Alles unter Christi Herrschaft

Manche Menschen trennen zwischen geistlichen und weltlichen, religiösen und säkularen, heiligen und profanen Dingen. Man könnte diese Einstellung eine „Spiritualität des geteilten Lebens“, eine „divided-life spirituality“ nennen. Dazu ein simples Beispiel aus dem L’Abri in Massachusetts. Jemand fragte mich, was geistlicher sei, zu beten oder Geschirr zu spülen. Für ihn lag es auf der Hand, daß Beten die geistlichere Aktivität ist. Denn man betet im Geist zu Gott, der Geist ist. Abwaschen tut man dagegen mit den Händen und nicht mit dem Geist. Es ist keine spezifisch religiöse Tätigkeit. Bei dieser Frage wurde mir klar, daß man so nicht unterscheiden kann. Bezeichnet man das eine als „geistlich“ und das andere als „weltlich“, wird man dem christlichen Gedanken nicht gerecht. Denn manchmal ist es geistlicher, Geschirr zu spülen, beispielsweise, wenn man damit an der Reihe ist. Die Entschuldigung „Ich muß aber beten“ wäre vor Gott falsch und deshalb ungeistlich. Ich möchte mich gegen diese „Spiritualität des geteilten Lebens“ aussprechen, die dazu neigt, das Leben in Bereiche aufzuteilen. Angemessener ist es, das gesamte Leben als geistlich anzusehen, mit Ausnahme dessen, was eindeutig als Sünde bezeichnet werden kann. Abgesehen davon gibt es keine Kriterien, mit denen wir prinzipiell geistliche von ungeistlichen Tätigkeiten unterscheiden können.
Die „Spiritualität des geteilten Lebens“
Aber zunächst möchte ich die Tragweite und Herausforderung der Sichtweise darstellen, die ich hier widerlegen will, der „Spiritualität des geteilten Lebens“. Sie ist in der heutigen Kirche sehr verbreitet, da sie so plausibel erscheint. Sie überzeugt beispielsweise dadurch, daß sie Christen das Setzen von Prioritäten so einfach macht. Wenn ein bestimmter Lebensbereich eindeutig religiös ist, dann ist von vornherein klar, was im Leben eines Christen Priorität hat. Die wichtigen Dinge wären demnach die persönliche Beziehung zu Gott, die Vergebung der Sünden, Gebet und Gehorsam, Bibellese, Anbetung und Mission. Dies wären die Dinge, die Bestand hätten, die „unvergänglichen“ Dinge. Alles andere dagegen wäre vergänglich. Man könnte daher mit gutem Gewissen das meiste, was in dieser Welt passiert, ignorieren, da es mit den frommen Aktivitäten wenig zu tun hat. Die Politik, das Geld, die Künste, die akademische Welt, die Wirtschaft wären nur wichtig, damit die Organisation des Lebens funktioniert. Der Fromme kümmert sich deshalb nicht allzuviel darum. Er hält Menschen, die sich für ihre Arbeit in Bildungswesen, Politik und Wirtschaft einsetzen und sich dafür begeistern, automatisch für weniger gläubig. Man hat zwar mit diesen Bereichen als einem notwendigen Übel zu tun, sollte sich aber nicht dafür engagieren. Wer dieses fromme Konzept für richtig hält, hat automatisch die Prioritäten seines Lebens festgelegt. Für ihn ist es klar, daß es geistlicher ist, Pastor bzw. Missionar zu sein als Arzt, Anwalt oder Landwirt. Die Wichtigkeit von Mission und die Vergänglichkeit der Welt werden ja von der Bibel gelehrt. Dieses Konzept bedeutet auch, und das erscheint vielen Christen sehr attraktiv, daß wir mit gutem Gewissen die große unübersichtliche und bedrohliche Welt, die wie ein großer Fluß an uns vorbeirauscht, ignorieren dürfen. Wir brauchen dieser Welt und ihren Eigenheiten keinerlei Beachtung zu schenken.
