Harry Potter und seine Kritiker

Die Harry-Potter-Bücher haben in der Verlagswelt eine beispiellose Erfolgsgeschichte geschrieben. Während der letzten paar Jahre haben sie nicht nur in der englischen Originalausgabe, sondern auch – zumal sie in viele Sprachen übersetzt worden sind – überall auf der Welt viel Interesse und Begeisterung geweckt. Die chinesische Übersetzung war den Berichten zufolge das größte Ereignis in der Verlagsgeschichte Chinas. Die Harry- Potter-Bücher sprechen sowohl Kinder als auch Erwachsene an, und der Harry-Potter-Film ist neulich in überfüllten Kinos angelaufen. Der vierte Band der Serie hatte in den USA eine Erstauflage von 3,8 Millionen Exemplaren, dem 40-fachen eines Durchschnittsbestsellers. Die Veröffentlichung des fünften Bandes ist für 2002 geplant. Die Bücher sind nicht nur außerordentlich beliebt, sie haben auch Millionen Kinder dazu angeregt, zum ersten Mal im Leben ein Buch zu lesen. Viele Eltern erfreuen sich an dem Anblick, wie ihre Kinder eifrig diese Geschichten lesen und dann nach weiteren Büchern greifen. Ich nenne diesen Vortrag „Harry Potter und seine Kritiker“. Wenn ich die Bewertungen bespreche, die Kritiker über diese Bücher abgegeben haben, möchte ich ihre Annahmen in Frage stellen und zu einer Anerkennung des Wertes der Harry-Potter-Bücher aufrufen. Die Buchreihe ist leidenschaftlichen Angriffen durch viele Menschen, insbesondere Christen, ausgesetzt. Das war besonders stark in den USA der Fall – viel mehr als in Großbritannien oder anderen Ländern. In den USA haben Christen die Harry-Potter-Bücher im Radio, in Zeitschriftenartikeln, im Fernsehen, im Internet und in einer wachsenden Zahl von Büchern sehr heftig angegriffen. Es gibt christliche Schulen, in denen die Bücher verboten wurden. Ich habe mehrere Telefonanrufe von verwirrten Eltern erhalten, die sagten: „Meine Kinder lieben diese Bücher, und ich auch – was ist bloß los?“ Im ersten dieser Bücher wird ein kleiner Junge vorgestellt, der entdeckt, dass er mit magischen Fähigkeiten geboren wurde. Daraufhin geht er an eine Zauberschule namens Hogwarts, wo er lernt, seine Gaben zu entwickeln. Aus dem einfachen Grund, dass die Bücher den Leser in eine Phantasiewelt der Magie und der Zauberer entführen, behaupten manche Christen, dass sie okkulte Praktiken lehren. Dies ist der Hauptgrund, weshalb Christen die Bücher angreifen. Der zweite Kritikpunkt besteht darin, dass die Bücher eine rebellische Haltung gegenüber Autoritätspersonen lehren. Als Beleg dafür zitieren Kritiker die Art und Weise, in der Harry manchmal auf seinen Onkel und seine Tante reagiert, die ihn aufziehen – wobei gesagt werden muss, dass der Onkel und die Tante ihn sehr schlecht behandeln (gelinde gesagt, denn eigentlich sind sie abscheulich grausame Zieheltern). Drittens gibt es Christen, die ganz einfach sagen, dass Fantasyliteratur gefährlich ist und dass es Kinder automatisch in Gefahr bringt, wenn man sie dieser Art von Phantasiewelt aussetzt. Anstatt solche Kritik einfach zu übernehmen, tragen wir als Christen, die berufen sind, in unserer Gesellschaft als Salz und Licht zu leben, die Verantwortung, bezüglich dieser beliebten Bücher eine gesunde Urteilskraft an den Tag zu legen. Wenn wir Kinder haben, die nur darauf warten, die Bücher zu lesen, oder wenn wir uns als Erwachsene dafür interessieren, müssen wir die obigen Kritikpunkte unter die Lupe nehmen und bereit sein, über J. K. Rowlings Geschichten mit der Weisheit nachzudenken, die Gott uns verliehen hat – und uns darum bemühen, nicht einfach nur darum einer Sache zu misstrauen, weil sie allseits beliebt ist.

