Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen Vom Himmel reden und vom Himmel schweigen

Warum schweigen wir vom Himmel?
1. Der Verdacht der Jenseitsvertröstung
Der englische Literaturwissenschaftler C.S. Lewis beschließt sein Buch “Über den Schmerz” mit einem Kapitel über den Himmel, welches mit den Worten beginnt: “Wir sind heutigentags sehr schüchtern, den Himmel auch nur zu erwähnen. Wir fürchten uns vor dem Spott über die Kuchen im Himmel. Wir hören sehr ungern den Vorwurf, wir suchten uns zu drücken vor der Pflicht, hier und jetzt eine bessere Welt zu schaffen und träumten stattdessen von einer glücklichen Welt anderswo.” Ich glaube, dass sich viele mit dieser Aussage identifizieren können. Ist nicht der Glaube an den Himmel, der Glaube also an die Kuchen im Himmel, doch eine Jenseitsvertröstung? Menschen, die hier auf Erden zu kurz kommen, hoffen, dass es ihnen später – im Himmel – besser geht. Oder solche, die sich hier nicht einsetzen und mühen für das Wohl einer besseren Welt, verschieben alles auf eine spätere Welt. Dieser Vorwurf der Jenseitsvertröstung ist besonders stark im vergangenen Jahrhundert geäußert geworden, und ich möchte drei klassische Beispiele dafür zitieren.

Zunächst Heinrich Heine, der im Jahre 1831 ins Exil nach Paris gegangen ist und im Jahre 1843, also 12 Jahre später, erstmals wieder Deutschland besucht hat. Was er da erlebt und worüber er dabei nachgedacht hat, hat er in seinem Gedicht “Deutschland, ein Wintermärchen” zum Ausdruck gebracht.

Im traurigen Monat November war’s,die Tage wurden trüber,
der Wind riss von den Bäumen das Laub, da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,da fühlt’ ich ein stärkeres Klopfen in meiner Brust,
ich glaube sogar,die Augen begannen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm, da ward mir seltsam zumute;
ich meinte nicht anders, als ob das Herz recht angenehm verblute.

Ein kleines Harfenmädchen sang, sie sang mit wahrem Gefühle
und falscher Stimme, doch ward ich sehr gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram, Aufopferung und Wiederfinden
dort oben in jener besseren Welt, wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal, von Freuden, die bald zerronnnen,
vom Jenseits, wo die Seele schwelgt verklärt in ew’gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied, das Eiapopeia vom Himmel,
womit man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,ich kenn auch die Herren Verfasser,
ich weiß, sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied, o Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein und wollen nicht mehr darben,
verschlemmen soll nicht der faule Bauch, was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug für alle Menschenkinder,
auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust und Zuckererbsen nicht minder.
Ja, Zuckererbsen für jedermann, sobald die Schoten platzen! Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.

Soweit der Anfang dieses Gedichts von Heine. Was auffällt, ist der große Optimismus. Ein neues Lied, ein besseres Lied. Wir wollen das Himmelreich auf Erden schaffen, wir wollen auf Erden glücklich sein. Es ist genug da für alle. Wir wollen keine Vertröstung im Leid, wir wollen keine Entsagung in der Trauer, wir wollen keine bessere Welt woanders, nein, wir wollen hier und jetzt eine bessere Welt. Die Urheber dieser Vertröstungen sind nach Heine die Pfaffen, die Wasser predigen, aber selbst Wein trinken.

Einer, der wahrscheinlich bekannter ist in der Frage nach Jenseitsvertröstung, ist Ludwig Feuerbach, der sich in den gleichen Jahren wie Heine ebenfalls mit der Frage nach Diesseits und Jenseits, Erde und Himmel beschäftigt hat. Feuerbach schreibt: “Der Zweck meiner Schriften ist, die Menschen aus Theologen zu Anthropologen, aus Theophilen zu Philanthropen, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus religiösen und politischen Kammerdienern der himmlischen und irdischen Monarchie und Aristokratie zu freien, selbstbewußten Bürgern der Erde zu machen. An die Stelle des Glaubens ist der Unglaube getreten, an die Stelle der Bibel die Vernunft, an die Stelle der Religion und Kirche die Politik, an die Stelle des Himmels die Erde, an die Stelle des Gebets die Arbeit, an die Stelle der Hölle die materielle Not und an die Stelle des Christen der Mensch.”

