Der Postmodernismus

Viele Leute behaupten heutzutage. wir lebten in der «postmodernen Zeit. Und nicht nur Künstler stellen diese Behauptung auf, sondern auch Philosophen und sogar Politiker. Das Wort post bedeutet nach» und bezieht sich auf einen Wendepunkt, an dem eine neue Richtung eingeschlagen wurde. Die Periode, die vorher war, wird mit dem Wort modern,, definiert. Damals sprach man von einer modernen Welt und einer modernen Geschichte; wir lebten in modernen Häusern, und wir trugen moderne Kleider. Aber der Postmodernismus lehrt uns, dass dies vorbei ist. Modernismus ist out, er hat seinen Reiz verloren. Der Mann, der den Ausdruck Postmodernismus» zum ersten Mai verwendete, ist der amerikanische Kunstkritiker Ihab Hassan, der Mitte der siebziger Jahre mehrere Artikel über moderne Kunst schrieb. Darin prägte er den Ausdruck ‘postmodern um die Kunst der Nachkriegsjahre zu bezeichnen. in jener Zeit schufen Verstädterung Massenkultur und der technologische Fortschritt eine grosse Varietät von Lebensstilen. Giese Lebensstile brachten auch eine Kunstgattung hervor, die Hassan postmodern» nennt. Nachdem sein Buch herausgekommen war, begannen vor allem amerikanische Künstler, sich «postmodern zu nennen. Im Bereich der Architektur kam es zu erbitterten Diskussionen über den genauen Charakter von postmodernen Gebäuden. In einem Buch von Charles Jenks wird festgehalten, dass das Hauptcharakteristikum postmoderner Architektur «disharmonische Harmonie» sei. Damit soll ausgedruckt werden, dass Stilrichtungen aus verschiedenen Epochen wie Lappen zusammengeflickt werden, ohne dass eine bestimmte Stilrichtung oder Idee dominiert.

Die Weltsicht des westlichen Menschen
Der Ausdruck «Postmodernismus» wird nicht nur in der Kunst verwendet. Mit diesem Begriff wird die Weitsicht des westlichen Menschen in den achtziger Jahren beschrieben. Dies geht zurück auf das 1979 erschienene Buch «La condition posimoderne» des Französischen Philosophen Jean-Paul Lyotard. Seit dem Erscheinen dieses Buches wird mit «postmodern» eine spezielle Denkart bezeichnet, die ihren Einfluss auf die ganze westliche Kultur der 80 Jahre ausübte. So wie der Existentialismus die intellektuelle Landschaft der 60er Jahn dominierte, so sind wir heute vom Postmodernismus geprägt.

