Schnittstellen des Denkens

Die Diskussion zur Präambel einer europäischen Verfassung hat vor einiger Zeit die Frage nach der „europäischen Identität“ in den Vordergrund gerückt. Welche Einflüsse sind für das abendländische Denken prägend gewesen, und welches geistige Erbe gilt es auch für die Zukunft zu bewahren? Die teilweise heftige Debatte hierüber hat gezeigt, dass die jeweiligen Antworten immer vom Standpunkt, den man selber eingenommen hat, mitbestimmt werden. Namentlich die Rolle des Christentums hinsichtlich der europäischen Geistesgeschichte wird kontrovers beurteilt. Wenn ich im Folgenden einige Weichenstellungen des abendländischen Denkens skizziere, dann bringe ich implizit meine eigene Überzeugung zum Ausdruck, dass dieses Denken sich in der Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben entscheidend geformt hat. Es sind im Wesentlichen drei Momente, die ich beleuchten möchte: Einmal die Geburt des philosophischen Denkens im antiken Griechenland; zweitens das Aufeinandertreffen der Philosophie mit der Botschaft des Evangeliums; drittens die Emanzipation von Philosophie und Wissenschaft von Theologie und Kirche. Diese drei Momente stimmen im Grossen und Ganzen überein mit der üblichen Epocheneinteilung in Antike, Mittelalter und Neuzeit.

I.
Griechenland gilt als die Wiege der Philosophie. Warum gerade Griechenland, lässt sich nur mutmassen. Auffallender weise spielt Athen, das spätere Zentrum der Philosophie, anfangs keine Rolle. Die ersten Philosophen tauchen nicht im griechischen Mutterland auf, sondern in den griechischen Kolonien. Im Osten gab es griechische Städte an der Küste der heutigen Türkei, im Westen hatten sich griechische Siedler entlang der süditalienischen Küste niedergelassen. In diesen Hafenstädten herrschte in gewissem Sinne eine Atmosphäre der Marktfreiheit. Die Schiffe brachten nicht nur neue und fremdartige Güter in die Stadt, sondern mit den Seeleuten auch neue und fremd- artige Ideen. Unterschiedliche, ja widerstreitende Vorstellungen über die Entstehung der Götter (sogenannte Theogonien) und über die Entstehung der Welt (sogenannte Kosmogonien) konkurrierten sozusagen miteinander. Man kann sich leicht vorstellen, dass sich in solch einer Situation ein leiser Zweifel zu regen beginnt. Ein neues Fragen kommt auf. Althergebrachte, scheinbar unantastbare Mythologien müssen es sich gefallen lassen, einer kritischen Prüfung unterzogen zu werden. So ergibt sich eine erste Schnittstelle: Logos versus Mythos. Das logisch-kritische Denken wird zum Markenzeichen der Philosophie. Zwei Gesichtspunkte gilt es herauszustellen:

