz für Lüge, Nachrede und Heuchelei sein, ist Verstecken, Verstellen und Verbergen zu meiden – dauerhaftes Tragen von Masken passt auch zu dieser Praxis nicht. Der Preis des sich Gewöhnens an Masken z.B. in Gottesdiensten wäre also hoch, zu hoch.

Christen sind daher aufgefordert, nach Möglichkeiten zu suchen, auf Masken möglichst bald zu verzichten. Sie sollten die rechtlichen Spielräume innerhalb der staatlichen Vorgaben ausschöpfen. Masken sind ein notwendiges Übel, kein an sich zu schätzendes Gut. Es ist kein Zufall, dass in den nicht vom Christentum geprägten Ländern Asiens das Tragen von Masken viel beliebter ist – das Gesicht hat dort einfach nicht die tiefe Bedeutung wie im Westen.

Sind Masken also das „perfekte Zeichen gelebter Nächstenliebe“, wie man von manchen Christen hören kann? Ein perfektes Zeichen sind sie sicher nicht; sie können ein Zeichen der Liebe sein, wenn man eine konkrete Gefährdung reduziert. Es macht ethisch aber überhaupt keinen Sinn, jeden als potentiellen Mörder anzusehen, der sich erst mit fleißigem Tragen der Maske von diesem Makel befreit. Solch moralisierende Überhöhung hilft nicht weiter, da wir nie unsere Unschuld beweisen könnten, schließlich verbreiten wir im Alltagsleben häufig verschiedenste Krankheitserreger.

Ein letzter Gedanke: Nächstenliebe braucht Freiheit und Freiwilligkeit. Das bloße Befolgen von Vorschriften und Befehlen mag zwar auch moralisch positiv zu werten sein, aber echte Liebe ist etwas anderes. Sie ist nicht erzwingbar. Sie braucht freie Luft zum Atmen. Wenn man also das Tragen von Masken mit Nächstenliebe in Verbindung bringen will, dann sollte man dies der freien Entscheidung des Einzelnen überlassen – und Maskenpflicht möglichst abschaffen.
(Bild o.: Peter Paul Rubens, Portrait eines jungen Mannes [Ausschnitt], 1613-15)
http://lahayne.lt/2021/07/19/eine-kurze-theologie-des-gesichts-und-der-masken/

Was fordert denn Gottes Gesetz von uns?

Frage 4 Was fordert denn Gottes Gesetz von uns?

Dies lehrt uns Christus mit folgenden Worten:
„Du sollst den HERRN, deinen Gott,   
lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele
und von ganzem Gemüt.
Dies ist das höchste und größte Gebot. Mt 22, 37-40 / Mk 12, 30.31 / Lk 10, 27
Das andere aber ist dem gleich:
Du sollst deinen Nächsten lieben
wie dich selbst.
Frage 4 – Heidelberger Katechismus

Dankbarkeit

Dankbarkeit entspringt nicht aus dem eigenen Vermögen des menschlichen Herzens, sondern nur aus dem Worte Gottes. Dankbarkeit muß darum gelernt und geübt werden. …
Jesus Christus und alles, was in ihm beschlossen ist, ist der erste und letzte Grund aller Dankbarkeit. … In Christus gibt Gott uns alles. …
Dankbarkeit sucht über der Gabe den Geber. Sie entsteht an der Liebe, die sie empfängt. …
Dankbarkeit ist demütig genug, sich etwas schenken zu lassen. Der Stolze nimmt nur, was ihm zukommt. Er weigert sich, ein Geschenk zu empfangen. …
Dem Dankbaren wird alles zum Geschenk, weil er weiß, daß es für ihn überhaupt kein verdientes Gut gibt. Er unterscheidet darum nicht zwischen Verdientem und Unverdientem, zwischen Erworbenem und Empfangenem, weil in seinen Augen auch das Erworbene Empfangenes, das Verdiente Unverdientes ist. …
In der Dankbarkeit gewinne ich das rechte Verhältnis zu meiner Vergangenheit, in ihr wird das Vergangene fruchtbar für die Gegenwart. Ohne die Dankbarkeit versinkt meine Vergangenheit ins Dunkle, Rätselhafte, ins Nichts. Um meine Vergangenheit nicht zu verlieren, sondern sie ganz wiederzugewinnen, muß allerdings zur Dankbarkeit die Reue treten. …
Es ist die Ursünde der Heiden, daß sie Gott, dessen Dasein sie wußten, nicht „als Gott gedankt haben“ (Röm. 1,21). Wo Gott als Gott erkannt wird, dort sucht er als Erstes den Dank seiner Geschöpfe.
Bonhoeffer, D. (2015). Konspiration und Haft 1940–1945.
(J. Glenthøj, U. Kabitz, & W. Krötke, Hrsg.) (Sonderausgabe, Bd. 16, S. 491-493). Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

Was ist das ewige Leben?

