DIE FRAGE NACH DEM URSPRUNG VON GUT UND BÖSE

Teufelsvorstellungen in Geschichte und Kunst  

Außer der Frage nach dem Sinn des Lebens und nach dem Stellenwert der Liebe hat wohl kaum ein philosophisches Problem so viele Spuren in Kunst und Literatur, aber auch im Geschichtsbewusstsein der Völker und in der Geschichte selbst hinterlassen, wie die Frage, woher der Gegensatz zwischen Gut und Böse kommt. Der Begriff des Teufels in der Überschrift scheint sich schon auf die Lösung des hebräischen und christlichen Monotheismus zu beziehen. Obwohl andere Religionen den Begriff Teufel nicht kennen, soll dies kein Hinderungsgrund sein, die Vorstellung vom Bösen nicht so weit wie möglich in der Geschichte zurückzuverfolgen. Auch die Nebeneinflüsse in neuerer Zeit und die modernsten Vorstellungen, die einen Teufel gar nicht mehr kennen, gehören in das Gesamtbild der Teufelsvorstellungen, oder nun besser gesagt: in das Gesamtbild der Vorstellungen vom Bösen in der Welt. Interessant ist es zu beobachten, daß keine Vorstellung über den Ursprung des Bösen, wenn sie erst einmal aufgekommen war, wieder verschwand. Alle Vorstellungen, egal ob es sich um religiöse Riten der Vorgeschichte oder um die mittelalterlichen Darstellungen, um die Gedanken eines Pythagoras oder einer neuzeitlichen Sekte handeln, – alle blieben bis heute in irgend einer Form erhalten, sei es indem sie in neuere Überlegungen aufgenommen wurden (- vergleiche dazu Goethes «Faust» -) oder aber von einzelnen Gruppen oder Kirchen bis heute vertreten werden. Dennoch kann man einen chronologischen Abriss geben, da immer eine Vorstellung dominant war und die Geschichte bestimmte.

Vorstellungen nicht christlicher Religionen

Die Altreligionen bis 400 v. Chr.

Einen Dualismus, d.h. einen Gegensatz zwischen Gut und Böse in der Götterwelt, kennen nahezu alle Religionen der Welt, ausnahmslos die, die vor 400 v. Chr. entstanden.

Der Hinduismus – Babylonien und Ägypten

Die älteste Großreligion der Weit macht in ihren Anfängen wenig Aussagen über eine böse Macht. Erst später übernahm sie genauere Angaben (1000 v. Chr.). Aber schon die frühesten Schriften lehren, daß, wenn unter den Menschen Gerechtigkeit, Güte und Frömmigkeit nachlassen, das Schlechte an fängt zu herrschen. Dann muß der unerforschliche Gott des Alls, Brahman, in immer wieder neuer Gestalt auf der Erde geboren werden, um durch Gerechtigkeit das Böse zu zerstören. Später übernimmt der Hinduismus dann die Personifizierung des Bösen, Ahi und Siva verursachen das Böse, stehen aber neben einer Unzahl von anderen Göttern. Bei den Teutonen heißen die beiden Wesen Hel und Loki. Überhaupt zeigen viele Altreligionen zwei Personen als Ursache für das Böse auf, wie es auch an Hand literarischer Funde für die Babylonier nachgewiesen werden kann. Hier sind grundverschieden, aber doch böse: die Jungfrau (Lady) Nina und der Drache Tiamat. Sogar bei den Griechen zeigt sich dieser Dualismus im Dualismus: Das listige Böse kann man in Prometheus sehen, daß einfach auflehnerische, brutale Böse in den Titanen, die selbst mit den Hauptgöttern verwandt sind. Erst bei den Ägyptern wird alles Falsche auf ein Wesen konzentriert, auf die Schlange (!) Apap (Seth-Typhon)