1) Zunächst ist das philosophische Denken keineswegs darauf aus, die Existenz einer göttlichen Wirklichkeit zu bestreiten. Ganz im Gegenteil, all diese kritischen Denker teilen die Überzeugung, dass es einen Urgrund, ein Urprinzip für den Kosmos gibt. Man muss sich diesen göttlichen Urgrund nicht anschaulich vorstellen in Analogie zu Gegenständen in der sichtbaren Wirklichkeit. Philosophen kritisierten etwa den Mythos eines Götterhimmels auf dem Olymp mit einem Hinweis auf die moralischen Unzulänglichkeiten der olympischen Götter: etwa ein Zeus, der jungen Mädchen nachstellt; Götter, die allzu anfällig sind für billige Schmeicheleien oder Lug und Betrug nicht scheuen. Die Religionskritik eines Xenophanes (geboren um 570 v. Chr.) etwa beruht auch nicht auf atheistischen Überzeugungen, sondern geschieht aus dem Bemühen heraus, einen reineren Begriff des Göttlichen zu gewinnen. So spricht er von „dem einen Gott, … weder an Gestalt den Sterblichen ähnlich noch an Gedanken“, der „ohne Mühe alles mit dem Geiste erschüttert“. Bei all dem bleibt es für das philosophische Bewusstsein doch nur ein tastendes Suchen, sofern „das Zuverlässige über die Götter kein Mensch erblickte, noch einer es wissen wird“. Gott ist „ganz anders“, und diese „Andersheit“ versucht man, in Negationen anzudeuten: Das Göttliche ist „ohne Alter“, „ohne Tod“, „ohne Untergang“, „ohne Anfang und ohne Verderb“, „ohne Grenze“, „unendlich“. Das Bemühen, das Göttliche als das Unveränderliche und Unvergängliche zu erweisen, hat als Kehrseite ein deutliches Bewusstsein des Bedrohtseins dieser Welt. „Alles fliesst“, sagt Heraklit (544–483 v. Chr.), d. h. nichts bleibt, wie es ist. Alles geht seinem Untergang entgegen. Gibt es in diesem unablässigen Fluss von Werden und Vergehen etwas Festes und Unerschütterliches? Hinter der philosophischen Anstrengung nach dem reinen Gottesbegriff verbirgt sich ein tiefes existenzielles Interesse, nämlich das Verlangen, der Nichtigkeit zu entrinnen. Die Suche nach Festigkeit und Zeitlosigkeit beschränkte sich für die antike Philosophie nicht nur auf ein göttliches Jenseits, sondern erstreckte sich auch über Dinge dieser Welt. So fragte man nach dem Wesen der Dinge. Kein Baum gleicht dem anderen; wieso sind wir trotzdem in der Lage, alle mit ein und demselben Begriff zu bezeichnen? Antwort: Weil alle einzelnen Bäume etwas Gemeinsames haben, nämlich das Wesen. Mag der einzelne Baum auch im Laufe der Zeit aufhören zu existieren, das Wesen des Baumes bleibt ewig. Auf diese Weise wird der allumfassenden Vergänglichkeit Einhalt geboten.

2) Es ist unser Geist, unser Denkvermögen, welches uns befähigt, das Wesen der Dinge zu erfassen. Unsere sinnliche Wahrnehmung bleibt am äusseren Prozess von Entstehen und Untergehen haften, ohne sich aus diesem tödlichen Kreislauf befreien zu können. Unser Denken dagegen vermag sich aufzuschwingen in das Reich des Ewigen und Zeitlosen. Unserem geistigen Auge stellen sich die Dinge so dar, wie sie wirklich sind, nicht bloss, wie sie uns erscheinen. Dass zwei Äpfel und zwei Äpfel vier Äpfel ergeben, ist eine nur zeitliche Wahrheit, denn irgendwann werden diese vier Äpfel (wie auch immer) der Vergänglichkeit anheim gefallen sein und nicht mehr existieren. Dass 2 + 2 = 4 ist, ist jedoch eine zeitlose Wahrheit. Diese Wahrheit ist darum zeitlos, weil sie ein rein geistiges Produkt ist. Es ist eine Denkwahrheit und damit unzerstörbar. Die hier vollzogene innere Verknüpfung von Wahrheit und Denken ist für die weitere Entwicklung des abendländischen Geistes von grösster Bedeutsamkeit gewesen. Die Ratio wird zur höchsten Instanz in Sachen Wahrheit erklärt. Wahrheitsansprüche, gleich welcher Art, müssen sich vor dem Richterstuhl der Vernunft legitimieren. Ein Satz wie ‚Die Wissenschaft hat festgestellt’ lässt keine weiteren Einwände mehr zu.

