Spiritualität als Grundentscheidung meines Lebens

Spiritualität ist in unseren Tagen ein häufig gebrauchtes Wort. Was ist gemeint? Spiritualität ist gelebte Religiosität. Spiritualität hat damit eine sehr breite inhaltliche Füllung. Spiritualität gibt es in allen Religionen. Auch innerhalb des Christentums gibt es eine große Bandbreite von Spiritualität. Sollte man bei dieser Bedeutungsfülle nicht lieber auf den Begriff ganz verzichten? Viele gerade im Bereich des Pietismus sind sehr skeptisch bis ablehnend diesem Begriff gegenüber. Birgt er nicht zu viel Unklarheit und ist damit schwammig und offen für alles? Sollte man nicht bei bewährten Worten wie »Frömmigkeit « oder »geistliches Leben« bleiben? Wir müssen sehen, dass Sprache in Bewegung ist. Es gibt Worte, die sich überlebt haben. Wenn man einfach an ihnen festhält, kann es sein, dass man nicht mehr verstanden wird. Es gibt neue Worte, die ihre Blüte erleben. Einer solchen Entwicklung muss man sich stellen. Dann geht es vor allem um die inhaltliche Füllung. Was ist Spiritualität im christlichen Glauben, noch konkreter im evangelischen Profil und noch konkreter in der Tradition des Pietismus? Ich möchte eine Grundentscheidung vorausschicken: Christliche Spiritualität in unserem Verständnis ist biblische Spiritualität. Das bedeutet, dass das inhaltliche Fundament christlicher Spiritualität das biblische Wort ist. Dies soll im Hören auf Psalm 1 entfaltet werden:

1 Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen, 2 sondern hat Lust am Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht! 3 Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl. 4 Aber so sind die Gottlosen nicht, sondern wie Spreu, die der Wind verstreut. 5 Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten. 6 Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergeht.

Biblische Spiritualität hat Verheißung und kennt den Ernst des Gerichts Psalm 1 beginnt mit einer Verheißung: »Wohl dem«; man kann auch sagen: selig, glücklich, gratuliere. Es geht um das, was dem Menschen gut tut, was er braucht, was ihn zum wahren Menschen macht für Zeit und Ewigkeit. Biblische Spiritualität ist damit nicht Hobby oder Geschmackssache, sondern lebensnotwendig. Dem ersten Wort (»Wohl dem«) entspricht im ersten Teil von Ps 1 (V. 1–3) die Aussage: »Und was er macht, das gerät wohl.« Biblische Spiritualität hat das ganze Leben im Blick. Sie ist nicht begrenzt auf Momente besonders starker religiöser Gefühle oder besonderer Erlebnisse und Erfahrungen. Biblische Spiritualität hat einen ganz starken Alltagsbezug, und sie möchte dazu beitragen, dass dieses Leben gelingt. Somit ist biblische Spiritualität nicht ein Sahnehäubchen, das das Leben ein bisschen verschönt, sondern Grundlage, ohne die nichts geht. Der Verheißungscharakter ist im Schluss von Ps 1 nochmals aufgenommen: »Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten« (V. 6a), und das bedeutet unter anderem, dass dieser Weg Bestand hat. Es gibt aber auch die andere Seite (V. 4–5+6b). Dort ist von Menschen die Rede, denen man kein »glücklich « zurufen kann. Ps 1 schildert auch Wege von Spiritualität als Grundentscheidung meines Lebens Menschen, die vor Gott keinen Bestand haben. Diese Menschen haben und leben auch ihre Spiritualität. D.h.: Im Urteil der Bibel ist Spiritualität nicht schon an sich gut. Es gibt Fehlwege von Spiritualität. Nun könnte man einwenden: Ps 1 ist doch typisch alttestamentlich. Sieht die Sache mit dem Gericht vom NT her gesehen nicht anders aus? Nein, ich verweise auf das Wort Jesu in der Bergpredigt. Sie endet mit dem Gleichnis vom Hausbau. Das eine Lebenshaus besteht, das andere vergeht – entsprechend zu Ps 1,6. Biblische Spiritualität lebt von der Bindung an Gott und sein Wort. Sie ist geprägt von dieser Beziehung. Sie orientiert sich nicht vorrangig am Ich und seinen Bedürfnissen, sondern an Gott und seinem Wort und ist damit nicht beliebig.

