Sind alle Menschen „Brüder“?

„Alle Menschen werden Brüder“, das stammt zwar von Friedrich Schiller und braust durch den Schluß von Beethovens Neunter Sinfonie, aber Jesus Christus hat so etwas nie gesagt, und in der Heiligen Schrift steht es auch sonst nirgends.

Oder doch? Meint Jesus in seiner Rede vom Weltgericht in Matthäus 25 nicht genau dies: daß alle Menschen Brüder seien und daß das Verhalten zu den Brüdern, gerade auch zu den „geringsten Brüdern“ sogar der Maßstab sei, nach welchem er seine Nachfolger im Endgericht messen werde? Wörtlich heißt es doch: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Sind für die Bibel denn noch alle Menschen Brüder? Und gibt es Unterschiede allenfalls insoweit, als die Unterprivilegierten unter ihnen, die Unterdrückten, die Unfreien, für Jesu Urteil besonders herausgehoben sind? Was sagt die Bibel dazu wirklich?

I. Der Begriff „Bruder“ im Alten Testament

1. Selbstverständlich begegnet uns der Begriff schon im Alten Testament zunächst im Sinne der leiblichen Bruderschaft: „Wo ist dein Bruder Abel?“ (1. Mose 4, 9) oder besonders eindringlich in den Geschichten von Joseph und seinen Brüdern (1. Mose 37, 27; 43, 21 und 30, 45) – oder bei David in 1. Samuel 16, 13. Die gleiche Bedeutung liegt bei den viel zitierten Brüdern vor, die „einträchtig beieinander wohnen“ (Psalm 133, 1) oder an Stellen wie Jeremia 9, 3; 22, 18 und Sprüche 6, 19. Bei all diesen Stellen ist ausschließlich der leibliche Bruder im Blick, niemand sonst. Den „Bruder Abel“ zum Beispiel mit herkömmlichem Pathos zum „Bruder Jedermann“ zu machen, dem jeder jede Fürsorge schuldig sei, ist keine Auslegung des biblischen Textes mehr, sondern typische „Hineinlegung“.

2. Die auch in Israel überlieferte Sitte, mit einem engen Freund „Blutsbrüderschaft“ zu schließen, bestätigt eben diesen Grundbegriff des Bruderseins: die blutmäßige Zusammengehörigkeit von Brüdern. Was nicht von Natur aus vorgegeben war, muß durch einen feierlichen Blutritus nachvollzogen werden; sonst sind die beiden eben gerade keine Brüder wie David und Jonathan (2. Samuel 1, 26). Der Mitmensch, der Volksgenosse, der Genosse, der Nächste, der Freund ist noch lange kein Bruder. Möglicherweise ist Psalm 35, 14 in diesem Sinne zu verstehen, vielleicht auch Sprüche 18, 19.

3. Eine eigenständige Begriffsbildung von „Bruder“ zeigt das dritte Buch Mose. Hier erscheint das Wort mehrfach im Sinn des Nächsten in Israel – wohlgemerkt nicht im Sinn von Nächster ohne Grenzen! Diese Bruder-Qualität ist begrenzt auf die Zugehörigkeit zum erwählten Gottesvolk: 3. Mose 19, 17; 25, 14; 25, 15 usw.

4. Noch präziser erscheint der Bruderbegriff im Sinne des Bruders im Gottesvolk im 5. Buch Mose. Die Zugehörigkeit zur erwählten Gottesgemeinde konstituiert und statuiert die Qualität des Bruders und der Bruderschaft. Die klassische Stelle ist die Verheißung Gottes an Mose: „Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern“ (5. Mose 18, 18). Im selben Sinne: 15, 7 oder 22, 1-3. In der gleichen Bedeutung erscheint der Bruderbegriff in 2. Mose 2, 11 oder besonders in Psalm 22, 23, wo die Gemeinde als Ort der Bruderschaft festgehalten ist. Im gleichen Sinne auch Jesaja 66, 20; Jeremia 31, 34 oder Sacharja 7, 9 f.

