Wenige Abrahams, viele Lots?

Ich stosse mich im Moment öfter am latenten schlechten Gewissen vieler Christen, die ständig am Anspruch scheitern, geistliche Superhelden zu sein. Sie kriegen es einfach nicht hin, regelmässig in der Bibel zu lesen und soviel zu beten, wie „man eigentlich sollte und wollte“. Kein Wunder, denke ich manchmal. Da liest einer in seiner Freizeit höchstens ab und zu eine Autozeitschrift, und man verlangt von ihm, jeden Tag die Bibel (am besten noch in Elberfelder-Übersetzung) zu lesen? Sicher, man wird mich sogleich auf die Jünger Jesu verweisen, von denen viele einfache Fischer und auch nicht sonderlich belesen waren. Wer richtig für Jesus brennt und ihm bedingungslos nachfolgt, bei dem kommt doch das Bedürfnis nach geistlichen Übungen „automatisch“ mit der Zeit!

Ist das wirklich so? Diese Frage beschäftigt mich. Was verlangt Gott vom „Normalbürger“? Haben wir alle die Berufung, Billy Grahams zu sein? Wohl kaum, aber trotzdem ist in der Gemeinde, im Hauskreis und unter Christen ständig dieses schlechte Gewissen zu spüren, nicht geistlich genug zu sein. Mit Predigten, Lesehilfen, neuen Methoden und Konzepten versucht man, den lauwarmen Gläubigen auf die Sprünge zu helfen. Wenn es aber auf Dauer so vielen nicht gelingt, dem „offiziellen“ Anspruch eines geistlichen Lebens gerecht zu werden, stellt sich mir die Frage, ob es sich dabei um unseren eigenen oder um Gottes Anspruch an uns handelt.

Das Problem ist nicht neu – die Heiligenverehrung der alten Kirche ist aus dem Bedürfnis heraus entstanden, die Last des „geistlichen Superheldentums“ an andere zu delegieren (die man im Gegenzug dafür besonders ehrt und bewundert). Jemand hat mich in einer Diskussion um eben dieses Problem auf die Beschreibung von Lot im Neuen Testament hingewiesen.

Wer war noch mal Lot? Ein etwas lauwarmer, nicht besonders glaubensstarker Nomalbürger im Schatten Abrahams? Petrus dachte offenbar anders:

„Denn Gott […] hat den gerechten Lot errettet, dem die schändlichen Leute viel Leid antaten mit ihrem ausschweifenden Leben. Denn der Gerechte, der unter ihnen wohnte, musste alles mit ansehen und anhören und seine gerechte Seele von Tag zu Tag quälen lassen… (2. Petrus 2, 4-8)

Ich fand es sehr seltsam, das so zu lesen. Offenbar hat Lot dem Anspruch Gottes genügt, wenn er auch bei uns gerne durchfällt oder gar nicht erst beachtet wird. Die Erfahrung hat meiner Ansicht nach gezeigt, dass es in jeder Gemeinde eher wenige Abrahams, aber viele Lots gibt. Vielleicht sollte die Kirche sich überlegen, wie sie auf diesen Umstand reagieren sollte und ob sie wirklich von allen das gleiche verlangen darf.

posted by sara März 17th, 2007

http://diskutabel.wordpress.com/2007/03/17/wenige-abrahams-viele-lots/#comments

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