Antwort

Wenn sich die Bibel auf das ewige Leben bezieht, verweist sie auf ein Geschenk von Gott, dass nur durch „Christus Jesus, unserem Herrn“ (Römer 6,23) erlangt werden kann. Dieses Geschenk ist das Gegenteil vom „Tod“, der das natürliche Ergebnis von Sünde ist.

Das Geschenk des ewigen Lebens erhalten die, die an Jesus Christus glauben, der selbst „die Auferstehung und das Leben“ (Johannes 11,25) ist. Die Tatsache, dass dieses Leben „ewig“ ist, sagt aus, dass es fortwährendes, unaufhörliches Leben ist – es geht ohne Ende weiter und weiter und weiter.

Es ist jedoch ein Fehler das ewige Leben einfach nur als unendliche Fortsetzung von Jahren zu sehen. Das im Neuen Testament gebräuchliche Wort „ewig“ ist aiónio und trägt die Bedeutung von Qualität und Quantität. Tatsächlich wird das ewige Leben gar nicht mit „Jahren“ assoziiert, da es von der Zeit unabhängig ist. Ewiges Leben kann außerhalb, über die Zeit hinweg und innerhalb der Zeit existieren.

Aus diesem Grund kann man sagen, dass das ewige Leben etwas ist, was Christen jetzt erfahren. Gläubige müssen nicht auf das ewige Leben „warten“, weil es nicht erst beginnt, wenn sie sterben. Das ewige Leben beginnt viel mehr in dem Moment, wenn eine Person zum Glauben an Christus kommt. Es ist bereits heute in unserem Besitz. Johannes 3,36 sagt: „Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben…“. Bemerke, dass der Gläubige dieses Leben „hat“ (Präsens — das Verb ist auch im Griechischen in der Gegenwartsform). Ähnliche Präsens-Formulierungen finden wir in Johannes 5,24 und Johannes 6,47. Das ewige Leben bezieht sich nicht auf unsere Zukunft, sondern auf unseren derzeitigen Stand in Christus.

Die Bibel verlinkt untrennbar das ewige Leben mit der Person von Jesus Christus. Johannes 17,3 ist eine wichtige Passage diesbezüglich, als Jesus betete: „Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.“ Hier setzt Jesus das „ewige Leben“ mit der Erkenntnis von Gott und seinem Sohn gleich. Es gibt keine Kenntnis über Gott ohne den Sohn, weil sich der Vater durch den Sohn den Auserwählten offenbart (Johannes 17,6; 14,9).

Diese Leben spendende Erkenntnis des Vaters und des Sohns ist eine wahre, persönliche Erkenntnis, nicht nur ein akademisches Wissen. Es wird einige am Tag des Gerichts geben, die behaupteten Nachfolger von Christus zu sein, aber hatten nie eine wirkliche Beziehung mit ihm. Zu diesen falschen „Gläubigen“ wird Jesus sagen: „Weicht von mir, ihr Übeltäter!“ (Matthäus 7,23). Apostel Paulus machte es zu seinem Ziel, den Herrn zu kennen, und er verlinkte diese Erkenntnis mit der Auferstehung vom Tod: „um ihn und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden zu erkennen, indem ich seinem Tod gleich werde, ob ich irgendwie hingelangen möge zur Auferstehung aus den Toten.“ (Philipper 3,10-11).

Im Neuen Jerusalem sieht Apostel Johannes einen Fluss, „der hervorging aus dem Thron Gottes und des Lammes“ und auf jeder Seite des Flusses war der „Baum des Lebens…und die Blätter des Baumes sind zur Heilung der Nationen“. (Offenbarung 22,1-2). Im Garten Eden rebellierten wir gegen Gott und wurden vom Baum des Lebens verbannt (1. Mose 3,24). Am Ende stellte Gott auf barmherzige Weise den Zugang zum Baum des Lebens wieder her. Dieser Zugang wird durch Jesus Christus erreicht, dem Lamm Gottes, der die Sünden der Welt wegnimmt (Johannes 1,29).

Heute und sofort ist jeder Sündige eingeladen Christus kennen zu lernen und das ewige Leben zu erhalten: „Komm! Und wen dürstet, der komme! Wer da will, nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ (Offenbarung 22,17).