Die im 6. Jhr. V.Chr. entstandenen Religionen
Das 6. Jahrhundert vor Christus brachte eine Vielzahl neuer Religionen hervor. Männer wie Laotse (geb. 604 v. Ch,r.), Konfutse (geb. 551 v. Chr.), wie Buddha (geb. 536 v. Chr.) und Zarathustra (geb. vor 500 v. Chr.) brachten neue Ideen. Für die ersten drei war die Welt durchdrungen von den bösen Geistern, die der Mensch durch Opfer für die guten Geister in den Griff bekommen muß. Die Religion wurde weitgehend durch die Angst vor den Geistern bestimmt.
Anders sah es im Weltbild des Zarathustra aus. Nach dem Hauptwerk Yasna gibt es zwei Mächte allein:
Und im Anbeginn waren diese beiden Geister, die Zwillinge, die nach ihrem eigenen Wort das Gute und das Böse (Prinzip) im Denken, Reden und Tun heißen.» Das gute Prinzip ist Mazda Ahura, der von den Menschen angebetet werden soll. Der arge Geist ist Angra Mainy, der mit seinen Devs (Dämonen) nicht geehrt werden darf. Nach einigen Überlieferungen ist er sogar das Produkt eines einmaligen schlechten Gedankens des guten Geistes. Faktisch ist die zarathustrische Religion ein Monotheismus; die Menschen sind Nachkommen eines gut erschaffenen Urmenschen, den der Böse tötete und müssen sich nunmehr vor dem zerstörerischen Bösen in acht nehmen. Die Weltgeschichte ist ein zyklischer Ablauf, in dem anfänglich Gut und Böse nebeneinander stehen, am Ende aber das Böse beseitigt wird und ein reiner Monotheismus existiert.

Jüdische Vorstellungen
Auf Grund weitgehender Übereinstimmungen hat man versucht zu zeigen, daß die jüdischen Schreiber einen Großteil aus zarathustrischen, iranischen Werken übernahmen. Diese einseitige Beziehung erweist sich als falsch, wenn man bedenkt, daß das gesamte Alte Testament vor 400 v. Chr. entstand, die meisten Schriften also schon zu einer Zeit weitergegeben wurden, als die zarathustrische Lehre noch gar nicht stand. Eher ist eine wechselseitige Einflußnahme anzunehmen oder sogar, ein Abschreiben in entgegengesetzter Richtung.

Das Alte Testament
Beim Studieren der Bücher des AT stellt man fest, daß von der Person des Satans sehr selten die Rede ist. 21x ist von «diabolos» und 3x von «satan» in der Septuaginta die Rede, beides Übersetzungen des hebräischen «satan». Davon befinden sich allerdings 13 Stellen alleine in Hiob 1 und 2. Insgesamt ist in nur rund 10. Textstellen von «satan» die Rede. Im AT meint «satan» einen Widersacher, einen boshaften Gegner. In 1 Samuel 29,4 ist so Satan ein potentieller Verführer in den eigenen Reihen, in 1. König 11 heißt so der Partisanenführer und syrische König Reson. Auch der göttliche Engel, der in Numerie 22,22+32 Bileam den Weg versperrt, wird so genannt. Zum ersten Mal begegnen wir Satan als überirdische Person in Hiob 1,6-12. Hier ist er der himmlische Staatsanwalt. «Er verkörpert sozusagen den göttlichen Zweifel an der echten, uneigennützigen Frömmigkeit des Menschen2 Gleichzeitig zeigt sich aber auch: «Nicht blinder Zufall oder untrennbares Schicksal walten, sondern Gott ist der eigentlich Handelnde.« Interessant ist auch die doppelte Beschreibung, wie David zur Vornahme einer schlechten Volkszählung veranlasst wird. In der älteren Fassung in 2. Sam.24,1 ist es der Zorn des Herrn, der ihn veranlasst, in der neueren in 1. Chr. 21,1 schon Satan als Person, der auch in allen nachexilischen Stellen anklagt und das Böse verursacht. Satan ist also zur Zeit des AT kein widergöttliches, böses Prinzip. Er ist Werkzeug Gottes und sein Geschöpf verführt die Menschen aber zu bösen Wegen.

Spätjudentum und Qumran
Erst die Ausleger bauten in den 400 Jahren zwischen AT und NT das Bild des Teufels auf, wie die Juden es bis heute vertreten. Einflüsse aus dem Iran und aus Griechen land (Philo 25 v.-40 n. Chr.) entschieden den Rest. Satan wurde mehr und mehr mit dem Todesengel und dem bösen Trieb identifiziert. An Hand von Genesis 1,1ff und 6,1ff wies man auf einen Abfall der Engel hin Das «Jubiläenbuch» macht hierüber genaue Aussagen. Die meisten der mit Satan abfallenden Geister wurden vernichtet, ein Teil blieb neben ihm bestehen. Satan blieb allein im Himmel, um anklagen zu können. «Kurz und knapp wird die Tätigkeit des Satans um schrieben: «…: der Satan kommt herab und verführt, steigt hinauf und klagt an, nimmt die Vollmacht und nimmt die Seele» (bBB 16a). Erst spätere Traditionen sagen, Satan sei ein hoher Engel gewesen. Das Rabbinat billigt dem Menschen den freien Willen zu, mit dem er durch Halten des Gesetzes den bösen Trieb oder Satan Sammael abwehren kann.

