„Neu“

„Neu“ in der Bibel
Endlich! Ein neues Frühjahr kommt. Während ich hier schreibe türmen sich vor dem Haus immer noch die Schneemassen dieses Musterwinters. Ich schnalle mir ja gerne die Ski unter und gleite über die Loipe, die wie ein neu gemachtes weisses Bett vor mir liegt. Nun reichts aber; Zeit für etwas Neues. Neue Frische, neue Farbe – neue Klamotten. Es muss ja nicht unbedingt der neuste Schrei sein. Und wenn ich aus meiner Frühjahrsmüdigkeit aufwache, fühle ich mich vielleicht wie neu geboren. Also – auf ein Neues! Es muss ja nicht gleich ein neues Auto sein. Aber die neue Energie einsetzen, um neue Wege zu gehen, zu neuen Ufern aufzubrechen, ein neues Glück zu finden – oder doch wenigstens dem Alten etwas Neues abgewinnen. So viel Neues, das mich in meinem Frühlingserwachen bewegt. Um handfester zu werden: Neu hat für mich drei Bedeutungsfelder. Zuerst steht neu für „wieder“. Der neue Frühling ist die jahreszeitliche Wiederkehr einer auflebenden Zeit. Wenn ich mich neu meiner Arbeit widme, dann sagt das nicht immer etwas über die Qualität aus. Zunächst bin ich nur wieder dran. Selbst ein fähiger, jüdischer Theologe namens Nikodemus dachte bei Jesu Wort, dass er von neuem geboren werden müsse, zuerst nur an eine Wiederholung seiner Geburt. Die Wiederholung wird aber als neue Chance gesehen. Neu bedeutet dann „unbenutzt“. Ob das nun ein neues Kleid ist oder ein neues Grab. Es ist noch nicht abgenutzt, nicht durch Benutzung geprägt oder gar verunreinigt. Das ist ja das Verlockende an einem Neuanfang. Wir hoffen, dass uns eine Tabula rasa, ein unbeschriebenes Blatt vorgelegt wird. Und dann, das ist die dritte Bedeutung, kann etwas „Neuartiges“ entstehen. In unserer Zeit brauchen wir neue Techniken, auch neue Ausbildungskonzepte. In der Bibel finden wir einen neuen Bund, ein neues Leben, eine neue Lehre, einen neuen Weg, auch neue Lieder oder neue Zungen, mit denen wir das Neue ausdrücken. Es liegt eine Steigerung in diesen Bedeutungsfeldern: wieder – unbenutzt – neuartig. Letzteres birgt das grösste Potenzial. Beim Nachdenken kam ich darauf: Das Neuartige kann aus der Umwandlung des Alten hervorgehen. Sozusagen nach dem Motto: Aus alt mach neu. Dazu haben wir als Menschen intellektuelle und kreative Fähigkeiten. Es kann viel Neues gemacht werden. Viel davon kann positiv verändern. Das Neuartige kann aber auch im eigentlichen Sinne neu geschaffen werden. An dieser Schwelle müssen wir demütig dem Schöpfer das Feld überlassen. Die Kraft, die hier nötig ist, übersteigt unsere geschöpfliche. Selbst der mächtige, listenreiche und immer neue Schliche webende Teufel kann hierin nicht sein wie Gott. Er ist keiner, der neu schafft. Er kann nur das Geschaffene verballhornen und verschlimmbessern. Letztlich lenkt er es dann ab von der guten Zielsetzung, die der Schöpfer der Welt gab und zerstört sie. In der Bibel – namentlich im Neuen Testament – findet sich die Verheissung einer neuen Erde und eines neuen Himmels. Ein neues Jerusalem, eine neue Welt wird von Gott geschaffen. Nicht Auswanderer aus der alten Welt werden sie gründen und dabei ihre alten Probleme mitbringen. Zwar werden Menschen sie bevölkern, die dem Ruf aus der alten Welt heraus gefolgt sind. Aber nicht wir werden uns unser Paradies zurechtschustern. Schon einmal ging es schief, als der Mensch das Gebot Gottes ignorierte, von dem Baum ass und nach eigener Erkenntnis des Guten und Bösen seine Massstäbe einführte. Die neue Welt wird Gott durch den gestalten, der sich bis zum Letzten als