Das Ich am Beginn des neuen Jahrtausends

Vielleicht hat das menschliche Ich niemals einen solchen Reiz ausgeübt wie heute. Diese Faszination des Ich erstreckt sich weit über therapeutische Strömungen bis in diverse akademische Disziplinen hinein, vor allem in die Philosophie. Tatsächlich erscheint der moderne Mensch völlig konzentriert zu sein auf das eigene Ich – eine Haltung, die das Etikett ‘narzisstisch’ durchaus verdient. Dieser Begriff bezieht sich auf einen griechischen Mythos, in dem ein schöner, aber selbstbezogener junger Mann immer wieder die Annäherungsversuche verschiedener Frauen, die sich in ihn verliebt haben, abweist. Eine dieser Frauen betet schließlich zu den Göttern, dass Narziss selbst einmal eine solche Liebe erlebt, die nicht erwidert wird. Ihr Gebet wird beantwortet. Als er sich eines Tages hinkniet, um aus einem Brunnen zu trinken, blickt ihn aus dem Wasser heraus ein wunderschönes (Spiegel)Bild an. Er versucht, diesem Bild nahe zu kommen und es zu küssen, aber jedes Mal verschwindet es wieder. Er ist so fasziniert, dass er den Brunnen nie mehr verlässt. Nachdem er sogar das Verlangen nach Nahrung oder Wasser verliert, verdurstet er und stirbt schließlich an seiner Selbst-Besessenheit.

Alles in meinem Kopf

Im letzten Jahrhundert verwendete Sigmund Freud diese Geschichte, um einen psychischen Zustand zu beschreiben. Er identifizierte eine Phase der frühen Kindheit, in der das Baby noch keine Wahrnehmung für die Wirklichkeit außerhalb der eigenen Person besitzt. Unfähig, zwischen Subjekt und Objekt zu unterscheiden, sieht es seine Mutter an und nimmt sie lediglich als Erweiterung des eigenen Ichs wahr. Einen ähnlichen Wesenszug bemerkte Freud in einigen seiner erwachsenen Patienten und beschrieb ihn als einen spezifischen (und seither viel diskutierten) Zustand. Ich glaube, dass das moderne Ich narzisstisch ist – nicht in einem speziell klinischen oder pathologischen Sinn, sondern in der Art und Weise wie es sich auf die Welt bezieht. Wir sind so mit unserem Ich beschäftigt, dass wir einen bedeutungsvollen Kontakt zur objektiven Realität verloren haben. Wie Narziss können wir keine Beziehung mehr zur Welt des ‘Anderen’ aufbauen. Wir sind Gefangene, die ‘in ihren eigenen Köpfen leben’, wo das einzig ‘Reale’ die Welt des eigenen Ichs ist. Da diese Sichtweise die ganze Realität und auch die Art und Weise, wie wir in dieser Realität leben sollen neu definiert, stellt sie eine Weltanschauung dar – die Weltanschauung des Ich. Unter den vielen großen Erzählungen, die im postmodernen Westen miteinander konkurrieren, erscheint diese Sichtweise als die letzte Meta-Erzählung, die eine große Erzählung, an der jeder Teil hat: diejenige Erzählung, die definiert, was real ist, ist die, die in meinem eigenen Kopf gelebt wird. Innerhalb dieser Erzählung zu leben bedeutet, dass letztlich alles auf das eigene Ich bezogen wird. Wenn ich einen Raum voller Menschen betrete, behandle ich diese Menschen nicht mehr als wirkliche Personen. Nein, sie existieren lediglich, um Botschaften an mich zurückzuspiegeln: ein Publikum, durch das ich bewundert werde, Mitleid bekomme oder das ich manipulieren kann. Die Weltanschauung des Ich ist eine, in der das ‘Andere’ keine authentische Existenz mehr aus sich selbst heraus hat. Das ‘Andere’ ist nur noch dafür da, den Bedürfnissen des eigenen Ichs zu dienen.