Biblische Spiritualität fordert Entscheidungen

Orientierung an Gott und seinem Wort fordert Entscheidungen. Ps 1 führt dies zunächst negativ aus. In V. 1 steht ein dreifaches »Nicht« (Luther hat zweimal mit »noch« übersetzt). Ein paar Beobachtungen dazu am Text:

1. Keine falsche Orientierung an Menschen

Es werden negative Vorbilder genannt: Gottlose, Sünder, Spötter. Interessant ist, dass Ps 1 keine positiven menschlichen Vorbilder dagegenstellt (etwa Fromme, Priester oder Propheten), sondern Gottes Wort. Die Gefahr ist in der Tat groß, dass man sich an Menschen bindet und sich von Menschen und ihrer Meinung abhängig macht. Maßstab biblischer Spiritualität ist und bleibt aber letztlich das Wort des Herrn. Menschen sollen sich gegenseitig eine Hilfe sein im Hören auf dieses Wort, aber nie die letzte Autorität haben. Hier gilt Jesu Wort: »Einer ist euer Meister, ihr aber seid Brüder.« Bruderschaft, nicht Herrschaft entspricht biblischer Spiritualität.

2. Anfangsentscheidungen sind grundlegend

Im Sprichwort heißt es: »Wie man sich bettet, so liegt man.« Ps 1,1 zeigt im Blick auf den falschen Weg eine Bewegung, die in der Unbeweglichkeit endet: gehen – stehen – sitzen (Luther: wandeln – treten – sitzen). Damit wird deutlich, wie wichtig die Grundentscheidung der Spiritualität ist: an wem orientiere ich mich? Dinge schleifen sich im Laufe des Lebens ein und verfestigen sich, und es wird immer schwerer, sich zu lösen. Die Erfahrung zeigt: Je früher die Grundentscheidung fällt, umso besser und auch leichter.

3. Der Gottlose im AT

Wenn in Ps 1 von Gottlosen die Rede ist, so könnte man an sichtbar böse Menschen oder gar Atheisten denken. Aber so weit muss es im AT nicht gehen. Es muss nicht einmal ein Götzendiener sein. Es gibt Fehlentwicklungen der Spiritualität im an sich richtigen Glauben. Ich möchte damit nicht Angst machen. Ich möchte aber warnen, dass wir uns nicht einlullen lassen und denken, in unserem Glauben sei alles richtig. Es geht darum, wachsam zu sein, selbstkritisch, sich korrigieren zu lassen. Der Beginn der schiefen Bahn ist, wenn wir nicht mehr hören, und zwar so, dass wir uns kritisieren und korrigieren lassen. Wenn wir nur noch hören, was uns gefällt und bestätigt und was vielleicht den anderen kritisiert, dann stimmt es nicht mehr. Auf zwei inhaltlich falsche Grundhaltungen von Spiritualität möchte ich hinweisen. Zum einen: Spiritualität als Werk vor Gott. Ich diene mit meiner Spiritualität Gott, und er belohnt mich dafür. Biblische Spiritualität hingegen ist Leben aus der Gnade. Nicht ich diene Gott, um etwas zu verdienen, sondern Gott dient mir. Zum andern: Spiritualität wird isoliert vom Alltag. Biblische Spiritualität ist ganzheitlich. Sie orientiert sich an Gott und sendet mich zum Nächsten. Biblische Spiritualität wirkt Lebensveränderung, sie verbindet Gottesdienst und Alltag.

Biblische Spiritualität ist bibelorientiert

V. 2 ist der Schlüsselvers in Ps 1: »sondern hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!« Der Begriff »Gesetz« muss an dieser Stelle kurz erläutert werden. Ich halte ihn für eine nicht ganz zutreffende Übersetzung des hebräischen Wortes »Tora «. Tora ist in seiner Bedeutungsfülle nicht zu beschränken auf das, was wir unter Gesetz verstehen. Tora ist nicht eine Sammlung von Geboten. Tora können wir am besten wiedergeben mit »Wort Gottes« oder gar »Offenbarung Gottes«. Gebote sind ein Teil davon, aber längst nicht alles. Dieser Vers macht deutlich, dass biblische Spiritualität mit dem Wort Gottes lebt. Ein paar Kennzeichen biblischer Spiritualität erschließt dieser Vers.