Feuerbach – vielleicht nicht ganz so fröhlich, aber doch ähnlich optimistisch wie Heine in den gleichen 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Für Feuerbach ist Gott ein an den Himmel projiziertes Spiegelbild der menschlichen Natur. Der Gott des Menschen ist nichts anderes als das vergötterte Wesen des Menschen. Nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, sondern der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde. Die Götter sind die in wirkliche Wesen verwandelten Wünsche des Menschen. Wie dein Herz, so dein Gott. Soweit Feuerbach.

Es gibt noch einen Dritten, der im letzten Jahrhundert die These vertreten hat, dass der Glaube an den Himmel und an das Jenseits ersetzt werden muss durch den Glauben an das Diesseits und die Erde – Sigmund Freud. Auch für Freud, einige Jahrzehnte nach Heine und Feuerbach, ist Religion nur Wunschdenken, nur Illusion. Er zitiert den Satz von Heine: Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen. Der Mensch muss erwachsen werden, muss aus eigener Kraft und mit Hilfe der Wissenschaft die Wirklichkeit bewältigen und zugleich die unabwendbaren Schicksalsnotwendigkeiten mit Ergebung ertragen lernen. Was soll dem Menschen die Vorspiegelung eines Großgrundbesitzes auf dem Mond, von dessen Ertrag doch niemand je etwas gesehen hat? Hier wird der Himmel etwas konkretisiert mit dem Großgrundbesitz auf dem Mond.

Was ist zu diesem Vorwurf der Jenseitsvertröstung zu sagen?
Ist die Wunsch- und Projektionstheorie von Feuerbach und Freud wirklich schlüssig? Der Philosoph Eduard von Hartmann hat im Jahre 1906 den entscheidenden Satz gegen diese These formuliert, indem er sagte: “Feuerbachs ganze Religionskritik beruht… auf einem logischen Fehlschluss. Wenn die Götter Wunschwesen sind, so folgt daraus für ihre Existenz oder ihre Nichtexistenz gar nichts”.   Wir wissen alle, dass es Wünsche gibt, Wünsche, die in Erfüllung gehen, und Wünsche, die nicht in Erfüllung gehen. Man kann aber nicht sagen: Weil ein Mensch etwas wünscht, gibt es das nicht. Die eigentliche Grundlage der Illusions- und Projektionstheorie von Feuerbach ist ein logischer Fehlschluss.

Trotzdem hatten die Gedanken von Feuerbach und Freud eine starke suggestive Wirkung. Sie haben den Menschen vermeintlich in die Lage versetzt, endlich den Gottesglauben durchschauen zu können. Sie gaben ihm das Überlegenheitsgefühl, sich nun die Entstehung der Religion erklären zu können. Aber dieses Überlegenheitsgefühl beruht auf einem logischen Fehlschluss. Wünsche sagen über die Wirklichkeit nichts aus. Die allein interessante Frage, um es in den Worten C.S. Lewis’ zu sagen, lautet stattdessen: Gibt es nun die Kuchen im Himmel, oder gibt es sie nicht?

Feuerbach kann übrigens nicht erklären, warum die Götter in manchen Religionen eher furchterregende Wesen sind, die doch kaum als Wunschprojektion erklärt werden können. Oder man kann auch sagen, Wunschvorstellungen könnten ja auch bei denen vorliegen, die sagen, es gebe keinen Gott. Dass jemand Gott wünscht oder wünscht, dass es keinen Gott gibt, sagt nichts aus über die Realität Gottes. Die Frage des Wunschdenkens von Feuerbach und Freud führt uns in der Frage nach Gott nicht weiter.

Der Münchner Philosoph Robert Spaemann hat zum Vorwurf der Jenseitsvertröstung geschrieben: “Ja, die christliche Hoffnung tröstet, indem sie vertröstet, indem sie auf den Tag verweist, an dem alle Tränen getrocknet werden. Aber ist es nicht so in unserer Welt bei allen Heilungen, bei allen Krankheiten: Ein Kranker wird getröstet, indem er vertröstet wird. Nach dieser, vielleicht schmerzhaften Behandlung wird es besser. Ein Vorwurf wäre an diese Vertröstung nur zu richten, wenn die Zukunftsaussicht, die man ihr gibt, eine Illusion wäre.”