Was ist postmodern?
Verschiedene Versuche, den Postmodernismus zu charakterisieren, sind schon unternommen worden, So beschreiben ihn einige mit Hilfe des Bildes einer Person, die durch ein Kaleidoskop auf das Äussere der Welt schaut. Andere sagen, es sei etwa damit zu vergleichen, wie wenn man einen Hamburger zusammen mit Spaghetti isst. Oder wie wenn man ein Haus anschaut, das griechische Säulen, romanische Bögen und eine moderne Spiegelwand hat. Die interessanteste Umschreibung, auf die ich bisher gestossen bin, ist aber: «Nihilismus mit einem Lächeln».
Der Ausdruck «postmodern» will einen scharfen Kontrast zum vorangegangenen Ideal des Modernismus darstellen. Deshalb wird es hilfreich sein, vom «Modernismus» auszugehen und uns dann zu fragen, welche seiner Elemente oder Aspekte der «Postmodernismus» leugnet. In dem englischsprachigen Buch «Postmodern culture» (Hrsg. Hai Forster) beschreibt der deutsche Philosoph Habermas (der den Postmodernismus ablehnt) im Kapitel «Modernity ”” an incomplete project, diesen Weg des Denkens als Ablehnung der Wurzeln des Modernismus, während man seine Früchte behält: «Das Vorhaben des Modernismus, wie es im 18. jahrhundert durch die
der Aufklärung formuliert wurde. bestand in ihren Bemühungen, die objektiven Wissenschaften, die universelle Moral und die autonome Kunst zu fördern, wie es ihrer inneren Logik entsprach. Dieses Ziel wurde von extravaganten Erwartungen begleitet: Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Menschheit in der Lage sein würde, die Kräfte der Natur zu kontrollieren. Die Menschheit würde frei sein von den Fesseln der Unwissenheit und der Armut: Es erwartete uns eine Welt, die wahrhaftig Frei war, wirklich emanzipiert und in der Lage, auf den eigenen Füssen zu stehen.» Herrschaft über die Natur, Freiheit, keine Armut: Das waren die Ideale des «Modernismus Die postmoderne Bewegung entstand, weil man zum Schluss gekommen war, dass diese Ideale zerschlagen, dass sie sowieso überwiegend reine Utopie waren. Das 20. Jahrhundert hat mit den Idealen des Modernismus gründlich aufgeräumt. Eine tiefe Desillusionierung bezüglich der Ideale der Aufklärung ist also die Ursache für die postmoderne Weltanschauung. Diese Ideale waren sehr hoch ”” und wurden nie erreicht. Die Welt, in der wir heute leben, ist kein bisschen freier als vor der Aufklärung. Die Armut in der Dritten Weit ist grösser, geworden, die Arbeitslosenrate steigt. Kein Jahrhundert hat so viel Elend produziert wie das unsrige. Sehen wir uns nur die Situation in den ehemals kommunistisch regierten Ländern an. Jedem ist heute klar, dass die marxistische Ideologie weltweit versagt hat. Und der Blick in die Zukunft wird begleitet von dem Bewusstsein drohender Gefahr. Die Aufklärung wollte zum selbständigen Denken erziehen, aber unsere Welt ist voll von Menschen, die durch Ideologien und Religionen in die Irre geführt wurden. Die Aufklärung strebte die Freiheit an, aber es wurden unzählige Gefängnisse und Konzentrationslager errichtet. Und dies geschah nicht zufällig, sondern als unausweichliche Konsequenz einer bestimmten Denkart. Lyotard schreibt, dass jedes totalitäre System zu Konzentrationslagern führt; deshalb sollten wir jede allesumfassende Wahrheit ablehnen. Es habe in unserer Welt genug Terror gegeben. Wir müssten aller Anmassung, die meint, die einzige Wahrheit zu kennen, den Krieg erklären Er nennt den Postmodernismus sogar einen «Trauerprozess nach dem Tode Gottes».

Das Ende der Aufklärung
Man müsste meinen, der Postmodernismus sei eine sehr pessimistische Weltsicht, die uns «über die Linie der Verzweiflung» führe, um Francis Schaeffers Terminologie zu benützen. Aber Postmodernismus hat erstaunlicherweise mit Verzweiflung nichts zu tun, im Gegenteil Anstelle des Pessimismus herrscht die Genugtuung darüber, dass man die Lasten des Modernismus los ist. Die Schlussfolgerung lautet: «Lasst uns lächeln und das Leben geniessen.» Diese Weitsicht wird von Künstlern besser dargestellt als von Philosophen. Ein gutes Beispiel ist der Film «Down by Law» von ‚ Jarmusch. In dieser Geschichte können drei Gefangene durch Zufall, nicht durch Absicht, aus dem Gefängnis entweichen. In Freiheit aber wissen sie nicht, was sie tun sollen. Der ganze Film ist ohne Logik und ohne irgendeine sinnvolle Antwort auf die Fragen des Lebens. Er ist lediglich unterhaltsam. Ob wohl das Leben als bedeutungslos dargestellt wird, fuhren die drei Männer am Schluss ein scheinbar sehr zufriedenes und fröhliches leben.