Paulus und die Korinther
Ich bin jedoch vollkommen anderer Meinung, und deswegen will ich nun auf Aspekte eingehen, die diese Sicht in Frage stellen. Die Kritik geht von der Bibel aus. Erste Zweifel finden wir im Korintherbrief. Paulus beschäftigt sich mit genau dieser Sichtweise einer „Spiritualität des geteilten Lebens“. Die Korinther kritisierten Paulus, indem sie sagten: „Du bist nicht fromm. Du bist nicht so gläubig wie wir es sind, denn wir haben ganz besondere Gotteserfahrungen.“ Doch Paulus entgegnete ihnen im ersten Brief an die Korinther: „Ich, liebe Brüder, konnte nicht zu Euch reden wie zu geistlichen Menschen, sondern wie zu fleischlichen… (1. Kor. 3,1). Was meint er damit? Meint er, daß sie zuviel Zeit „in der Welt“ verbringen, sich allzusehr in ihren „weltlichen“ Berufen engagieren? Nein, er meint nur, daß auch sie sündig sind, denn sie liegen sich in den Haaren, leben in einem christlichen Wettstreit und machen sich gegenseitig schlecht.
Körper und Geist
Die Korinther standen unter dem Einfluß der griechischen Philosophie, die davon ausgeht, daß die menschliche Seele gut ist und Gott nahe steht, der menschliche Körper hingegen minderwertig ist, den Menschen nach unten zieht, weg von den göttlichen Dingen. Wir finden in der griechischen Philosophie also eine Spannung zwischen Körper und Geist. Gott selbst ist erhaben über alles Materielle und frei davon. Der Mensch gleicht einer Blume, die im Boden – im Schmutz – verwurzelt ist, und sich doch aufrichtet, um ihre Blüten nach oben zu strecken. Der menschliche Körper ist im Materiellen verankert, doch sein Geist, seine Seele, strebt nach Höherem. Diese Spannung zwischen der erhabenen, göttlichen und der schmutzigen, materiellen Welt macht demnach den Menschen aus. In Korinth führte diese Lehre zu zwei schwerwiegenden Problemen. Die einen meinten: Wenn der Körper unwichtig ist, muß man ihn vernachlässigen, ja negieren, um geistlicher, frommer zu werden. Es gab deshalb in Korinth Ehepaare, die zusammenlebten, ohne eine körperliche Beziehung zu haben. Es erschien ihnen fromm, ihr sexuelles Verlangen zu überwinden. Paulus sagte zu ihnen: „Da habt ihr etwas völlig falsch verstanden! Eure Körper gehören zueinander. Eure Sexualität ist ein Geschenk Gottes und dafür da, angenommen zu werden.“ Die anderen meinten: Wenn der Körper minderwertig ist, und der Geist allein wichtig, dann ist es egal, was ich mit meinem Körper tue, denn Gott sieht ja nur den Geist an. In der korinthischen Gemeinde gab es daher Männer, die ein Verhältnis mit der Frau ihres Vaters hatten, und keiner kümmerte sich darum. Diese beiden ausgesprochen gegensätzlichen Haltungen – einerseits die Mißachtung des Körpers und andererseits ein zügelloses Ausleben des Körpers – erwuchsen in Korinth aus einer „Spiritualität des geteilten Lebens“, und Paulus entlarvte sie als grundsätzlich falsch.
Spiritualität und Verstand
In 2. Kor. 10 spricht Paulus über den Verstand. Der Verstand ist nichts Minderwertiges, rein Menschliches, das mit dem „Geist“ nichts zu tun hat. Doch er soll erneuert werden, um zu Gottes Ehre gebraucht zu werden. Wichtige Verse sind 2. Kor. 10, 3-4:
„Denn obwohl wir im Fleisch leben, kämpfen wir doch nicht auf fleischliche Weise. Denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören.“ Hier erfahren wir, daß der Kampf, den wir kämpfen, ein geistlicher Kampf ist. Und wir erwarten, daß Paulus herausstellt, wie wichtig dafür Gebet, Fürbitte und all die Dinge sind, die als besonders religiös gelten. Doch Paulus fährt fort: „Wir zerstören damit Gedanken und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und nehmen gefangen alles Denken in den Gehorsam gegen Christus“ (V. 5). Er redet also von einer geistigen Auseinandersetzung, einem Kampf um Sichtweisen, einer intellektuellen Konfrontation. Es geht um argumentative Hindernisse, die die Erkenntnis Gottes behindern und deshalb überwunden werden müssen. Paulus unterscheidet eben nicht zwischen dem Gebet als einer würdigen und intellektueller Diskussion als einer zweitrangigen Waffe des Glaubens. Er will die christlichen Denkstrukturen erweitern. Jeden Gedanken Christus zu unterstellen schließt dann Meinungen über Wirtschaft, Psychologie, Haushaltsführung, Freizeitgestaltung mit ein – all diese Dinge gehören zum gelebten Glauben.