Auch für Spaemann ist – wie für C.S. Lewis – die Frage der Jenseitsvertröstung die Frage nach der Wahrheit. Kommen die Verheißungen zur Erfüllung, oder kommen sie nicht zur Erfüllung?

Bedenkenswert ist hier auch Spaemanns Aussage, dass es sich bei allen menschlichen Utopien im eigentlichen Sinn um Vertröstungen auf eine spätere Zeit handelt. Alle menschlichen Utopien geben eine Prämie auf’s Später-Kommen. Leider bist du jetzt geboren und lebst jetzt. Aber die klassenlose Gesellschaft, das Reich Gottes auf Erden, das wird jetzt erst errichtet, es kommt später, du bist leider zu früh geboren. Bürgerlich heißt der Satz: Meine Kinder sollen es einmal besser haben. Darin liegt der gleiche Wunschgedanke, dass die Späteren es einmal besser haben werden. Alle Utopien vertrösten in diesem Sinne. Sie verheißen etwas für den Später-Kommenden, aber nicht für den, der jetzt lebt. Spaemann stellt ein Wort aus 1. Thess. 4 dagegen, wo Paulus sagt, bei der Wiederkunft Christi wird es keinen Unterschied geben zwischen den Menschen, die leben, wenn Jesus Christus wiederkommt, und denen, die gestorben sind. Keiner wird einen Vor- oder Nachteil davon haben, in welchem Abschnitt der Geschichte er gelebt hat. Es gibt beim Christen keine Prämie aufs Später-Geborenwerden oder aufs Früher-Geborenwerden.

In der Diskussion um die Jenseitsvertröstung möchte ich noch den Münsteraner Philosophen Josef Pieper zitieren. Er wies den Vorwurf der Jenseitsvertröstung an die zurück, die wie der Marxismus die Frage des Todes ausklammern. Er schreibt: “Wenn es keine ‚jenseitige’, das heißt, auf der anderen Seite des Todes realisierbare Hoffnung gibt, dann gibt es überhaupt keine Hoffnung. Und die Aussicht, dass es möglicherweise nach Jahrhunderten auf der Erde eine ‚klassenlose’… Gesellschaft… geben wird – diese Aussicht geht mich als Hoffenden nur dann wirklich etwas an, wenn sie auf irgendeine Weise verknüpft gedacht werden kann mit der mein selbsteigenes Schicksal auf der anderen Seite des Todes betreffenden ‚jenseitigen’ Hoffnung. Die dezidiert ‚diesseitigen’, rein innergeschichtlichen Zukunftserwartungen hingegen, in welchen der Tod und die uns allen bevorstehende, im striktesten Sinne ‚unsrige’ Zukunft einfach außer Betracht gelassen ist – diese Zukunftsvisionen sind, gerade sie, in genauer Umkehrung der üblichen Rede, so etwas wie ‚Jenseitsvertröstung’, ein völlig abstrakter, trügerischer Trost, der den Menschen auf etwas hinweist, das in der Tat ganz und gar ‚jenseits’ seiner konkreten Existenz liegt.”

2. Wirhaben es uns gut eingerichtet
Sie kennen vielleicht diese Geschichte von dem Seesturm. Ein Bischof war auf einem Schiff, das unterzugehen drohte. Er geht zum Kapitän und fragt ihn: Wie sind denn die Aussichten? Daraufhin sagt der Kapitän: Wenn der Sturm anhält, sind wir in einigen Stunden alle im Paradies. Darauf der Bischof: Gott bewahre uns davor! Es könnte ja sein, dass wir ähnliche Gedanken haben. Gott bewahre uns davor, weil wir, wie es Manfred Siebald in einem seiner Lieder singt, uns ja so schön hier eingerichtet haben. Es könnte sein, dass das Schweigen vom Himmel damit zusammenhängt, dass wir uns mit dem Leben, wie es hier ist, zufrieden geben und darüber hinaus gar nichts mehr erwarten.

