Analyse unserer Zeit

Analyse unserer Zeit

In welcher Welt leben wir eigentlich? Was prägt unsere Gesellschaft? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was muss sich ändern? Wie können wir unsere Zeit analysieren?

Die Sozialwissenschaften helfen uns beim Antwort finden auf solche Fragen. In den vergangenen Jahren wurden wichtige und lesenswerte soziologische Studien über das Verhalten des modernen und postmodernen Menschen vorgelegt. Es gibt sogar neuerdings eine Wissenschaft der Zeitanalyse, „Trendforschung“ genannt. Wichtige Bausteine der Trendforschung sind eigene Umfragen und statistische Erhebungen von Meinungsforschungsinstituten (forsa, emnid, Noelle-Neumann usw.). Es gibt einige Zeitschriften, die sich ausschliesslich mit neuen Modetrends beschäftigen. Wichtige Indikatoren für Veränderungen in unserer Gesellschaft sind Kunst, Musik, Wirtschaftsverhalten und vor allem die Medien und die Werbung.

Ein bunter Strauss von Ansichten

Die Wirklichkeit um uns herum ist bodenlos pluralistisch geworden.

Es gibt keinen allgemeinen Konsens mehr. Die totale Toleranz schwappt über in die totale Gleichgültigkeit! Jeder kann denken, was er will. Die Wirklichkeit um uns herum ist bodenlos pluralistisch geworden. Jeder kann überzeugt sein von dem, was er für richtig hält. Alles wird relativ, „anything goes“. Der Meinungspluralismus zeigt sich beispielhaft in einer „Unmenge“ von literarischen Produkten. Gedeckt durch das Grundrecht der Meinungsfreiheit werden alle möglichen und unmöglichen Meinungen auf den Markt geworfen. Hörfunk und Fernsehen propagieren diese Überzeugungen.

Dank PC ist es heute leicht geworden, die eigene Meinung zu vermarkten. Pluralismus gibt es aber auch im gesamten Konsumbereich. Die Angebotspalette ist unüberschaubar geworden. Dutzende von Marken machen die Auswahl schwierig. Jeder grössere Supermarkt zeigt die Pluralität des Angebotes. Jede gesellschaftliche Gruppe schafft sich ihre eigene Welt und somit Trends. Die „In’s“ und „Out’s“ ändern sich ständig. Heute „Hui“, morgen „Pfui“. Das schnelle Abwechseln von Trends und Gegentrends führt zu einer ungemeinen Verunsicherung des Menschen. Er kann die Wirklichkeit nicht mehr zuordnen oder verarbeiten. Alles wird unruhig und verwirrend.

Man sucht Zuflucht beim Alten, auch in der Mode, weil man meint, dort eine Linie zu entdecken (z. B. Hosen mit weitem Schlag; Mode der 50er). Und doch offenbart die Zuflucht ins Antiquierte nur die dahinterliegende Verzweiflung des Menschen, dem die rote Linie des Lebens fehlt.

Wie ist dieser Trend des Pluralismus zu bewerten? Eins muss klar sein: „Pluralität“ ist nicht „Pluralismus“. Pluralität kann gut sein. Wir brauchen keine Denkzwänge in unserer Gesellschaft. Es gibt eine gottgegebene Vielfalt, die wir nicht durch Gleichmacherei ersticken dürfen. Gott schafft Originale mit Originalität, keine billigen Kopien. Aber „Pluralismus“ ist etwas anderes. Pluralismus gepaart mit Toleranz ist gefährlich, weil er die Wahrheitsfrage überdeckt. Pluralismus lehnt letzte Wahrheiten ab und führt zu Verwirrung und Orientierungslosigkeit. Es gibt unumstössliche Richtlinien für Glauben und Leben, wir finden in der Bibel eine Grundlage für alles Zusammenleben.

Individualismus

Der amerikanische Philosoph Philip Rieff schrieb in einem Buch Anfang der 90er Jahre: „Was die Modernität meines Erachtens am Meisten kennzeichnet ist die Überzeugung, dass der Mensch sich keiner Macht mehr unterordnen muss, ausser seiner eigenen.“ Diese amerikanische Analyse kann man ohne weiteres auch auf die deutsche Situation übertragen. Die Bedeutung des Einzelnen steht heute im Mittelpunkt der Welt. Er bestimmt über sich selbst, er entscheidet für sich selbst, er verwirklicht sich selbst und er dreht sich ständig um sich selbst.

