„Wer es schafft, ohne Mickeymausheft, Magnum und frischen Brötchen bis zur Kasse vorzudringen, gilt schon als asketischer Mönch“

Der moderne Mensch

Der Begriff „Erlebnisgesellschaft“ wurde durch die bahnbrechende Studie des Bamberger Soziologen Gerhard Schulze populär. In seinem in vielen Auflagen erschienenen Standardwerk „Die Erlebnisgesellschaft: Kultursoziologie der Gegenwart“ beschreibt er auf mehreren hundert Seiten die Veränderungen der westlichen Gesellschaft durch den Erlebnismarkt der Postmoderne. Er sieht das Erlebnis als gemeinsame Klammer einer verzweifelten und vielfältigen Gesellschaft. Erlebnisse sind für ihn innengeleitete, subjektive Eindrücke, z.B. Gemütslagen wie schön, spannend, gemütlich usw. Erlebnisgesellschaft meint die breite Gesellschaftsströmung der inneren Glückssehnsucht.

Die Erlebnisgesellschaft

Spätestens seit Gerhard Schulzes Buch wird die Kultur der Gegenwart gerne als Erlebnisgesellschaft bezeichnet. Was versteht man darunter? Hintergrund dieser Klassifizierung ist die moderne Tendenz des Menschen, um jeden Preis ein schönes, interessantes, angenehmes und faszinierendes Leben führen zu wollen. Leben heisst in unserer Zeit „er-leben“. Nicht Arbeit, Mühe, Leiden, Sparsamkeit, Entbehrung und Pflichtbewusstsein sind mehr Lebensinhalte, sondern Genuss, Zerstreuung, persönliches Glück, gutes Gefühl und Innenorientierung.

Die Selbstentfaltungswerte haben die Werte des Pflichtbewusstseins abgelöst. Die Erlebnisgesellschaft ist insbesondere bei Menschen bis zum 40. Lebensjahr zu beobachten. Sie zeigt sich überall: z.B. in der Zunahme von Vergnügungsparks für die ganze Familie. Kaufhäuser werden heute zu Erlebnishäusern umfunktioniert. Die Kinos werden zu Tempeln des Amüsements umfunktioniert, mit Riesenleinwand und Bar.

Unser Badezimmer wird zum Schönheitsstudio, unsere Stadtautos zu Geländewagen mit verchromter Stossstange, mit der man bequem Nashörner jagen könnte. Schwimmbäder werden zu Erlebnisbädern samt Wasserrutsche, Whirlpool und Snack-Bar. Der Urlaub wird zur Vergnügungsreise. Aus der Butterfahrt wird die Erlebnisfahrt. Diskjockeys bestimmen die Szene, Animateure sind gesuchte Leute, Freizeitpädagogen und Entertainer sind „in“. Designer bestimmen das Marketing.

Ein konkretes Beispiel sei angeführt: Noch vor 30 Jahren reinigte sich der Mitteleuropäer ausschliesslich mit Seife. Heute stehen ihm zur Körperreinigung und Pflege jedoch ein Heer von Waren zur Verfügung. Ganze Ladenketten, die Drogerien, leben von diesem Geschäft. Für jeden Körperbereich gibt es Spezialitäten. Von Kopf bis Fuss wird jeder Quadratzentimeter speziell gepflegt. Es gibt Hunderte von Shampoos, Festigern, Lotionen, Duschgels, Deos, Parfüms, Badezusätzen, Schminkutensilien, Rasierwässerchen usw. Unsere Ablagen biegen sich unter der Last unserer Pflegesachen.

Hauptsache ist: man fühlt sich wohl

Der eigentliche Wert dieser Dinge liegt nicht in ihrer Effizienz, sondern in der Vermittlung des eigenen Wohlbefindens. Über ihre Nützlichkeit lässt sich trefflich streiten. Die Hauptsache ist: man fühlt sich wohl. Zum Gefühl kommt die Erfahrung und das Erlebnis. Man will echte Erlebnisse machen, alles in der Tiefe geniessen. Die moderne Erlebnisgesellschaft fragt nach Grenzerfahrungen.