”¢ In den Schriften des Klosters Qumran wird der böse Geist Belial genannt. Gott schuf zwei Geister, einen guten und Belial. Das Böse kommt dann nicht mehr durch den Sündenfall in die Welt. Es ist ein Produkt Gottes und herrscht in den Anhängern des Bösen.

Die christlichen Vorstellungen Die Lehre des Neuen Testamentes
Das vollständigste Bild einer Teufelsvorstellung findet sich wohl im Neuen Testament, das zwischen 35 und 70 n. Chr. entstand! Es umfaßt im Wesentlichen die Lehre Jesu und Briefe der Apostel. Zum rechten Verständnis muß man allerdings die alttestamentlichen Schriften einbeziehen. Als erstes stellt sich die Frage, wie es kommt, daß im AT am Anfang wenig, später etwas mehr vom Teufel die Rede ist und auch im NT die Informationen zeitlich gesehen zunehmen (ins gesamt über 100 Stellen). Die Antwort liegt darin, daß in beiden Werken generell die Offenbarung schrittweise zunimmt, denn auch von Gott erhalten wir erst nach und nach mehr Einzelheiten. So konnte auch Ricarda Huch mit Recht sagen: „Erst seit Christus kennen wir Satan“ Man kann diese schritt weise Enthüllung einerseits dadurch erklären, daß der Mensch sich immer genauere Vorstellungen von Gott machte und damit auch vom Teufel. Andererseits: Geht man wirklich von der Existenz eines Gottes aus, so war er intelligent genug, nicht alles Wissen auf einmal preiszugeben. Nach christlicher Vorstellung hört die Wissenszunahme erst mit Jesu Wiederkunft auf, «wenn alles offenbar wird.»
Eine gute Zusammenfassung der biblischen Vorstellung finden wir in dem Sammelwerk Bibel Aktuell: «Teufel (Durcheinanderbringer). Einer der Haupttitel Satans, des Erzfeindes Gottes und der Menschen. Weitere Namen: Fürst dieser Welt (Joh. 12,31; 14,30; 16,11), „Gott dieser Welt“ (2. Kor. 4,4), <der Starke. (Mk. 3,27), <großer Drache, alte Schlange. (Offb. 12,9) usw. Sein Ursprung liegt im Dunkeln, wenn nicht Jes. 14,12””20 und Hes. 28,12-19 uns einen Hinweis geben; es gilt als sicher, daß er nicht böse erschaffen wurde. Als er noch im Zustand der Heiligkeit war, lehnte er sich gegen Gott auf und riß andere Engel mit in diesen Aufruhr hinein. 2. Petr. 2,4). Er ist eine Person mit über menschlicher Macht und Weisheit, aber nicht all mächtig und allwissend. Er versucht, Gottes Pläne und Absichten zur Rettung des Menschen zu vereiteln. Seine Hauptangriffsmethode ist die Versuchung (s.d.); seine Macht ist begrenzt, und er kann nur so weit gehen, wie es Gott zuläßt. Am Tage des. letzten Gerichtes wird er für immer in die Hölle geworfen werden Viele Elemente des biblischen Glaubens kennen wir aus anderen Religionen. Was unterscheidet nun das NT von allen anderen Vorstellungen? Zuerst einmal ist der Teufel ein Geschöpf Gottes, aber nicht sein Plan. Viele Religionen kennen einen dieser beiden Punkte (Geschöpf/Plan), aber für die Urchristen war der Teufel gut erschaffen und geht erst seit seinem Fall gegen Gott an. Zum zweiten bleibt die Bibel nicht in theoretischen Aussagen stecken, sondern gibt konkrete Angaben, was gut und was böse ist. Dabei geht es um Dinge, an die sich jeder Mensch im täglichen Leben halten kann. Scheinbar Gutes kann auch böse sein, denn Satan «verstellt sich als Engel des Lichts (2. Kor. 11,14). Er geht oft von der Tatsache «Gott» aus um den Menschen zu verführen. Er will die Motive bilden, die über Gut und Böse bestimmen. «Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an» (1. Samuel. 16,7). Und zum dritten gibt es eine eindeutige, aber auch absolute Möglichkeit, vom Bösen loszukommen. Die Strafe für die Sünde, der Folge des Bösen, nahm Jesus als Gottes Sohn auf sich. Der Mensch braucht dieses Opfer nur anzunehmen (anzuerkennen). Damit ist der Mensch nicht mit einem Mal gut, aber er weiß, daß später die vergebene Sünde kein Hinderungsgrund mehr ist, ewig mit Gott zusammen zu sein. Und damit sind wir beim vierten Unterschied! Das NT geht davon aus, daß alle Menschen «ohne Ausnahme. «von Grund auf böse sind» (Römer 3,23-Genesis 8,21). Durch den Sündenfall entschieden sich alle Menschen gegen Gott. Sie müssen erst zu ihm, dem Guten, zurückkehren.

