Ist Gott ein Hirngespinst?

Ist Gott ein Hirngespinst? Forschungsergebnisse einer Disziplin, die sich neuerdings „Neurotheologie“ nennt, werden mitunter als positive Antwort auf diese Frage verkauft. Neurotheologen untersuchen, was im Gehirn von Menschen vorgeht, die religiöse Erlebnisse haben, wie zum Beispiel ein buddhistisches Bewusstseinserlebnis oder eine christliche Gotteserfahrung: Man hat bei Menschen in religiöser Ekstase bestimmte Vorgänge in einigen Hirnbereichen beobachtet, besonders im Temporallappen, sowie in der Amygdala und im Hypothalamus. Der Neurobiologe Michael Persinger (Laurentian University, Kanada) soll sogar mit Hilfe eines umgebauten Motorradhelmes, durch den das Gehirn eines Menschen bestimmten elektromagnetischen Feldern ausgesetzt werden kann, in einem Menschen religiöse Erlebnisse im Labor hervorgerufen haben. Wissen wir nun also, dass Gott ein Hirngespinst ist und wie dieses Hirngespinst entsteht? Gewiß nicht. Die Entdeckungen der Neurotheologie stützen weder die These, dass es einen Gott gibt, noch die These, dass Gott ein Hirngespinst ist. Ein Beispiel aus dem Buch Why God Won’t Go Away (Ballantine Books, 2001) des Radiologen Andrew Newberg von der Universität Pennsylvania veranschaulicht dies: Das Essen eines Apfelstrudels erzeugt gewisse geistige Phänomene – wie zum Beispiel den Genuss von Rosinen -, die mit Hirnvorgängen einhergehen, die für Neurologen beobachtbar sind. Aber dass es diese Hirnvorgänge gibt und dass sie in bestimmten Bereichen des Hirns stattfinden, heißt natürlich nicht, dass der Apfelstrudel ein Hirngespinst ist. Ebensowenig besagt die Entdeckung, dass Gotteserlebnisse im Temporallappen verortet sind, etwas über die Existenz Gottes. Sie ist insbesondere kein Beleg dafür, dass Gott ein Hirngespinst ist, d.h. dass zwar die Gotteserlebnisse existieren, aber Gott nicht. Dass ferner Apfelstrudelerlebnisse auch ohne Apfelstrudel im Labor durch Manipulationen am Gehirn erzeugt werden können, zeigt zwar, dass Apfelstrudelerlebnisse, wie alle Wahrnehmungserlebnisse, uns täuschen können, ist aber kein Beleg dafür, dass sie immer Täuschungen sind. Dass religiöse Erlebnisse im Labor durch Manipulationen am Gehirn erzeugt werden können, zeigt entsprechend zwar, dass religiöse Erlebnisse uns täuschen können, ist aber kein Beleg dafür, dass sie immer Täuschungen oder Illusionen sind. Ähnlich verhält es sich mit Persingers älterer These, dass das Gottesbild eines Gläubigen durch dessen Bild seiner Eltern bestimmt wird (vgl. Neuropsychological Bases of God Beliefs, Praeger Publishers, 1987). Nach Persinger glaubt jemand an einen allmächtigen und allwissenden Gott, weil er seine Mutter als allmächtig und allwissend angesehen hat. Diese These lässt sich nur durch die Annahme stützen, dass es keinen allmächtigen und allwissenden Gott gibt. Denn wenn es einen allmächtigen und allwissenden Gott gibt, dann glauben Menschen an ihn höchstwahrscheinlich nicht deshalb, weil sie ihre Mutter als allmächtig und allwissend empfunden haben, sondern weil sie Gründe haben zu glauben, dass es einen allmächtigen und allwissenden Gott gibt. Natürlich stützen die neurologischen Untersuchungen religiöser Erlebnisse umgekehrt auch nicht die These, dass es einen Gott gibt. Dass Menschen Gotteserfahrungen haben, wussten wir ja schon vorher, und dass diese Erlebnisse mit Vorgängen im Gehirn einhergehen, war zu erwarten. Die Entdeckung dieser Vorgänge im Gehirn ist natürlich interessant, trägt aber nichts zur Antwort auf die Frage bei, ob es einen Gott gibt und ob Gotteserfahrungen ein guter Grund dafür sind, an die Existenz Gottes zu glauben. Ob Gotteserfahrungen ein guter Grund dafür sind, an die Existenz Gottes zu glauben, wird in der zeitgenössischen Religionsphilosophie diskutiert. Einigkeit besteht darüber, dass sowohl bei Gottes- als auch bei Sinneserfahrungen Täuschungen möglich sind. Aber auf der einen Seite wird im Sinne von Charles Martins Religious Belief (Cornell University Press, 1959) argumentiert, dass Gotteserfahrungen weniger verlässlich sind als Sinneserfahrungen, weil sie nicht wie Sinneserfahrungen nachprüfbar sind. Dem wird auf der anderen Seite entgegengehalten, dass sich Gotteserfahrungen nicht wesentlich von Sinneserfahrungen unterscheiden und daher einen guten Grund für den Gottesglauben darstellen (vgl. William Alston, Perceiving God, Cornell University Press, 1991): Wenn es jemandem scheint, dass Gorbatschow vor ihm steht, ist das ein Grund dafür zu glauben, dass Gorbatschow vor ihm steht; und wenn es jemandem scheint, dass Gott bei ihm ist, so ist das ein Grund dafür zu glauben, dass Gott bei ihm ist. Wir dürfen von der Neurologie weitere Erkenntnisse über die mit diversen religiösen Erlebnissen einhergehenden Gehirnvorgänge erwarten. Aber bei der Beantwortung der Frage, ob Gott existiert, wird die Neurologie uns nicht helfen. Denn entweder es gibt keinen Gott, dann existiert er weder im Hirn noch sonstwo, auch wenn es mit Gehirnvorgängen einhergehende religiöse Erlebnisse gibt. Oder aber es gibt einen Gott, dann existiert er unabhängig davon, ob er gelegentlich Menschen in mit Gehirnvorgängen einhergehenden religiösen Erlebnissen erscheint. Mit der Frage, ob es einen Gott gibt, werden wir uns weiterhin auf die althergebrachten Weisen befassen müssen. Dr. Daniel von Wachter

Aus: Frankfurter Rundschau vom 5.11.2002 (leicht verändert) http://www.iguw.de/texte/Wachter-Neuro3c.doc

Werbeanzeigen

2 Gedanken zu „Ist Gott ein Hirngespinst?

  1. netter Artikel.

    Was mich nebenbei an den Neuro(theo)logen so fasziniert, ist die „wissenschaftliche“ Arbeitsweise, die ein Objekt objektiv beobachtet um daraus verallgemeinende Schlüsse zu ziehen.

    stark verkürzt: „Wir Menschen glauben an einen Gott, weil Teile in unserem Gehirn dafür zuständig sind. Glaube ist natürlich und angeboren. Glaube ist somit seit dem Paläolytikum ein essentieller Bestandteil unserer Soziokultur. Wir sind also so angelegt und können eigentlich gar nicht anders. Glaube und mystische Erfahrung haben sich entwickelt, weil offensichtlich ein evolutionärer Vorteil dahinter steht.“

    (fiktive) Rückfrage: „Glauben Sie? Sind sie religiös?“

    (fiktive) Antwort: „Ich? Natürlich nicht! Ich bin Wissenschaftler!!“

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s