II.
Rasch erlangte die griechische Philosophie den Status einer kulturprägenden Kraft. Von ihrer eigenen Sache her vertrat sie einen universalen Erkenntnisanspruch. Ihr Forschungsobjekt war ja die Wirklichkeit als solche. Philosophie fragte nach dem gemeinsamen Kern, dem Wesen aller Dinge. Somit erstreckte sich ihr Anspruch im Prinzip auf die Gesamtheit des Lebens. Mit dem Eintritt des Christentums in den Raum der Geschichte musste es daher über kurz oder lang zu einer Konfrontation kommen, denn nach christlichem Verständnis betrifft der Glaube ebenfalls alle Bereiche des Lebens. Die spannende Frage war: Wie wird dieser Konflikt ausgehen? Unversöhnlichkeit oder Zusammenarbeit? Beide Positionen hatten ihre Befürworter. Tertullianus (ca. 155–220 n. Chr.) vertrat die Auffassung, dass Athen und Jerusalem, Akademie und Kirche nichts miteinander zu schaffen hätten. Andere dagegen suchten nach gemeinsamen Anknüpfungspunkten, um der Philosophie einen legitimen Platz im christlichen Denken zu geben. Letztere Position ist schliesslich für das Mittelalter bestimmend geworden. Vom zweiten Jahrhundert an ergab sich zunehmend die Notwendigkeit, den christlichen Glauben gegen intellektuelle Einwände zu verteidigen bzw. intellektuellen Aussenstehenden diesen verständlich zu machen. Diejenigen, die diese Aufgabe auf sich nahmen, bezeichnet man gewöhnlich als die Apologeten. Manche von ihnen waren Berufsphilosophen, die sich zum christlichen Glauben bekehrt hatten. Von einem von ihnen, Justinus dem Märtyrer (gestorben 168 n. Chr.), wird berichtet, dass er auch nach seinem Übertritt zum Christentum weiterhin seine Berufskleidung, nämlich den Philosophenmantel, getragen habe. Hinter dieser äusseren Geste verbirgt sich eine grundsätzliche Sichtweise hinsichtlich des Verhältnisses von Philosophie und christlichem Glauben. Diese Sichtweise, die von späteren Theologen systematisch reflektiert wurde, besagt, dass es keinen prinzipiellen Gegensatz gibt zwischen dem philosophischen Denken und der Botschaft des Evangeliums. Das Evangelium sei vielmehr die „wahre Philosophie“. Die christliche Lehre als Philosophie zu bezeichnen, war in der damaligen Zeit nicht unbedingt anstössig. Philosophie bedeutet wörtlich „Freundschaft oder Liebe zur Weisheit“. Nach christlicher Auffassung ist Christus die Weisheit Gottes, somit ist Philosophie im eigentlichen Sinne „Liebe zu Christus“. Auf eine kurze Formel gebracht sagte man: Die vorchristlichen Philosophen haben die guten Fragen gestellt, konnten aber keine guten Antwort geben, weil sie die nicht kannten. Positiv anknüpfen konnte man an die philosophischen Verhandlungen über die Geistigkeit und die Vollkommenheit Gottes. Ebenso konnte man die philosophische Haltung gegenüber der Erlösungsbedürftigkeit von der irdischen Existenzweise positiv würdigen. Aber die definitive Erkenntnis Gottes durch die Inkarnation des Sohnes ist uns erst durch das Evangelium zuteilgeworden. In gleicher Weise hat erst der Tod Jesu am Kreuz den Menschen wirkliche Erlösung und ewiges Leben gebracht.

