Das vernachlässigte Denken

 „Es kommt die Zeit, da werde ich eine Not über das Land kommen lassen, die schlimmer ist als Hunger und Durst: Man wird nicht nach Brot hungern oder nach Wasser lechzen, sondern verzweifelt darauf warten, von mir das rechte Wort zu hören. Die Leute wer- den im Land umherirren, vom Toten Meer bis zum Mittelmer und vom Norden bis in den Osten. Sie werden über- all nach einem Wort des Herrn fragen, aber keines zu hören bekommen“ (Amos 8, 11-12).

Dies ist die Situation vieler Menschen in unserer Gesellschaft, obwohl sie umgeben sind von so vielen Kirchen und christlichen Organisationen jeder Art. Was unsere Kultur betrifft, so gibt es einen Hunger nach Gottes Wort. Weil die Relevanz des Christentums nicht angemessen klargemacht worden ist, deshalb hat sich unsere Kultur in ihrem Hunger und ihrer Verzweiflung an falsche Götter gewandt. Es ist so, wie der Psalmdichter sagt: „Warum sollen die anderen Völker sagen: „Wo ist er denn, ihr Gott?“ Unser Gott? Im Himmel ist er! Und alles, was er will, das tut er auch! Doch ihre Götzen aus Silber und Gold sind Machwerke von menschlichen Händen. Sie haben Münder, die nicht sprechen, Augen, die nichts sehen, Ohren, die nichts hören, Nasen, die nichts riechen, Hände, die nichts fühlen, Füße, die sich nicht bewegen, und aus ihren Kehlen kommt kein Laut. Genauso sollen alle werden, die diese Götzen geschaffen haben, und alle, die sich auf Götzen verlassen!“ (Psalm 115, 2-8) Was sind die Götzen unserer Zeit? Die Götzen, welche das Leben ihrer Anbeter sinnentleeren und unsere Kultur in die Irre führen? Wissen wir, was das für Götzen sind?   Und wenn wir es wissen, stellen wir sie dann auch wirklich bloß durch die Lehre des Wortes Gottes? Setzen wir uns in dem, was wir lehren und predigen, in unserem Gespräch in der Familie und mit Freunden, in unseren Kirchen und in unserer Gesellschaft mit ihnen auseinander? Verstehen wir die Situation, in der sich unsere Kultur befindet, und nehmen wir sie ernst? Es gibt viele Gründe, weshalb es einen Hunger nach Gottes Wort in unserer Kultur gibt, und weshalb die Götzen unserer Zeit nicht herausgefordert und bloßgestellt werden. Aber im Mittel- punkt steht zweifelsohne das Versäumnis, ein „christliches Denken“ zu entwickeln. Jesus gebot uns, „den Herrn, unseren Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Verstand zu lieben“ (Markus 12, 30). Er sagte, daß dies das erste und größte Gebot sei, und ich denke, die Kirche hat oftmals gerade darin versagt, Gott mit dem Verstand zu lieben. Wir haben es versäumt, ein christliches Denken zu entwickeln, und wir haben es versäumt, dieses Denken auf unsere Kultur zu beziehen und anzuwenden, wenn wir versuchen, ihre Götzen bloß- zustellen und Menschen für Jesus Christus zu gewinnen. Man braucht nur an die gängigen Redensarten zu denken, die es in der Kirche und um uns her gibt. Die Leute reden von einem „Sprung des Glaubens“, und sie sagen, „Stell’ keine Fragen, glaub’ einfach!“, „Verlaß dich nicht auf deinen Verstand“, „Folge dem Herzen und nicht dem Verstand“, „Das Herz hat Gründe, von denen der Verstand nichts weiß.“ Ein christliches Denken und Bewußt- sein ist von grundlegender Bedeutung, und darüber muß sich diese Generation von Christen Gedanken machen, wenn sie die Herausforderung der Zeit annehmen will.

Die Vernachlässigung des Verstandes – wie kommt es dazu?