Die römische Staatskirche Die Zeit der Kirchenväter
Aufgrund der bald einsetzenden Verfolgungen der Christen hielt man sich vor erst an die biblischen Maßstäbe. Als aber immer mehr Menschen sich dem Monotheismus zuwandten, sah sich der Bischof von Rom (seit 190 n. Chr.) als Leiter der Kirche gezwungen, einige Elemente anderer Weltanschauungen mit auf zunehmen. So gab es eine Zeit kein einheitliches Bild, auch nicht, als 337 n. Chr. das Christentum zur Staatsreligion wurde. Erst allmählich wuchs von Rom, nach der Kirchenspaltung von Byzanz und ab 988 auch von Moskau aus ein neues Bild; in vollem Umfang jedoch erst, nachdem im Bilderkrieg diejenigen siegten, die sich gegen das Gebot stellten: «Du sollst dir kein Bildnis, noch irgendein Gleichnis machen, …» (Exo.20,4-5), das bis dahin, neue Ideen weitgehend unterbunden hatte. Denn bis dahin hatten nur die Kirchenväter diskutiert und andere ihre Gedanken anonym in den apokryphen Schriften des NT herausgebracht.

Die deutsch-römische Staatskirche
Durch die Entstehung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wurde Rom in dieser frage so führend, daß die byzantinischen und orthodoxen Vorstellungen, die ohne dies nur in Mosaiken etc. überliefert sind, hier nicht erwähnt werden, es sei denn, einige Elemente nahmen besonders Einfluß. Eine Staatskirche ist immer versucht, ihr Lehrgebäude auch für die allgemeine Bevölkerung verständlich zu machen. Auf der anderen Seite konnte im Mittelalter die Kirche jede Lehre scheinbar begründen, da niemand im Volk die lateinische Bibel lesen konnte. Zur Vereinfachung mußte das ptolemäische Weltbild verchristlicht werden. Es gab nun ein Oben, wo Gott regierte, ein Unten, wo der Teufel herrschte und dazwischen lebte der Mensch auf der Erde, ein Bild, das wir in der Bibel nicht finden. Eine der frühesten Darstellungen dieses Bildes findet sich in Ansätzen im Goldenen Evangeliar von 1030. Später zeigte sich diese Einteilung auch an fast allen Tympana der Großkirchen Europas in den Weltgerichtsdarstellungen. Die bildhafte Darstellung machte die eigentliche Vorstellung der Bevölkerung aus. Zu einem Weltgerichtsspiel, einem der ersten überhaupt, dem «Ludus de Antichristo», das 1160 zum ersten Mal auf der Bühne aufgeführt wurde, sagt das Kindler Literatur Lexikon folgendes: «Gleiches (da sie entscheidend waren, Anm. d. V.) gilt für die Gestik und Gebärdensprache, die einem des Lateins nicht mächtigen Laienpublikum den Text ersetzen mußtte. Diese Weltgerichtsspiele blieben bis zur Reformation sehr beliebt. Sie bildeten die Grundlage für die bildlichen Darstellungen des Teufels im Mittelalter. Sie zeigten aber auch eine andere notwendige Folge dieser Darstellungsweise Der Teufel wurde wie Gott aus der unsichtbaren Welt ins Irdische versetzt, wurde menschliche Person und bekam damit die Eigenschaften eines Menschen. Das kam vielen heidnischen und abergläubischen Vorstellungen entgegen, die Einzug hielten. Man ging nun in der Kunst, besonders in Malerei, Literatur und Schauspielkunst daran, alles Unerklärbare, Schreckliche, Unerklärliche, Negative auf den Teufel und seine Anhänger abzuschieben. Schwarze, unheimliche Tiere waren ihm nun verbunden, Dornen und Stachel mit ihm in Verbindung gebracht, der unbändige Sexualtrieb wurde sein Auswuchs und Heilkünste, insbesondere von Frauen, wurden auf besondere Verbindungen mit dem Teufel zurückgeführt, weswegen man im Mittelalter Tausende von Frauen auf greulichste Weise als Hexen verbrannte. Vor Teufelspakten, die aus der griechisch-orthodoxen Welt kamen, wurde eindringlichst gewarnt. So etwa betonte das satirisch-didaktische Reimpaarwerk eines unbekannten Verfassers «Des Teufels Netz», daß zwischen 1414 und 1420 entstand, in einer «vorred, daß es geschrieben wurde als «lerer. und‘ zur «warnung In diesem Werk besucht der Teufel einen Eremiten und versucht ihn. Der Eremit ist aber so fromm, daß er den Teufel zwingt von seinem Ursprung und seiner Wirkungsweise zu erzählen. Der Mensch kann durch Frömmigkeit den Teufel besiegen, ihn sogar zwingen, die Bibel zu halten. Nicht jeder Mensch kann so fromm sein wie die Heiligen. So wurde immer ein dringlicher vor Kontakt mit dem Teufel gewarnt, was die Neugierde nur steigerte, ins besondere bei den Theophilus- und Mephistopheleslegenden, die sagten, daß eine solche Verbindung ewige Verdammnis bedeutet.