1. Freude am Wort

Die Freude am Wort können wir im Alten Testament entdecken und vom Judentum lernen (man denke etwa an Ps 119). Zur Freude am Wort gehört das Lesen des Wortes, auch längerer Abschnitte. Zum Abschluss des Abendmahls sang Jesus mit seinen Jüngern den »Lobgesang« (Mt 26,30), das sind die Psalmen 113 bis 118 und damit ein doch langer Abschnitt. Nach meiner Beobachtung tun wir uns mit langen Abschnitten sehr schwer. Aber mit einer »Fast Food-Bibel- Mentalität« (fast food = Schnellimbiss) bleiben wir an der Oberfläche, und biblische Zusammenhänge bleiben uns verschlossen. Die Freude am Wort kommt durch geistliche Entdeckungen. Dazu muss man das Wort meditieren, bedenken, kauen, bewegen, mit sich tragen. Nur so kann es unser Denken, Reden und Handeln prägen. Die Freude am Wort kann man nicht künstlich erzeugen. Wir haben sie oft auch nicht vor dem Lesen, sondern sie kommt mit dem Lesen, wenn uns bewusst wird, der lebendige Gott spricht mit uns.

2. Es ist das Wort des HERRN

Zweimal kommt dies in dem einen kurzen Vers zum Ausdruck und wird somit betont: »sondern hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz bei Tag und Nacht!« Es geht um die Überzeugung, dass in dem geschriebenen Wort der Heiligen Schrift tatsächlich Gott redet und der Hörer dieses Wortes somit Gott selbst begegnet. Dies ist grundlegend für biblische Spiritualität. Wenn diese Basis verschwimmt, wird Spiritualität beliebig. Die Heilige Schrift als Grundlage der Spiritualität bewahrt auch vor einem falschen und überzogenen Individualismus in der Spiritualität. Die Konzentration auf die Heilige Schrift als gemeinsame Grundlage verbindet und schafft Gemeinschaft und ermöglicht gemeinsame Spiritualität. Trotz der gemeinsamen Ausrichtung auf die Mitte, auf das Wort des Herrn, bleibt genügend Raum für individuelle Freiheit. Wir halten fest: Christliche Spiritualität ist bibelzentriert, und das Wort der Heiligen Schrift wird gelesen als Wort des lebendigen Gottes.

3. Regelmäßigkeit »… und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht.« Gemeint ist damit nicht ein Ausstieg aus der Lebenswirklichkeit des Alltags von Beruf und Familie oder eine Vernachlässigung derselben. Es geht vielmehr darum, dass die regelmäßige Betrachtung von Gottes Wort den Alltag begleitet. Hören auf Gottes Wort und Alltag des Lebens stehen nicht ohne Bezug nebeneinander, sondern sie durchdringen sich. Das Hören auf Gottes Wort muss auf den Alltag bezogen sein. Gesunde Spiritualität kann nicht zufällig sein. Sie braucht Ordnung und Formen, die zur Regelmäßigkeit helfen. Natürlich sind die äußeren Formen (zeitliche Verortung im Tagesablauf) und die inneren Formen (Ablauf der persönlichen Andacht) nicht ein für allemal festgelegt, sondern einem Wandel unterworfen. Man entwickelt sich ja weiter, und damit entwickelt sich auch die Art und Weise der persönlichen Andacht weiter. Was durch die individuelle Freiheit der Gestaltung nicht aufgehoben wird, ist die Regelmäßigkeit. Diese Regelmäßigkeit ist oft angefochten. Man muss immer wieder um sie ringen. Einmal hat man keine Zeit, ein anderes Mal keine Lust, ein weiteres Mal ist einem die eigene Form zur Routine geworden. Die Freude am Wort und die Regelmäßigkeit seiner Betrachtung kommen nicht automatisch. Die Regelmäßigkeit der Betrachtung von Gottes Wort muss immer wieder errungen werden.