1. Aus Furcht vor toter Orthodoxie Viele Christen sind sehr zurückhaltend, wenn es um „Lehre“ oder „Systematische Theologie“ geht. Man hat Angst, daß durch das Denken, durch den Versuch zu verstehen, wie sich Gottes Wort auf unsere Welt bezieht, und durch den Versuch, die Ideen dieser Welt zu erfassen, unsere Herzen irgendwie von Gott abgewendet werden. Man hat Angst vor einer Art toter Orthodoxie. Nun, das ist wirklich et- was, wovor wir uns fürchten sollten. Nichts ist häßlicher als die rechten Dinge zu sagen, die rechten Dinge zu glauben, Ideen zu erfassen und doch ein Herz zu haben, das Gott und anderen Menschen gegenüber kalt ist. Dies ist aber überhaupt nicht das, worum es mir geht, sondern darum, daß Jesus uns geboten hat, Gott sowohl mit unserem Verstand als auch mit unserem Herzen zu lieben.

 

2. Wir sind zutiefst beeinflußt von unserer Kultur

Die Kultur, in der wir leben, ermutigt uns, uns ein privatisiertes und passives Evangelium zu eigen zu machen. Sie ist zutiefst materialistisch und selbstsüchtig und ermutigt jeden in ihr, seine eigenen materiellen Ziele, seinen Luxus, und seine Bequemlichkeit zu suchen – und dabei alleingelassen zu werden und ungestört zu bleiben.

Die Kirche ist vielfach in dieselbe Falle gegangen. Sie bietet kaum noch eine Herausforderung für den Ver- stand oder den Lebensstil der Menschen; sie beruhigt die Gefühle, wärmt die Herzen und läßt die Menschen alleine. Sie sagt nicht, daß das Christentum etwas kosten kann, und fordert die Menschen in keiner Weise heraus. In einer großen Zeitung kommentierte ein nicht-christlicher Autor kürzlich diesen Trend folgendermaßen: „Dies ist Christentum ohne Verpflichtung, Glaube ohne Buße, ein warmes Herz und ein toter Verstand.“ Ein Nicht-Christ schaut sich die Kirche an und sagt: Hier ist ein Christentum, das sich ganz der Kultur angepasst hat, das auf Kontroversen verzichtet bzw. die Leute in dem, wie sie leben, nicht mehr herausfordert; es passt sich an und die Leute scharen sich darum. Wir sind so leicht zu beeinflussen von dem Geist unserer Zeit und seiner Betonung auf persönlicher Bequemlichkeit.

 