Woher kannst du wissen, dass du das ewige Leben besitzt? Erstens, bereue und bekenne unserem heiligen Gott deine Sünden. Akzeptiere dann Gottes Vorkehrung eines Retters für dich. „Denn jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird gerettet werden.“ (Römer 10,13). Jesus Christus, der Sohn Gottes, starb für unsere Sünden und stand am dritten Tag vom Tod auf. Glaube diese gute Nachricht; vertraue dem Herrn Jesus als deinen Retter und Erlöser und du wirst gerettet (Apostelgeschichte 16,31; Römer 10,9-10).

Johannes sagt dies simpel: „Und dies ist das Zeugnis: dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht.“ (1. Johannes 5,11-12).
https://www.gotquestions.org/Deutsch/was-ewiges-leben.html

Nach Dem Himmel Verlangen

„Es gibt Zeiten, da auch ich glaube, dass wir gar nicht nach dem Himmel verlangen. Noch häufiger aber frage ich mich, ob wir im innersten unseres Herzens- jemals nach etwas anderem verlangt haben. Es ist die geheime Signatur jeder Seele, das unmittelbare und unstillbare Verlangen; das, wonach wir uns sehnten, ehe wir unserer Frau begegnet waren, noch ehe wir einen Freund gewannen und ehe wir unseren Beruf wählten; das wonach wir noch auf unserem Sterbelager verlangen werden, wenn die Seele nichts mehr weiß von Frau, Freunde und Arbeit.“ C. S. Lewis, Über den Schmerz, s. 142-143.

Leben als Christ

Was bedeutet es denn, als Christ zu leben? Inwiefern unterscheidet sich Christsein vom Nicht-Christsein?

Christsein bedeutet: Du bist nun ein Kind Gottes! Durch die Hinwendung zu Jesus Christus, wurden dir deine Sünden vergeben. Die Sünde hat nicht mehr diese Macht über dich, dass du dich unentwegt gegen Gott stellen müsstest. Nein, du bist dazu befreit worden, nein zur Sünde sagen zu können. Um dir auf deinem Lebensweg zu helfen wurde dir zudem der Heilige Geist gegeben. Er ist Gott selbst, der in jedem Christen wohnt. Er ist die Kraft Gott, die uns hilft so zu leben, wie es Gott gefällt und uns erfüllt.

Eine kompakte Hilfe zur Gestaltung deines Lebens als Christ können die folgenden vier Punkte sein.

Gottes Wort

wie Gottes Wort – Die Bibel ist Gottes Wort. Durch sie spricht er zu uns. Es ist der Weg, den Gott gewählt hat, um sich der Menschheit zu offenbaren. Hier findest du alles, was du über Gott wissen musst. Du findest auch alles, was du über dich selbst wissen musst. Paulus hat es einem Nachwuchsprediger mal so geschrieben: „Denn alles, was in der Schrift steht, ist von Gottes Geist eingegeben, und dementsprechend groß ist auch der Nutzen der Schrift: Sie unterrichtet in der Wahrheit, deckt Schuld auf, bringt auf den richtigen Weg und erzieht zu einem Leben nach Gottes Willen.“ (2. Timotheusbrief 3,16)

Regelmässig in der Bibel zu lesen wird dein Leben entsprechend dem Willen Gotte prägen und zum positiven Verändern.

Gebet

wie Gebet – Es ist das Reden mit Gott. Beim Bibellesen redet Gott zu dir, im Beten kannst du ihm antworten. Eine Beziehung besteht zu wesentlichen Teilen aus Kommunikation. Wo keine Kommunikation stattfindet, stirbt die Beziehung langsam aber sicher ab. Darum formuliert es Paulus als klaren Befehl: „Lasst euch durch nichts vom Gebet abbringen!“ (1. Thessalonicherbrief 5,17) Beten kannst du in freien Worten oder auch mit vorgegebenen Gebeten (wie dem Vater Unser). Im Gebet darfst du Gott anbeten (Lobpreis), ihm erzählen wie es dir geht (Dank und Klage), ihn um Hilfe für herausfordernde Situationen bitten oder auch für andere Menschen und ihre Probleme Fürbitte tun.Auch auch Zeiten der Stille, wo wir auf Gott hören und ihm Raum gebe mit uns zu reden, gehören zum Beten.

Regelmässige Gebetszeiten werden deine Beziehung mit Gott vertiefen und am Leben erhalten.

Gemeinschaft

wie Gemeinschaft – Schon die ersten Christen haben begonnen, sich regelmässig zu treffen. Sie feierten gemeinsam Gottesdienst, hatten Gebetsgemeinschaft und nahmen zusammen das Abendmahl. Sie standen füreinander ein und unterstützten sich in allen Lebenslagen. Genau so hatte Jesus sich das gedacht, darum existiert Gemeinde/Kirche bis heute. Dort wo Christen versuchen alleine durchs Leben zu gehen, wird ihr Glaube oft erkalten und verblassen. Glauben ist auf Gemeinschaft ausgelegt.