3. Wir haben vom Himmel eine falsche Vorstellung
Nur wenige werden sich den Himmel genau so vorstellen, wie er in dem Stück “Der Münchner im Himmel” dargestellt wird. In diesem Stück von Ludwig Thoma muss der Münchner vormittags und nachmittags abwechselnd Halleluja oder Hosianna singen, und er findet das ausgesprochen langweilig. Man hat keine große Sehnsucht, dorthin zu kommen. Aber vielleicht ist diese beschriebene Langeweile etwas Menschliches, weil wir alles, auch das, was wir als Glück oder als Freude empfinden, immer nur in dieser (endlichen) Zeit sehen und erleben. Aber Gott ist nicht langweilig. Das kann man sich ganz leicht klar machen, wenn man sich mit der Schönheit in der Natur oder in der Musik beschäftigt – oder mit der Freundschaft. Gott ist kreativ und schöpferisch und liebt die Vielfalt. Wenn unsere Vorstellungen vom Himmel langweilig sind, dann liegt das daran, dass wir selbst langweilig sind. Interessanterweise redet die Bibel vom Himmel nicht sehr konkret. Sie spricht in der Verneinung: Eine Welt ohne Leid, ohne Tod, ohne Bitterkeit. Oder sie spricht von Straßen aus Gold, um etwas von der Beständigkeit und Großartigkeit, vom Glanz deutlich zu machen, aber sie ist wenig konkret darin, wie es dort zugeht. Wir können eins ganz sicher sagen von dem her, was wir in dieser Welt an Schönem bereits erleben: Gott ist kein Gott der Langeweile.

Soweit drei Gründe, warum Menschen heute, gerade Christen, vom Himmel schweigen.

Warum sollten wir vom Himmel reden?
1. Christen sollten vom Himmel sprechen, weil der Himmel unsere wahre Heimat ist
Im Deutschen hängen die Worte Heimat und Himmel sprachlich zusammen. Paulus schreibt in Phil. 3,20: “Unsere Heimat ist im Himmel”. Der Himmel – der Wohnort Gottes und der Wohnort der Erlösten – ist für uns gemacht. Er ist unsere Berufung. Wer nicht dorthin will, sondern sich mit dem Leben hier abfindet, der lebt unter seiner Berufung und gibt sich mit zu wenig zufrieden. Gott möchte uns mehr geben als das, was wir hier haben. Wir sind für mehr gemacht als nur für diese vergängliche, sichtbare Welt.

2. Christen sollten vom Himmel sprechen, weil der “Verlust des Himmels” auch andere Verluste nach sich gezogen hat.
Ich möchte drei Punkte nennen, die auch in der modernen Philosophie diskutiert worden sind: Der Verlust des Himmels (oder der Verlust des Glaubens ans Jenseits) führt zum Verlust der Gewißheit, zum Verlust der Gnade und zum Verlust der Hoffnung.

2.1. Verlust der Gewißheit
Mit dieser Frage hat sich vor allem der polnische Philosoph Leszek Kolakowski auseinandergesetzt und geschrieben, dass im 18. und auch noch in der ersten Hälfte des I9. Jahrhunderts die Atheisten fröhlich waren. Wir haben davon noch einen Widerhall gefunden in dem Gedicht von Heine, etwas auch noch bei Feuerbach. Sie waren optimistisch und fröhlich. Wenn wir die Ketten von Kirche und Staat abwerfen, dann kommt das Himmelreich auf Erden, die neue, freie Welt. Aber sehr bald, schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ganz besonders stark bei Nietzsche, änderte sich diese Situation. Auf einmal wurde dem Menschen bewußt, dass der Verlust Gottes, der Verlust des Himmels auch Verlust der Gewißheit bedeutet, der Gewißheit darüber, warum wir leben und wer eigentlich die Schöpfung zusammenhält. Wer garantiert die Gesetzmäßigkeit der Sterne und des Weltalls, wer garantiert unser Denken, unsere Ethik? Und so, schreibt Kolakowski, wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus dem fröhlichen Atheismus ein sehr pessimistischer, nihilistischer Atheismus. Man wird im 20. Jahrhundert in der Literatur kaum noch Atheisten finden, die fröhlich sind. Wer Kafka oder Sartre oder Camus liest, spürt es: da kommt keine rechte Freude auf.   Schon bei Nietzsche steht mehr der Mensch im Mittelpunkt, der “zur Freiheit verdammt” ist und der sich auf einmal als einen unter Millionen sieht.