Wims Abenteuer
Ein weiteres Beispiel ist der Roman «Wims Abenteuer» von Luke Rhinehart. Wim ist einer der letzten Indianer, sein Name bedeutet «Wellenreiter». Als Indianer wuchs er in enger Verbindung mit der Natur, dem Wetter und dem Meer auf. Eines Tages wird auf einer Insel von einem Gewitter überrascht Nachdem es vorbei ist, begegnet Wim einem alten weisen Mann, der ihm die Sprache der Götter erklärt « Sie haben zu dir gesprochen, sagte er, und folgendes haben sie dir gesagt: Die letzte Wahrheit ist die einzige Heilung! ”” Heilung für was? flüsterte Wim Das erste Mal in seinem Leben fühlte er Angst. Die letzte Wahrheit ist die einzige Heilung für das, was wir alle haben] flüsterte der alte Mann schart ”” Was „ wir alle haben? flüsterte Wie Die Krankheit, zischte der alte Mann. Unser geliebter Wim fühlte, wie er heftig zitterte, wie wenn er von einem elektrischen Schlag getroffen worden wäre. Aber tapfer sah er immer noch in die Augen des alten Mannes. – Welche Krankheit? flüsterte Wim. Die wir alle in dem Moment, als wir geboren wurden, bekommen haben, antwortete der alte Mann mit heiserer Stimme: Krieg, Hass, Habgier. Gemeinheit, Hunger, Ungerechtigkeit, Grausamkeit, wie man es nennt ”” alles nur Symptome der Krankheit

”” Oh‚ sagte Wim, aber ….: Was ist die Krankheit?

‘Wenn wir sie kennen würden, dann würden wir sie heilen ‚ antwortete der alte Mann freundlich Aber wir kennen sie nicht. Wir sterben einfach daran….. Dann senkte der alte Mann seinen Kopf wieder und flüsterte heftig: Die letzte Wahrheit ist die einzige Heilung. Finde die letzte Wahrheit, finde die letzte Wahrheit. » Wim verlässt die Insel, sein Zuhause und sogar sein Land, um die letzte Wahrheit zu suchen Mehrere Begleiter kommen mit ihm. Er sucht die letzte Wahrheit im Luxus, in der Bildung, im Sex und in der Meditation, aber er findet sie nirgends. Er geht von einem Guru zum andern in der Hoffnung, den einen wahren Guru zu finden. Wim findet in allen Geschichten. und Gleichnissen ein wenig Wahrheit. Auf Seite 368 steht zum Beispiel der Abschnitt «Botschaften: Und es begab sich, dass der Herr des Universums, der göttliche Schöpfer selbst, kam, um der Menschheit eine Botschaft zu überbringen, eine Botschaft, die die Menschen von ihren schweren Lasten befreien würde, die sie sich selbst aufgeladen hatten. Und er sandte die Botschaft zur Erde, und sie wurde gesprochen und sie wurde geschrieben, aber die Menschen hörten nicht und sahen nicht, Wie kann das sein? fragte sich der Herr des Universums Ich habe die Botschaft geschickt, die die Menschen von den Lasten, die sie unnötigerweise tragen, befreien wird, und sie hören sie nicht, und sie sehen sie nicht. Alle Engel standen in verlegener Stille, als der: Herr des Universums dies fragte, ausser einem, unserem geliebten Wim, der es wagte, zu sprechen.

