Der Christ in einer erfolgsorientierten Gesellschaft

Unsere westliche Gesellschaft ist tief von dem Begriff «Erfolg» geprägt und will diesen auch in viele nicht-westliche Gesellschaften einführen. Für uns ist es bereits alltäglich geworden, immer nur dem Besten nachzujagen und diejenigen zu bewundern, die Erfolg haben, wobei es meist keine Rolle spielt welchem Lebensbereich dieser «Erfolg erreicht wurde.Wir werden vom Erfolg bestimmt: Erfolg oder eben kein Erfolg zu haben, beeinflusst direkt unser Wertgefühl.Auch die Christenheit ist vom Einfluss dieses erfolgsorientierten Denkens nicht verschont geblieben. Als Christen bewerten wir die Auswirkungen mancher evangelistischer Aktivität nach der Anzahl Teilnehmer. Der Erfolg einer Gemeinde wird an ihrer Mitgliederzahl gemessen, und in Amerika spricht man von einem „erfolgreichen Pastor“ als demjenigen, der seine Gemeinde zum Wachstum führt, ohne zu prüfen, ob die Herzen seiner Zuhörer auch wirklich erreicht hat. Das alles gehört mehr als je zuvor zu unserer Kultur. Alternative Lebensweisen und Kritik an der Bedeutung von Erfolg sind heutzutage viel weniger vorhanden als früher. Die Jugend neigt dazu, die Technologie zu überschätzen. Eine Umfrage in den Vereinigten Staaten erbrachte, dass die jungen Leute ein sehr negatives Bild von der Welt im 2050 haben, die nahe Zukunft und ihre eigene Karriere jedoch mit viel Optimismus betrachten! Der Titel der besagten Umfrage war bezeichnend „ Ersteklasse-Reise auf der Titanic“.