Gott hingegeben erwiesen hat: Jesus Christus ist würdig, die neue Welt zu formen. Und siehe, er wird dort alles neu machen. Tränen, Tod, Leid, Geschrei, Schmerz, Krankheit, Vergänglichkeit werden dann aufhören. Unvorstellbar für uns, deren Realität nachweislich von diesen Nöten geprägt wird. Es klingt für uns wie Zukunftsmusik. Den vorderen Wortbestandteil „Zukunft-“ aufmerksam wahrzunehmen, ist nicht verkehrt. Es ist eben noch nicht da. Dieser Teil des neu schaffenden Wirkens Gottes wird von uns erwartet und ist von Gott verheissen. Deshalb ist es kein Warten auf Godot, sondern die frohe Hoffnung derer, die Gott vertrauen. Einmal werden wir sie sehn, Gottes neue Welt. So schön diese Perspektive auch ist – es wäre verhängnisvoll, wenn wir nur von ihr träumen. Der Jesus, der einmal alles neu machen wird, ist bereits gekommen, um Neues zu schaffen. Als er beglaubigt von Gott und bevollmächtigt vom Heiligen Geist auftrat, lautete seine Botschaft: Die Königsherrschaft Gottes ist gekommen. Das, was die Juden aufgrund alttestamentlicher Aussagen von der kommenden, der neuen Zeit erwarteten, wurde von Jesus als präsent proklamiert. Denn dort, wo der König ist, dort ist auch seine Herrschaft zu finden. Darum ist es seit damals möglich, das Neue zu erleben. „Tut Busse!“ forderte Jesus seine Hörer auf. Kehrt ab von euren gottlosen Wegen, aber auch von eurem frommen Bemühen, es Gott recht zu machen. Wenn ihr ins Reich Gottes kommen wollt, müsst ihr von Neuem geboren werden. Das können wir nicht machen. Das tut Gott, wenn wir Jesus als Heiland und Herrn vertrauen. Dann vollzieht sich das Neue „durch Wasser und Geist“. Das heisst durch Gottes reinigendes und umgestaltendes Wirken wie es schon im Propheten Hesekiel verheissen war. Vollzogen wird diese neue Geburt durch Jesus Christus, der als Lamm Gottes unsere Sünden wegträgt und so reinigt, und der uns mit dem Heiligen Geist tauft und so die heiligende Veränderung wirkt. Wo sich jemand so zu Jesus hinwendet, geschieht eine Instant-Umwandlung. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Nein, wie oben gesagt – nicht alles ist neu geworden. Aber das Entscheidende ist geschehen: Neues Leben, Leben von der Wesensart Gottes, ewiges Leben ist in dieser Person eingezogen. Sie ist eine neue Kreatur. Das neue Leben, das Jesus dem Glaubenden schenkt, beinhaltet Vergebung und Ausrüstung. Beides ist wichtig, damit wir in diesem neuen Leben wachsen können. Vergebung ist die Reinigung von Altlasten. Frisch gewaschen und wie neu aus dem Ei gepellt ist das neue Leben da. In gewisser Weise ist es ganz neu und unbenutzt. Auf dieses neue Blatt kann nun Neues geschrieben werden. Die Entschuldung ist rechtskräftig, ein Neustart ist möglich. Dazu kommt das andere: Jesus gibt uns eine Ausrüstung. Ob wir es nun das Teilhaben an seinem Auferstehungsleben nennen oder die Gabe der Kraft aus der Höhe – gemeint ist, dass nicht nur ein neuer Anfangspunkt gesetzt ist, sondern auch die Voraussetzungen für eine neue Lebensführung gegeben sind. Dazu gehört die neue Beziehung zu Gott als Vater, der neue und immer offene Zugang zu ihm durch Jesus Christus und die von seinem Heiligen Geist geleitete und geführte neue Kommunikation. Nur so können wir den neuen Weg gehen. Das Neue ragt aber nicht nur steil in die Höhe, es ist auch horizontal. Zu der neuen Beziehung zu Gott tritt die neue Beziehungsfähigkeit zum Mitmenschen. Die neue Lebenskraft wird durch ein neues Gebot in die rechte Richtung gewiesen: Liebt einander! Mit einem neuen Auftrag