Wer sich verbindlich einer Gemeinde anschliesst und dort mitarbeitet, der wird im Glauben wachsen und vorwärts kommen.

Gehorsam

wie Gehorsam – Das klingt im ersten Moment nicht nach Freiheit, ist aber die logische Konsequenz unseres Vertrauens auf Gott. Gehorsam entspringt der Überzeugung, dass er, als unser Schöpfer, der das Beste für uns will, genau weiss, was uns gut tut. Nicht immer erschliesst sich der Sinn aller Worte Gottes sofort für uns. Dort bleibt dann die Frage: Vertraue ich, dass es Gott dennoch gut meint, auch wenn ich es nicht verstehe? Je länger jemand im Glauben unterwegs ist, desto mehr wird er erfahren, dass Gott ihn nicht quält und plagt, sondern stets gute Wege führt, auch wenn sie zu Beginn nicht immer so einfach oder angenehm aussehen.

Wer Gottes Worten gegenüber gehorsam durchs Leben geht, wird gesegnet werden und im Glauben Fortschritte machen.

Grundwort Gnade

Grundwort Gnade

Zur Einführung: Einige Vorbemerkungen zu dem Wort „Gnade“
In dem Wort „Gnade“ wird die ganze Geschichte des Heils Gottes in Jesus Christus zusammengefasst.
Gnade ist eines der häufigsten Worte in der Bibel (siehe Konkordanz), besonders in den Psalmen und bei Paulus. Zugleich ist es in unserer heutigen alltäglichen Umgangssprache ein relativ seltenes Wort (z.B. Gnadengesuch, begnadigt, ein begnadeter Künstler).
Martin Luther übersetzt die Worte „chen“ und „chäsed“ aus der hebräischen und „charis“ aus der griechischen Sprache mit „Gnade“, oft auch mit „Güte“. Sehr oft sind diese Worte in der hebräischen Sprache mit „emet“ oder „emuna“, in der griechischen Sprache mit „aletheia“ verbunden, d.h. mit dem Wort „Treue“. So begegnet uns immer wieder die Zusammenstellung von „Gnade und Treue“.
Das deutsche Wort „Gnade“ kann inhaltlich nicht die ganze Füllung dieses biblischen Wortes wiedergeben. Christoph Oetinger sagt in seinem Wörterbuch (1776): „Gnade heißt eigentlich … Freiwilligkeit, Gutherzigkeit, freie Neigung zu schenken und zu geben, ohne dass einem jemand etwas zuvor gegeben“. In dem Wort Gnade schwingt der Gedanke des Herabneigens, des Herunterbeugens mit. In Spr 16,15 begegnet uns eine solche Umschreibung der Gnade: „Wenn des Königs Angesicht freundlich ist, das ist Leben, und seine Gnade ist wie ein Spätregen“. Ähnlich auch Ps 40,1: „Er neigte sich zu mir“. Gnade meint eigentlich: Gott kommt mir nahe.
Was die Gnade, die uns in Jesus Christus begegnet, bedeutet, könnten wir in der Gemeinschaftsstunde etwa an Eph 2,4-10 besprechen (siehe Teil I). Dort begegnet uns zur Beschreibung der Gnade das Wort Gabe, Geschenk.
In der lateinischen Übersetzung der Bibel wird Gnade mit „gratia“ übersetzt. Daher kommt das deutsche Fremdwort „gratis“ – etwas umsonst bekommen.
Gnade ist die Bereitschaft, für einen anderen da zu sein. So hat sich Gott schon Mose vorgestellt (2Mo 3,12.14): „Ich werde sein, der ich sein werde“ im Sinn von: „Ich werde mit dir sein“. Paulus hat dies in der ihm eigenen größtmöglichen Kürze in Röm 8,31 so ausgedrückt: „Ist Gott für uns“. Dieses göttliche „Für-uns-Sein“ aus ewiger, unbegreiflicher Liebe ist der Inbegriff der Gnade.
Paulus fasst in dem Wort „Gnade“ das ganze Heilsgeschehen Gottes in Jesus Christus zusammen. Von dort her ist Martin Luther geprägt mit seinem „Allein aus Gnade“ (sola gratia). Gnade ist in der Bibel verbunden mit der Treue, der Barmherzigkeit und dem Bund Gottes. Diese Treue Gottes in der Verbindung mit Gnade meint vor allem die Zuverlässigkeit, Beständigkeit Gottes bis hin zu 2Tim 2,13: „So bleibt er doch treu.“
Es erfordert viel Weisheit, Geduld, Gebet, Nachdenken, Hineinhören in das heutige Leben, um dem modernen Menschen das Wort „Gnade“ inhaltlich nahe zu bringen. Er hält sich wie einst die Pharisäer und Schriftgelehrten vor Gott für gerecht. In seinem emanzipierten, selbständigen, vom Humanismus und Idealismus geprägten Denken geht er davon aus, dass der Mensch gut ist und deswegen keine Gnade braucht. Viele haben überhaupt kein Verhältnis mehr zu Gott. So ist es nicht leicht, deutlich zu machen, dass wir wirklich vor Gott Gnade brauchen, dass wir in seinem jüngsten Gericht ohne Gnade nicht bestehen können, dass wir ohne Gnade verlorene Menschen sind. Die lutherische Frage: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ ist heute nicht mehr jedem verständlich. Dies alles müssen wir bedenken, wenn wir heute von „Gnade“ sprechen.
Trotzdem wollen wir durch die Behandlung dieses Grundwortes „Gnade“ zu dem frohmachenden reformatorischen „Allein aus Gnaden“ helfen.