Der Christ in einer erfolgsorientierten Gesellschaft

Wenn man die Herkunft des Begriff«Erfolg»- näher untersucht, stellt man fest, dass er vor dem 19. Jahrhundert praktisch noch nicht vorkommt. Man hat ihn erst nach der industriellen Revolution eingeführt, als die westeuropäische Gesellschaft von der Landwirtschaft zur Technologie umschwenkte. In einer von der Landwirtschaft geprägten Kultur war man abhängig von den Gaben der Natur. Dagegen bekam der Mensch in der industrialisierten Gesellschaft den Eindruck, er habe die völlige Kontrolle über die Ergebnisse seiner Arbeit. Diese Wende hatte aber auch Auswirkungen auf das Verhältnis zu Institutionen, die in der Vergangenheit allgemein anerkannt waren und heute ihren mystischen Status verloren haben (z.B. das Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber oder zwischen Pastor und Kirchenmitglied). Auch in der Familie hat sich manches drastisch verändert. Wir haben uns daran gewöhnt, dass alles in unserem Entscheidungsbereich liegt, oder dass zumindest alles in Frage gestellt werden kann. Kurz: Wir haben uns zum Schöpfer unserer eigenen Welt gemacht Dies ist die Tür, durch die der Erfolg als ein Schlüsselbegriff eintreten kann. Erfolg wurde zum Hauptziel unserer Leistungen. Hand in Hand mit dem Wandel unserer Gesellschaft von der Landwirtschaft zur Industrie erfolgte die Verschiebung von der Kollektivität zur Individualität. Mitglied einer Familie oder einer Nation zu sein, galt als immer weniger wichtig, als ein Individuum zu sein. Als Beispiel seien hier die Dichter des Mittelalters erwähnt, die ihren Namen nicht unter ihre Werke setzten, weil sie es ganz einfach nicht für wichtig hielten. Heute wäre so etwas undenkbar! Es hat also sowohl eine Entwicklung in der Volksmeinung als auch eine solche in der Gesellschaft stattgefunden, die uns in die heutige Lage versetzt haben: Die Gesellschaft dreht sich um das Individuum und im besonderen um den Erfolg des Individuums. Das hängt weiter mit der tiefsten Schicht unseres Seins, mit unserer persönlichen Weltsicht zusammen. Das Weltbild des Christentums unterstreicht. den Wert der Kollektivität (Ehe, Gemeinde und Arbeitsstrukturen, die Gott für uns vorgesehen hat). Die Bibel zeigt uns den Menschen als Teil eines Bündnisses. Seit dem 19. Jahrhundert haben wir das humanistische Weltbild übernommen, das den einzelnen Menschen ins Zentrum des Universums stellt. Die Massenmedien haben höchst wahrscheinlicht entscheidend dazu beigetragen, dass diese Ein-Mensch-zentrierten Ideen so stark verbreitet werden konnten. Die Botschaft der Werbung heisst: Du brauchst Erfolg, um jemand zu sein. Du kannst ihn erreichen, es liegt an dir. ”” Der Mensch ist gerne bereit, sein Leben zu investieren, um Erfolg zu haben. Damit macht er sich einen Namen, erlangt Ehre und Anerkennung. Das Faszinierende am Erfolg ist nicht nur die Tatsache, dass wir ihn erreichen können, sondern auch, dass unsere Leistung von anderen bemerkt wird. Es gibt also einen willkürlichen Faktor, der den modernen Menschen so fasziniert. Je willkürlicher und zufälliger der Erfolg ist, desto mehr zieht er die Menschen an. Die Kombination von Leistung und deren Beachtung durch andere erhöht die Anziehungskraft des Erfolgs für den modernen Menschen. Der Gedanke, dass auch Christen erfolgreich, reich und gesund sein sollten, geistert in Europa. wie in Amerika in den Köpfen herum. Meistens wird er noch mit Versen aus dem Alten Testament untermauert. Zum Beispiel mit 5. Mose 6,3, wo Mose dem Volk Israel verspricht: „..dass es dir wohl gehe…“. Das Alte Testament enthält eine Fülle solcher Versprechungen in der Bedeutung von: Halte die Gebote, und du wirst gesegnet sein. Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, Segen mit Erfolg gleich zu setzen. Ob aber dieser Schritt auch berechtigt ist, ist eine andere Frage. Und was ist mit den Christen, die keinen Erfolg haben? Haben sie vielleicht zu wenig Glauben? Behauptet man aber solches, verkehrt man ein Versprechen Gottes in eine antichristliche Botschaft. Gesegnet zu sein, heisst weder im Alten noch im Neuen Testament, unbedingt reich und gesund zu sein. Der Psalm 73 spricht zum Beispiel von dem Gerechten, dem es gar nicht gut geht, und von dem Gottlosen, der alles besitzt, was sein Herz begehrte. Die Bibel sagt nirgends, dass wir Erfolg haben würden, weil wir Christen seien. Sie hebt aber den grossen Unterschied eines Lebens in der Ehrfurcht vor Gott hervor, das dann auch Frucht für ihn bringt ”” und nicht für den Christen persönlich. Dies ist sehr wichtig, um zu verstehen, was denn das Christsein wirklich ausmacht, und was das mit Erfolg zu tun hat.

Die Bedeutung des Erfolgs im Licht der Bibel

Was ist das Geheimnis eines gesegneten Christenlebens?

Woher kommen Kraft und «Erfolg»? In Johannes 15,l-8 lesen wir: «Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Jegliches Schoss an mir, das keine Frucht bringt, nimmt er weg; jedes fruchtbare aber reinigt er, damit es mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibet in mir, und ich in euch! Gleichwie das Rebschoss von sich selbst keine Frucht bringen kann, wenn es nicht am Weinstock bleibt, also auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibet. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben; wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun. Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er weggeworfen wie das Rebschoss und verdorrt; und solche sammelt man und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibet, und meine Worte in euch bleiben, möget ihr bitten, was ihr wollt, so wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringet und meine Jünger werdet.»