O allmächtiger Herr ‚ sagte Wim. In deiner unendlichen Weisheit und Liebe hast du den Menschen die Botschaft geschickt, aber sie haben keine Ohren, um sie zu hören und keine Augen, um sie zu sehen. Ich weiss, sagte der göttliche Schöpfer, aber wie kann das sein?‘ Es ist einfach, antwortete Wim. Menschliche Wesen wollen keine Botschaften, sie wollen Lasten Aber sie leiden unter ihren Lasten, sagte der Herr. Das stimmt, Herr antwortete unser geliebter Wim. Aber nicht so sehr wie unter Botschaften, ‘Wims Abenteuer wurde als humorvolle Geschichte geschrieben, doch dadurch wird die Tragik verdeckt, dass es keine letzte Wahrheit geben soll. «Wir sind durch jedermann und alles betrogen» ist die Botschaft des Buches, Seite 400: « In unserer eigenen grossen Suche nach dem einen wahren Guru, wie, Wim, hast du die falschen Yogis von den echten unterschieden? Zuerst, antwortete Wim, fand ich, dass die falschen alle Antworten haben, die echten Gurus hatten nie Antworten! Ich verstehe. Aber nachdem ich schliesslich über die letzte Wahrheit stolperte, realisierte ich, dass ich mich geirrt hatte.. Wie? Da erkannte ich, dass jeder Yogi, dem ich jemals begegnet. bin, der eine wahre Guru war.» Die letzte Lösung im Buch heisst: Gib zu, dass wir nichts wissen. Jeder Guru hat seine eigene Wahrheit. Der Zufall regiert die Welt. So findet Wim am Ende des Buches dies die magische Religion des 23sten Jahrhunderts: Er ist der Guru der Unwissenheit und des Zufalls.

Der Verlust des Zusammenhangs
Typisch für den Anfang eines postmodernen Romans ist der folgende Satz: „Als Chruschtschow beschloss, Raketen gegen Kuba einzusetzen, bekam mein Freund eine Glatze.“ Gleich zu Anfang wird da mit klargestellt, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen diesen zwei Ereignissen gibt, zwischen diesen zwei Satzteilen, diesen zwei Welten, diesen zwei Realitäten, diesen zwei Personen. Ein Zusammenhang existiert nur in unseren Köpfen. Das ist Postmodernismus Sein hervorstechendstes Charakteristikum ist der Verlust des Zusammenhangs. Es gibt keine letzte Wahrheit, keinen letzten Zweck. Es gibt auch keinen universellen Sinn. Und doch lässt der Postmodernismus keine Traurigkeit aufkommen, aber auch keine Ernsthaftigkeit. Man verliert seine Last und freut sich. Es ist besser, das Hier und Jetzt zu geniessen als irgendeinem unerreichbaren Ziel in der Zukunft nachzurennen. Postmodernismus könnte, wie oben er wähnt, beschrieben werden als «Nihilismus mit einem Lächeln». Leben ist ein Kaleidoskop ”” immer wenn wir es schütteln, sehen wir andere Farben und neue Formen und Figuren. Hören Sie ‚John Cages fragmentierte Musik. Lesen Sie Bob Perelmans fragmentierte Poesie, oder sehen Sie Filme wie ihn Jarmuschs «Down by Law». Warum sollte der Verrückte anormal sein? Wer und was ist normal? Es gibt keine Normen. an denen wir uns orientieren können. Vielleicht hat dies kein anderer so gut dargestellt wie Luke Rhinehart in seinem Buch «Wims Abenteuer».

Leitgedanken des Postmodernismus
Was sind tun die Leitgedanken des Postmodernismus, und warum kann der Mensch überhaupt so denken? Meiner Ansicht nach gibt es mindestens drei wichtige Elemente, die den Postmodernismus ausmachen:

