Was ist Wahrheit?

Was ist Wahrheit?

Die Leitdifferenz des griechischen Wahrheitsverständnis ist die zwischen Wahrheit und Schein. Ursprünglich bedeutet Wahrheit die Unverborgenheit.

Wahrheit ist im Griechischen immer mit Verben der Wahrnehmung, mit ‚sehen’ und ‚hören’, etc. Es bezeichnet ein zeit- und geschichtsloses Dasein und Sosein.

Wahre Sachverhalte werden durch den logos (das Wort; die Vernunft; das Prinzip, was die Welt in ihrer Einheit zusammenhält) erschlossen. Der menschliche ‚logos’ muss dazu in Übereinstimmung mit dem Gesamtlogos gebracht werden, dann wird die vorhandene Wirklichkeit mit dem Erkennenden in Beziehung gesetzt.

Die eigentliche Wirklichkeit liegt nicht in, sondern hinter und über den Dingen, sie ist das An-und-für-und-in-sich-selbst-ewig-überall-dasselbe-Seiende.

Wenn ein Mensch das rechte Wissen um die Wahrheit besitzt, dann hat er Anteil an dem einen und wahren Sein.

Die Leitfrage ‚Was ist Wahrheit?’ zielt auf die wahre Erkenntnis, eines wahren Wissens.

Das Wahrheitsverständnis im ‚Alten Testament’ ist hingegen eine zeitlich-geschichtliche Größe, die vor allem mit dem Verb ‚tun’ verbunden ist.

Das hebräische Wort für ‚Wahrheit’ ist vom selben Stamm wie das Wort für ‚Glauben’, die zugrunde liegende Wortwurzel hat die Grundbedeutung fest, zuverlässig, tragfähig sein.

Wahrheit im hebräischen ist weniger eine Eigenschafts-, denn eine Verhältnisbestimmung, ein mediales Sich-als-zuverlässig erweisen von Personen und Dingen. Wenn Dinge oder Personen die auf sie gerichteten Erwartungen erfüllen, sind sie ‚nae`aeman’ (wahr).

Das als-zuverlässig-anerkennen, vertrauensvolle Sich-einlassen des Menschen auf etwas, meint meist ein menschliches oder göttliches durchhaltendes Sich-verhalten gegenüber anderen Personen. Im Bereich zwischenmenschlicher Verhaltensweisen meint ‚aemunah’ (Wahrheit) die Zuverlässigkeit, die Treue, das Vertrauen.

Wahrheit ist nicht, sie geschieht.

Von Wahrheit wird nicht nur im Begriff auf die Gegenwart gesprochen, sondern auch auf die Zukunft: Wahrheit ist nicht etwas, was irgendwie unter oder hinter den Dingen liegt und durch Eindringen in ihre Tiefe, ihr Inneres gefunden würde, sondern Wahrheit ist das, was sich in der Zukunft (als wahr, als zuverlässig) herausstellen wird.

Jahwes Wahrheit ist eine Wahrheit des Tuns, sie erweist sich nicht als abstrakte übergeschichtliche Wahrheit, sondern jeweils in der Kontingenz geschichtlicher Ereignisse.

Wahrheit in diesem Sinne ist kein ontologischer (auf das ‚wahre’ Sein gerichteter), sondern ein Relationsbegriff (Verhältnisbegriff). Wahrheit besagt nicht ein An-und-für-sich-sein, sondern ein Zuverlässigsein von Dingen, Tatbeständen, Menschen oder Jahwe. Wahrheit ist nicht abstrakt, sondern sie geschieht.

Wahrheit wird nicht nur gewusst, gesagt und gehört, sondern sie wird getan, sie geschieht. Wahrheit, geschichtliche Wirklichkeit und persönliches Verhalten gehören untrennbar zusammen. Die Frage ‚Was ist Wahrheit?’ kennt das AT nicht, stattdessen wird implizit nach dem Verlässlichen gefragt, das der Existenz Bestand verleiht.