Warum ich die Harry-Potter- Bücher mag

Bevor ich auf die genannten Kritikpunkte eingehe, sage ich Ihnen, warum mir diese Bücher so sehr gefallen. Erstens sind sie schlicht und einfach sehr unterhaltsam. (Denken Sie bloß an ein Spiel wie Quidditch!) Zweitens hat J. K. Rowling eine wunderbare Phantasiewelt geschaffen. Sie hat eine Art Zweitwelt geschaffen, eine weitere Dimension (ähnlich wie das Narnia eines C. S. Lewis oder das Mittelerde eines J. R. R. Tolkien), die parallel zu unserer Welt verläuft. Im Fall der Harry-Potter-Bücher liegt diese Welt inmitten unserer Welt, aber die gewöhnlichen Leute sind dafür blind. Für diejenigen unter uns, die mit dem Gedanken der Fantasyliteratur und parallelen Zweitwelten ihre Probleme haben, sei gesagt, dass fast alle Kinder von sehr klein an Phantasiespiele machen und dabei überhaupt keine Schwierigkeiten haben, zwischen Phantasie und Realität zu unterscheiden. J. K. Rowling hat in ihrer Vorstellung einfach eine phantastische und gut durchdachte Welt entwickelt, die sie mit großem Geschick in unsere Welt hineinvermittelt. Der dritte Grund, weshalb ich diese Bücher mag, liegt darin, dass sie gut geschrieben sind. Einer der einfachsten Tests für die Qualität eines Textes ist der, ob man ein Buch leicht laut vorlesen kann und ob es leicht zu verstehen ist, wenn man das tut. Wenn Sie diese Bücher ihren Kindern vorgelesen haben, dann wissen Sie, dass sie ein Genuß zum Zuhören und eine Freude zum Vorlesen sind. Viertens mag ich sie wegen der Charaktere in den Büchern. J. K. Rowling hat eine ganze Bildergalerie von Menschen geschaffen, Erwachsenen wie Kindern, die von Buch zu Buch weiterwachsen. Jedes Buch spielt ein Jahr später als das vorige; so kann man zusehen, wie die Kinder Schritt für Schritt erwachsen werden. Es gibt wunderbare Charakterentwicklungen, und das macht diese Menschen lebendig. Darüber hinaus vermitteln die Harry- Potter-Bücher eine starke Botschaft über moralisches Verhalten. Zwischen den Figuren gibt es schöne und erfreuliche Beziehungen und unter ihnen herrschen tiefes Engagement und Dienstbereitschaft füreinander. Die Eigenschaften, die in diesen Beziehungen hochgehalten werden, sind Freundschaft, Treue, Ehrlichkeit, Güte und Selbstaufopferung. Harry Potter selbst ist bereit, seinen eigenen Erfolg zurückzustellen, um seinen Freunden zu helfen. Dies sind Eigenschaften, an denen wir alle unsere Freude haben können. Es gibt auch eine sehr deutliche Darstellung der Unterscheidung zwischen Gut und Böse – sowohl der erschreckenden Zerstörungskraft des Bösen im Blick auf das menschliche Leben als auch der lebenspendenden Frucht davon, wenn Menschen in Gerechtigkeit, Güte, Barmherzigkeit und Ehrlichkeit miteinander umgehen. Es ist von besonderer Bedeutung, dass die Bücher anerkennen, dass Güte und Treue in Beziehungen auch ihren Preis haben. Dies ist keine Welt, in der alles wie eine Pralinenschachtel ist und immer gut ausgeht. Gute Tugenden erfordern harte Arbeit und werden nur mit Mühe errungen. Tugend wird in erster Linie