III.
Die Geschichte des mittelalterlichen Denkens spiegelt die zunehmende Synthese von Theologie und Philosophie wider, wie sie dann im Hochmittelalter im Werk eines Thomas von Aquin (1224– 1274) ihren Höhepunkt erreichte. Wie so oft bedeutet Höhepunkt aber auch zugleich Kehrpunkt. In einer imposanten gedanklichen Konstruktion war es Thomas gelungen, die Rollen und Zuständigkeiten von Theologie und Philosophie so zu verteilen, dass es eigentlich keinen Konfliktstoff mehr geben sollte. Philosophie als Hüterin der sogenannten natürlichen Vernunft sollte sich auf die Welterkenntnis beschränken und dabei die Frage nach Gott offen halten. Theologie als Hüterin der übernatürlichen Gnade sollte im Gegenzug die offene Gottesfrage einer Antwort zuführen. Das Welt- und Gottesbild, das diesem Modell zugrunde lag, war von Harmonie und Vernunft bestimmt. Die Welt, in der wir leben, reflektiert schlichtweg die gute Ordnung und weise Logik der göttlichen Vernunft. Genau an diesem Punkt setzte die Kritik ein und damit die Abkehr vom mittelalterlichen Ordogedanken. Es waren einschneidende Erfahrungen wie Kreuzzüge, der Verlust des christlichen Ostens, das Aufkommen nationaler politischer Mächte in Europa, Entdeckung überseeischer Gebiete, wissenschaftlicher und technischer Fortschritt, die zu einem neuen Welt- und Lebensgefühl führten. Die Welt wurde immer weniger als der geordnete Kosmos erfahren, in welchem der Einzelne seinen ihm vorbestimmten Platz einzunehmen hat, sondern stets mehr Kampffeld widerstreitender Mächte. Oder positiv gewendet: Welt als Raum der Selbstverwirklichung. So beschreibt Pico della Mirandola (1463–1494), ein Vertreter der italienischen Renaissance, den Menschen als das nicht festgelegte Wesen, dessen Schicksal ihm von Gott in die eigenen Hände gelegt worden sei. Das neue Grundwort lautet nun nicht mehr Ordnung, sondern Freiheit. Das Motiv der neuen Zeit bahnt sich bereits an in den theologischen Diskussionen des ausgehenden Mittelalters, wo Gott immer weniger unter dem Gesichtspunkt des weisen Schöpfers, als mehr und mehr durch Freiheitsmacht bestimmt gesehen wird. Bei dem scharfsinnigen Duns Scotus (1270– 1308) ist Gottes freier Wille noch an die göttliche Liebe gekoppelt, aber es sollte nicht mehr lange dauern, bis Gottes Wille so absolut aufgefasst wird, dass dieser kaum noch von irrationaler Willkür zu unterscheiden ist. Die neue Sicht färbt auch das Menschbild. Der Mensch ist gekennzeichnet durch Wille und Freiheit. Dies kann zu einer unerträglichen Spannung führen: Auf der einen Seite wird die menschliche Freiheit gesteigert, auf der anderen Seite ist Gott absolute prädestinierende Macht. Nach beiden Seiten ist ein Umschlag möglich. Auf alle Fälle ist eine Kluft zwischen Gott und Mensch aufgerissen, welche die Vernunft nicht mehr zu überbrücken vermag. Diese Kluft findet auch ihren Ausdruck in der aufkommenden Trennung von Wissenschaft und Glaube; eine Trennung, die charakteristisch ist für das abendländische Denken der Neuzeit. Die verschiedenen Formen dualistischer Philosophien (Dualismus von Subjekt und Objekt, Geist-Maschine, Ich-Welt, Leib-Geist, Erklären – Verstehen, Tatsachenurteil-Werturteil) gehören zur Wirkungsgeschichte jener Kluft. Die nachfolgenden Jahrhunderte in Europa sind gekennzeichnet von einer explosionsartigen Zunahme des Wissens. Insbesondere die Naturwissenschaften und die ihnen folgende technische Anwendung haben unsere Lebenswelt in unvorstellbarer Weise verändert. Das Weltbild der Neuzeit mit seinen Leitbegriffen Freiheit und Macht hat gewaltige Energien freigesetzt und dem Menschen ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, obgleich wir heute uns allerdings auch immer mehr des Preises (siehe zum Beispiel Umweltdiskussion) bewusst werden, den wir dafür bezahlen müssen. Auch auf dem Gebiet des philosophischen Denkens ist Immenses geleistet worden, aber es dünkt mich, dass die Philosophie im Wesentlichen von der an der Schnittstelle zwischen Mittelalter und Neuzeit stattgehabten Weichenstellung bestimmt bleibt. Selbst die Philosophie der Postmoderne, die gelegentlich als epochale Wende bezeichnet wird, scheint mir lediglich die geheimen Konsequenzen des neuzeitlichen Denkens zu ziehen und damit im Banne jener Einstellung zu stehen.

Gianfranco Schultz Pfarrer der reformierten Kirche in den Niederlanden – Dozent an der STH Basel im Fach Philosophie und Dogmatik – Lehrtätigkeiten an Instituten in den Niederlanden. http://www.periodical.ch

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