Der Siegeszug des Individualismus begann schon mit dem Humanismus und der Aufklärung. Die Renaissance stellte das menschliche Abbild in den Mittelpunkt der künstlerischen Ausdrucksweise. In der Aufklärung wurde der autonome und kritische Mensch sich seiner selbst bewusst. Er drückte damit Gott immer mehr aus dem Mittelpunkt allen Seins und setzte sich selbst auf den leergewordenen Thron. Der Mensch nahm nur noch das für wahr an, was ihm selbst als logisch und einsichtig erschien. Descartes Satz: „Ich denke, also bin ich“, war der erste philosophische Satz, der mit dem kleinen aber verhängnisvollen Wort „Ich“ begann. Kants kategorischer Imperativ hatte ebenfalls das menschliche Ich zum Massstab. Aber erst unsere Generation trieb den Individualismus auf die Spitze.

Individualismus zeigt sich heute konkret in einer Zunahme der Single-Haushalte. Schon in über 40 % aller Haushalte lebt nur eine Person. Individualismus führt in die Einsamkeit, in die Anonymität des Einzelnen. Gemeinschaftsdefizite treten auf, Kommunikationsstörungen und Beziehungskonflikte sind an der Tagesordnung. Ist Individualismus denn so negativ? Ich sehe Positives und Negatives. Es gibt mE eine positive und gottgewollte „Individualität“: Der Einzelne wird nicht vom Kollektiv unterdrückt. Jeder ist individuell von Gott geschaffen. Gott hat mit jedem von uns seinen individuellen Plan. Aber die Kehrseite ist der negative „Individualismus“: Der Einzelne sieht sich als Gesamtwirklichkeit und ist nicht mehr bereit, übergeordnete Normen und Bestimmungen zu akzeptieren oder auf andere Rücksicht zu nehmen. Dieser Individualismus führt zum Egoismus, zur Rücksichtslosigkeit, zur totalen Selbstverwirklichung. Das persönliche Glück beherrscht alle meine Wünsche. Der Mensch nimmt sich selbst zu wichtig und verfehlt so seine gottgewollte Zielvorgabe. Der Mensch macht sich selbst zum kleinen Gott, zur letzten Instanz, und verlernt es, sich unterzuordnen.

Zerfall aller Normen

Die entscheidende Herausforderung der Neuzeit und die vielleicht sichtbarste Erscheinung des Individualismus ist der Zerfall der gemeinsamen Moral: Ein Politiker wirbt nackt auf einem Wahlkampfplakat für seine Partei. Man diskutiert über die Gleichstellung der Homosexualität und schafft gesetzliche Fakten. Man experimentiert mit Genen und fragt, wie weit man gehen kann. Andere werfen das Thema Euthanasie in die Waagschale. Weitere Stichworte: Abtreibung, Pille danach, wilde Ehe und vorehelicher Geschlechtsverkehr. Ein grosses Thema der Medien ist der Kindesmissbrauch. Betrug bei der Steuererklärung wird Kavaliersdelikt. Die Autobahn wird zum Überlebenstraining. Korruption wird zur Tagesordnung. Alles ist Ausdruck einer Krise der Ethik.

Diese Krise zeigt sich im Zerfall von Autorität und Pädagogik. Weil man Gott als Fundament aller Autorität verloren hat, sucht man die Autorität bei sich selbst. Eine Pädagogin schrieb 1993 im „Spiegel“: „Wie sehr sehnt sich unsere Jugend nach dem Satz: Heb das Ding auf, aber dalli! Wie sehnen sich unsere Kinder nach der Empörung in der Stimme, nach Entrüstung im Gesicht des Lehrers, nach dem lauten Ton, der die Grenze zieht zwischen dem Ewig-Beherrschtsein, das alles gleichermassen problematisiert und der Deutlichkeit.“5 Matthias Horx, der Trendforscher, weiss weiter zu berichten: „Man hört bei Kindern ab fünf immer wieder Töne der Autoritätssehnsucht. Viele Gewaltund Verwahrlosungsphänomene hängen längst nicht mehr mit autoritären, schlagenden, sondern mit schwachen, abwesenden, weichen, konturlosen Vätern und Müttern zusammen, die nicht mehr in der Lage sind, Normen und Gesetze zu setzen, Orientierung zu bieten.“ Die Phase des Antiautoritären scheint vorüber zu sein. Autoritäre Kulte wie z. B. Rechtsradikalismus, Gurus, Fundamentalismus sind dagegen im Kommen, was auch Ausdruck einer Krise der Autorität ist.