mit Charakterentwicklung und der Vertiefung der gegenseitigen Beziehungen belohnt, nicht mit dem Erlangen von Beliebtheit oder Erfolg. J. K. Rowling hat darüber hinaus ein profundes Verständnis von der Torheit derjenigen, die ihre Augen blindlings auf das Böse und dessen zerstörerische Konsequenzen richten. In der Entwicklung der moralischen Ordnung liegt eine wirkliche Tiefe, sowohl was die Beziehungen angeht als auch hinsichtlich des Verständnisses von Gut und Böse. Schließlich erachte ich die Bücher als wertvoll, weil sie konsequent drei grundlegende Motive verfolgen, die in fast aller guten Literatur unausgesprochen vorhanden sind: die Schönheit der Schöpfung, die erschreckende Realität des Bösen und die universelle menschliche Sehnsucht nach Erlösung, nach einer besseren Welt. Diese Motive korrelieren mit der Art und Weise, wie die Welt wirklich ist bzw. wie sie im christlichen Glauben verstanden wird. J. K. Rowling bezeichnet sich selbst meines Wissens nicht als Christin, aber sie hat Einblick in Zusammenhänge, die im Kern dessen liegen, was Christen über das Wesen des Universums, in dem wir leben, als wahr erkennen. Als Christ bin ich von der Tatsache fasziniert, dass die Geschichten zeigen, wie ein besseres Leben hauptsächlich durch persönliche Opferbereitschaft ermöglicht wird. Dies wird im vierten Band „Harry Potter und der Feuerkelch“ besonders deutlich. In diesem Buch ist Harry bereit, sich für seine Freunde, die er liebt und denen er in tiefer Treue verbunden ist, zu opfern. Und durch alle vier Bücher zieht sich der Hinweis auf Harry Potters Mutter, die starb, als er ein Baby war, um sein Leben vor einer großen bösen Macht zu retten. Rowling sagt, dass der Tod der Mutter um Harrys willen ein Beispiel der mächtigsten Tat ist, die man sich vorstellen kann. Die Autorin sieht diese Tat der Liebe und der Selbstaufopferung (analog dem Wirken Jesu Christi) als das eine Mittel, das dem menschlichen Leben Schutz und Veränderung und dem Bösen die Vernichtung bringen kann. Selbstaufopferung ist in diesen Büchern ein vorrangiges Mittel, durch welches das Böse besiegt wird. Das stimmt aber an einer zentralen Stelle mit dem überein, was das Christentum über das Wesen der Welt sagt. Wir kommen aus Gottes Hand als solche, die herrlich geschaffen wurden. Das Leben ist schön, so wie Gott es uns gegeben hat, dennoch ist es durch die Realität des Bösen in unserem Leben fürchterlich verdreht und gebrochen; und Gott selbst hat in Jesus Christus Leiden und Tod auf sich genommen, um in dieser höchsten Tat der Liebe das Böse zu überwinden. Er kam selbst in den Tod hinein, um andere daraus zu befreien – und um Schutz, Erneuerung, Veränderung, Stärkung und Erlösung zu bringen. Wie ich feststelle, zieht sich dieses Motiv der Selbstaufopferung durch die ganze Buchreihe hindurch. Darum ist es für mich unbegreiflich, dass diese bei Christen auf derart negative Reaktionen gestoßen ist. Man kann nur hoffen, dass dies die Reaktion einer Minderheit und nicht die der Mehrheit der Gläubigen ist.