Vor Monaten prangte an vielen Litfasssäulen eine Zigarettenwerbung mit dem Slogan: „Suchen Sie keinen Sinn, sondern Geschmack“ – ein typischer Ausdruck der Erlebnisorientierung. Neuerdings werden grosse Messen als „Event-Ausstellungen“ konzipiert, Ware zum Anfassen ist geplant. In Oberhausen wurde das grösste Kaufzenter Europas eingeweiht – samt Erlebnispark. Das Motto lautet: Das Einkaufen soll ein Erlebnis werden, das man so schnell nicht vergisst. Auf der Cebit gab es drei verschiedene Eintrittskarten: das normale Tagesticket für die Ausstellung, ein „Event-Ticket“ für die zusätzlichen Entertainment- Hallen und ein „Super-Ticket“ für die begleitenden Superkonzerte mit DJ BoBo samt Cyberdance-Night.

Erlebnis ist eine ideale Ware

Damit der Einzelhandel an Kunden, die sowieso schon alles besitzen, etwas verkaufen kann, wird das Einkaufen zum Erlebnis umfunktioniert. Erlebnis ist eine ideale Ware. Sie braucht keinen Platz, denn sie spielt sich im Kopf des Kunden ab. Es gibt in der Regel auch keine Reklamationen. Unsere Computerwelt scheint so erlebnisleer zu sein, dass wir erlebnisgeil geworden sind. Ein Blick in die moderne Tankstelle beweist es: Der Weg zur Kasse gleicht einem Hindernisparcours voller Reizüberflutung. Wer es schafft, ohne Mickeymausheft, Magnum, Heisser Hexe und frischen Brötchen bis zur Kasse vorzudringen, gilt schon als asketischer Mönch. Das Tanken, ein wenig gefühlsmässiger Vorgang, wird doch noch zum Erlebnis. Die Erlebnistankstelle ist unser grösster Genuss.

Gleiches droht uns die Post an. Die Postämter legen ihr altes institutionelles Image ab. In der Posthalle von morgen gibt es vorne rechts den Bäcker, dann den Zeitungskiosk und den Schnellimbiss, den Ansichtskartenständer, Reiseangebote usw. Dann der Postshop mit allem, was man so braucht: Kartons, Kleber, Schnüre, Schere, Ordner, Briefmarken, Poster. Am Ende dann endlich der gute alte Postschalter. Der Vorgang des Kaufens ist das Entscheidende, nicht mehr die Ware an sich. Man fragt sich: Was hat das mit der Post zu tun? Egal, nicht fragen, einfach erleben und kaufen. Erlebnisse, überall.

Der Erlebnishunger ist riesig. Seien es Schaumpartys in den Discos, eine künstliche Schneewelt auf dem Münchner Flughafen, ein Erlebniskino mit Bar, das Bungee-Springen oder das Fassadenklettern, das Free-Climbing oder House-Running – wir brauchen immer neue, ausgeflippterte Reize, um unseren Event zu erreichen. Die Moderne bietet dem Menschen eine unüberschaubare Möglichkeit an Entscheidungsprozessen und Wahlmöglichkeiten an. Durch die Steigerung des Lebensstandards, die erhöhten Freizeitwerte, mehr Bildung und technischen Fortschritt stehen uns potenzierte Wahlmöglichkeiten offen, von denen unsere Väter nur träumen konnten. Man kann heute theoretisch aus 10 Milliarden Wahlmöglichkeiten beim Kauf eines BMWs auswählen.

Lust der Wahl

Schon nach dem Aufstehen am Morgen öffnen wir den Kleiderschrank und wählen aus – etwas, was unsere Vorfahren nicht kannten. Was esse ich heute zum Frühstück? Mit welchem Auto fahre ich zur Arbeit? Welchen Beruf wähle ich? Wohin fahre ich in Urlaub? Einmal oder zweimal im Jahr? Welche Zeitung kaufe ich mir, welches Buch? Welchen Sender schalte ich heute Abend ein? Welche Veranstaltung besuchen wir heute Abend? Wir treffen dauernd Entscheidungen. Manchmal wichtige, meistens unwichtige.

Diese Erweiterung der Wahlmöglichkeiten hat dem Menschen jedoch keineswegs eine grössere Freiheit beschert. Denn wir leben in einem ständigen Entscheidungsdruck, der uns durch die Gesellschaft diktiert wird. Wir müssen entscheiden. Wem ging es nicht auch schon so, dass er vor einem riesigen Regal von identischen Produkten verschiedener Firmen stand – und resignierte. Erst neulich war es wieder so weit: Ich wollte Babynahrung für unsere kleine Tochter kaufen. Wie gelähmt stand ich vor der Auslage: 10 verschiedene Firmen priesen die Babymilch an. Die gleiche Milch, jedoch in verschiedenen Geschmacksorten. Naturbelassen oder mit Bananengeschmack, die Jumbopackung oder das Sonderangebot. Die Qual der Wahl.