3. Wir sind umgeben von der Feindseligkeit unserer Kultur

Wir lassen uns allzu leicht einschüchtern von den Angriffen unserer Kultur auf den christlichen Glauben. Obwohl in Amerika die Christen eine breite Schicht der Gesellschaft bilden, ist die Haltung die gleiche wie in Großbritannien, wo die Christen nur eine kleine Minderheit sind. Während der letzten 100 Jahre hat unsere Kultur den christlichen Glauben in einem Gebiet nach dem anderen angegriffen. Wichtige philosophische Strömungen erklärten das Christentum als unwahr, Gott sei tot, und kein mögliches Objekt der Erkenntnis; man könne keine rationale Diskussion über das Christentum führen. Nur Tatsachen, harte (sinnlich wahrnehmbare) Tatsachen seien real. Die Bibel wurde auf wissenschaftlicher Ebene vielfach in Frage gestellt, als mythenhaft und legendär abgestempelt. Radikale Bibelkritiker haben erklärt, die biblische Geschichtsschreibung sei zumeist falsch – von Menschen gemachte Geschichten und nicht etwas, das wirklich wahr ist. Angriffe gibt es auch auf ethischem Gebiet. Die Gesellschaft behauptet, biblische Ethik sei eng, traditionell, puritanisch und calvinistisch. Diese Begriffe werden als Schimpfwörter gebraucht. In vielerlei Hinsicht wird das Christentum verworfen. Eine monolithische Kultur umgibt die Kirche und ist gegen sie eingenommen. Und was ist unsere Antwort? Es ist traurig, daß wir das Schlachtfeld dem Feind überlassen. Vielerorts gibt es denselben Rückzug aus dem Schlachtfeld der Ideologien. Wir sitzen in den Schützengräben und machen uns eine schöne Zeit, während die Schlacht um das Denken unserer Generation um uns herum tobt. Die Ernsthaftigkeit des Angriffes wurde verstärkt durch gewisse Ausprägungen der liberalen Theologie, die besagen, Glaube und Vernunft, Glaube und Geschichte, Glaube und Wissenschaft hätten sowieso nichts miteinander zu tun. Religion sei für das Herz, eine persönliche Empfindung, die nichts mit Wahrheit zu tun habe – es sei wie mit Musik, sie gibt uns ein gutes Gefühl, sie tröstet und ermutigt uns. Ein Autor aus dem Buch „The Myth of God Incarnate“ sagt, zur Kirche zu gehen, die Bibel zu lesen, Freude in der Anbetung zu finden, Andacht zu haben, sei wie Musik – man brauche nicht darüber nachzudenken, ob Musik wahr oder falsch sei, man werde eben nur innerlich bewegt. Die Einstellung vieler Leute um uns herum ist die, daß der christliche Glaube für manche ganz nett ist, aber keine Aussagen über Wahrheit oder intellektuelle Konzepte machen könne. Dies kommt daher, daß wir nicht wirklich in die Auseinandersetzung im Bereich der öffentlichen Meinung eingetreten sind im Blick auf das, was Wahrheit ist, und nicht die Ideen widerlegt haben, mit denen der christliche Glauben konfrontiert wird. Stattdessen haben wir uns in ein kulturelles Ghetto zurückgezogen.

4. Der Rückzug wird mit der Bibel begründet

Viel Verwirrung wird durch ein selektives und unausgewogenes Lesen der Bibel gestiftet. Es wird häufig wie folgt argumentiert: Paulus sagt, daß das Evangelium Torheit ist (1. Korinther 1, 18), und deshalb macht es keinen Sinn, einem Nichtglaubenden zu helfen, das Evangelium zu verstehen oder ihm das Evangelium als sinnvoll zu präsentieren. Wir müssen einfach predigen, hoffen und beten, daß er reagiert. Es sei sinnlos zu diskutieren, ja, die Diskussion über Ideen wird sogar als „weltlich“ betrachtet. Paulus hätte doch gesagt, man solle sich nicht mit Philosophie abgeben (1 Korinther 2, 8). Der Verstand des Nichtglauben- den, der natürliche Verstand, sei gefallen, so daß es keinen Sinn mache, ihn überhaupt darauf anzusprechen. Der natürliche Mensch verstehe eben nicht die Dinge Gottes. Weshalb also argumentieren? Dementsprechend wird ausschließlich die Wirksamkeit des Heiligen Geistes bei der Bekehrung betont. Es ist nicht unsere Aufgabe, andere Leute zu überzeugen, mit ihnen zu argumentieren, sie zu überführen. Wenn wir das tun, verunehren wir Gott; wir denken, wir könnten seine Arbeit tun. Unsere Sache ist es, einfach die Wahrheit vorzustellen und die Überzeugungsarbeit dem Heiligen Geist zu überlassen, der an dem Herzen der Person wirkt. Ausgehend von einer so engen und einseitigen Bibelauslegung ist es nicht überraschend, wenn wir uns in einer Situation finden, in der es wenig apologetische Predigten und wenig persönliche Überzeugungarbeit gibt.