Biblische Spiritualität bringt Frucht  

Ps 1 bleibt nicht bei der Konzentration auf Gottes Wort stehen, sondern beschreibt auch die Folgen einer durch das Wort geprägten Spiritualität. V. 3: »Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.« Wer wirkt die Frucht? Die Reihenfolge im Psalm ist entscheidend. Zuerst kommt die Konzentration auf Gottes Wort, dann die Frucht. Wenn das Wort Gottes im Zentrum steht, dann wirkt eben dieses Wort die Frucht; sie wächst aus dem Wort heraus. Gottes Wort wirkt, es kommt nicht leer zurück. Gottes Wort hat Kraft und verändert. »Gepflanzt« ist passiv. Der Mensch kann die Frucht nicht aus sich selbst wirken. Lebensveränderung braucht Zeit, wie das Wachstum eines Baumes Zeit braucht. Dass die heranwachsende Frucht als Folge rechter biblischer Spiritualität nicht ausbleiben soll, wird an vielen Stellen deutlich. Jesus lehrt: »So bringt jeder gute Baum gute Früchte« (Mt 7,17); Paulus schreibt von der »Frucht des Geistes« (Gal 5,22), und Jakobus stellt fest: »So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selbst« (Jak 2,17). Aber wird dann nicht einem neuen Gesetz das Wort geredet? Dies ist nicht der Fall, wenn wir drei Dinge bedenken:

1. Jesus ruft uns in seine Nachfolge und damit zur Veränderung des Lebens. Er will uns prägen. Bei diesen Wachstums- und Veränderungsvorgängen sind wir nie allein, sondern er ist bei uns.

2. Biblische Spiritualität zielt auf den Alltag und damit auf das ganze Leben. Sie möchte konkrete Veränderung unseres Lebens. Die Gefahr der Spiritualität ist die Begrenzung auf besondere religiöse Erlebnisse und Stunden. Die Trennung von Spiritualität und Alltag ist geradezu gefährlich (vgl. Mt 7,21–27). Der Glaube bewährt sich im Alltag.

3. Biblische Spiritualität lehrt zuerst das Leben aus der Vergebung und Gnade. Der Himmel kann nicht verdient werden, weder durch Spiritualität noch durch gute Werke im Alltag. Der Himmel ist Geschenk. Aber gerade das befreit vor falschem Zwang und lädt doch zur bewussten Nachfolge ein. Ob Frucht bei uns reift, das wissen wir gar nicht immer so genau – und das ist auch gut so. Aber es gibt auch die andere Seite, dass Gott uns durch sein Wort einen ganz konkreten Punkt in unserem Leben zeigt, wo er Veränderung möchte. Darf ich deshalb ganz offen fragen: Wo ist Gott gerade bei Ihnen dran? An welchem konkreten Punkt möchte Gott bei Ihnen Veränderung und damit Frucht wirken? Und noch etwas lernen wir. Lebensveränderung braucht Zeit, wie das Wachstum eines Baumes Zeit braucht. »Der seine Frucht bringt zu seiner Zeit«. Es gilt dranzubleiben und die nötige Geduld aufzubringen und bei Rückschlägen zu wissen: Wir leben aus der Gnade. Und eine letzte Überlegung dazu: Frucht ist etwas ganz Positives, Helfendes, Lebensnotwendiges. Wenn unser Leben Frucht bringt, dann hat es diese Eigenschaften. Dann leben wir nicht nur für uns. Dann ist unser Leben nicht vergeblich, dann hat es einen Sinn, dann bleibt etwas stehen für die Ewigkeit. Gottes Wort bleibt, und was in unserem Leben durch Gottes Wort an Frucht gewirkt wird, bleibt ebenso bestehen für Gottes Ewigkeit.

ZUR GEISTLICHEN GRUNDLEGUNG http://www.agv-apis.de/redsys/uploads/Gemeinschaft_10-06.pdf

Beim diesem Beitrag handelt es sich um einen der Vorträge beim Christustag in Stuttgart. Wir danken dem Referenten, Pfarrer Hartmut Schmid, Studienleiter am Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen.

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