1. Der Verlust einer einheitlichen Sicht von Wahrheit (Mysterium)

2. Die Suche nach wahrer Freiheit und wahrer Menschlichkeit (Identität)

3. Das Bedürfnis nach Vielfältigkeit (Pluralität)

1. Der Verlust der Wahrheit
Wenn man heute von biblischer Wahrheit spricht, so wird darunter vermutlich sofort eine totalitäre Ideologie verstanden. Das ist die Herausforderung des Postmodernismus an uns Christen Wie können wir erklären, dass die biblische Offenbarung keine Ideologie ist? Dass sie nicht etwas ist, das in den Köpfen der Menschen ausgedacht wurde? Sondern dass sie das ist, wie es im Wort selbst geschrieben steht: «Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.» (1. Korinther 2,9). Wir halten ganz klar fest, dass christliche Wahrheit: etwas völlig anderes ist als die «Wahrheit» der Aufklärung. Wenn der oben erwähnte Lyotard sie einander gleichsetzt, irrt er. Christentum und Aufklärung unterscheiden sich grundsätzlich, und zwar 1. in ihrem Ursprung, 2. in ihrem Ziel, 3. in ihrer gegenwärtigen Natur. Gehen wir genauer auf das Christentum ein:

Der Ursprung des Christentums liegt in Gottes Offenbarung, in Jesus Christus ”” nicht im Menschen.

Das Ziel des Christentums ist die Wiederherstellung des Menschen, nicht die Herrschaft über ihn.

Die Natur des Christentums. Das jeder Ideologie innewohnende Übel ist, dass der Mensch nur dann eine Bedeutung habe, wenn er dem Ganzen diene. Wenn nötig, wird das Individuum geopfert ”” oft genug ist dies in der Geschichte geschehen. In der christlichen Wahrheit sind so wohl das Individuum als auch das Ganze wichtig. Die postmodernen Philosophen haben den wahren Charakter der Ideologien durchschaut. Sie sehen in ihnen schreckliche Lügen, die die Menschen in die Knechtschaft führen. Mit dieser Sicht haben sie auch völlig recht! Wenn wir aber den Gedankengängen der Bewegung bis zum Schluss folgen, bleiben uns nur Unwissenheit und Zufall Die zwei Pfeiler der Religion des 23. Jahrhunderts in Luke Rhineharts Buch sind Unwissenheit und Zufall.