Jesus sagt: Wahres Christen- leben bedeutet, viel Frucht zur Ehre Gottes zu bringen. Das ist ein zentraler Gedanke für die Christenheit. Jesus sagte dies seinen Jüngern bei seinem letzten Zusammensein mit ihnen kurz vor dem letzten Abendmahl und einen Tag vor seiner Kreuzigung. Seine letzte Rede hat einen Kernsatz; «Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch» (Joh. 17,18). Jesus bereitet seine Jünger darauf vor, er sagt ihnen, sie sollten in die ganze Welt gehen und die gute Nachricht verbreiten. Er ermutigt sie zu diesem grössten Auftrag. den es je in der Menschheitsgeschichte gegeben hat: alle Völker zur Versöhnung mit dem Vater aufzurufen. Jesus spricht dabei nicht von irgendeiner Methode. Er lehrt wiederholt dieses zentrale Prinzip: „Bleibet in mir und ich in euch. und ihr werdet viel Frucht bringen.“ Jesus zeichnet hier ein schönes Bild, das für mich das Geheimnis des Christenlebens ist: Um Frucht zu bringen, soll eine Rebe am Weinstock bleiben, denn für sich allein ist sie unfruchtbar. Wenn man dieses Fruchtbringen mit unserer Idee von Erfolg vergleicht, merkt man bald, dass reiner Erfolg immer vom Menschen erreicht wird. Frucht dagegen wird durch jemand anders in mir gewirkt: durch Gottes Geist. Erfolg ist immer mit irgendeiner Leistung verbunden, während Frucht «einfach wächst».

Der zweite Unterschied ist, dass der Erfolg denjenigen erhöht, der ihn erreicht hat, während die Frucht auf den hinweist, der sie gedeihen liess. Das gilt genauso für die «geistliche Frucht die Frucht des Heiligen Geistes. Sie wird Christus in mir zeigen und ihn verherrlichen. Der letzte Unterschied besteht darin, dass Früchte immer im Lebenszyklus eine Rolle spielen, während Erfolg etwas Kurzlebiges ist. Denken wir zum Beispiel an die Helden der letzten Zeit. Die meisten von ihnen sind heute schon in Vergessenheit geraten. Erfolg ist sehr vergänglich, die Früchte dienen zum Leben. Früchte sind Glieder der Lebenskette und darin unentbehrlich und bedeutend.

Die aktive Passivität

Um dies in einen weiteren Rahmen zu stellen, möchte ich aus dem Buch «True Spirituality» («Geistliches Leben was ist das») von Francis Schaeffer zitieren. Hauptziel dieses Buches ist die aktuelle Bedeutung des Werkes Jesu Christi. Es erklärt genau dieses Fruchtbringen. Darin verwendet der Autor einen sehr bemerkenswerten Ausdruck:

«Die aktuelle Bedeutung des Werkes Jesu Christi für den Christen ist, Moment für Moment mit Christus zu leben. Der auferstandene und verherrlichte Christus bringt seine Frucht durch uns hervor wie ein Bräutigam durch seine Braut. Das ist die Praxis der aktiven Passivität. Es ist die einzige Art, wie wir Lebe können. Es gibt keinen an deren Weg zu leben als Moment für Moment.» Was meint Schaeffer mit diesem paradoxen Ausdruck «aktive Passivität»? Ich glaube, er bezieht sich auf das wunderbare Geheimnis des Christenlebens: Ein wahrer Christ setzt seine ganze Aktivität ein, um passiv zu sein. In all seinen Taten konzentriert er sich darauf, für Gottes Willen empfänglich zu sein. Das heisst praktisch. dass ein wahrer Christ hinter jeder Tat eine Grundhaltung der Stille und Offenheit Christus gegenüber hat, so dass dieser seine Frucht durch ihn wirken kann. In unserer erfolgsorientierten Gesellschaft ist es besonders wichtig, dieses zentrale Prinzip zu beachten. Unser Hauptziel kann es nicht sein, Erfolg zu haben. (Jesus versprach uns nirgends Erfolg, wenn wir ihm nachfolgen.) In Markus 10,29””31 spricht Jesus über den Gewinn den wir in seiner Nachfolge haben werden: «Wahrlich, ich sage euch, es ist niemand, der Haus oder Bruder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Acker um meinetwillen und um des Evangeliums willen verlassen hat. Der nicht hundertfältig empfinge, jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Acker, unter Verfolgungen, und in der zukünftigen Weltzeit ewiges Leben.» Er behauptet nicht, es würde nichts kosten, ihm unser Leben zu weihen. Aber wir wer den auch belohnt werden, allerdings in einer viel weiteren Perspektive, als wir uns denken können. Viele Christen wissen sehr gut Bescheid über Gottes Schöpfung, den Sündenfall, die Menschwerdung Jesu und seinen Opfertod am Kreuz, ihre Rechtfertigung und Errettung aus Gnade usw. Doch ihre nächsten Schritte im praktischen Christenleben gehen dann meist in eine von beiden extremen Richtungen: Einige wollen vor allem im Geist leben, jedoch auf eine total unrealistische und weltfremde Weise. Die anderen passen sich völlig der Gesellschaft an, ohne daran zu denken, dass ein Christ auch an einem anderen Lebensstil erkennbar sein sollte. Deshalb versucht Francis Schaeffer in seinem Buch den Prozess der Heiligung zu erklären. Und in diesem Zusammenhang wird das Konzept der «aktiven Passivität» relevant. Die Bibel braucht das Bild eines Bräutigams und seiner Braut. Durch Jesus Christus haben wir eine persönliche, innige Beziehung zu Gott. Wenn diese Beziehung ungetrübt und von unserer Seite her in Ordnung ist, so kann Gott durch uns Frucht bringen. Das ist eine gewaltige Botschaft Hier merken wir den grossen Unterschied zu unserer erfolgsorientierten Gesellschaft: Als Christen leben wir in einer völlig anderen Haltung. Nicht wir werden erfolgreich sein. sondern Gott macht uns zu brauchbaren Werkzeugen und schafft Frucht durch uns. Das dient seinem Ziel, und er wird dadurch verherrlicht.