Die Reformation
Im Vorwort zur «Historia von Johann Fausten» von 1587 heißt es von Faust: «Wie er sich gegen dem Teufel auf eine benannte Zeit verschrieben … bis er endlich seinen wohlverdienten Lohn empfangen .. allen hochragenden, fürwitzigen und gottlosen Menschen zum schrecklichen Beispiel….abscheulichen Exempel und treuherziger Warnung zusammengezigen…
Dieses Werk der Reformation zeigt, daß die Reformatoren einerseits auf dem biblischen Glauben stehen wollten, andererseits mittelalterliche Elemente beibehielten, die ja auch für den katholischen Teil der Bevölkerung verbindlich blieben. «Die Bewegung des Protestantismus beruht nicht nur auf das Urchristentum, in sie sind auch humanistische Bestrebungen und politische Tendenzen eingeflossen. Das Thema des Faustwerkes stammt auch aus katholischer Zeit. Anfänge kann man schon in den erwähnten Theophiluslegenden des 6.Jhrs. sehen, in denen noch Reue und Gnade den Teufelsverschreibung erfolgten. Im 10 Jhr. faßte Roswitha von Gandersheim eine solche Geschichte in Verse. Auch die Legenda aurea berichtet davon, aber erst in diesem Faustbuch von Spieß (1587) wird zum erstenmal die Konsequenz gezogen, daß ein Teufelspakt nicht zu tilgen sei.

Literatur
Die von Luther vertretene Allgegenwart des Teufels sogar im Gewitter und im politischen Gegner, löste eine nicht überschaubare Flut literarischer Produkte aus. Dabei wurde eine Seite der katholischen Lehre beseitigt, nämlich, daß der Mensch sich durch Frömmigkeit, Geld (Ablaß) oder etwas ähnlichem von seiner Schuld befreien könne. Jeder Mensch war nun selbst für sich in der Frage des Bösen verantwortlich. Dies war eine entscheidende Grundlage für die Moderne. Neben den protestantischen Schriften setzte im Barock eine weitere Welle literarischer Schriften über den Teufel ein, die bis zum Ende des letzten Jahrhunderts an hielt. Eine sehr schöne Zusammenfassung der Vorstellungen zwischen Reformation und Aufklärung findet sich im «Großen vollständigen Universal Lexikon aller Wissenschaften und Künste, welche bisher durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden». In dem 1744 erschienenen Band 42 sind nahezu 100 Spalten dem Thema Teufel gewidmet (1543-1626-1642). Die Bevölkerung hielt nicht viel von theologischen Erklärungen. Sie besah lieber gruselige Schaustücke, Bühnenwerke und Puppentheater. Diese hatte oft die Darstellung des Teufels zum Thema, besonders, nach dem, der Stoff des Faust nach England gelangt war, dort Christopher Marlowe «Die tragische Historie vom Doktor Faustus» in einer Meisterleistung auf die Bühne brachte und dieses Werk bald wieder in Deutschland zu sehen war. Doch das hochgeistige Werk verflachte in den Bühnenstücken der Wanderkünstler. Ein solches Werk stellen auch die verschiedenen «Kasperletheater» dar. Ein menschlicher Teufel der grundsätzlich das Böse will, kann vom Menschen nur überlistet werden, wenn dieser die teuflischen Absichten kennt.