Warum ich die Kritik an den Büchern nicht angemessen finde

Aus mehreren Gründen bin ich der Ansicht, dass diese negative Reaktion eine Tragödie ist. Es ist insofern eine Tragödie, als es viele Menschen gibt, die es nicht geschafft haben, die Bücher unvoreingenommen zu lesen. Das Wort Gottes fordert uns auf, bereit zu sein, alles zu prüfen, was gut und wahr ist, wo auch immer es zu finden ist. Traurigerweise gibt es viele Menschen, die nicht in der Lage sind, die guten und schönen Dinge zu sehen, die in unserer Welt vorhanden sind – sei es in den Harry-Potter-Büchern oder anderswo in der gegenwärtigen Kultur. Viele derjenigen, die mir gegenüber die Bücher kritisiert haben, haben sie nicht einmal gelesen. Zweitens liegt in den negativen Vorwürfen ein tiefes Missverständnis und ein unangemessenes Misstrauen gegenüber Fantasyliteratur. Man kann manchmal viel mehr Wahrheit vermitteln, indem man eine Phantasiewelt präsentiert, als wenn man die wirkliche Welt beschreibt. Es gibt viele Bücher, sowohl von Christen als auch von Nichtchristen, die die wirkliche Welt direkt zu beschreiben versuchen, und denen das viel schlechter gelingt als J. K. Rowling mit ihrer Phantasiewelt. Alle Wahrheit ist Gottes Wahrheit, und jeder Mensch – egal, welcher Religion – kann diese Wahrheit zu einem bestimmten Grad erkennen. Auch wenn die Weltanschauung eines Autors nicht ganz der biblischen Wahrheit entspricht, werden in seinem Werk dennoch Elemente der Schönheit und der Wahrheit zu finden sein, einfach aufgrund der Tatsache, dass er oder sie in Gottes Welt und unter seiner allgemeinen Gnade lebt. Drittens zeigt sich ein Missverständnis darin, wie manche auf die Magie in den Büchern reagieren. Dieselbe Kritik ist auch schon den Büchern von C. S. Lewis und Tolkien entgegengebracht worden, obwohl diese beiden Autoren bekennende Christen waren. Es wurde behauptet, dass die Narnia-Bücher deshalb, weil in ihnen Magie vorkommt, bewirken könnten, dass Kinder sich für die Realität des Okkulten begeistern. Derselbe Vorwurf wurde Tolkiens Herr der Ringe entgegengebracht. Keines dieser Bücher fordert aber zu okkulten Praktiken auf. Die Magie ist einfach ein Teil der Phantasiewelten, die Lewis, Tolkien und Rowling geschaffen haben. In einer solchen Phantasiewelt können Menschen unsichtbar werden, können Tiere sprechen, gibt es Fabelwesen wie Einhörner und Zentauren und wirken Ringe und Zaubersprüche Wunder. Beobachten Sie einmal ein Kleinkind beim Spielen, und sie werden viele solcher magischen Dinge beobachten. Aber das ist nicht mit einem Interesse am Okkulten gleichzusetzen. Manche Menschen sind so weit gegangen zu behaupten, J. K. Rowling lehre absichtlich und ausführlich okkulte und gar satanistische Praktiken. Das erste Mal, als J. K. Rowling öffentlich die Frage gestellt wurde, ob sie Okkultismus lehre, war sie über die Frage völlig verblüfft. Ihre Antwort lautete: „Ich glaube, Sie sollten mal zum Arzt gehen.