Was ist christliche Wahrheit?
Man muss sich fragen, ob es möglich ist, in einer Zeit, die vom Postmodernismus dominiert wird, Zynismus und Genusssucht zu verhindern. Denn der Postmodernismus lässt letztlich nur diese beiden Alternativen zu. Was sagen wir als Christen, die diese Entwicklung beobachten? Das Evangelium ist keine Ideologie. Es ist der «Wahrheit» der Aufklärung völlig entgegengesetzt. Denn die Wahrheit des christlichen Glaubens liegt nicht in einem System, sondern in einer Person. In seinem ersten Brief an die Korinther erklärt der Apostel Paulus einer hellenistischen Empfängerschaft die Bedeutung seiner Botschaft. Er stellt die christliche Wahrheit dem Konzept der Wahrheit, wie. sie Juden und Griechen haben, also den kulturellen Kräften seiner ‘Tage, gegen über. Er sagt: «Die Juden fordern Zeichen, und die Griechen suchen Weisheit.» Bis heute kann die Bevölkerung der Erde in diese zwei Gruppen eingeteilt werden; die Mechanisten und die Mystiker. Die Griechen repräsentieren die Mechanisten, die die Realität mit Hilfe ihres autonomen Denkvermögens entschlüsseln wollen. Das griechische Wort für Wahrheit. «aletheia», bedeutet Entschleierung der Realität. Die Juden stehen für die Mystiker, die nach religiöser Wahrheit suchen. Sie fordern «Zeichen», eine Art von Erfahrung, die eindeutig, den Beweis liefert, dass Gott tatsächlich existiert. Der Apostel Paulus stellt die Wahrheit des Evangeliums beiden Konzepten, dem jüdischen und dem griechischen, gegenüber. In 1. Korinther 1.23 sagt er: «wir aber predigen Christus als gekreuzigt.» Es ist eine Botschaft, «den Juden ein Ärgernis und den Nationen eine ‘Torheit, den Berufenen selbst aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit». Paulus unterscheidet die Wahrheit, die er verkündet, deutlich von der Wahrheit, die die Juden oder die Griechen suchen. Er ist berechtigt, das zu tun, denn die Wahrheit, die er verkündet, ist eine Person. Es kann nicht genug betont werden, wie wichtig es ist, an dieser paulinischen Botschaft festzuhalten. Die letzte, universelle Wahrheit kann nicht in einer entschleierten, unpersönlichen Wahrheit gefunden werden oder in einer undefinierten, genauso unpersönlichen Macht: Die Wahrheit ist eine Person, Jesus Christus. Paulus sagt: Diese Person ist unsere Weisheit. Er verwendet das griechische Wort «Wahrheit» für Jesus. Ebenso das jüdisch-religiöse Wort «Kraft» (1,24). «Er (Jesus) ist unsere Weisheit und unsere Kraft, weil in ihm das tiefste Geheimnis Gottes offenbart ist (…) Die Weisheit, die ich verkünde, ist Gottes verborgene Weisheit, die vor den Menschen verborgen ist, aber die er bereits erwählt hatte, für unsere Ehre schon bevor die Welt geschaffen war.» Was ist nun diese Weisheit? Die Antwort des Paulus: «Was kein Mensch je gesehen oder gehört hat, was nie jemand gedacht hat, dass es geschehen könnte; ist das, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.» Es ist. die Offenbarung. dass der Eine, der die Welt erschaffen hat, derselbe ist wie der Eine, der uns so sehr liebte, dass er ans Kreuz ging, um uns zu retten. Was die Welt tatsächlich zusammen hält, kann nicht in einem System von Gesetzen gefunden werden oder in einer immensen Macht, sondern in der Selbsthingabe dessen, der Wahrheit und Liebe in Person ist. Es ist eine unfassbare Botschaft, wenn wir an alt das Leid dieser Welt denken. Aber sie ist wahr. Wenn wir an der Wahrheit als einer Person festhalten, können wir unserem postmodernen Zeitgenossen zeigen, dass seine Angst vor der Wahrheit unbegründet ist. Wenn die letzte Wahrheit eine Person ist, brauchen wir nicht zu fürchten, der Glaube daran bedeute den Verlust der Personalität. Aber der postmoderne Mensch kann das Wort «Wahrheit» nicht einmal ertragen, weil er der Überzeugung ist, dass es eine universelle Wahrheit oder eine allumfassende Struktur nicht gibt. Eine universelle Struktur bedeutet in den Augen des postmodernen Menschen immer den Tod des Menschen. Michel Foucault ist der konsequenteste Denker auf diesem Gebiet. Er glaubt nicht mehr daran, dass Geschichte einen Ursprung oder irgendeinen Zweck hat: Auf eine Art und Weise sind wir alle in Strukturen gefangen, die beweisen, dass es keine Freiheit gibt (1961: seine Dissertation über die Geschichte der Verrücktheit). In seinen späteren Schriften (1978: Les mots et les choses) suchte er noch immer nach einem Bereich, aus dem es ein Entkommen gehen könnte. Er hoffte, ihn in der Sprache zu finden. Dann, in den frühen 80er Jahren, kam Foucault zur resignierten Einsicht, dass auch dort keine Transzendenz und damit letztlich auch kein Sinn zu finden sei. Er fand als letztes Heilmittel die radikale Beschränkung auf das Leibliche und schrieb Bücher über die Sprache des Körpers, Sexualität und Macht, die Bedeutung von körperlichem Vergnügen und so weiter. Hinter dieser Entwicklung steht die heimliche Hoffnung, dass unser tiefstes Vergnügen uns Orte zeigen wird, wo man frei ist zu wählen, wo es keine Gefangenschaft gibt. Grundsätzlich kommt im Schreiben von Foucault die Angst zum Ausdruck, dass jede universelle Wahrheit den Menschen tötet, ihm seine Freiheit nimmt, den Menschen zu einem Rädchen in einem riesigen Getriebe degenerieren lässt. Aber gerade an diesem Punkt haben wir als Christen eine gute Botschaft an den postmodernen Menschen. Die Wahrheit, an die wir glauben, ist eine Person, die niemals die Personalität des Menschen töten oder zerstören wird. Der Glaube an Jesus Christus ist keine Ideologie. Nur Ideologien haben eine Art «Wahrheit», die Menschen für einen höheren Zweck missbraucht, die menschliche Freiheit einem letzten Ziel unterwirft. Christus aber befreit jeden Menschen von seinen Bindungen der Selbstsucht und gibt ihm einen Platz, wo er als ein wirklich freier Mensch wachsen kann. Eine nicht-personale letzte Realität wird uns immer quälen, zerstören oder töten. Es ist unmöglich, in einer unpersönlichen Realität Zuflucht zu finden und die eigene Identität zu wahren.