Neutestamentliches Verständnis: Jesus selbst benutzt diesen Begriff kaum, aber er sagt ständig Amen, wenn er seine Worte einleitet. Damit bezeichnet er sich als sicher und zuverlässig, damit machte er sich für sich selbst und für seine Hörer verbindlich.

In Johannes 1,17 steht: „Die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“ Wahrheit im Neuen Testament hat also einen ereignishaften, personalen und geschichtlichen Charakter. Jesus sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Joh. 14,6) Man nennt dies den ‚christologischen Wahrheitsbegriff’.

Die Wahrheit, die Jesus verkündigt und verkörpert, stammt nicht von ihm selbst, sondern sie weist zurück auf ihren Ursprung in Gott. Wahrheit ist damit nur durch das Selbstzeugnis Jesu zugänglich.

Der unsichtbare Gott hat sich in Christus ausgesagt, er ist der geschichtliche Ort der Wahrheit (im Gegensatz zu griechisch-platonischem Verständnis).

Bestimmend für unser heutiges Wahrheitsverständnis, ist die Aussage Thomas von Aquins: Wahrheit ist die Übereinstimmung von Ding und Verstand. Dies kann auf eine ‚Sachwahrheit’ (echtes Gold) hinauslaufen, oder auf eine ‚Satzwahrheit’.

Letzteres Verständnis setzt sich durch: Wir nennen einen Satz wahr, wenn der Sachverhalt, den er ausdrückt wirklich ist. Durch Prüfung zeigt sich, ob er wahr ist oder nicht.

Das Verständnis der Richtigkeit von Aussagen ist wohl insgesamt unverzichtbar, das Problem dabei ist jedoch, dass man somit nur den nachprüfenden Teil der Wirklichkeit erfassen kann. Die Frage nach der Lebensbestimmenden Wirklichkeit, die Frage nach dem Sinn, der das Leben zu tragen vermag, kann damit nicht beantwortet werden.

Darauf antwortet Jesus: ‚Ich bin die Wahrheit’. Bei dieser Wahrheit handelt es sich nicht um einen Aufweisbahren Sachverhalt oder um ein Bündel wahrer Sätze, sondern um den (ziemlich umfassenden) Anspruch einer Person.

Diese Wahrheit Jesu erschöpft sich daher nicht im Sagen der Wahrheit, sie beinhaltet vielmehr ein Leben in der Wahrheit, sie bezieht sich auf die gesamte Existenz.

Was durch unsere Geschichte jedoch leider passiert ist: Wahrheit wird objektiviert und Glaube subjektiviert.

Zwar gehört es zum christlichen Wahrheitsverständnis, über Person und Werk Jesus Richtiges und nicht Falsches zu sagen. Solche Satzwahrheiten drohen aber immer zu letztlich belanglosen Richtigkeiten zu werden und lenken vom Eigentlichen und Wichtigen ab. Sie haben nur dann Gültigkeit, sofern sie dem angemessenen Verständnis der geschichtlichen personalen Wahrheit Jesu dienlich sind.

Wahrheit meint somit keine objektive Größe oder Lehre, die man sich subjektiv anzueignen hätte, sondern meint den umfassenden göttlichen Zuspruch. Diese Wahrheit macht uns frei. Dieses sich-einlassen auf die Wahrheit, kann durchaus zum Konflikt mit Menschen und Verhältnissen führen, die dieser Wahrheit nicht entsprechen, sondern ihr widersprechen. So leben wir in ständiger Differenz zwischen vorhandener Wirklichkeit und verheißener zukünftiger Wirklichkeit. Der letztgültige Wahrheitserweis Gottes steht also noch aus.

Glauben besteht im vertrauensvollen Hören und Befolgen der Worte Jesu, nicht im Besitz des wahren Bündels von Sätzen, der wahren Weltsicht oder im selbstgerechten Gefühl des eigenen Besserwissens.
Exzerpt aus dem Artikel über Wahrheit im ‚Theologisches Wörterbuch des Neuens Testament’

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