I. Die Gnade hat einen Anfang
Mitten in der Geschichte der von Gott geschaffenen, aber dann von Gott abfallenden Menschheit beginnt die Geschichte der unbegreiflichen Gnade Gottes.
In 1Mo 6,3.5-8 steht: „Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden …, da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden …, und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde … Aber Noah fand Gnade vor dem Herrn.“ Hier begegnet uns zum ersten Mal in der Bibel das Wort Gnade. Hier begegnet uns auch zum ersten Mal das Geheimnis der göttlichen Erwählung, dass Gott aus der großen Schar der dem Gericht verfallenen Menschheit sich einem zuneigt und mit ihm seine Geschichte der rettenden und weiterführenden Gnade beginnt.
Hier begegnet uns aber auch das die ganze Bibel und Geschichte Gottes mit der Menschheit durchziehende Gegenüber von Sünde und Gnade. Paulus hat dies in dem Satz aus Röm 5,20 so zusammengefasst: „Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade noch viel mächtiger geworden.“
Mitten in der Zeit maßloser Unterdrückung des Volkes Gottes in Ägypten setzte Gott mit der Berufung des Mose neu mit seiner Geschichte der Gnade ein. Zu ihm sagt dieser Herr auf dem langen Zug durch die Wüste: „Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden“ (2Mo 33,17). Zugleich offenbart er ihm seinen Namen, der ewig mit der Gnade verbunden ist: „Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue“ (2Mo 34,6, mit allen Parallelen). Durch diese Gnade bekam Mose die Kraft, trotz aller Wirrnisse das Volk Israel bis an die Tore des verheißenen Landes Kanaan zu führen.
Dann geht Gottes Weg der Gnade weiter mit seinem Volk und seiner Menschheit in einer Zeit der harten Unterdrückung des Volkes Israel durch die Römer.
Der Engelfürst Gabriel wird in Nazareth zu der Jungfrau Maria gesandt und grüßt sie: „Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden“ (Lk 1,30). Dann spricht der Engel von Jesus.
Zur Geschichte der Gnade Gottes gehört Jesus, der Sohn Gottes, der König des kommenden Reiches Gottes. Das Wort Gnade taucht im irdischen Leben, Reden und Wirken Jesu, wie es uns die Evangelien berichten, kaum auf. Aber in seinem Dasein, Leben, Wirken und Leiden ist Jesus die Gnade Gottes in Person.
Was das Wort „Gnade“ meint, sehen wir anschaulich in dem, wie Jesus auf Menschen zugegangen ist: wie er Kranken, Sündern, Besessenen, Kindern, Frauen, Hungernden, seinen Jüngern, seinen Gegnern, dem römischen Statthalter begegnet ist.
In Jesus ist Gottes Gnade mitten unter uns Menschen da. Johannes hat das in Joh 1 so zusammengefasst: „Im Anfang war das Wort …, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit (Treue). Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit (Treue) ist durch Jesus Christus geworden.“ Jesus ist hier das Gegenüber von Mose, und die Gnade ist das Gegenüber zum Gesetz. Das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen, die Jesus aufnehmen und dadurch Gottes Kinder werden, ist nicht mehr durchs Gesetz, sondern durch die Gnade bestimmt (Joh 1,12). Der Apostel Paulus ist von seiner eigenen Lebensgeschichte her, mit der ihn Jesus als ehemaligen Feind angenommen und in den Dienst des Evangeliums gestellt hat, in besonderer Weise der „Prediger der Gnade“ geworden, des „Wortes seiner Gnade“ (Apg 20,32).
Er sieht sein neues Leben seit Damaskus als Geschenk der Gnade. So schreibt er es in seinem Brief an die Epheser (2,4-10): „Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden“. Hier stellt er die Barmherzigkeit, die Liebe und die Gnade zusammen, die uns zu einem neuen Leben mit Christus helfen. In den folgenden Versen macht Paulus deutlich, dass uns seine Gnade mit Christus hineinstellt in ein von der Auferstehung, von der himmlischen Welt und kommenden Herrlichkeit bestimmtes Leben. Die Gnade gibt die Perspektive nach vorne und gehört mit der Hoffnung zusammen. Gnade ist nicht nur ein augenblicklicher juristischer Rechtsakt, sondern bedeutet die jetzt im Glauben beginnende und einst im Schauen sich vollendende Seligkeit. Gnade meint Rettung durch Jesus Christus.
Noch einmal schreibt Paulus davon ganz persönlich in 1Tim 1,12-17. Gnade zielt auf eine ganz persönliche Geschichte Gottes mit uns, die zum Dank und zur Anbetung führt (das griechische Wort für Gnade „charis“ bedeutet auch „Dank“). Der Anfang dieser Gnadengeschichte liegt weit vor der Zeit unseres Lebens. Das fasst Paulus in 2Tim 1,9 so zusammen: „Er hat uns selig gemacht und berufen … nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Jesus Christus vor der Zeit der Welt.“
Immer neu betont er, dass wir nicht Werke, gute Werke, fromme Werke tun müssen, damit uns Gott gnädig wird. Es ist umgekehrt. Das schreibt er in Eph 2,10: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“ Die Gnade führt zu einem Leben in guten Werken, in der Liebe, im Dienen, in Werken, die Gott für unser Leben im Voraus geplant, „zuvor bereitet“ hat.
In der Zeit der Geschichte des Alten Bundes wird diese Gnade Gottes im Glauben oft erfahren in den geschichtlichen Führungen Gottes. So sagt Elieser, der vertraute Knecht des Abraham, bei der Erfüllung seines nicht ganz einfachen Auftrags, nach einer Braut für Isaak zu suchen, die er in Rebekka findet: „Der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben“ (1Mo 24,56).
Manfred Siebald hat das in einem seiner Lieder so gefasst: „Geh unter der Gnade“.
„Aus Gnade seid ihr selig geworden“ ist das eigentliche Thema des Neuen Bundes. Und diese Gnade geht von Gott aus und hat in Gott ihren Anfang.