Die neuzeitlichen Vorstellungen Griechische Philosophien
Mit der Bekämpfung des Bösen durch Wissen rückt das Kasperletheater in die Nähe der griechischen Philosophen. Für Demokrit, Sokrates und Plato war das Böse nur eine Folge der Unwissenheit. Der unaufgeklärte Mensch muß unfreiwillig das Böse tun, ist damit aber auch seiner Verantwortung entzogen. Plato geht weiter und verlegt das Gut in den Geist, das Böse in den Menschen. Das Böse ist lediglich eine Mangelerscheinung des Guten. Genauso glaubt es Philo und mit ihm die griechisch-hellenistische Philosophie und ergänzt, daß das Geistige durch Gott, das Materielle durch den Menschen repräsentiert wird und ist damit wieder bei Sokrates, der als erster das Böse als Mangel an Erkenntnis der Guten göttlichen Vorsehung ansieht.

Die Aufklärung
Professor Rohrbach schreibt in seinem Werk: «Ebenso sind die mittelalterlichen Darstellungen vom Teufel und von Dämonen als naiv zu bezeichnen. Attribute wie Pferdefuß, Schwanz und Hörner sind Produkte der menschlichen Phantasie, die mit der Realität des Teufels nichts zu tun haben. Solcherlei Darstellungen werden seit der Aufklärung als lächerlich empfunden und führten nur dazu, Teufel und Dämonen als Kategorien des Aberglaubens anzusehen, von denen ein aufgeklärter Mensch sich mittels der Vernunft zu lösen habe. Hexenprozesse und andere inquisitorische Maßnahmen taten ihr übriges, die Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Mit dem Sich-lösen von kirchlicher Lehre und naivem Volksglauben wurden die Mächte des Bösen mehr und mehr verharmlost, im Grunde geleugnet.» Vieles Erklärbare war vor her als teuflisch hingestellt worden und der Fall des ptolemäischen Weltbildes tat sein Übriges. Glaube an eine überirdische Macht und Vernunft schlossen sich nun aus. Der nicht geleugnete Konflikt zwischen Gut und Böse wurde in den Menschen verlagert, der nun alleine für sein Handeln verantwortlich nach den ethischen Gesetzen gut und schlecht lebte. Und hier knüpfte man an die Philosophie der Griechen an. War die Vernunft entscheidend, so mußte Wissen zum Guten und Unwissenheit zum Bösen führen.