Eine fatale Verzerrung
Diese Verzerrung in unserer Beziehung zum Anderen ist schwerwiegend. Denn der antike Mythos erinnert uns daran, dass wir den Tod umarmen, wenn wir uns ausschließlich auf das Ich konzentrieren und dabei das ausblenden, was außerhalb des Ichs liegt. Diese Haltung ist eine Verzerrung dessen, was Gott für unsere menschliche Existenz vorgesehen hat. Francis Schaeffer erinnerte uns daran, dass „wesentliche psychische Heilung„ erst dann stattfinden kann, wenn wir den „Kreis der Wirklichkeit“ betreten. Das bedeutet, dass die Art und Weise wie wir uns auf die Wirklichkeit beziehen entscheidende Bedeutung für unsere psychische und körperliche von den Ordnungen, in die Gott unser Leben gestellt hat. Dies aber führt zu einem tiefen Sinnverlust, einem Bedeutungs-Dilemma. Christsein bedeutet in diesem Zusammenhang, zu einer unverstellten, ‘ursprünglichen’ Beziehung zur Wirklichkeit zurückzufinden. Indem wir auf Gottes Offenbarung antworten, wird es uns möglich, die Kluft zwischen unseren Wahrnehmungen und dem, wie die Dinge wirklich sind, zu überwinden. Die Weltanschauung des Ich ist deshalb so zerstörerisch, weil sie uns von der Wirklichkeit abschneidet. Unsere Wahrnehmungen haben keinen Bezugspunkt mehr außerhalb von uns selbst. Das moderne Ich scheint den gesamten „Kreis der Wirklichkeit“ verschlungen zu haben! Indem wir die Wirklichkeit aus dem Bild streichen, bleiben wir alleine – mit lediglich dem Bewusstsein unseres eigenen Ichs. Selbst-Bewusstsein ich mich fühle, desto selbst-bewusster werde ich…! Plötzlich finde ich mich inmitten des tragischen Mythos von Narziss wieder, eingeschlossen in mir selbst. Ironischerweise ist es gerade unser Selbst-Bewusstsein, das uns auf die folgende Tatsache hinweist: das Ich kann durch das eigene Ich nicht erkannt werden! Oder wie Nietzsche es ausgedrückt hat: „Wir, die Wissenden, sind uns selbst unbekannt„. Der amerikanische Autor Walker Percy erinnert in seiner klassischen Apologetik („Lost in the Cosmos“) daran, dass wir uns selbst (unser Gesicht) tatsächlich nie sehen können. Da das Auge nach außen gerichtet ist, können wir uns selbst nur als Bild (Repräsentation) sehen, auf einer Fotografie oder in einem Spiegel. Wir sind fasziniert von diesen Bildern unseres Selbst, aber wir wissen nicht wirklich, wer wir sind!

Wir können uns selbst nur erkennen, indem wir auf den sehen, von dem wir ein Bild, eine Reflektion sind – den Schöpfer des Universums. Adam und Eva hatten kein Problem mit ihrem Selbst-Bewusstsein – bis sie sich von Gott, in dem das Ich geborgen und sicher war, abwandten und nach innen kehrten, sich sozusagen in sich selbst verkrochen. Dieses Problem mit unserem menschlichen Ich besteht seitdem.

Intensive Erfahrung
Wie wir gesehen haben, verändert Hyper-Selbst-Bewußtsein unsere Beziehung zum ‚Anderen‘. Wir beginnen, das ‚Andere‘ zu benutzen. Wenn ich das Gefühl habe, dass es nichts Wesentliches an mir gibt, dann benutze ich die Welt als Spiegel, um mir irgendeine Botschaft zurückzusenden. Dieser verzweifelte Versuch Selbst-Erkenntnis zu erlangen, verleugnet die authentische Existenz von Dingen außerhalb meiner selbst. Während Gott wollte, dass unser Sein eine Antwort auf das ‚Andere‘ ist, ist nun das ‚Andere‘ lediglich eine Antwort auf unser Sein. Man denke nur daran, wie wir Konsumgüter verwenden. Wir verwenden Kleidung nicht in erster Linie dazu, uns warm zu halten oder uns zu schmücken. Sie ist zuallererst ein Mittel, durch das wir uns definieren. Wir wählen einen bestimmten Stil – je nachdem, welches Selbst-Bild wir darstellen wollen. Wir benutzen das Reale (in diesem Fall: Kleidung), um Identität zu erlangen, und dabei wird es zu nichts anderem als einem Bild. Ironischerweise wird das Ich, indem es Objekte benutzt um Identität zu erlangen, selbst zu einem Objekt: Ich bin was ich trage. Uns stehen heute tausende solcher ‚Selbst-Reflektions-Systeme‘ zur Verfügung, doch keines gibt uns für längere Zeit das Gefühl, wesentlich zu sein. Es sind vergängliche Bilder: heute da und morgen schon wieder verschwunden. Folglich rennen wir in diesem wackeligen System von einem Bild zum nächsten – wie Geister, die in einem existentiellen Vakuum gefangen sind. Wie kann sich ein Geist überhaupt lebendig und real fühlen? Die Antwort ist: durch intensive Erfahrung. In einer Welt, in der die Wirklichkeit der Dinge dem Ich kein Leben mehr gibt, sind intensive Erfahrungen alles, was uns bleibt. Zudem: da außerhalb von uns selbst keine Wahrheit existiert, gibt es auch keine Maßstäbe mehr, an denen diese Erfahrungen gemessen werden können. Es bleibt nur die Intensität: manche Dinge fühlen sich eben besser an als andere. Wirklichkeit wird dann ganz neu definiert als das, was mich existentiell berührt. Wenn ich also z. B. nicht fühle, dass Gott real ist, dann ist er es auch nicht. Man kann den ganzen Tag über die Wahrheit des Christentums diskutieren, aber wenn es mich nicht existentiell berührt, dann ist es bedeutungslos für mich. Um es nochmals zusammen zu fassen: bei unserer Suche nach Bedeutung ist die Tiefgründigkeit durch Intensität ersetzt worden.
Der Weg zur Sucht
Im Wesentlichen wurde das Kriterium dafür was bedeutungsvoll ist auf körperliche Empfindungen reduziert. Wenn ich etwas intensiv als körperliche Empfindung fühle, dann weiß ich , dass ich lebe. Diese Empfindungen sind natürlich an meinen Körper gebunden. In der Tat reduziert diese Idee das Ich fast vollständig auf den Körper als solchen, und die heutige Suche nach dem Ich konzentriert sich schonungslos auf das Körperliche. Warum wurde so vieles in unserer Kultur auf das Erotische reduziert? Vielleicht deshalb, weil wir uns jedesmal, wenn wir die Kraft der sexuellen Bedürfnisse in unserem Körper fühlen, lebendig fühlen. Wir hungern nach dieser körperlichen Stimulation. Wir springen sogar von einem Kran oder üben eine andere Extremsportart aus – nur um uns für einen Moment lebendig zu fühlen. Wenn wir eher introvertiert sind, nehmen wir Drogen, verletzen uns selbst oder leiden unter Fressanfällen – alles im Namen der Intensität. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie unsere Gesellschaft zu einer Sucht-Kultur geworden ist. Sobald eine intensive Erfahrung funktioniert und unser ‘geisterhaftes Ich’ sich lebendig anfühlt, verlangen wir nach Wiederholung. Diese positive Verstärkung ist die Basis aller Abhängigkeit. Bedauernswerterweise gibt es in unserer Gesellschaft einen großen Markt für intensive Erfahrungen aller Art, wie z.B. der Nervenkitzel durch Kino oder Cyberspace. Das Ich befindet sich also am Beginn des neuen Jahrtausends in einem tragischen Zustand. Der moderne Mensch ist geprägt durch sein ‘Hyper- Selbst-Bewußtsein’ und damit höchst empfänglich für die Abhängigkeit von intensiven Erfahrungen. Doch hier handelt es sich um mehr als nur Ich-Bezogenheit oder Individualismus. Narzissmus sollte nicht nur als Metapher für den menschlichen Zustand verwendet werden. Ihn lediglich mit Selbstsucht gleich zu setzen, würde den psychologischen Aspekt des Begriffs vernachlässigen. Treffender wird der Zustand durch ‘Die Weltanschauung des Ich’ beschrieben. Paulus’ Worte könnten sich heute buchstäblich erfüllt haben: „Du sollst aber wissen, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten kommen werden. Denn die Menschen werden viel von sich halten… (2 Tim. 3:1-2). Mit anderen Worten: In der Endzeit werden sich die Menschen in sich selbst verlieben. Ist das nicht der Persönlichkeitstyp unserer Zeit? Aber wie Narzissus werden wir uns im Endeffekt selbst zerstören.