II. Die Gnade hat einen Höhepunkt
Gottes Gnade und Liebe ist nicht nur eine Gesinnung Gottes uns Menschen gegenüber geblieben, sondern sie ist Realität, Tat geworden in der Sendung seines Sohnes in diese Welt und Menschheit hinein (vgl. Joh 3,16).
Paulus hat das zusammengefasst in Röm 8,32: „Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (hier steht das Zeitwort von Gnade). Der lebendige Gott, der uns liebt, will uns in seinem Mensch gewordenen Sohn seine Gnade persönlich offenbaren.
Die Gnade Gottes kann uns auch in seiner Schöpfung in der Natur begegnen, auch in der Geschichte. Aber heilbringend (Tit 2,11) begegnet sie uns in der Person Jesu Christi, dem Sohn Gottes. In Jesus Christus erscheint Gottes Gnade in ihrer ganzen Fülle (Joh 1,16). Jesus Christus ist ganz voll von Gnade. In einem Lied heißt es: „Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden“ (GL 1,7).
Nun ist es das Erstaunliche, dass wir Menschen, auch wenn wir von Hause aus alle Sünder sind, zu Jesus kommen dürfen, ihn suchen, uns ihm zuwenden, ihm unsere Sünden bekennen dürfen. Das wird alles in dem Wort „Buße“ zusammengefasst. Rechte Buße ist kein trauriges Geschäft, sondern sie führt uns zu der Freude, die uns teilgibt an der Gnade Gottes in Jesus Christus.
Damit sind wir am Höhepunkt der Gnade Gottes. Die Gnade Gottes begegnet uns in Jesu Kreuz, in dem Gekreuzigten auf Golgatha. Johannes der Täufer hat von ihm gesagt: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“ (Joh 1,29). Jesus Christus trug als der Sohn Gottes am Kreuz unsere verdiente Sündenstrafe. Wie schwer dieses Leiden war, wird uns deutlich an den sieben Worten Jesu am Kreuz.
Gott und seinen Sohn Jesus Christus hat dieser Weg mit dem Höhepunkt am Kreuz alles gekostet. Dieses Hingeben seines Sohnes in die Hände der Menschen ist der heißglühende Punkt der Liebe und Gnade Gottes. Hier begegnet uns, wie man heute auch sagen kann, „Gnade pur“. Darum geht uns Menschen unter dem Kreuz am stärksten auf, was Gottes Gnade ist und will.
Hier unter dem Kreuz und dem Aufsehen zu Jesus, dem Gekreuzigten und dann Erhöhten, entsteht in uns durch Gottes Wort und Gottes Geist der rettende Glaube an diesen Jesus Christus. Da können wir die Gnade Gottes fassen und zur Gewissheit unseres Heils kommen.
In der Vergebung, die wir durch Christi Tod und Auferstehung erlangen können, besteht der wesentliche Inhalt der Gnade Gottes. Ohne Kreuz Jesu und abseits vom Kreuz Jesu gibt es für uns Menschen keine rettende Gnade. Das Kreuz Jesu Christi ist im ganzen Neuen Testament die grundlegende und unerlässliche Voraussetzung, um an der Gnade Gottes teilzuhaben.
Mit der Gnade sind die Gnadengaben Gottes (charismata) für die Gemeinde und den einzelnen Jünger gegeben. Die größte Gnadengabe ist die Liebe (1.Kor 13,13).
Die Gnade führt zum Dienst der Liebe an unseren Mitmenschen. Aus der Gnade wächst ein Leben im Dienst heraus. Gnade führt zum Dienst und Dienst ist Gnade. So hat Paulus im Auferstehungskapitel 1Kor 15 (V. 10) von sich selbst geschrieben: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“.
Zu diesem „Höhepunkt“ der Gnade gehört „buchstäblich“ auch das Wort „Gnadenthron“. Das war in der Zeit des Alten Bundes in der Stiftshütte und im Allerheiligsten des Tempels der Deckel auf der Bundeslade, von den Seraphim umgeben. Es war der Ort der heiligen Gegenwart Gottes. In Röm 3,21-25 stehen bei Paulus die entscheidenden Sätze über die Rechtfertigung des Sünders vor Gott durch die Gnade und durch den Glauben. Er schreibt dort (V. 23): „Sie sind allesamt Sünder … und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne“ (in der früheren Lutherübersetzung steht hier wörtlich übersetzt: zu einem Gnadenstuhl).
In 3Mo 16,12-15 ist von diesem Gnadenthron die Rede. Der Priester soll etwas vom Blut des Stieres nehmen und es mit seinem Finger gegen den Gnadenthron sprengen. Solches soll geschehen am jährlichen großen Versöhnungstag (vgl. auch 2Mo 25,17-22).
Nun ist im Neuen Bund Jesus Christus der Gekreuzigte, Auferstandene und Erhöhte für seine Gemeinde und sein Volk dieser Thron der Gnade (Hebr 4,16). In Jesus haben wir Gemeinschaft mit Gott. Beides wird an diesem Gnadenthron in Jesus, dem Gekreuzigten und Erhöhten, deutlich: Gott nimmt die Sünde ernst. Sie kann nur durch das Blut des Lammes getilgt werden. Er ist aber nicht nur der richtende Gott, sondern auch der vergebende in seiner rettenden Liebe für den, der an Jesus aufgrund des Evangeliums glaubt.
In Hebr 4,12 wird von Jesus, dem großen Hohenpriester, gesagt, dass er mit uns sündig Werdenden mitleiden kann, weil er selbst versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum werden wir eingeladen: „Lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“ Jesus als dieser Gnadenthron ist in der himmlischen Welt immer für uns da, und wir dürfen uns ihm in Demut (vgl 1Petr 5,5; Spr 3,34) und Ehrfurcht, aber auch in Zuversicht im Gebet nahen.