Die Tragödie Faust von J. W. v. Goethe
Einen Einschnitt zwischen der bildhaften Welt des Mittelalters und der materiellen Sicht der Aufklärung bildet das Werk Goethes über Faust. Es ist eine Zusammenfassung aller bisher entstandenen Ideen und ein Meisterwerk über philosophische Fragen. Mit dem Aufleben der Antike insbesondere im zweiten Teil der Tragödie knüpft Goethe an die Vorstellungen an, die der Vorstellung der Aufklärung zu Grunde lagen. Mit dem Beibehalten der Personen Gott und Teufel werden die christlichen Denkweisen aufgenommen, durch den Erdgeist und die Walpurgisnacht außerchristliche Elemente hineingezogen. Volkstümliche und theologische, uralte und modernste Vorstellungen kreuzen sich hier. Das Werk ist durch die behandelte Frage, aber auch durch die Breite der Vorstellung beinahe völlig zeitlos. Es ist auch nicht auf das Gebiet der Magie beschränkt. Um diesen Vorwurf gleich am Anfang zu beseitigen, stellt Goethe die Geschichte Faust in den Rahmen des Planes Gottes im Prolog im Himmel. Wie aber sieht nun Goethes Teufel, Mephistopheles aus? Durch die verschiedenen verquickten Vorstellungen ist die Frage nicht leicht zu beantworten. Eigentlich ist Mephistopheles nicht als, der oberste Teufel gedacht. Doch die Trennung ist nicht klar vollzogen wie bei Christopher Marlowe, bei dem Satan neben Mephistopheles auftritt, sondern in den Versen 2504/ 10119/10982 ist Mephistopheles Satan selbst, in seiner Vorstellung am Anfang ist er jedoch nur «ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft» (Vers 1348) und in Vers 1641 sagt er von sich « bin keiner von den Großen». Als Ankläger, als «Geist der stets vereint» (Ve 1350), dessen «eigentliches Element» ist «was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt», (Verse 1353/5), ist er mehr als nur einer der volkstümlichen Teufel. «Goethe vertiefte die volkstümliche Gestalt des Mittelalters und gab seinem Teufel geistige Überlegenheit, weltmännische Gewandtheit und zynischen Witz.» «Er nimmt dabei Züge von Freunden wie Merck und Herder an. Vergeistigt kann aber auch bedeuten, daß er das Böse als Person wie die gesamte Aufklärung in das Böse als Prinzip verwandelte. Dann wäre das Böse ein Teil des Guten, d.h. ein Mittel, einen guten Plan zu vollenden. Es wäre dem Guten untergeordnet und müßte am Ende durch «Streben und Bemühen. zu besiegen sein. Genau legt sich Goethe jedoch nicht fest. Auch die Frage, wer die «wir» sind, die ihn erlösen können, läßt er offen. Sind es personelle Wesen oder nur die Verkörperung eines Prinzips? Für Goethes Alltagsleben scheinbar keines von beiden.

Der Relativismus
Die Gedanken der Aufklärung wurden in modernster Zeit zu Ende gedacht. Neben den Theologen, die auch die Gestalt des Teufels entmythologisierten und zum Symbol machten, kamen auch andere soweit, daß, wenn der Mensch allein für Gut und Böse in sich verantwortlich sei, er auch alleine diese Begriffe festgelegt habe. Heisenberg sagt: «In der Naturwissenschaft geht es um richtig oder falsch, in der Religion um gut oder böse, um wertvoll oder wertlos.» Gut und Böse gehören also zum Glauben und sind eine Wertung. Eine Wertung hätte immer auch anders ausfallen können. Und das trifft besonders zu, wenn, ein Mensch etwas für böse hält. Vielleicht ist das Negative für den anderen lebensnotwendig und positiv? «Das Gegenteil einer richtigen Behauptung ist eine falsche Behauptung. Aber das Gegenteil einer tiefen Wahrheit, kann wieder eine tiefe Wahrheit sein», sagt ebenfalls Heisenberg, der selbst in der Atomphysik feststellen mußte, daß sogar in der Wissenschaft manchmal logische Prinzipien ungültig werden. Ist aber das Böse nur ein Relativum, so ist es nicht mehr absolut böse. Damit verliert das Böse aber seine eigentliche Existenz. Und darauf bauen alle modernen Theologien auf. Besonders der Kommunismus sieht nur noch den guten Menschen. Das Böse wird nur durch die Umwelt verursacht. Damit wird über den Ursprung des Bösen nichts gesagt, denn woher die Umwelt oder die sie schaffenden Menschen böse wurden, wo sie doch alle gut sind, bleibt ungeklärt. Auch Berthold Brecht vertritt in seinem Werk «Der gute Mensch von Sezuan» den Relativismus Gut und Böse hängen vom Menschen, mitunter vom Geld ab. Aber nicht der Mensch an sich ist böse und verantwortlich, sondern die Gesellschaft. Die meisten Menschen glauben heute nicht mehr an das Böse. Entweder glauben sie an gar keine übermaterielle Macht, verlagern also alles in den Menschen, so daß böse ein subjektiver Begriff ist, oder sie unterscheiden im Glauben an einen Gott nicht zwischen Gut und Böse, so wie es die Moslems weitgehend seit dem 6. Jahrhundert tun. Für sie ist Gott beides und Böses zu verurteilen bedeutet, Gott zu verurteilen. Diese Vorstellungen haben heute schon ihre Früchte getragen. Für die Terroristen verschiedenster Prägung ist das böse Mittel erlaubt, da es durch den guten Zweck gerechtfertigt ist. Der Begriff böses Mittel ist außerdem nur von denen auf gestellt worden, deren Beseitigung etwas Gutes darstellt.
Schluß
Für mich kommen Vorstellungen nicht in Frage, die sich nur auf das Materielle beschränken. Durch Leugnung des Bösen verschwindet es nicht einfach aus der Welt. Die biblischen Vorstellungen des Mittelalters fallen für mich ebenfalls unter materielle Vorstellungen. Für mich gibt es auch nur entweder ein Gutes oder ein Böses oder Relativismus, weswegen die polytheistischen Religionen ebenfalls nicht genügen. Zum dritten muß die Vorstellung für mich trotz ihres übermateriellen Charakters eine Hilfe zur Beseitigung des Bösen in meinem Alltag geben.