“ Sie war darüber erstaunt, dass jemand sie beschuldigen könnte, sie würde Okkultismus lehren. Und als die Kritik immer mehr zunahm, wurde sie persönlich tief verletzt. Als Christ muss ich sagen, dass ich mich zutiefst derer schäme, die mit dieser Art von bösartiger Nachrede reagiert haben. Wir müssen darauf achten, dass Rowling immer, wenn sie von böser Magie spricht, diese als böse darstellt, als zutiefst zerstörerisch für menschliche Wesen. Es zerfrisst sie als Personen. Es zerstört und vernichtet vollkommen ihre Beziehungen zu anderen Menschen. Es reduziert Beziehungen auf Macht und Hässlichkeit. Rowling hat gesagt, dass sie nicht an das Okkulte glaubt und dass sie ganz sicher nicht Werbung dafür macht. Darüber hinaus verursacht diese Art der Buchkritik, wenn sie ohne angemessene Grundlage geschieht, als Reaktion eher Entsetzen und Ablehnung gegenüber Christen und dem christlichen Glauben insgesamt. Das ist eine Tragödie. Christen machen sich tatsächlich oft einer Angstreaktion gegenüber unserer Kultur schuldig – insofern sie kritisieren, verdammen und sich selbst so weit wie möglich davon abschotten. Alles, was populär ist, ist von vorneherein verdächtig. Und das ist ein ernstes Problem im Leben der Gemeinde. Es ist nicht so, dass wir alles akzeptieren sollen, was unsere Kultur uns bietet. Aber Christen sollten bereit sein, das zu feiern und wert zu schätzen, was gut ist, und inmitten unserer Kultur ein biblisches Urteilsvermögen zu kultivieren. Das ist es, was jeder Christ in Bezug auf die Harry-Potter-Bücher und alles andere tun sollte. Sie werden selbst entscheiden müssen, ob die Harry-Potter-Bücher für Sie oder Ihre Kinder gut sind, aber tun Sie das bitte auf eine Art, die durchdacht und weise ist und dem biblischen Bild von Wahrheit, Schönheit und Güte entspricht – und nicht auf eine Art, die allem misstraut, was in unserer Kultur populär ist. Vor etwa 450 Jahren forderte der Reformator Johannes Calvin die Menschen dazu auf, die Bücher der großen Schriftsteller Griechenlands und Roms zu lesen. Er schrieb Anweisungen für die Lehrer in dem Schulsystem, das er im schweizerischen Genf plante, und verlangte, dass sie die Schüler die großen griechischen und römischen Klassiker lesen lassen, die heidnisch und nichtchristlich sind. Und er verlangte, dass sie diese Schriften nicht kritisierten, sondern dass sie vielmehr die Schüler aufforderten, zu feiern, was an ihnen gut war, und von der Wahrheit zu lernen, die sie in ihnen enthalten ist. Bei einer anderen Gelegenheit sagte Calvin, dass es eine Lästerung des Heiligen Geistes sei zu leugnen, dass heidnische Schriftsteller wie Plato viele Dinge geschrieben haben, die wahr und hilfreich sind. Wir müssen heute bereit sein, ähnlich zu handeln, wenn es um die Harry-Potter-Bücher oder irgendein anderes Erzeugnis unserer Kultur geht.