III. Die Gnade hat ein Ziel
Die Gnade Gottes zielt nicht nur auf Einzelne oder auf ein auserwähltes Volk, sondern zu dieser Gnade gehört eine unerhörte Weite, die Weite des Schöpfers und des Allmächtigen. Die Gnade Gottes hat nichts Enges an sich. Schon in Ps 108 begegnet uns die Aussage (V. 5): „Denn deine Gnade reicht, so weit der Himmel ist, und deine Treue, so weit die Wolken gehen“ (vgl. auch Ps 103,11). Zur Gnade gehört auch die Ewigkeit. In Ps 89,2 lesen wir: „Für ewig steht die Gnade fest; du gibst deiner Treue sicheren Grund im Himmel.“ Jes 54,8: „… mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser“ (vgl. auch Ps 103,17; 100,5).
Gottes Gnade hat alle seine Menschen, auch heidnische Menschen, auch Menschen ohne Gott im Auge. In Tit 2,11 lesen wir: „Es ist erschienen die heilbringende Gnade Gottes allen Menschen.“ Freilich: Es gilt auch, diese Gnade anzunehmen und an sich wirken zu lassen. Der Schächer am Kreuz, der wusste, dass er mit Recht den Tod verdient hat, wendet sich an Jesus: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,41-43).
Weil Jesus zur Rechten Gottes thront und der in Herrlichkeit wiederkommende Herr ist, ist uns mit der Gnade auch eine große Hoffnung und ein ewiges Ziel gegeben.
Paulus schreibt darum in Röm 5,2: „Durch Jesus Christus haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen (der „Gnadenstand“ ist unser Lebensbereich), und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.“
Die Gnade macht uns zu Erben des ewigen Lebens (Pfarrer Fritz Rienecker „Das Schönste kommt noch“). In Tit 3,7 lesen wir: „Damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unserer Hoffnung“. Als Begnadigte gehen wir „aus Gnaden“ der ewigen Herrlichkeit entgegen, die mit der Auferstehung verbunden ist. Das Ziel der Gnade ist auch, dass wir einmal Jesu gleich werden und er der Erstgeborene unter vielen Brüdern ist (Röm 8,29 u.a.).
Das letzte Ziel der Gnade begegnet uns immer neu in den Lobgesängen der Offenbarung. Das Ziel der Gnade Gottes ist die Ehre Gottes, das Lob Gottes und die Anbetung Gottes. „…Siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm …, und alle Engel standen rings um den Thron … und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserem Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen“ (Offb 7,11f). Auf diesem Weg der Anbetung kehrt die Gnade zu Gott zurück und kommt damit an ihr Ziel.