Der Zerfall aller Normen zeigt sich auch im Zerfall der Familie. Millionen von Unverheirateten leben zusammen. Der Feminismus verunsichert die Männer und fordert einen Rollentausch. Männer haben heute ein starkes Anlehnungsbedürfnis und nehmen ihre Pflichten nicht mehr wahr. Familien leiden auch, weil Mütter unbedingt arbeiten wollen und Kinder in Kindertagesstätten abgeschoben werden. Die „Singlesierung“ der Deutschen schreitet zudem weiter voran.

Und doch: Jeder Mensch sehnt sich nach Normen. Man sehnt sich nach Glück und Geborgenheit und hat es satt, beziehungslos zu leben. Aber man bleibt unfähig, Bindungen durchzuhalten, weil die Basis fehlt. Der Grund ist: Man hat Gott, die Mitte aller Ethik verloren. Der Mensch tappt nach eigenen Massstäben und ist auf sich selbst zurückgeworfen. Wie kann man aus dem ethischen Dilemma herauskommen? Die Lösung kann nur ein Zurück zu Gott, seinem Angebot und seinen Weisungen sein.

Materialismus und Technisierung

Materialismus ist die Religion unserer Zeit. Alles dreht sich ums Geld. Der Materialismus ist die Sucht nach immer mehr. Schon die Kinder und Teenies werden als Konsumenten umworben. Genuss ist die Lebensform des modernen Menschen. Man sehnt sich nach Wohlstand, der wenig kostet.

Zogen die Menschen früher in die Städte, um zu Wohlstand zu kommen, beobachten wir seit Jahren den gegenteiligen Trend: Die Flucht aufs Land ist angesagt. Die Beweglichkeit und Mobilität machen es möglich. Aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: Wir haben immer mehr zu verarbeiten. Die Erlebniswelt hat sich durch die Mobilität des Menschen revolutioniert. Können wir alles noch verarbeiten? Längst treibt uns unsere Sehnsucht zur einsamen Insel ohne Telefon und Fax. Abschalten heisst die Devise.

Die Bibel warnt an vielen Stellen vor dem trügerischen Streben nach Reichtum. Gott wendet sich nicht gegen den Fortschritt, aber warnt den Menschen vor der Vergötterung des Sichtbaren. Geld und Besitz sind eine verführende Gefahr. Meine Antwort auf oben gestellte Frage ist: Die Stille vor Gott bewahrt mich vor der Hektik des Alltags und vor der Faszination des technischen Gigantismus. Das schafft Ruhe und innere Ausgeglichenheit. Lassen wir uns nicht von der Kommerzialisierung der Gesellschaft und dem Trend nach immer mehr anstecken! Lassen wir uns nicht von dem Glauben betören, alles sei machbar und nichts unmöglich. Aller Besitz und alle Technik sind gute Gaben Gottes, wenn wir sie im Griff haben und für die gute Sache Gottes einsetzen. Lernen wir neu, unseren Lebensstil zu hinterfragen und auf Dinge zu verzichten, die unser Herz gefangen nehmen und an die Stelle Gottes getreten sind.

Mediengigantomanie

Wir sind eine Mediengesellschaft geworden. Die Medien prägen uns Menschen mehr als wir für wahr halten wollen. Bücher, Zeitschriften, Radio, TV-Programme, Video, Kino, Computerspiele usw. beherrschen unsere Welt. Die Medien werden als die „vierte Macht im Staate“ angesehen. Unterhaltung ist der oberste Wert der Freizeitgesellschaft. Der Kampf um die Einschaltquoten tobt. Die Qualität bleibt auf der Strecke. Die Einschaltquoten entscheiden, die Mehrheit hat recht.

Schon kleine Kinder sind Medienexperten. Sie sitzen mehr vor der Glotze als im Klassenzimmer. Der Computer im Kinderzimmer wird immer mehr Realität. Die totale Berieselung mit wichtigen und unwichtigen Dingen führt zu Passivität und Abstumpfung. Das Problem: Man kann nicht mehr Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden. Schon Neill Postman warnte, dass wir in einem Meer von TV-Banalitäten untergehen und auch noch meinen, diese Banalitäten wären das Eigentliche des Lebens. Ich meine, wir sollten Medien nicht verteufeln. Es gibt gute und schlechte Sendungen. Der Computer bringt uns viele Vorteile. Aber wir brauchen unbedingt mehr Medienaskese und vor allem eine gewissenhafte Medienpädagogik. Der Umgang mit den neuen Medien dürfte eine der entscheidendsten Herausforderungen in den nächsten Jahren sein.