2. Die Suche nach wahrer Freiheit und Menschlichkeit
Glaube an eine Wahrheit, die eine Person ist, führt uns zu einer anderen Sicht des Menschen. Gemäss biblischer Aussage, ist der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen. Das bedeutet: Wenn Gott existiert und dabei eine Person ist, dann existiert auch der Mensch wirklich und ist ein personales Wesen. Aber es genügt nicht, dies nur gedanklich zu akzeptieren. Wirklich realisiert und akzeptiert haben wir das erst, wenn die Wand zwischen diesem personalen Gott und uns weg ist. Wir sind schuldige Menschen. Wir haben den Platz Gottes eingenommen, und wir haben unseren Bruder Kain umgebracht. Wir haben den Tod verdient. Aber im Kreuz von Golgatha wird uns Versöhnung angeboten. Wenn wir uns vor Gottes Person und unter seine Gerechtigkeit beugen, wird er uns frei machen. Damit beginnt ein Wachstumsprozess, der schließlich dazu führt, dass wir wahre Menschen werden.

3. Das Bedürfnis nach Vielfältigkeit
Als letztes wird es eine wirkliche Herausforderung für uns Christen sein, zu zeigen, dass der Glaube an Jesus Christus Vielfalt erlaubt. Dies ist nicht einfach eine Lehrfrage, sondern vielmehr eine Frage des täglichen Lebens. Wir sind dazu her ausgefordert, in unserem individuellen Leben wie auch im Leben der Gemeinde zu zeigen, dass Vielfalt möglich ist. Lüge ist immer mit Wahrheit vermischt, aber wenn man die Wahrheit aus den Lügen Satans herausnimmt, ist seine Macht gebrochen. Die Wahrheit des Postmodernismus ist sein Verständnis von Pluralität, seine Betonung der Verschiedenheiten und Andersartigkeiten. Das schlimmste Zeugnis, das man postmodernen Menschen geben könnte, wäre das einer monotonen, grauen, passiven, stereotypen oder eventuell sogar rassistischen «christlichen» Botschaft. Gottes Wahrheit gibt erstaunlich viel Raum für Verschiedenheit. Es ist ein Geheimnis unaussprechlicher Tiefe. Die Unterschiede zwischen Menschen, Rassen, Geschlechtern, Sprachen, .Lebensstilen und Berufen sind gewaltig. In den 90er Jahren sollten wir Christen auf der Basis der Lehren des Paulus, dessen, «was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat», Kreativität und Vielfalt vorleben.

Zusammenfassung:

1. Es gibt eine letzte Wahrheit. Aber sie ist persönlich, nicht Ideologisch.

2. Diese Wahrheit gibt dem Menschen seine wahre Identität, so wie Gott ihn gemeint und geschaffen hat und macht ihn frei.

«… ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen» (Johannes 8,32).

3. In dieser Einheit ist eine grosse Vielfalt Wir glaube an eine vielfältige nicht aber an eine pluralistische Gesellschaft.

Factum W.G. Rietkerk (Leiter des holländischen Zweiges von L ´Abrie)

www.factum-magazin.ch

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