Die wirkliche Herausforderung
Wenn wir mit den modernen Menschen Kontakt aufnehmen, dann müssen wir diesen Zustand des Menschen verstehen – insbesondere wenn es um Apologetik geht. Warum fühlen sich die Menschen so abgeschnitten von Gottes Wirklichkeit? Warum ist alles so irreal? Warum haben so viele Christen das Gefühl, dass Gott einfach eine Theorie ist ohne existentielle Dimension. Sind wir wirklich von Gott abgeschnitten oder haben wir uns selbst von der Wirklichkeit abgeschnitten? Ich bin überzeugt, dass das Letztere zutreffend ist. Nur wenn wir uns der Wirklichkeit stellen, können wir wieder mit Gott in Verbindung treten. Gott ist real, und die Menschen können ihm nicht begegnen, wenn sich das Leben nur in ihren Köpfen abspielt. Biblisches Christentum hat seine Wurzeln in der Geschichte, die ihrerseits in der Wirklichkeit verwurzelt ist. Wenn die Wirklichkeit nicht länger existiert, werden auch das Kreuz und die Hoffnung auf die Rückkehr Christi zu einer leeren Theorie. Deshalb muss unsere Aufgabe heute sein, die Menschen wieder mit der Wirklichkeit in Kontakt zu bringen. Wir müssen jeglicher Versuchung widerstehen, das Evangelium auf etwas ausschließlich Selbstbezogenes oder auf ein weiteres intensives Erlebnis zu reduzieren. Denn indem das Evangelium die Menschen befreit, authentisch in der Wirklichkeit zu leben, geschieht etwas Faszinierendes: Unser Glaube und die Verteidigung des Glaubens werden sowohl persönlich als auch praktisch. Das Evangelium befähigt uns, über das ‘Hyper-Selbst-Bewusstsein’ hinaus zu gehen, und wir entdecken im „Kreis der Wirklichkeit„ unsere wahre Identität und Bedeutung. Wenn wir – wie Gott es für uns vorgesehen hat – in der Wirklichkeit leben, wird unser Ich zunehmend ganzheitlich und heil. Die Meta-Erzählung des Christentums ist genauso relevant wie schon immer. Sie allein kann unsere Zeit von der Weltanschauung des Ich erlösen.
Andrew Fellows
http://www.labri.org/germany/resource/Akzente_2001.pdf

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