Renaissance des Religiösen

Die Softwelle der Moderne verbindet sich mit einer zunehmenden Religiosität der Menschen. Leider führt diese Religiosität nicht zu den Kirchen. Kirche ist „out“ – der persönliche Jesus des Einzelnen ist „in“. Es ist der selbstgemachte Qumran-Jesus oder der New-Age-Jesus: sanft, anhänglich, bestätigend. Die östlichen Religionen schwimmen auf der neuen religiösen Welle mit. Die allgemeine Krisenlage der Gesellschaft treibt die Menschen automatisch in die religiösen Kulte. Die Endzeitgefühle steigen – nicht nur bei Christen. Wie geht es weiter? Viele Menschen glauben wieder an Wunder. Engel sind „in“. Tausende hängen sich Kreuze um, auch wenn sie mit dem Christentum nichts am Hut haben.

Das Christentum hat Konkurrenz bekommen. Vorbei ist die Zeit der Monopole, auch im Bereich der Religion. Die Christen tun sich mit dieser neuen Sachlage noch schwer. Dabei kann man viel aus der Bibel lernen: Sowohl das Gottesvolk des Alten als auch das des Neuen Testamentes musste sich im religiösen Pluralismus behaupten. Und man tat es erfolgreich, denn der lebendige Gott erwies sich gegenüber allen Heilsangeboten der Konkurrenz als überlegen.

Fazit: Die Zeitanalyse unserer Gesellschaft bringt folgendes Bild ans Licht: Pluralismus, Toleranz, Egozentrik, Materialismus, Technisierung und neue Softwelle bestimmen unsere Zeit. Hetze, Unruhe und Sinnlosigkeit sind die folgerichtigen Resultate dieser Erscheinungen. Innere Aussteiger haben ebenso Hochkonjunktur wie lautstarke Nationalisten und Seelenfänger.

Man mag verzweifeln angesichts der Situation unserer Gesellschaft. Und doch ist Resignation nicht die Antwort der Christen, denn sie sind Hoffnungsträger in einer dunklen Welt. Sie haben die Antworten auf die letzten Fragen der Menschen und packen mit an, um die Situation zu verändern. Weltverneinung führt in ein fatales Gettodasein, Weltbejahung in die Umklammerung des Zeitgeistes. Zunächst müssen wir erkennen, welche Verantwortung und Chancen uns die Moderne bietet. Der nach dem verlorenen Paradies suchende Mensch braucht die Nachricht vom Heil in Jesus Christus. Er ist in gewisser Hinsicht wieder offen für Übernatürliches. Er lehnt Gott nicht ab. Wie erschütternd ist es, dass diese Menschen mehr von Sekten und Kulten des Ostens erreicht werden, als von den Christen in ihrer Umgebung.

Der moderne Mensch schätzt besonders echte Vorbilder. Der Wunsch nach Tiefgang und ganzheitlichen Konzepten sollte deshalb anspornen, durch die praktische Tat der Nächstenliebe und durch sichtbare Beispiele in Familie und Beruf auf den Glauben an Jesus Christus hinzuweisen. Ein bewusster Verzicht auf unnötige Konsumgüter, ein rechter Umgang mit Medien, ein gesundes Familienleben, eine stabile Ehe oder ein mutiges Nein zu Homosexualität und Abtreibung sind auffallende Positionen, die für sich selbst sprechen. Der moderne Mensch wird hellhörig, wenn er auf Menschen mit einem festen Standpunkt trifft. Gerade die neuen Tendenzen des Zurücks zu Familie und Autorität sind Indizien dafür, dass man sich nicht der christlichen Ethik zu schämen braucht.

Die Situation unserer westlichen Gesellschaft braucht wieder die festen Werte und Überzeugungen des Glaubens. Die Beziehung zu Jesus Christus erst ermöglicht uns ein sinnvolles und hoffnungsvolles Leben. Es mag kommen, was will. Wer Jesus Christus im Zentrum seines Lebens hat, der kann allen Trends gelassen entgegensehen.

Dr. Stephan Holthaus Reflexionen. IVCG Datum: 10.04.2002

http://www.livenet.ch/www/index.php/D/article/104/812/

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