will Jesus sicherstellen, dass das neue Leben möglichst alle erreicht. Darum: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Das ist der Teil, der jetzt schon neu gemacht wird. Und zwar bei jedem und jeder, die wirklich an das glaubt, was Jesus ist und tut. Eigentlich war der Zustand davor gar kein Leben. Aus Gottes Sicht herrschte da der Tod. Jetzt aber lebt der neue Mensch. Er lebt im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens. Es ist ein „neuer Teig“, ohne versäuerten Beigeschmack. Damit verbunden bleibt die Herausforderung, den eigenen Geist, das Denken, den Sinn zu erneuern und neu auszurichten. Sucht nun das, was droben ist, was dem Erhöhten Herrn entspricht. Zieht euch so an, wie es dem neuen Menschen entspricht: mit herzlichem Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, gegenseitigem (Er)Tragen und Vergebung. Was innen drinnen, im Herzen, neu begonnen hat, wird also auch nach aussen sprudeln. Wes des Herz voll ist, des geht der Mund über. Herz, Mund und Hände werden zum Ausdrucksmittel der neuen Lebensfor
m. Das neue Leben intoniert ein neues Lied, das den Gott, der Neues schafft, ehrt. Neue Formen sind dann nicht nur unvermeidlich, sie gehören zwangsläufig dazu. Auf ein altes Kleid passt eben kein neuer Flicken. Der neue Wein sprengt die alten Schläuche. Die christliche Gemeinde hat von Anfang an erlebt, wie das Neue die alten Formen und Traditionen verändert hat. Das ist gut und der neuen Sache angemessen. Es ist ein neuer Bund, den Christus aufgerichtet hat. Aber die Betonung liegt nicht auf „neu“. Das Neue wächst aus dem Bund, den Christus einsetzte. Es ist der Bund in seinem Fleisch und Blut, in seiner Person. Der Bund, der auf dem einen Grund gebaut ist, den Jesus Christus gelegt hat. Darum geht es nicht einfach um eine Neologie, eine Neoorthodoxie, eine Neopraxis oder eine Libido nach Neuem. Ein Mensch, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, der nun auch in der göttlichen Schrift gelehrt ist, gleicht einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt. Es kommt ja nicht nur auf die neuen Formen an, es braucht nicht nur die gärende Kraft des neuen Weins; gerade auch der alte Wein ist wertvoll. Diesen alten Wein, der im Werk Jesu gereift ist, im Nachdenken darüber vergärt und in der Nachfolge gehaltvoll wird, den möchte ich als Christ geniessen. Um die Metapher weiter zu zeichnen: Wenn ich dann trunken werde und neues Verhalten an den Tag lege, dann ist das okay. Denn das Neue, das Christus brachte und in mein, in unser Leben einpflanzte, das sprosst zu neuen Lebensformen. Ein letzter Gedanke: Beim Nachspüren der neuen Dinge im Neuen Testament stiess ich auch auf die „neue Ungerechtigkeit“. Menschen, die sich hingegeben haben an den Dienst der Unreinheit und Ungerechtigkeit, bringen auch Neues hervor. Aber eben immer neue Ungerechtigkeit. So sehr wir das Neue wollen, so darf für uns als mit Jesus Verbundene nur gelten: Wir geben unser Leben, unsere Glieder hin an den Dienst der Gerechtigkeit, dass sie heilig werden. Das bewahrt vor Neuerungen, die aus der gefallenen Lebensausrichtung stammen; das hilft zu Neuerungen, die wirklich von Gott durch Jesus Christus geschaffen sind und durch seinen Geist verwirklicht werden. Dazu schenke uns der segnende Herr eine neue Motivation und jeden Tag neu seine kräftigende Gnade.

Dr. Roland Scharfenberg

http://www.periodical.ch/content/view/25/69/ http://www.igw.edu/new_web/downloads_zeitschriften.htm

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