Fragen/Antworten

Francis Schaeffer, nach dem das Institut benannt ist, leitete eine Arbeit, die durch die Bereitschaft gekennzeichnet ist, auf ehrliche Fragen ehrliche Antworten zu geben. Als Christ versuchte er, mit den Menschen, denen er diente, eine Atmosphäre zu schaffen, in der keine Frage „daneben“ war. Es folgt eine Zusammenfassung der Fragen und Antworten, die sich an Prof. Barrs’ Vortrag über „Harry Potter und seine Kritiker“ anschlossen.

Könnten wir den Kritikern nicht im Zweifelsfalle Recht geben, dass es bei jungen Menschen die Unfähigkeit geben könnte, zwischen Phantasie und Realität zu unterscheiden? In unserer heutigen Kultur haben wir erlebt, wie Menschen gewalttätige Phantasien ausleben, wie z.B. die Schüler, die in Schulen Amok laufen. Können diese Bücher nicht zu solchen destruktiven Phantasien und solchem Verhalten führen? Das sind gute Fragen, aber ich bin nicht der Meinung, dass sie eine gültige Kritik darstellen. Natürlich sehen wir, dass es in unserer Kultur junge Leute gibt, die alle Arten gewalttätiger Phantasien ausleben. Aber wir verwenden hier eine andere Bedeutung des Wortes Phantasie. Das Problem ist nicht die Phantasie, das Problem ist vielmehr ein zutiefst verzerrtes Verständnis dessen, wer wir als menschliche Wesen sind, darüber, worum es im Leben geht, und der schrecklichen Realität des Bösen. Es gibt junge Menschen, die jedes Gefühl dafür verloren haben, dass das Leben letztendlich überhaupt einen Sinn hat. Das ist die Tragödie bei Amokläufen von Teenagern wie in Columbine. Das Problem ist nicht das, dass sie Fantasyliteratur gelesen hätten, als ob Fantasyliteratur etwas Schlimmes sei, oder dass sie Filme gesehen hätten, die eine andere Welt schaffen. Es ist vielmehr so, dass sie sich von der ganzen radikal säkularen Richtung unserer Kultur überzeugen ließen, dass das Leben letztendlich überhaupt keinen Sinn habe – dass es nichts gebe, wofür es sich lohnte am Leben zu bleiben. Sie denken, dass die einzigen Dinge, die das Leben erträglich machen, die Dinge sind, die den sofortigen Kitzel erzeugen. Natürlich gibt es Bücher und Filme, die eine solche Weltsicht präsentieren. Sie präsentieren eine so absurde Sicht vom Zustand des Menschen und eine so totale Entfremdung des Menschen, dass sie eine destruktive Reaktion fördern. Dafür können wir tatsächlich einige Filme und Bücher kritisieren. Aber das Problem ist nicht die Fantasyliteratur an sich, sondern eine tiefere Leere in unserer Kultur. Wir leben in einer Kultur, die ihr Gefühl dafür verliert, dass es im Zustand des Menschen irgendeinen höchsten Sinn gibt oder dass das menschliche Leben irgendeinen Wert besitzt. Wir ziehen eine Generation von jungen Leuten heran, die ohne Hoffnung ist. J. K. Rowling kommuniziert jedoch kein Universum, das ohne Hoffnung ist. Ihre Bücher sind voller Hoffnung und konstruktiven Beziehungen und mit vielen unterhaltsamen Spielen und spaßigen Dingen, die den Leser ermutigen, sich am Leben und an menschlichen Beziehungen zu freuen. Sie unterscheiden sich sehr von manchen zutiefst destruktiven Büchern und Filmen auf dem Markt. Auch wenn es nicht J. K. Rowlings Absicht ist, das Okkulte ins Spiel zu bringen – könnte etwas von dieser Art Leuten nicht als eine Art Einführung in die Welt des Okkulten und der bösen Magie dienen? Rowling tut alles, was sie kann, um das Böse als durch und durch destruktiv und als etwas, das zu meiden ist, darzustellen. Das steht außer Frage. In diesen Büchern wird ein sehr klares moralisches Universum vermittelt. Wenn Sie fragen, na ja, es ist natürlich möglich, dass Leute das gebrauchen und sagen: das ist wirklich wahr und ich kann mal anfangen, selber solche Kräfte zu kriegen – dann ist das sicher möglich. Aber Leute können alles missbrauchen. Das macht aber die Sache an sich nicht verboten – oder zu etwas, womit man „vorsichtig“ sein muss. Das alttestamentliche Hohelied Salomos enthält keine Warnung. Aber es wäre vollkommen möglich, das Hohelied zu nehmen und es dazu zu verwenden, sich in seinem eigenen Verstand sexuelle Phantasien zu schaffen und es für illegale Sachen aller Art zu verwenden. Das heißt nicht, dass an dem Buch an sich etwas schlecht ist oder dass man es mit einer Warnung versehen müsste.

Können Sie etwas zu C.S.Lewis’ Verwendung von Fantasy und seiner Einstellung dazu sagen?