Vor allem mit sich selbst beschäftigt

Die Kehrseite dieser Multioptionsgesellschaft ist die Tatsache, dass der Mensch sich dadurch immer mehr mit sich selbst beschäftigt. Er ist ein Narzist geworden. Die Selbstreflexion des modernen Menschen nimmt rapide Formen an. Schulze schreibt: „Wo Erlebnisse zum beherrschenden Thema werden, beginnt man, sich vor allem mit sich selbst zu beschäftigen“ Entscheidungsprozesse bedingt Nachdenken. Welches ist das beste Produkt? Wer hat das beste Preis-Leistungs-Verhältnis? Ich grüble in mich hinein, wäge ab, verwerfe wieder, bleibe doch bis zum Schluss unsicher, ob es die beste Entscheidung war. Wir kreisen endlos um uns selbst. Zusätzlich entsteht die Problematik, dass Erlebnisgefühle allein im Inneren des Menschen entstehen. Wir sind innenorientierte Menschen geworden. Der moderne Mensch denkt viel über sich selber nach.

Ist es für mich schön?

Äussere Effekte begünstigen die inneren Glückserlebnisse. Ein schönes Fahrgefühl im Auto wird nur zum Teil durch aussengeleitete Eindrücke vermittelt, wichtiger ist die innere Einstellung. Alles wird vor die subjektive Grundfrage gestellt: Ist es für mich schön? Der Mensch wird zum Manager seiner eigenen Subjektivität, zum Manipulator seines Innenlebens. Die Freude am Erlebnis muss in sich selbst hergestellt werden. Das führt uns zu einer grundlegenden Erkenntnis: Erlebnisse sind nie allein durch äussere Umstände bedingt, sondern Ausdruck meiner inneren Einstellung und Bedingtheit. Die Subjektivität von Erlebnissen zeigt sich alltäglich darin, dass andere Menschen die gleichen Dinge anders empfinden können als ich. Erlebnisse sind Ausdruck einer inneren Reflexion. Erlebnisse werden von Menschen gemacht und als solche Empfunden. Was von aussen kommt, wird durch die subjektive Verarbeitung erst zu einem „echten Erlebnis“. Man könnte extrem formulieren: Wir haben nicht Erlebnisse, sondern wir machen Erlebnisse oder: Wir sind Erlebnisse.

Selbst schreckliche Katastrophen werden heute unterhaltend als Erlebnis präsentiert, damit noch ein schönes Gefühl entsteht. Der Kriegsschauplatz wird aus der ersten Reihe in sicherer Distanz beobachtet, und uns läuft der Schauer über den Rücken. Schulze nennt diese Verdrehung von Negativereignissen eine „Ästhetisierung“ des Alltagslebens. Überhaupt müssen alle Erfahrungen „schön“ sein. Negative Erfahrungen werden verdrängt. Die Erlebnisgesellschaft ist nur auf dem Hintergrund einer ausgeprägten Individualisierung der westlichen Welt zu verstehen. Der Einzelne steht im Mittelpunkt, er bestimmt über sich selbst, ist autonom. Der moderne Mensch hat sich selbst entdeckt. Obwohl es Anfänge des Individualismus schon im antiken Griechenland gab, setzte er sich als gesellschaftliches Leitphänomen erst in der Neuzeit durch. Die Interessen des einzelnen werden hier extrem gegenüber der Gemeinschaft hervorgehoben.

Das Recht auf Vergnügen

Nicht umsonst titulierte man erst neulich die Deutschen als ein Volk voll Egoisten. Sicher kann man ähnliches auch in der Schweiz feststellen. Vor einem Missverständnis muss hier jedoch gewarnt werden. Der moderne Individualismus führt nicht zu einer totalen Vereinzelung des Menschen. Im Gegenteil: Selbst der Individualismus prägt kollektive Strukturen aus. Individualismus ist heute ein Massenphänomen geworden. Selbst in Gruppenprozessen beobachten wir Individualisierungsprozesse. Man kann im Kollektiv leben, und doch Individualist sein. Noch vor wenigen Jahrzehnten kämpften die Menschen auch in Mitteleuropa gegen Armut und Hunger. Hauptthema des Lebens war das Überleben. In einer Gesellschaft, in der keiner mehr hungern muss und viele mit 30 schon alles haben, was sie brauchen, entsteht heute ein verändertes Problembewusstsein. Nicht der alltägliche Kampf ums Überleben steht im Mittelpunkt, sondern das Recht auf Vergnügen.