Zum Schluss einige seelsorgerliche Anmerkungen:
Gnade ist der Lebensbereich, in dem der täglich lebt, der an Jesus Christus glaubt. In Ps 109,21 bekennt der Beter: „Deine Gnade ist mein Trost“ (vgl. Ps 119,76). Über unserem Leben steht als feste Tatsache und tägliche Realität:
Eph 2,8: „Aus Gnaden seid ihr selig geworden“ oder Röm 5,1: Nachdem wir durch den Glauben Frieden mit Gott haben durch Jesus Christus, „haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen“ (vgl. auch Kla 3,23ff). In der Glaubensgemeinschaft mit Jesus, dem gekreuzigten und erhöhten Herrn, dürfen wir täglich aus seiner Fülle und in jeder Lage auch bei jedem Versagen „Gnade um Gnade nehmen“ (Joh 1,16) und uns in den schwersten Führungen an Ps 13,6 halten:
“Ich aber traue darauf, dass du so gnädig bist.“ In allen Anfechtungen dürfen wir uns an das Wort Jesu an den Apostel Paulus halten: „Lass dir an meiner Gnade genügen“ (2Kor 12,9).
Es gibt auch einen Missbrauch der Gnade. Bonhoeffer spricht in seine Kirche hinein mit großem Ernst von der „billigen Gnade“.
Hebr 12,15 ermahnt: „Sehet darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume.“ Und dieser Brief warnt in Kap. 10,29: „Eine wie viel härtere Strafe wird der verdienen …, der den Geist der Gnade schmäht.“ Das gilt auch für den, der die Zeit der Gnade (2Kor 6,2) nicht nützt (vgl. auch Röm 6,1; Jud 4).
Deswegen ermahnt Paulus die Christen in Antiochien: „dass sie bleiben sollen in der Gnade Gottes“ (Apg 13,43).
Die Bibel kennt auch immer wieder das Bitten um Gnade (Ps 119, 41 u.a.) und das Wachstum in der Gnade (2Petr 3,18).
Über allem, was in dieser Welt und in unserem Leben geschieht, auch über allen schweren und unbegreiflichen Wegen dürfen wir uns an die Zusage Gottes halten in Jes 54,10: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“
Gnade und Treue ist bei Gott eins. Es ist eigenartig, dass gerade Petrus, der den tiefen Fall der Verleugnung erlebt hat, seine Briefe mit dem Gruß beginnt: „Gott gebe euch viel Gnade“ (1Petr 1,2; 2Petr 1,2) und dass gerade er ermahnt: „Setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade“ (1Petr 1,13). Auch Paulus beginnt und schließt seine Briefe immer mit dem Wunsch der Gnade.
Von daher verstehen wir die alte Sitte in unseren Gemeinschaften, dass wir zum Beschluss singen: „Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen“ (2Kor 13,13).
Es gibt gibt in unseren Gesangbüchern und Liederbüchern viele Lieder über die Gnade. So können wir auch am Schluss dieser Stunde singen: „Die Gottesgnad alleine steht fest und bleibt in Ewigkeit“ (GL 248,4). Pfarrer i.R. Walter Schaal, S-Degerloch
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