Die Konsequenzen – ein trauriges Bild

1. Wir verlieren die Betonung  des Christentums als Wahrheit Wir dürfen unsere persönliche Religion haben. Wir dürfen sagen, daß wir gläubig sind, zur Kirche gehen und religiös sind. Aber christliche Aussagen (so denken viele) erheben heute keinerlei Anspruch auf Wahrheit. Die Leute denken „wie lieb“ oder „wie tröstlich“. Sie mögen sagen „Du wirst aus der Sache herauswachsen.“ Aber sie denken nicht, daß etwas über den Bereich der Wahrheit ausgesagt wurde – Wahrheit über diese Welt, über Gott, darüber, wer wir sind, über Erlösung usw. Wir haben Gottesdienste und Predigten und ermutigen einander, aber wir kommunizieren nicht „Wahrheit“. Wenn Nichtchristen in eine Gemeinde kommen, stoßen sie oft auf eine eigene Sprache, die keine Bedeutung für sie hat. Diese Sprache ist Teil einer evangelikalen Kultur, die völlig isoliert ist von der Welt. Diejenigen, die außerhalb von ihr aufwachsen, sind sehr stark benachteiligt, und wir wundern uns, warum niemand kommt und sich die Predigt anhört! Es wird kein echter Versuch gemacht, mit denen zu kommunizieren, die nicht zur Gemeinde gehören. Kein Wunder, daß Nichtglaubende denken, über Wahrheit werde hier überhaupt nicht geredet. Sie verstehen das Ganze als eine lokale kulturelle Praxis, wie sie das auch von allen anderen Religionen denken.

2. Wir können unsere eigenen Fragen nicht beantworten

Ich treffe viele Christen, denen weder gesagt wurde, daß das Christentum wahr ist, noch, daß es Fragen beantworten kann, ja nicht einmal, daß sie das Recht haben zu versuchen, Antworten auf ihre Fragen zu finden. Dr. Schaeffer hat oft ein Bild benutzt, das er den „Esel der Hingabe“ nannte. Immer wenn jemand mit Problemen und Fragen konfrontiert wird, lädt er sie auf den Esel der Hingabe, anstatt zu versuchen, sie aufzuarbeiten und zu beantworten. Schließlich bricht der Esel zusammen und stirbt, weil ihm zuviel aufgeladen wurde. Wenn Fragen unter den Teppich gekehrt werden, wird man schließlich auf die Nase fallen, weil so viele Fragen unter dem Teppich sind, daß man über sie stolpert. L’Abri wird immer noch von sehr vielen Leuten besucht, die nie ermutigt wurden, sich mit den Fragen offen aus- einanderzusetzen, mit denen sie konfrontiert werden. Oft kommen sie und sind dabei, den christlichen Glauben aufzugeben, weil sie keine Antworten auf ihre Fragen haben und ihnen auch nicht gezeigt wurde, wie man Antworten findet.

3. Wir können die Fragen von Nichtglaubenden nicht beantworten

Ich wuchs in einer nichtchristlichen Familie auf und wurde verzehrt von Fragen über das Leben, das Problem des Bösen, Leiden, was es bedeutet, eine menschliche Person zu sein, usw. Der erste Christ, den ich auf der Universität traf, sagte: „Mach dir keine Mühe mit diesen Fragen, sie sind nicht wichtig. Du mußt einfach glauben.“ Aber die Fragen waren wichtig. Solch einem Ratschlag fehlt Mitgefühl. Und das Ergebnis ist, daß viele Nichtchristen nicht mit Fragen kommen, denn sie erwarten nicht von uns, daß wir vom christlichen Glauben als Wahrheit sprechen oder gar adäquate Antworten auf ihre Fragen haben.