5. Nirgendwo im Alten Testament (der Wortlaut von 1. Mose 9, 5 wird uneinheitlich übersetzt, könnte aber keinesfalls gegen das ganze übrige AT stehen) wird der Begriff „Bruder“ im Sinn von „alles, was Menschenantlitz trägt“, gebraucht oder auch nur als Austauschbegriff für den Nächsten, an den sich jeder durch Gottes Wort gewiesen sieht. Die Bruderbezeichnung gibt es im Alten Testament nur in dem in These 1 bis 4 umgrenzten Sinn. Eine human-ideologische Ausweitung des Bruderbegriffs ist der Heiligen Schrift schon im Alten Testament fremd.

II. Der Begriff „Bruder“ im Neuen Testament

6. Daß auch das Neue Testament den Bruderbegriff im familiären Sinne kennt, bedarf kaum einer Erwähnung. So ist etwa von den leiblichen Brüdern Jesu in Matthäus 12, 46-49 die Rede, und zwar gerade hier in der das Neue Testament kennzeichnenden Unterscheidung von leiblichen und geistlichen Brüdern (siehe dazu These 7 und 9). Ebenso gehören hierher: Matthäus 13, 55; Johannes 7, 5; Apostelgeschichte 1, 14 und dann Lukas 12, 13; 14, 26; 15, 32 und 16, 28.

7. Ausgangspunkt für die spezifisch neutestamentliche Füllung des Bruderbegriffs im geistlichen Sinn sind die Worte, in denen Jesus der Bruder seiner Jünger und Nachfolger genannt wird, derer, die er damit zu seinen Brüdern und dadurch – aber auch nur dadurch – zu Brüdern untereinander macht. „Darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu heißen“ (Hebräer 2, 11 und 17). Hierher gehören auch Matthäus 28, 10 und Johannes 20, 17. Brüder im Sinn des Neuen Testaments sind durchgehend und ausschließlich (!) die Jünger Jesu untereinander, die Gläubigen in der Gemeinde Jesu – weil Jesus ihr Bruder geworden ist.

8. Die Stelle Römer 9, 3 (“ meinen Brüdern zu gut, die meine Stammverwandtschaft sind nach dem Fleisch“) kann deshalb nicht als Gegenargument, also als Beleg für den Bruderbegriff im Sinn von nationaler oder sozialer oder sonstiger humaner Bruderschaft herangezogen werden, weil diese Israel-Bruderschaft (vergleiche dazu These 4) streng und exklusiv bezogen ist auf die Zugehörigkeit zur Gottesgemeinde des Alten Bundes und keinesfalls auf andere Völker oder auf sonstige Gemeinschaften übertragen werden kann.

9. In den synoptischen Evangelien wird nach Ausklammerung der in These 6 umschriebenen Stellen der Bruderbegriff ausschließlich im Sinn eines Adoptivbruders des Menschensohns, des Bruders Jesu und von daher im Sinn des christlichen Mitbruders gebraucht. Dazu gehören vorab die entsprechenden Worte aus der Bergpredigt, bei der immer und konsequent im Auge behalten werden muß, daß sie eine Rede Jesu an seine Jünger ist und die Beziehungen der Jünger untereinander, der Christen in der christlichen Gemeinde anspricht. Sie sind mit den „Brüdern“ etwa in Matthäus 5, 22 und 24; 5, 47 und 7, 3 gemeint. Besonders abzuheben ist hier noch einmal auf Matthäus 12, 50 (vergleiche These 6) und von da aus auf Matthäus 18, 15, 21, 35; 23, 8, aber durchaus auch auf 25, 40. (Zur letzteren Stelle vergleiche These 12.) Weiter: Lukas 17, 3; 22, 32 und sinngemäß auch Apostelgeschichte 9, 17: „Lieber Bruder Saul …“

