Ihren eigenen Kanon

Ich hatte einmal das Privileg, ein Live-Interview, wenn auch ein kurzes, auf CNN zu geben. Ich bereitete mich gut vor, indem ich die aktuelle Flut von Artikeln in Time, U.S. News and World Report und ähnlichen Magazinen durchsah sowie viele vor kurzem erschienene Bücher, welche die „letzten Entdeckungen“ der Kritiker enthüllen, die stets eifrig dabei sind, Jesus nach ihrem eigenen Bilde umzugestalten. Obwohl mein Gastgeber interessanterweise keinen dieser Kritiker mit Namen erwähnte, verrieten seine Fragen die populäre Stimmung, die von Gelehrten erzeugt wird, die Freude daran zu finden scheinen, der Bibel ihren Nimbus zu nehmen. Eine der Fragen, die er stellte, betraf den Unterschied zwischen dem christlichem Glauben und dem historischen Christus. In dieser Frage war die Behauptung impliziert, dass das, was die evangelikale Leichtgläubigkeit aus dem christlichen Glauben gemacht hat, keine Ähnlichkeit mit dem historischen Jesus, dem Sohn des Zimmermanns vor 2000 Jahren, hat. Die Zeit hat es mir nicht erlaubt, zu erklären, dass gerade diese Frage eine falsche Zweiteilung hervorbrachte, die uns von einigen aufgezwungen wird, deren philosophische Vorurteile ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten überschreiten. Die Vernunft allein diktiert, dass der Christus des Glaubens und der Christus der Geschichte derselbe sein sollten, weil es sonst kein Glaube, sondern Leichtgläubigkeit ist. Die wirkliche Frage ist daher, nicht wie die Frage aussah, sondern: „Worin können wir den historischen Christus finden?“ In einiger Hinsicht ist die Literatur so seltsam ausgeheckt – die Absicht ist scheinbar, Jesus seiner Göttlichkeit zu berauben -, dass die Schlussfolgerungen, zu denen einige von ihnen kommen, lächerlich sind, wenn sie nicht so zerstörerisch wären. Eine der am weitesten hergeholten Vorstellungen kam in den 1970er Jahren von John Allegro, einem Gelehrten der Universität von Manchester. Er stellte die Theorie auf, dass Jesus ursprünglich eine Chiffre für einen heiligen, eingebildeten Kauz war, um den herum der christliche Kult entstand. Der neutestamentliche Gelehrte Edwin Yamauchi erzählt, dass Allegro einmal zu einem Freund, der für das Evangelium Interesse zu finden begann, sagte: „Zu der Zeit, wo ich mit der Kirche fertig bin, wird es keine Kirche mehr geben, der man sich anschließen könnte.“ Aber ach! Allegro ging den Weg allen Fleisches (sein letztes Buch wurde posthum veröffentlicht), während die Kirche weiterlebt. Ironischerweise kam einer der größten Gelehrten aller Zeit, F.F. Bruce ebenfalls aus Manchester. Seine gewaltigen Werke liefern eine brillante Verteidigung für die Autorität und die Echtheit der neutestamentlichen Dokumente. In seinem Buch „The Canon of Scripture“ (Der Kanon der Heiligen Schrift) bemerkt Bruce, dass der neutestamentliche Kanon nicht nur ein Werturteil, sondern eine Darlegung von Fakten ist. Er schreibt: „Einzelne oder Gemeinschaften mögen in Erwägung ziehen, dass er zu begrenzt oder zu umfassend ist; aber ihre Meinung hat keine Auswirkung auf die Identität des Kanons. Der Kanon wird durch das, was sie sagen oder tun, nicht abgeschwächt oder reduziert: Es ist ein literarischer, historischer und theologischer Maßstab.“ Jahre nach Allegros Buch haben zahllose Theorien auf ähnliche Weise die Aufmerksamkeit der Medien erobert und die Vorstellungen der Skeptiker genährt. Eine der neueren Macken gründet auf dem Thomas- und dem Judasevangelium. Autoren haben diese unbedeutenden Funde und ihre willkürlichen Gedanken genommen und mit ihnen die biblischen Evangelien als Konstrukt von Menschen attackiert, mit dem Versuch, Jesus zu etwas zu machen, was er nicht war. Aber die Methodik, die sie benutzen, ist ein Affront gegenüber jeder seriösen Wissenschaft. Eine der Ironien ihrer Argumente besteht darin, dass dieselben Annahmen, die sie vorbringen, um die Echtheit der Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zu prüfen, die Gültigkeit dieser so genannten Evangelien völlig zerstören würde – lange bevor sie den kanonischen Evangelien selber irgendeinen Schaden zufügen. In einem Gespräch mit dem neutestamentlichen Gelehrten und Professor Donald Carson über dasselbe Thema, wunderte ich mich laut, was hinter derart mutwilligen, zerstörerischen Bemühungen einiger weniger stehen könnte. Carson erwiderte: „Sie möchten ihren eigenen Kanon haben.“ Dieser Satz fasst die gesamte Debatte so ziemlich gut zusammen. In der Tat leben wir in einer Zeit, wo wir unseren eigenen Kanon für alles haben möchten – von der Sexualität bis zum Geburtsrecht -, warum also nicht auch einen eigenen Kanon der Heiligen Schrift? In dieser Hinsicht kann jeder von uns auf seine Weise den Vorfall im Garten Eden erneut erleben, indem wir anzweifeln, was Gott sagte, und das Recht einfordern, unseren eigenen Kanon aufzurichten. Jede Generation wird das Gleiche ausprobieren und versuchen, die Heilige Schrift zu begraben, nur um dann festzustellen, dass die Bibel mit triumphaler Kraft neu auftaucht. Denn sie hat als ihr Zentrum den Einen, der den Weg aus dem Grab kennt – Jesus.

Ravi Zacharias International Ministries, http://www.rzim.org, © 2007

 

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