Als Christen haben wir etwas dazu zu sagen, dass der Mensch nicht ein Produkt von Unfall, Zufall oder Notwendigkeit ist, sondern dass er von einem liebenden Gott geschaffen ist. Und deshalb müssen wir auch etwas sagen über diesen Gott und über die Zielsetzung unseres Lebens.

2.2. Verlust der Gnade
Das ist ein Gedanke, den der Gießener Philosoph Odo Marquard entfaltet hat.   Er sagt, es wird in der europäischen Geistesgeschichte das Stück “Die Gerichtsverhandlung” gespielt mit dem Thema “Wer ist für das Böse in der Welt verantwortlich?”. In der Antike saß der Mensch auf der Anklagebank, und Gott war der Ankläger. Aber der Mensch wurde christlich freigesprochen – aus Gnade. Gott hat ihm die Freiheit gegeben.
Interessanterweise erscheint bei Augustin in seiner Autobiographie zum ersten Mal überhaupt in der Weltliteratur ein Eingeständnis auch eigener Schuld. Bis heute ist es eher so: Wenn Leute Biographien schreiben, steht immer nur darin, warum sie so gut waren und warum die anderen Schuld hatten an diesem oder jenem. Weil er von Gott begnadigt ist, kann Augustin es sich leisten, in seinen “Bekenntnissen” zu schreiben, dass er Fehler begangen hat, dass er ein Sünder ist. Er kann aus Gnade leben.
Nach Marquard hat in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine große Veränderung stattgefunden: Auf einmal hatte man nicht mehr den Menschen auf der Anklagebank, sondern Gott. Der Mensch hat nun Gott gefragt: Woher kommt eigentlich das Böse in der Welt? Und dann, so schreibt Marquard, hat der Mensch Gott freigesprochen “wegen der erwiesensten aller Unschuld, wegen Nichtexistenz”. Doch damit war das Problem des Bösen noch nicht gelöst. Das Böse war immer noch da, auch nachdem man Gott für nichtexistent erklärt hatte. So war der Mensch auf einmal beides geworden, der Ankläger und der Angeklagte. Wie hält er das aus? Marquard sagt, man hält es nur dadurch aus, dass man die Menschen in gute und böse einteilt. Und deshalb haben alle modernen Philosophien einen Feind, den sie bekämpfen; sie brauchen ein Feindbild. Es muss ja irgendeiner für das Böse in der Welt verantwortlich sein. Ich bin es nicht, das steht fest, also kannst nur du es sein. Es gibt eine Flucht, so Marquard, vom Gewissen-Haben ins Gewissen-Sein oder, anders formuliert, man entkommt dem Tribunal, indem man es wird. Hieraus entstanden später im 20. Jahrhundert die totalitären Systeme, die zu totalitären Staaten wurden, der Kommunismus und der Faschismus.

Christen haben etwas zu diesem Verlust der Gnade zu sagen. Vergebung ist möglich, und Menschen können angesichts des Bösen nur leben, indem sie ihre Fehler und ihre Schuld zugeben und gleichzeitig auch Vergebung erfahren.

2.3. Verlust der Hoffnung
Hiermit hat sich vor allem Josef Pieper beschäftigt. Von Hoffnung kann man nur sprechen, wenn es um Dinge geht, die man nicht selber machen kann, die von außen auf uns zukommen. Er nennt uns zwei einfache Beispiele: Wenn wir einen Schreiner bitten, er solle uns einen Schreibtisch in einer bestimmten Größe herstellen, und der Schreiner sagt: “Ich hoffe, ich mache es so” – dann werden wir besser den Schreiner wechseln. Entweder kann er das, oder er kann es nicht. Es ist keine Frage seiner Hoffnung. Wenn der Vater zum Sohn sagt: “Ich hoffe, du wirst fleißiger in der Schule”, dann ist das der richtige Gebrauch des Wortes Hoffnung. (Wenn der Sohn sagt: “Ich hoffe das auch”, muss man darüber nochmal nachdenken.) Wir sprechen von Hoffnung also nur bei Dingen, die wir nicht selber herbeiführen können. Wenn es aber keinen Gott gibt, was gibt es dann zu hoffen?