4. Wir können die Fragen  unserer Kinder nicht  beantworten

Wir antworten unseren Kindern auf die gleiche Weise. Ein Streicheln über den Kopf und ein „Mach dir keine Sorgen!“. Aber wenn wir sie auf diese Weise abfertigen, werden sie glauben, daß Fragen nicht diskutiert werden können oder, daß es am Ende gar keine Antworten gibt. Die Tochter eines Pastors sagte kürzlich, daß sie nie Fragen stellen konnte, weil ihr Vater sofort sagen würde, es wäre liberales Denken, und sie so abfertigte. Ohne zufrieden stellende Antworten fühlte sie sich schuldig, daß sie überhaupt Fragen hatte. Hier ist es wichtig, daß wir genügend Vertrauen in die Wahrheit haben, daß wir uns nicht bedroht fühlen, wenn Leute fragen. In L’Abri haben wir oft Kinder aus streng christlichen Elternhäusern, die nie gefragt haben. Über den Glauben wurde nicht als Wahrheit geredet. Ihnen wurde nicht das Vertrauen ver- mittelt, daß das Christentum Antworten hat.

5. Unser Glaube wird schizophren

Ein enger, zurückgezogener Glaube wird zum Glauben einer gespaltenen Persönlichkeit werden, ein christliches Herz ohne Verstand. Vielen Christen an der Universität ist nie nahe gebracht worden, daß ihr christlicher Glaube auf ihr Studium bezogen werden muß. So gibt es einerseits zwar persönliche Hingabe, aber andererseits wird das Studium der Medizin oder Politik usw. nicht mit dem Glauben zusammengebracht. Viele Christen werden zu dieser Integration nicht ermutigt oder befähigt. Dies bedeutet, daß alle Bemühungen von Christen früherer Genererationen, die Schlacht um das Denken zu kämpfen, die Kultur mit Wahrheit, Ethik, Gesetzen usw. zu prägen, nicht fortgeführt werden. Die Reformation und die evangelikale Erneuerung hatten eine Auswirkung auf die Gesellschaft – aber unsere Generation zieht sich zurück und gibt das auf, wofür Christen in der Vergangenheit gekämpft haben. Wir haben im Bereich des öffentlich-gesellschaftlichen Lebens versagt, die Fackel weiterzutragen und Salz der Erde zu sein. Die Kultur ging verloren an nicht- christliche Denk- und Lebensweisen.

6. Wir haben uns der Welt  angepasst

Gott hat uns mit einem Verstand erschaffen, ob wir das nun mögen oder nicht. Wenn wir es nun versäumen, ein christliches Denken und Bewußtsein zu entwickeln oder in unseren jungen   Leuten zu fördern, dann werden wir uns entweder in ein kulturelles Ghetto zurückzuziehen oder wir werden uns dem Denken der Welt anpassen. Als ich einen evangelistischen Vortrag an einer Londoner Hochschule hielt, sah ich mich um und es war ziemlich offensichtlich, daß jeder Christ war. Ich fragte die verantwortlichen christlichen Studenten, was sie getan hätten, um andere mitzubringen. Sie sagten, sie hätten Plakate aufgehängt und ein paar Zettel ausgelegt. Ich fragte, ob sie denn keine Nicht-Christen kennen würden, die sie einladen konnten. Nein, sie kannten keine. Sie verbrach- ten ihre Freizeit miteinander, um sich gegenseitig zu bestärken. Sie waren vollständig isoliert. Dies untergräbt Evangelisation in sehr, sehr starkem Ausmaß und macht zudem unser eigenes Leben schwierig. Auf der anderen Seite passen sich viele Christen, die ein derartiges Ghetto-Dasein vermeiden wollen, der Welt an. Die Scheidungen unter Christen nehmen zu und es heißt, daß Skandale ein Teil des kirchlichen Lebens geworden sind. Wenn wir nicht eine christliche Art und Weise zu denken und zu leben entwickeln, werden wir unsere Kultur vor dem Weg in den Abgrund nicht bewahren können. Wenn ich zu christlichen Ärzten oder Rechtsanwälten rede, begegnet mir häufig das Problem, daß sie die gleichen Konzepte und Praktiken haben wie jeder um sie herum, der nicht glaubt, und zwar deshalb, weil ihnen ein spezifisch christliches Denken fremd ist. Niemand hat ihnen vermittelt, daß es eine spezifisch christliche Ethik für die Medizin, die Rechtsprechung oder das Geschäftsleben gibt. Wie sie ihre Arbeit machen, wie sie darüber denken, ist so wie bei jedem anderen auch – nur gehen sie Sonntags eben zur Kirche. Niemand hat ihnen gesagt, daß sie diese Dinge zusammen- bringen müssen. Gott ist nicht der Herr ihres ganzen Lebens. Sie passen sich der Welt an. Die Worte Jesu über Licht und Salz sind hier von großer Stoßkraft. Wenn wir kein christliches Denken entwickeln und es in die Welt hinaustragen, machen wir uns dessen schuldig, das Licht zu verdunkeln. Unser Salz ist kraftlos geworden. Die Kirche wird von den Medien oft zu Recht lächerlich gemacht, weil nicht wahrgenommen werden kann, daß sie Wahrheit als Alternative zu der Situation anbietet, in der sich die Gesellschaft heute befindet.