Diese drei Forderungen

1. Nicht auf die Materie beschränkt,

2. von einem Schöpfer aus gehend (Monotheismus)

3. Hilfe für das tägliche Leben wird für mich nur durch die Lehre des Neuen Testaments erfüllt.

http://www.factum-magazin.de/wFactum_de/   factum Februar 1986 Prof. Dr. mult. Thomas Schirrmacher

Prof. Dr. mult. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Sprecher für Menschenrechte der Weltweiten Evangelischen Allianz, die weltweit etwa 300 Mio. evangelische Christen vertritt und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Singapur). Er ist auch Geschäftsführer des Arbeitskreises für Religionsfreiheit der Deutschen und der Österreichischen Evangelischen Allianz. Er ist Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte.

Thomas Schirrmacher ist Professor für Religionssoziologie an der Staatlichen Universität Oradea, Rumänien und hat einen Lehrstuhl für Internationale Entwicklung an der ACTS University in Bangalore, Indien. Außerdem ist er Rektor des Martin Bucer Seminars, einer theologischen Hochschule für Berufstätige mit Studienzentren in Bonn, Hamburg, Berlin, Zürich, Innsbruck, Prag und Ankara und lehrt dort Ethik und Vergleichende Religionswissenschaft.

Thomas Schirrmacher studierte Theologie in der Schweiz und den Niederlanden, Vergleichende Religionswissenschaft, Völkerkunde und Soziologie in Bonn und Kulturanthropologie in den USA. Er promovierte in Ökumenischer Theologie (Niederlande), Kulturanthropologie (USA) und Vergleichender Religionswissenschaft (Deutschland) und erhielt 1997 und 2006 zwei Ehrenpro ­motionen aus den USA und aus Indien.

Seine Biografie findet sich in Who’s Who in the World, Dictionary of International Biography, International Who’s Who in Distance Education, International Who is Who of Professio ­nals, Who is Who in der Bundesrepublik Deutsch ­land, 2000 Outstanding People of the 21st Century, 2000 Outstanding Intellectuals of the 21st Century, Kürschners Deutscher Sachbuch-Kalender u. a.

Er ist mit der Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Schirrmacher ver ­heiratet und Vater ei ­nes Sohnes und einer Tochter.

Seine Hobbys: Seine Familie, internationale Zoos und klassische Musik zwischen Heirnich Schütz und Rachmaninoff.

Wichtige Veröffentlichungen:

Mohammed (19841, 19862, 19903, 19964, 20055)

Mar ­xismus – Opium für das Volk? (19901, 19972)

Ethik (19941, 20012, 20023)

(Hrsg.) Der evangelische Glaube kompakt: Ein Arbeitsbuch (19981; 20042)

Ausverkaufte Würde? Der Pornographie-Boom und seine psychischen Folgen (2000)

Menschenrechte in Europa in Gefahr (2001)

Hoffnung für Europa: 66 Thesen (2002) – bisher in 13 Sprachen übersetzt

Führen in ethischer Verantwortung: Die drei Seiten jeder Verantwortung (2002)

Menschenrechte für Minderheiten in Deutschland und Europa (2004)

Bildungspflicht statt Schulzwang (2005)

 (Hrsg.) Ein Maulkorb für Christen? Juristen nehmen Stellung zum deutschen Antidiskriminierungsgesetz und ähnlichen Gesetzen in Europa und Australien (2005)

Der Segen von Ehe und Familie: Interessante Erkenntnisse aus Forschung und Statistik (2006)

Scham- und Schuldorientierung in der Diskussion: Kulturanthropologische Einsichten (2006)

Multikulturelle Gesellschaft: Chancen und Gefahren (2006)

Die neue Untersicht: Armut in deutschland? (2007)

Who’s Who in the World 23 (2006) 24 (2007)

The Contemporary Who’s Who of professinals 2004/2005

Dictionary of International Biography 32 (2005)

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