Soziale Gerechtigkeit
Etwas anderes, das mich an der „Spiritualität des geteilten Lebens“ stört, ist, daß sie sich wenig um soziale Gerechtigkeit, wie sie von der Bibel gefordert wird, kümmert. Soziale Gerechtigkeit hat mit der nüchternen Welt des Geldes, der Machtkämpfe und des Big Business zu tun. In Jesaja 58 verurteilt Gott die Menschen, die ihre Religion im Privaten ausüben. Trotz ihres aufrichtigen Gebetes und Fastens haben sie nicht die Unterdrückten befreit, ihr Brot mit den Hungrigen geteilt oder die Nackten gekleidet. Erst wenn sie diese Dinge ernst nehmen, sagt Gott, wird er ihre Gebete ernst nehmen. Ihre Gebete werden also deshalb von Gott abgelehnt, weil ihre Sicht des Glaubens zu eng war und soziale Ungerechtigkeit nicht einschloß. In Römer 15, 24-25 spricht Paulus von seinem Vorhaben, das Evangelium dort zu predigen, wo es nie zuvor gepredigt wurde, und dazu nach Spanien zu gehen. Doch er unterbricht seine Reise, um Geld nach Jerusalem zu bringen. Geld war ihm also wichtig genug, um Anlaß für eine Unterbrechung seiner Missionsreise zu sein. Er hatte einen Blick für die existentiellen Nöte der Menschen.
Essen, Trinken und Arbeiten
Die Bibel zeigt durchgehend einen im Alltag gelebten Glauben. Was könnte – so meint man – weniger geistlich sein, als Nahrung in sich hineinzustopfen? Die Bibel entgegnet in Römer 14,15: „Wenn aber dein Bruder wegen deiner Speise betrübt wird, so handelst du nicht mehr nach der Liebe. Bringe nicht durch deine Speise den ins Verderben, für den Christus gestorben ist.“ Essen erscheint hier als geistliche Aktivität, und zwar deshalb, weil Gott der Schöpfer der materiellen Welt ist und wir ihm dafür danken sollen. Es gibt keine getrennten Lebensbereiche. In Epheser 6,7 wird über die Arbeit gesagt: „Tut euren Dienst mit gutem Willen als dem Herrn und nicht den Menschen…“. Ob wir Missionar, Landwirt oder Lehrer sind – wir sollen unsere Arbeit für Gott tun. Das „Priestertum aller Gläubigen“ meint, daß keine Art der Berufung höher zu werten ist als eine andere.
Alle Christen sind „Priester“
In einer gelungenen Weihnachtspredigt Martin Luthers geht es um das Leben der Hirten nach der Begegnung mit dem Messias. Sie zogen sich nicht plötzlich in heilige Abgeschiedenheit zurück oder wurden Vollzeit-Evangelisten. Nein, sie kehrten zu ihren Herden zurück. Sie waren veränderte Menschen, lobten und priesen Gott, doch sie blieben bei ihren Schafen. In diesem Sinne sagte Luther, daß das Wechseln der Windeln seines Babys für ihn geistlicher war als alles, was er jemals im Kloster getan hatte.
Das Risiko
Wir sind dazu berufen, diese Herausforderung auszuhalten, die besagt, daß alles geistlich ist, mit Ausnahme der Sünde. Das führt dazu, daß wir uns mit Begeisterung und Leidenschaft in dieser Welt engagieren. Jesus sagte nie, daß es einfach sei, in der Welt zu leben. Er rief uns dazu auf, der Spannung standzuhalten, in der Gesellschaft zu leben und doch nicht von ihr beherrscht zu werden. Viele Christen meinen, sie seien unabhängig von der Gesellschaft, doch in Wirklichkeit können sie es nicht sein. Wir sind ein Teil von ihr, ob wir es wollen oder nicht. Doch das bedeutet nicht, zwischen geistlichen und weltlichen Lebensbereichen hin- und hergerissen zu sein. Alles kann geistlich sein. Es ist geistlich, ganz und gar an unserer Welt beteiligt zu sein. Das zeigt Jeremia 28. Jeremia schreibt dort an die Gefangenen in Babylon. Er sendet ihnen den Brief als Weisung des Herrn. Sicherlich erwarten sie, darin zum Widerstand gegen ihre Unterdrücker oder zur Flucht in die Heimat aufgefordert zu werden. Doch Jeremia sagt ihnen, daß sie, obwohl sie in Babylon, dem alttestamentlichen Sinnbild für Sünde, leben, nicht nur daran denken sollten, so schnell wie möglich zurückzukommen. Vielmehr sollen sie