Interessanterweise fehlt in allen philosophischen Lexika des Marxismus der Begriff ‚Hoffnung’. Die Frage nach der Hoffnung muss, wie Kant gesagt hat, religiös beantwortet werden. Oder anders gesagt: Der Mensch kann selber nichts dazu beitragen, dass Hoffnung sich erfüllt. Deshalb ist das Gebet der stärkste Ausdruck der christlichen Hoffnung. Denn im Gebet wenden wir uns an Gott, und wir gehen davon aus, dass wir uns selbst nicht (mehr) helfen können. Gebetslosigkeit ist auch Hoffnungslosigkeit. Wer nicht betet, glaubt entweder, dass er alles alleine schafft oder dass ihm niemand helfen kann. Beides ist gleich hoffnungslos. Deshalb bedeutet Verlust des Himmels und Verlust Gottes auch Verlust der Hoffnung. Deshalb die Hoffnungslosigkeit unserer Welt, und deshalb müssen wir Christen vom Himmel sprechen, um dem Verlust der Hoffnung entgegenzuwirken.
Nun geht es nicht nur um die private Hoffnung, die Hoffnung auf die eigene Auferstehung. Es geht um mehr, wie das Gespräch des deutschen Philosophen Horkheimer mit einem Journalisten kurz vor seinem Tode zeigt: Der Journalist fragt: “Glauben Sie, dass es Gott gibt?” Horkheimer antwortet: “Ich fürchte, es gibt keinen Gott.” Warum er das fürchte? Manche fänden es doch gut, dass es keinen gebe. Horkheimer antwortete sinngemäß: Wenn es keinen Gott gibt, dann gibt es auch keine Gerechtigkeit, denn alles, was wir sehen können in dieser Welt, ist, dass es keine Gerechtigkeit gibt. Es gibt in der Geschichte keine Gerechtigkeit für die Opfer und die Täter.   Was soll man den Menschen sagen, die in Auschwitz und den Archipels Gulags umgekommen sind? Wo ist die Gerechtigkeit? Wenn es keinen Gott gibt, wird es sie nie geben. Auch deshalb sollten Christen vom Himmel sprechen, weil sie wissen, dass es eine Gerechtigkeit gibt für Opfer und für Täter, dass es auch einen Trost gibt für das Leid, und dass einmal alle Tränen abgewischt werden. Innerhalb dieser Welt gibt es nur vorübergehende Tröstungen, keine wirklich tiefgreifende Antwort auf die Tragiken und Absurditäten des Lebens. Aber es gibt die Verheißung der neuen Welt, in der Gerechtigkeit wohnt und die Verheißung, dass der Jesus Christus, den Gott von den Toten auferweckt hat, Richter über Lebende und Tote sein wird und gerecht richten wird. Der Schweizer Dichter Kurt Marti hat einmal geschrieben: “Das könnte manchen Herren so passen wenn mit dem Tode alles beglichen… [und] für immer bestätigt wäre”, dass es keine Auferstehung der Toten gibt. Nee, nee, es kommt nochmal alles zur Sprache. So einfach nicht.

