Im Mittelalter glaubte man, dass die Erde eine Scheibe sei – oder doch nicht?

Interview: Zu flach gedacht

Im Mittelalter glaubte man, dass die Erde eine Scheibe sei – oder doch nicht? Ein Bonner Professor weist das platte Weltbild als lange verbreiteten Mythos aus

Nur der Einfachheit halber wurde im Mittelalter die gesamte bekannte Welt auf eine Kartenseite projiziert, wie hier auf der mappa mundi aus dem Jahr 1448GEO: Herr Professor Simek, wie kommen Sie dazu, die Lehrmeinung anzuzweifeln, dass für die Menschen im Mittelalter die Erde flach gewesen sei?

Rudolf Simek: Als ich meine Habilitationsschrift über „Altnordische Kosmographie“ schrieb, ging auch ich von dieser gängigen Überzeugung aus. Nur: Bei allem Bemühen fand ich keine einzige Quelle, nach der die Erde nicht als kugelrund galt. Das hieß: Entweder waren die zuweilen als rückständig verschrieenen Skandinavier der restlichen Welt weit voraus, oder etwas war faul an unserer Schulweisheit. Ich habe meine Studien dann ausgeweitet und festgestellt: Bis auf einige obskure mittelalterliche Autoren, die von Wissenschaftlern des 17. Jahrhunderts bewusst verunglimpft wurden, um das „unaufgeklärte“ Mittelalter als borniert darzustellen, hat nie jemand ernsthaft daran gezweifelt, dass die Erde ein Ball ist.

GEO: Und weshalb hängen wir dann noch immer der Schulmeinung an?

Simek: Weil sich offenbar niemand die Mühe gemacht hat, die Originalquellen zu überprüfen. Seit etwa zehn Jahren gibt es aber aus mehreren Fachbereichen eine Reihe von Büchern, deren Verfasser zu demselben Schluss gekommen sind wie ich.

GEO: Aber es gibt doch zahlreiche Karten aus dem Mittelalter, welche die Welt als Scheibe darstellen?

Simek: Eben nicht. Dann können Sie genauso gut annehmen, dass wir uns die Welt als Scheibe vorstellen, nur weil wir heute Nord- und Südhalbkugel auf planem Papier drucken. Auf den meisten Originalkarten des Mittelalters steht explizit dabei, dass man sich das Ganze als Kugel vorstellen müsse. Der einzige Unterschied ist, dass man damals die gesamte Kugel auf einen einzigen Kreis projiziert hat, während wir die beiden Hemisphären jeweils auf separate Kreise abtragen.

GEO: Woher wussten die Menschen damals von der Kugelgestalt?

Simek: Schon vor rund 2000 Jahren hat der römische Historiker Plinius einen empirischen Grund genannt: Wenn man am Strand steht, sieht man, wie ein Schiff langsam verschwindet, indem es scheinbar nach vorne abtaucht – ohne dass dies wirklich geschieht. Dieses Argument nimmt das einflussreiche Buch Liber de Sphaera des Engländers Johannes de Sacrobosco (John of Holywood) wieder auf, das aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammt. Außerdem galt die Kugel schon seit Aristoteles als „ideale Gestalt“, weswegen etwa im achten Jahrhundert der Mönch Beda in seinem Buch De natura rerum darauf hinweist, dass die Erde nicht nur rund (rotunda) sei, sondern wie ein Ball (pila).

http://www.geo.de/GEO/kultur/geschichte/20.html
http://www.stmichael-online.de/scheibe.htm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s