Häuser bauen, Gärten anlegen und deren Früchte ernten, das Wohl der Stadt suchen und für sie beten – für Babylon, die sündige Stadt! Daniel setzte dies in die Tat um. Er war ein Jude, der nach Babylon verschleppt worden war und der doch sein Fenster nach Jerusalem geöffnet hielt. Er wußte, daß sie am Ende der siebzig Jahre nach Israel zurückgerufen würden. Babylon war nicht seine Endstation. Meiner Meinung nach ist dies ein gutes Beispiel dafür, wie wir in der modernen Gesellschaft leben sollen. Wir sind in dieser Welt nicht zuhause, wir sind Fremde in dieser Welt. Und trotzdem sollen wir in ihr leben und gleichzeitig ein Fenster nach Jerusalem offen stehen haben. Das Problem der Israeliten war allerdings nach den siebzig Jahren, daß es die meisten bequemer fanden, in Babylon zu bleiben. Sie hatten dort ihre finanzielle Sicherheit, nette Freunde und vieles mehr. Hier haben wir also die andere Gefahr: in unserem Engagement zu sehr von der Gesellschaft beeinflußt zu werden und das offene Fenster zu vergessen. Woody Allen gibt eine treffende Definition von Bürgerlichkeit: „Jemand, der bürgerlich ist, ist jemand, der das Leben mit großer Ernsthaftigkeit betrachtet. Er mißt Gott und seinem Teppich die gleiche Wichtigkeit zu.“ – Wenn wir Gott und unseren Teppich auf eine Stufe stellen, werden wir, vor die Wahl gestellt, den Teppich vorziehen. Genau das taten die Israeliten in Babylon. Wir können daher durch unseres gesellschaftliches Engagement auch in eine Falle tappen.
„Ein-Zylinder-Evangelisation“
Trotzdem will ich deutlich sagen, daß zwischen geistlichem und gesellschaftlichem Leben kein Widerspruch bestehen soll. Ranald Macauly nennt es „Ein-Zylinder-Evangelisation“, wenn wir Mission als unsere primäre Aufgabe in dieser Welt betrachten. Wenn Mission das einzige ist, was unsere christliche Existenz rechtfertigt, ergibt das ein trauriges Bild. Mission und christliches, soziales Engagement ergänzen sich und wirken erst zusammen überzeugend. Unser gesellschaftlicher Einsatz bildet den Hintergrund für das Weitersagen der christlichen Botschaft, und dies ist gerade heute aktuell. Wenn das Konzept einer „Spiritualität des geteilten Lebens“ nicht überwunden oder widerlegt wird, werden wir Christen in große Schwierigkeiten kommen. Dann gleicht die Kirche einer Schildkröte, die auf dem Rücken liegt und mit den Beinen strampelt, ohne wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Wir leben in einer Welt der überzeugenden Lebenskonzepte, in der die christliche Botschaft nicht einmal wahrgenommen wird. Nicht, daß sie überzeugend widerlegt würde, nein, sie wird nicht einmal gehört. Ein Theologe der 20er Jahre stellte es so dar: Die moderne Gesellschaft ist ein gewaltiger Fluß, der mit Macht dahinströmt. Die Kirche sitzt am Ufer und beobachtet ihn. Sie kann den Fluß nicht aufhalten oder umleiten, denn sie versteht den Fluß nicht. Und viele in der Kirche nennen es eine Tugend, den Fluß nicht zu begreifen, und wollen die daran hindern, die es versuchen. Dieser Theologe stellt uns vor die Wahl: Entweder geben wir uns damit zufrieden, am Ufer zu sitzen und den gewaltigen Strom vorbeirauschen zu sehen und nur im Hinterland unsere Arbeit zu tun – also in den Enklaven der modernen Gesellschaft, die noch bereit sind, die Botschaft durch unsere althergebrachte Art der Verkündigung zu hören. Oder wir entscheiden uns dafür, endlich die Welt, in der wir leben, verstehen zu lernen. Aus diesem Grunde können wir nicht Frömmigkeit und Gesellschaft trennen. Sie bedingen sich gegenseitig. Wir brauchen eine weite, umfassende Sicht von Glauben. Gott will unser ganzes Leben. (D. Keyes)
http://www.labri.org /germany/resource/Akzente_1995 Bearbeitung: Eva Walldorf Übersetzung: Bettina Stiewe

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