3. Christen sollten vom Himmel sprechen, weil das Wissen um den Himmel frei macht zum Dienst für andere
Wenn es so schön im Himmel ist, könnte man fragen, warum denn die Christen nicht direkt in den Himmel gehen? Paulus schreibt in Phil. 1: “Es wäre besser, bei Christus zu sein, aber es ist notwendiger, hier zu sein um euretwillen.” Er versteht sein Leben hier als einen Dienst, den er tut, weil Christus es möchte. Paulus fügte nicht hinzu: ‚Die paar Jahre kriege ich auch noch rum’, sondern: Das Leben hier bedeutet mir ein fruchtreiches Schaffen. In der Nachfolge Jesu hat das, was wir tun, Bestand für die Ewigkeit. Der Vorwurf, dass diejenigen, die auf den Himmel hoffen, in dieser Welt passiv sind, ist historisch leicht widerlegbar. Carl-Friedrich von Weizsäcker hat dazu geschrieben, dass die Christen wie niemand sonst diese Welt verändert haben, gerade die Christen, die an das baldige Ende der Geschichte geglaubt haben. Warum haben sie diese Welt so verändert? Deshalb, weil sie sich um ihren Nächsten gekümmert haben. Kaiser Julian (4. Jh.), ein Gegner der Christen, schrieb: “Der Erfolg der Christen besteht darin… Sie kümmern sich nicht nur um ihre eigenen Leute, sondern sie kümmern sich sogar um unsere Armen und Kranken.”
Die Hoffnung auf den Himmel hat Menschen in Bewegung gesetzt. Vielleicht kann überhaupt nur die Hoffnung auf den Himmel uns dauerhaft in Bewegung setzen, weil dort ja für uns gesorgt ist. Wer glaubt, dass er nur dieses Leben hat, der muss es natürlich vollpacken und raffen, was er bekommen kann. Wer aber weiß, dass dieses Leben nur ein vorübergehendes ist, nur ein Geschenk auf Zeit, der kann sich loslassen, kann sich einsetzen für andere, so wie Paulus. Wenn wir vom Himmel sprechen, dann sollten unsere Taten nicht zum Himmel schreien, so wie es Manfred Siebald in einem Lied gedichtet hat. Vielleicht sind ja Heine, Feuerbach und andere (zu) vielen Menschen begegnet, bei denen Wort und Tat nicht übereingestimmt haben.

4. Christen sollten vom Himmel sprechen,   damit die Menschen um uns herum nicht nach einem falschen Himmel suchen

In Pred. 3,11 steht, dass die Sehnsucht nach Ewigkeit in unsere Herzen gelegt ist. Ich glaube, alle Menschen ahnen, dass es mehr gibt als die sichtbare, vergängliche Welt. Sie spüren bei jeder Erfahrung von Schönheit oder Freude oder auch von Schmerz und Trauer, dass hier nicht unsere wahre Heimat ist. Auch hier ist die deutsche Sprache sehr interessant, denn das Wort “leiden” kommt vom mittelhochdeutschen “lidan” und heißt “in die Fremde ziehen”. Wer leidet, hat den Eindruck, dass er hier in der Fremde ist. Das deutsche Wort Elend heißt eigentlich “außer Landes sein”.

Es hat mich sehr überrascht, als ich zum ersten Mal in der Sowjetunion war, dass sehr viele Menschen in dem Staat, der behauptete, es gibt nur diese eine Welt, vor allen Dingen an Ufos und allem Außerirdischem interessiert waren. Dieses Interesse war der Versuch, auszubrechen aus dem geschlossenen System, das sagt, es gibt nur diese eine Welt. Alle wußten: Es kann nicht sein, dass es nur diese Welt gibt.
Wir sollten vom Himmel Gottes sprechen, damit die Menschen nicht einen falschen Himmel suchen, damit sie sich nicht mit zu wenig zufriedengeben, ihre Sehnsucht zuschütten und denken, es kommt nichts mehr, damit sie nicht in den Rausch flüchten oder nach den Ufos suchen. Die Sehnsucht nach Ewigkeit ist in unser Herz gelegt. Deshalb sollen wir auch anderen gegenüber von dieser Verheißung Gottes, dem neuen Himmel und der neuen Erde, in der Gerechtigkeit wohnt, nicht schweigen.
Am Ende von C.S. Lewis’ Buch “Perelandra” gibt es eine Diskussion darüber, dass in der Theologie die Lehre von der Wiederkunft Christi unter “Eschatologie”, der Lehre von den letzten Dingen, verhandelt wird. Ein Gesprächspartner fragt ganz überrascht: Wenn Jesus wiederkommt, geht’s doch erst los – was heißt hier “letzte Dinge”?

Der leicht gekürzte Artikel wurde 1996 als einführendes Referat auf der Herbstkonferenz der SMD gehalten, die unter dem Gesamtthema “Um Himmels willen” stand.   Dr. Jürgen Spieß

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