Bruder ist Bruder in Christus

10. Bei Paulus ist ohne Ausnahme derselbe eindeutige Sprachgebrauch des Neuen Testaments festzustellen: Bruder ist Bruder in Christus und sonst niemand. „Ihr sollt nicht mit einem zu schaffen haben, der sich läßt einen Bruder nennen und ist ein Unzüchtiger oder ein Geiziger oder ein Götzendiener . . . “ (1. Korinther 5, 11). In diesem Sinne wird der Begriff auch in Römer 14, 10 verwandt oder in 1. Korinther 15, 6; 2. Korinther 11, 26 (falsche Brüder“, vergleiche Galater 2, 4); dann Galater 6, 18; Philipper 4, 1; 1. Thessalonicher 4, 6; 2. Thessalonicher 3, 15 usw. 11. Die übrigen neutestamentlichen Schriften bestätigen, soweit sie den Bruderbegriff verwenden, daß es keine Ausnahme von der Regel gibt: Bruder ist „Bruder in Christo“, oder es ist eben kein Bruder, sondern – und dies ist keineswegs dasselbe! – es ist ein Nächster. Der Nächste ist jeder; Bruder ist nur der Bruder im Glauben und in der Gemeinschaft der Gläubigen. Diesen dezidierten Gebrauch des Begriffs „Bruder“ belegen beispielsweise noch 1. Petrus 2, 17; 3, 3; 1. Johannes 2, 9 und laufend im 1. Johannesbrief; Hebräer 13, 1; Offenbarung 1, 9; 6, 11 usw. In 2. Petrus 1, 7 wird dabei die brüderliche Liebe und die allgemeine Liebe zu allen Menschen betont unterschieden.

Human ideologisch motivierte Fehldeutung

12. Folgerichtig ist dieser lückenlos nachgewiesene Sinn des Wortes „Bruder“ auch auf die viel zitierte Stelle von Jesu „geringsten Brüdern“ in Matthäus 25, 40 strikt anzuwenden. Es ist exegetisch ein Ding der Unmöglichkeit, hier an einer einzigen Stelle im Neuen Testament den Begriff „Bruder“ plötzlich im Inhalt zu verändern und auf einen jeden Menschen, hier vorab auf hilfsbedürftige Mitmenschen jeglicher Art, anzuwenden. Schon die exegetische Korrektheit würde es verbieten, einen durchgehend feststehenden Sinn eines Begriffs an einer einzigen Stelle willkürlich einen anderen Sinn nur deshalb zu unterlegen, weil man sich inzwischen allgemein an diese humanideologisch motivierte Fehldeutung gewöhnt hat, und hier – meist mit etlichem deklamatorischem Pathos – von Jesu „geringsten Brüdern“ plötzlich schon dann zu reden beginnt, wenn irgendein Mensch arm, hungrig, krank oder gefangen ist. Wobei über die christliche Selbstverständlichkeit, an allen Notleidenden ohne Ansehen der Person diakonisch zu handeln, kein Wort zu verlieren ist. Aber an dieser Stelle geht es nicht um die biblische Klärung des Begriffs „Diakonie“, sondern um die des Begriffs „Bruder“.

Gericht über alle Völker

13. Die Bedeutung des Bruderbegriffs auch in Matthäus 25, 40 im Sinne von „Brüdern in Christo“, also der Jünger des Herrn, wird aber auch durch den Text der Weitgerichtsrede selbst gestützt. Denn diese Rede hat gerade nicht, ausdrücklich nicht das Gericht über die Gemeinde Jesu zum Gegenstand, sondern nach Matthäus 25, 32 ausdrücklich das über „alle Völker“, also über alle Nationen. In biblischer Sicht aber sind alle Völker ausnahmslos heidnische Völker (hebräisch „gojim“). Hier in Matthäus 25, 32 wird für „Völker“ dasselbe Wort gebraucht (ethne) wie etwa in Matthäus 6, 32: “ … nach solchem trachten die Heiden“, die ethne. In Matthäus 25 wird gerade nicht der Maßstab angesprochen, den der Richter des Jüngsten Tags an seine Jünger, seine Gemeinde anlegt, sondern der Maßstab im Gericht über die Nichtchristen, die Heiden, die Nationen und ihre großen, kleinen und ganz kleinen Machthaber. Sie werden danach gerichtet, wie sie sich in ihren Nationen – augenfällig unterschiedlich! – gegenüber den Brüdern Jesu, den Christen, insbesonders den leidenden Christen gegenüber verhalten haben, sehr unterschiedlich in der Praxis wie etwa in England oder aber in Äthiopien, wie in den Niederlanden oder aber in den Sowjetstaaten. Danach urteilt der HErr über sie, die ethne.