Die Hausfrau am Küchenherd fragt heute nicht mehr: Werden wir heute etwas zu essen haben, sondern: Was kochen wir denn heute? Wir haben mehr, als wir brauchen. Erleben wird zur neuen Lebensaufgabe. Der Wandel von der Armuts- zur Wohlstandsgesellschaft brachte dieses völlig neue Lebenskonzept mit sich. Die aussengeleitete Überlebensorientierung wird von der innengeleiteten Erlebnisorientierung abgelöst. Wir wissen heute nicht mehr, was Hunger heisst. Deshalb müssen wir andere Bedürfnisse stillen, die in unserer Seele liegen. Nicht mehr die Versorgung ist unser Problem, sondern die Entsorgung. Erlebnisse führen jedoch nie zu einer letzten Befriedigung. Jeder neue Designwandel muss mitgemacht werden, Programmänderungen sind unaufhaltsam. Innovationen werden aufgezwungen. Die Gier nach neuen Erlebnissen ist unstillbar. Ein Schlussverkauf jagt den Nächsten. Ich darf nichts verpassen. Der Zapper am Fernsehen, der mit der Fernbedienung hin und her schaltet, ist Ausdruck der ständigen Angst, etwas zu verpassen.

Dimension der Ewigkeit verloren

Die Ungeduld der Erlebnisgesellschaft hat übrigens einen einfachen Grund, auf den uns ein in der Schweiz lebender Soziologe aufmerksam gemacht hat. Peter Gross aus St. Gallen konstatiert: Die Menschen haben die Dimension der Ewigkeit verloren. Für eine christliche Gesellschaft war die Ewigkeit das erhoffte Ziel im Jenseits, wo Glück und Zufriedenheit herrschen werden. Ich muss nicht alle Ziele hier auf Erden erreichen, denn das letzte Ziel liegt im Jenseits. Heute, wo man den Himmel abgeschafft hat, ist der Mensch gezwungen, alle seine Ziele in den paar Jahren hier auf der Erde zu erreichen. Da die Welt sich um mich dreht, wird der Zeitbegriff verändert. „Weltzeit schrumpft auf Lebenszeit zusammen. Zeit wird Frist.“ Ich brauche 99 Leben, um alles zu erreichen, was ich erreichen will. Durch den neuen Wohlstand verschiebt sich die Wertebene von den Gebrauchs- hin zu den Genusswerten. Die Masse des Brauchbaren macht das Nützliche zur Nebensache.

Wir geben heute nur noch 20% unseres Einkommens für Grundnahrungsmittel aus. Geniessen ist angesagt. Man gönnt sich ja sonst nichts. Spass ist angesagt. In einer neuen Umfrage unter Jugendlichen mit der Fragestellung, was sie besonders mögen, gaben 99% an: Spass haben.

Weder rechts noch links, sondern lustig

Warum fahren Hunderttausende nach Berlin zur Love-Parade, um eine Wochenend-Techno-Party zu feiern? Das Motto des Ganzen hiess: Friede, Freude, Eierkuchen. Es ging nicht um Atomkraft, Bosnien oder Mittelstreckenraketen. „Einfach Fun haben“, heisst die Devise. Die Post muss abgehen. Leichtigkeit ist angesagt. 43% aller Jugendlichen bezeichnen sich als völlig unpolitisch. Man ist weder rechts noch links, sondern lustig. Das Motto der Raver: Wir wollen nur Spass haben. Raven heisst toben, und so tobt man sich aus.

Interessant ist auch zu beobachten, wie die Wissensebene Veränderungen unterworfen ist. Wir haben heute eine unüberschaubare Datenmenge von Wissen zur Verfügung. Der Computer hat das Wissensfeld weiter revolutioniert. Das Internet tut ein Übriges. Wissen liegt für jedermann auf der Strasse. Andererseits hat das Allgemeinwissen bedrohlich abgenommen. Wissen ist explodiert, gemeinsames Wissen implodiert. Es gibt kaum noch gemeinsame Wissensebenen. Daher kommt es, dass sich die modernen Menschen nicht mehr verstehen. Man redet und lebt aneinander vorbei, wenn man keine gemeinsamen Wissens- und Komminikationsebenen mehr hat. „Erlebnisorientierung ist die unmittelbarste Form der Suche nach Glück“, schreibt Schulze.