Die Bibel und der Verstand

1. Gott hat uns gemacht, um ihm ähnlich zu sein. Gott ist ein Gott der Ordnung, der Sinnhaftigkeit und der Vernunft. Jesus wird beschrieben als der Logos, das Wort, der Eine, der eine geordnete und rational verstehbare Welt geschaffen hat, nicht eine Welt des Chaos, der Unordnung und des Zufalls. Er erhält sie durch sein Wort in einer geordneten und gesetzmäßigen Weise. Er regiert sie durch seine Weisheit und Einsicht. Darüber hinaus hat Gott den Menschen gemacht, um ihm ähnlich zu sein, um seine Gedanken nachzudenken. Er hat uns einen Verstand gegeben, weil er ein Gott ist, der denkt. Wir benutzen unseren Verstand, um seine Selbstoffenbarung zu verstehen: in unserem Menschsein und der Welt um uns herum wie auch in dem gesprochenen und geschriebenen Wort. Wir benutzen unseren Verstand und unseren Körper, um eine bewahrende Herrschaft über die Welt auszuüben, in die Gott uns dadurch eingesetzt hat, daß er uns befähigt, die Schöpfung zu verstehen und zu benennen, zu ordnen und zu entwickeln. Dies trifft auf alle Menschen zu, Glaubende und Nichtglaubende. Einen Verstand zu besitzen, ist ein fundamentaler Bestandteil der Art und   Weise, wie Gott uns gemacht hat. Er ruft jeden auf, seinen Verstand zu benutzen.

2. Die Folgen  der Sünde

Das neue Testament redet einmal davon, daß wir „Gott feindlich gesinnt waren“ (Kolosser 1, 21). Das Denken oder die Gesinnung wird nichtig, wenn wir uns von Gott abwenden und ihn nicht mit unserem Wissen ehren. Das ist der Grund, warum die Welt nach Paulus das Evangelium als Torheit betrachtet. Nicht das Evangelium ist Torheit, sondern das Denken derer, die Gott ablehnen, ist nichtig, leer und fehlgeleitet. Die Menschen gebrauchen ihren Verstand in Feindschaft gegen Gott, um sich selbst und ihre Gedanken aufzurichten und Gott und sein Wort niederzureißen. Aber die Tatsache, daß dem so ist, und daß es diese Feindschaft und Gebrochenheit des Denkens gibt, bedeutet nicht, daß der Verstand nutzlos wäre. Die Menschen sind immer noch Ebenbild Gottes, auch nach dem Sündenfall. Auch nach dem Fall haben sie immer noch Funken des göttlichen Bildes in sich, und das gilt auch in bezug auf ihren Verstand. Deshalb kann Paulus in Apostelgeschichte 17 griechische Dichter wie Aratus und Epimenides als solche zitieren, die Wahres gesagt haben, obwohl sie nicht gläubig waren. Er kann sich auf das berufen, was sie sagten. Und Calvin selbst sagt über Plato, daß es Lästerung des Heiligen Geistes wäre zu behaupten, Plato habe nie etwas Nützliches oder Wahres gesagt. Er erkannte, daß Gott, der Schöpfer, auch den Verstand und das Denken eines Nichtglaubenden in all seiner Gebrochenheit erleuchtet (vgl. Johannes 1,9). Jedes Individuum lebt noch immer in Gottes Welt und ist nicht allein der Lüge ausgeliefert. Das Denken ist durch die Sünde verzerrt, nicht aber zerstört worden. Die Menschen können ihren Verstand gebrauchen, ebenso wie sie lieben können, auch als Nicht- glaubende.