Lewis betrachtete heidnische Mythen als eines der vorrangigen Mittel, die Gott gebrauchte, um ihn zu einem Verständnis vom Christentum zu führen, weil sie das Echo einer „verlorenen Welt“, wie er es nannte, oder die Sehnsucht nach einer besseren Welt in sich trugen. Diese Sehnsucht ist auch in anderen Religionen präsent – in Religionen, die nicht wahr sind. Genauso gibt es in der Fantasyliteratur Welten, die von Schriftstellern geschaffen wurden, die keine Christen sind. Lewis betrachtete diese Echos einer verlorenen Welt als positiv, weil sie diese Sehnsucht nach etwas Besserem schaffen. In der Harry-Potter- Reihe gibt es sehr starke Echos der Wahrheit. Ich sage nicht, dass J. K. Rowling selbst sich zwangsläufig auf eine wahrhaft christliche Realitätssicht hinbewegt, auch wenn das natürlich mein Gebet für sie ist. Aber von da aus, wo sie jetzt ist, spiegelt sie die Herrlichkeit und Zerbrochenheit unseres Menschseins und eine Sehnsucht nach einer besseren Welt wider. Sie vermittelt ein tiefes Gefühl davon, dass der beste Weg, diese bessere Welt Wirklichkeit werden zu lassen, über die höchste Selbstaufopferung eines Einzelnen geht, der den anderen mehr liebt als sich selbst. Das ist eine außerordentlich starke Botschaft. Ein solches Verständnis ist in Literatur aller Art zu finden, die nicht ausdrücklich christlich ist. Und Christen müssen bereit sein, hinzuschauen und diese tiefen Elemente der Wahrheit sehen, die da vermittelt werden, auch im Kontext von etwas, das sie auf den ersten Blick vielleicht nicht mögen, wie zum Beispiel Magie oder Fantasy.

Gibt es Warnungen, die Sie bezüglich dieser Bücher geben würden?

Ich würde sagen, natürlich sind diese Bücher nicht perfekt und sie sind nicht für Kinder jeden Alters gedacht. Eltern müssen sich immer bewusst sein, wie weit ihre Kinder in ihrer Entwicklung sind und wieviel sie vertragen können. Es gibt kleine Kinder, die mit der Intensität der Handlung und den Konsequenzen des Bösen nicht fertig würden, die in diesen Büchern vorkommen. Dasselbe gilt auch für den Herrn der Ringe, sowohl für das Buch als auch für den Film. Vor vielen Jahren besuchte ich mit meiner Familie Freunde in Oregon, und ein Freund zeigte unseren Kindern ein Video von der Geschichte von Rudyard Kipling, Rikki-Tikki- Tavi, mit dem Mungo, der Kobra und dem kleinen Jungen. Einer meiner Söhne, damals etwa fünf Jahre alt, hatte hinterher noch monatelang Albträume. Er konnte an diesem Punkt in seinem Leben diese Geschichte noch nicht verkraften. Als er ein bisschen größer war, las ich ihm und seinen Brüdern die Bücher vor, und später lasen sie sie selbst und mochten sie sehr. Aber jede Mutter und jeder Vater muss sich bewusst sein, ob ein Kind in einem Alter ist, in dem es mit der bestimmten Wahrheit umgehen kann, um die es in einem Buch geht. Darum würde ich zum Beispiel nicht sagen, dass Sie Harry Potter und der Feuerkelch einem Fünfjährigen vorlesen sollten. Wiederum müssen die Eltern selbst entscheiden. Ich werde hier keine Regeln aufstellen. Ich glaube nicht an das Aufstellen von Regeln, wenn es um Themen geht, bei denen wir biblisches Urteilsvermögen ausüben müssen (die Bibel verbietet ein solches Aufstellen von Regeln!). Aber Eltern müssen sich darüber im Klaren sein, was für ihre Kinder angemessen ist und wo sie in ihrer Entwicklung stehen.

Jerram Barrs Dozent am Covenant Seminary, USA (ins Deutsche übersetzt von Jutta Schäfer) Dieser Artikel erschien ursprünglich in Perspectives, dem Rundbrief des Francis Schaeffer Institute des Covenant Seminary, und wird hier mit Genehmigung abgedruckt. http://www.labri.org/germany/resource/Akzente_2002_2.pdf

Für Rückfragen burghardt2512@compuserve.de

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