Die Glückssehnsucht ist unstillbar

Wir wollen glücklich sein, wir haben ein Recht darauf. Das höchste Ziel ist mein persönliches Glück. Es liegt nicht in der Ewigkeit, sondern im Hier und Jetzt. Wir alle sind Hans im Glück. Glück bedeutet, ein Leben nach seinen tiefsten Wünschen und Vorstellungen führen zu können. Unser grösster Traum heisst: Nichts ist unmöglich – Toyota. Wo Erlebnisse zum obersten Lebensziel werden, reisst unweigerlich die Sinnfrage auf. „Was macht mich glücklich?“, ist die Frage aller Fragen. Wieder Schulze: „Menschen, die nach oben wollen, haben Mittelkrisen. Menschen, die oben sind, haben Sinnkrisen“

Peter Berger hat ein Buch auf den Markt gebracht mit dem tiefsinnigen Titel „Sehnsucht nach Sinn: Glauben in einer Zeit der Leichtgläubigkeit“. Er beschreibt darin den Schrei nach Sinn unserer Gesellschaft. Heute bemerkt der Erlebnismensch, dass sein Durst nie gelöscht wird und das Enttäuschungsrisiko bei jedem Erlebnis mitschwingt. Macht mich das Erlebnis wirklich glücklich? Die dauernde Steigerungssucht führt unweigerlich zu einem ständigen Sinndefizit. Erlebnisse geben nur punktuelle Befriedigung. Unsicherheit und Angst vor Enttäuschung sind die beiden klassischen Phänomene eines erlebnisorientierten Lebens und finden sich überall in unserer Gesellschaft.

Mit einem Ceylonurlaub kann man nicht seine Ehe reparieren, Langnese-Eiskrem gibt keinen Lebenssinn. Levis Jeans sind kein Garant für tiefe Freundschaft. Vor allen Dingen sind die künstlichen Glückserlebnisse nur Nebenprodukte des Lebens. Die Plastikwelt der Moderne, in der wir uns alle mit Computer und Chipkarten fortbewegen, führt auf ihrer Rückseite zu einer Sehnsucht nach Echtheit und Authentizität. Wir zweifeln angesichts der künstlichen Welten an der Wirklichkeit. Wer sind wir eigentlich? Was sind unsere wirklichen Bedürfnisse? Man verliert auch in einer zeitlosen Gegenwart das Gefühl für die Zeit und die Gegenwart. Die Künstlichkeit unserer Wahrnehmung macht unsicher. So flieht man in den „Authentic-Mythos“, das „grosse Heimweh“ ist angesagt, lasst uns Nostalgiepartys feiern. In der Spielzeugbranche kommen wieder die alten Brettspiele auf. Holzpuppen contra Gameboy. Das Echte ist das Wahre in uns, das Substantielle, Unwandelbare, Glaubwürdige. Aus diesem Grund sind die alten Hausrezepte wieder in. Werte wie „handgemacht“, „aus eigenem Anbau“ usw. geben dem verlorenen Menschen wieder scheinbaren Halt und Sicherheit. Wir kommen aus der Überfluss- in die Überdrussgesellschaft, wo andere Werte zählen.

Schulzes Gesamtbild der westlichen Gesellschaft, das sich ohne grosse Schwierigkeiten auch auf die Schweiz übertragen lässt, lehrt einem das Fürchten. Der moderne Mensch ist wie ein offener Kanal, durch den alle Neuigkeiten hindurchfliessen müssen. Ruhelos pulsierend kommt nie die Befriedigung. Wir sind abhängig geworden von pausenlosen Erlebnissen, totale Innenorientierung führt zu sozialen Abkapslungen und zu einer gefährlichen Passivität. Der moderne Mensch meint, nichts sei ihm unmöglich, er müsse seine Träume nur noch in die Wirklichkeit umsetzen. Er sucht nach Sinn und erlebt doch nur dauernde Sinndefizite.

Stephan Holthaus http://www.livenet.ch/www/index.php/D/article/34/1478/

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