Kein unpersönliches Universum

Francis Schaeffer stellt es in einen weiteren biblischen Rahmen, wenn er sagt: «Dieses Prinzip passt sehr gut zu der Art Universum, in dem wir leben.» Wir denken oft, wir würden in einem mechanischen Universum leben, das nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung geregelt wird. Die Bibel dagegen lehrt, dass wir in einem persönlichen Universum leben, das von einem persönlichen Gott er schaffen wurde. Er schuf die Schönheit der Natur und die Tiere nach ihrer Art. Er schuf uns nach seinem Bilde mit dem Ziel, Gemeinschaft mit uns zu haben. Ein Schlüsselgebot des Alten Testaments ist das Halten des Sabbats (Jes. 58,13””14). Dies scheint umso verwunderlicher, als Jesus im Neuen Testament eine freie Auffassung des Sabbats hatte. Was ist denn am Sabbat so wichtig? Ich glaube, es geht auch hier um das Prinzip der aktiven Passivität. Den Sabbat zu halten bedeutet, wöchentlich eine Zeit zu haben, in der man ganz besonders die Gemeinschaft mit Gott pflegt, über sein Wort und über Verheissungen nachdenkt und seine Gegenwart erlebt. Dieses zentrale Prinzip des Alten Testaments entspricht der grundlegenden Lehre von Paulus im Neuen Testament: Durch Gnade sind wir errettet und nicht durch Werke. Diese Lehre hatte durch die ganze Kirchengeschichte eine belebende Kraft. Daher ist der Sabbat im Neuen Bund in einem viel weiteren Rahmen zu verstehen als nur im Beachten eines Ruhetages. Wie können wir dies auf eine erfolgsorientierte Gesellschaft anwenden? Wir sollen uns erinnern, dass wir nicht durch die Arbeit bzw. durch Erfolg gerettet werden, sondern durch Glauben. Im Mittelalter brachte die Kirche die Menschen in Gefangenschaft, indem sie behauptete, sie würden durch Werke errettet. In der heutigen Zeit geschieht genau das Gegenteil: Die Gesellschaft hält die Kirche in Ketten, indem sie behauptet, wir würden durch (harte) Arbeit gerettet. Der Teufel ändert sich nicht: Er verpackt dieselbe Botschaft immer wieder anders und suggeriert uns, wir sollten alles Mögliche unternehmen, um uns selbst zu retten. Das Resultat ist ein neurotischer Drang zur «erfolgreichen Arbeit. Ohne Erfolg scheint unser Leben wertlos. In diesem. Zusammenhang sollten wir die befreiende Botschaft predigen, wie auch Luther es tat: Wir sind nicht durch Werke gerettet, sondern allein durch den Glauben an den lebendigen Herrn Jesus Christus, der seine Frucht in uns wirkt.

Wim Rietkerk Factum Januar 1994 http://www.factum-magazin.ch

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