Theologischer Widersinn

14. Der theologische Widersinn, daß andernfalls ohne Frage eine Rechtfertigung „allein aus den Werken“ gelehrt werden würde, kann nicht ernst genug genommen werden. Wenn der Maßstab im Gericht, wie ihn Jesus an seine Jünger, seine Brüder (!) anlegen wird, tatsächlich der wäre, daß die Lossprechung im Gericht aus den guten Werken der Barmherzigkeit gewonnen wird, dann könnte man die ganze reformatorisch-evangelische Lehre von der Rechtfertigung allein aus Gnaden, allein durch Jesus Christus begraben und also zugunsten einer Gerechtsprechung allein aus Werken schlicht vergessen. Hier am Bruderbegriff fallen auch theologische Entscheidungen ersten Ranges. Aber in Matthäus 25 sind in konsequenter Anwendung des neutestamentlichen Bruderverständnisses auch in Vers 40 nicht plötzlich alle Notleidenden der Welt im Blickfeld, sondern die bedrängten Christen, diese Brüder des Christus mitten in den Völkern, in der meist feindseligen Welt der Nationen und der großen Herren der Welt. Wie sich die „ethne“ ihnen gegenüber verhalten haben, danach richtet sie der Weltenrichter am Jüngsten Tag.

15. Nur anhangartig sei darauf hingewiesen, daß es also nach dem Neuen Testament zweierlei Maßstäbe im Endgericht gibt. Der Maßstab, den Christus an seine Gemeinde, seine „Brüder“ – im Unterschied zu dem über die „Völker“ – anlegt, ist der des Bekenntnisses zu ihm als dem kyrios, als dem Herrn (Matthäus 10, 32): „Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Nach dem einhelligen Zeugnis des Neuen Testaments ist dieses Bekennen immer ein Bekenntnis mit Worten oder auch mit Worten, aber nie ein wortloses Bekenntnis.

III. Zusammenfassung

16. Der Begriff „Bruder“ ist im Neuen Testament analog zu seinem Gebrauch im Alten Testament, soweit man von seiner Verwendung bei leiblichen Brüdern absieht, konsequent bezogen und begrenzt auf die Gemeinde der Brüder im Herrn, auf die Bruderschaft in Jesus Christus. Eine darüber hinausreichende Prädikation anderer nahe- oder fernstehender Menschen mit dem Titel „Bruder“ oder gar die aller Menschen als der großen Menschheitsbruderschaft ist mit dem biblischen Gebrauch nicht zu vereinbaren. Wer aber darauf beharren will, daß Matthäus 25,40 als der eine große Gegenbeweis das ganze übrige Neue Testament aus den Angeln hebe, der muß wissen, was er tut. Mit biblischer Auslegung hat das dann kaum mehr was zu tun. Denn „Bruder“ ist kein Attribut des Menschseins, sondern ein Titel, ausdrücklich ein Titel in der Gemeinde Jesu Christi, dessen also, der „sich nicht schämt, sie Brüder zu heißen?“ (Hebräer 2, 11).

Copyright (C) by Kurt Henning. Original-URL: http://www.efg-hohenstaufenstr.de/downloads/bibel/sind-alle-menschen-brueder.htm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s