3. Die Menschen sind verantwortlich für ihr Denken.

In der Offenbarung richtet Gott Wahrheit an den menschlichen Verstand. Jesus hat Menschen konsequent her- ausgefordert, sie gefragt und sie ermutigt, Fragen zu stellen. Er war beständig in einem Dialog mit Ungläubigen über das, was wahr ist. Ähnlich hat auch Paulus, wie von Lukas in Apg. 17-19 beschrieben wird, das Evangelium nicht nur proklamiert; vielmehr argumentierte, überredete, überzeugte er. Die Hörer hatten einen Verstand, für den sie vor Gott verantwortlich waren. Paulus war bereit, ihnen Gründe darzulegen, weshalb sie glauben sollten, nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder. Wenn er zu Juden redete, konnte er annehmen, daß sie ein gewisses Vertrauen in das Alte Testament besaßen. Deshalb begann er über den Messias zu reden und versuchte zu beweisen, daß Jesus der Christus war. Wenn er mit Heiden zusammen war, die nichts vom Alten Testament wußten, fing er an, von der Schöpfung zu reden, davon, daß Gott die Welt und den Menschen gemacht hatte. D.h., er wählte einen anderen Ausgangspunkt. Das Evangelium muß dem Verstand mit Nachdruck, über- zeugend und als etwas Relevantes vor- gestellt werden.

4. Das Neue Testament fordert uns auf, einen erneuerten  Verstand zu haben.

Paulus ermahnt uns, jeden Gedanken gefangenzunehmen unter den Gehorsam Christi. Christus interessiert sich für das, was wir in allen Bereichen unseres Lebens denken. „Ich bringe falsche Gedankengebäude zum Einsturz und reiße den Hochmut nieder, der sich der Erkenntnis Gottes entgegenstellt“ (2. Korinther 10, 4+5). Deshalb kämpft Paulus beständig den Kampf um das Denken, indem er Argumente zerstört, die gegen die Erkenntnis Gottes gerichtet sind. Er konnte Rechenschaft geben von der Hoffnung, die in ihm war – was in der Tat auch die Herausfordung des Petrus an uns heute ist (1. Petrus 3, 15). Aber wie viele können eine vernünftige, begründete Darlegung ihres Glauben geben? Das Neue Testament fordert uns auf, dazu immer bereit zu sein. Wir müssen ernstlich für die Arbeit des Heiligen Geistes beten, daß er die Herzen der Menschen öffnet, damit sie der Wahrheit Aufmerksamkeit schenken. Und wir müssen dafür beten, daß der Heilige Geist uns hilft, das Wort klar und überzeugend in unsere Kultur hineinzusprechen, und uns befähigt, zu tun, wozu Paulus uns auffordert, so daß wir durch Gottes Kraft und mit seinen Waffen jeden Gedanken gefangen- nehmen und jedes Hindernis zerstören können, das gegen die Erkenntnis Gottes gerichtet ist.

Jerram Barrs war langjähriger Mitarbeiter im englischen L’Abri und ist zur Zeit Dozent am Covenant Seminary in St. Louis, USA. Originaltext: L’Abri-Lecture No. 3. Die Form der mündlichen Rede wurde großteils beibehalten. Übersetzung und Bearbeitung: Friedemann Starck, Clemens Kuhs, Jochen Walldorf Im englischen Orginal steht für „Verstand“, „Denken“ und „Bewußtsein“ das Wort „mind“

www.labri.org/germany/resource/Akzente_1995

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