„Neurotheologie“–„Gott“:nur ein„Hirngespinst“? Zweiter Beitrag

Neue technische Verfahren ermöglichen es, neurophysiologische Prozesse so abzubilden, dass man genau beobachten kann, welche Regionen des Gehirns bei bestimmten seelisch-geistigen Prozessen aktiv oder welche Funktionen ausgeschaltet sind. In der Regel arbeitet das Gehirn so, dass es sich gemäß den Informationen, die aus dem Körper selbst oder aus der Außenwelt aufgenommen werden, als System immer neu organisiert und diese neuen Informationen mit den im Gehirn und Körper gespeicherten Informationen verknüpft und so auf die gestellten Anforderungen antwortet. Es gibt keine seelisch-geistigen Prozesse, die sich nicht in neurophysiologischen Prozessen des Gehirns abbilden. Vor allem amerikanische Wissenschaftler wollen auf diese Weise die neurophysiologischen Bedingungen von „religiösem Erleben“ erforschen und beschreiben. Sie werden daher als „Neurotheologen“ bezeichnet. Abstrakt begriffliches Denken und von Gefühlen geprägte Vorstellungen und Empfindungen, die Menschen existentiell betreffen, spiegeln sich in unterschiedlichen Regionen des Gehirns wider. Letzteres ist zum Beispiel für den Glauben charakteristisch. So kann es sein, dass ein mit Gefühlen verbundener Begriff wie „Gott“ in bestimmten Hirnregionen besondere neurophysiologische Aktivitäten hervorruft. Man kann diese Beobachtung verschieden deuten, je nach dem, von welchen weltanschaulichen Voraussetzungen man ausgeht. Man kann alles geistige Geschehen auf bloße Nebenprodukte materieller physiologischer Vorgänge reduzieren. Dann wäre „Gott“ nichts anderes als eine Ausgeburt dieser Hirnfunktionen, ein „Hirngespinst“.

Andere (z.B. „Soziobiologen“ wie E. Wilson; R. Dawkins) behaupten auf der Basis des „Darwinismus“, alle geistigen Phänomene, auch die Religion, seien „nichts anderes als“ von den Genen gesteuerte Anpassungsstrategien des Gehirns zum Zweck der Optimierung des Überlebens des Organismus oder der Art. Religion ist demnach ein Produkt der Evolution, das zwar in frühen Zeiten der Kulturgeschichte einen hilfreichen Beitrag zur Bewältigung des Daseins geliefert habe, im aufgeklärten technischen Zeitalter aber eher „kontraproduktiv“ und daher durch bessere Lebensbewältigungsmechanismen zu ersetzen sei. Vorausgesetzt wird dabei, dass die von Religionen behauptete, empirisch nicht beschreibbare Wirklichkeit eine „Fiktion“ ist, dass nicht nur „Gott“ ein von den Genen gesteuertes „Hirngespinst“ ist, sondern zum Beispiel auch die Vorstellungen von „Freiheit“ und „Liebe“. Auch die Liebe wäre – wenn auch nicht eine bloß biochemische Funktion des Gehirns – so doch „nichts anderes als“ eine mehr oder weniger egoistische Strategie des Überlebens, kein Phänomen, das eine darüber hinaus gehende Bedeutung in sich selbst hat, das aus und in einer personalen Beziehung entsteht, in der der Mitmensch als einmaliges Wesen um seiner selbst willen geliebt wird. Erst recht ist danach eine die sinnlich wahrnehmbare Wirklichkeit übersteigende Gottesliebe eine Fiktion. Nicht alle, die die neurophysiologische Basis religiösen Erlebens erforschen, interpretieren ihre Erkenntnisse auf dem Hintergrund derartig naturalistischer und reduktionistischer weltanschaulicher Vorgaben. Viele erheben weder den Anspruch, damit die Bedeutung religiösen Erlebens und Denkens klären zu können, noch leugnen sie, dass den neurophysiologischen Vorgängen eine eigenständige „geistige“ Welt zugrunde liegt, ja manche werten ihre Erkenntnisse als eine Art „Gottesbeweis“, indem sie darauf hinweisen, dass das menschliche Gehirn nur deshalb auch ein „Empfangsorgan“ für diese eigenständige geistig-religiöse Welt hat, weil es diese Welt auch gibt. Nach ihnen hat die Evolution diese Fähigkeit im menschlichen Gehirn werden lassen und angelegt, weil der Mensch sie auch wahrnehmen und damit zu ihr und zu Gott auch in Beziehung treten kann und soll. Die Frage, wie und wo Gott sich in der leiblichen Wirklichkeit des Menschen zeigt, hat eine theologische Berechtigung. Der Apostel Paulus schreibt im Brief an die Römer (Kap. 8, 16): Gottes „Geist selber bezeugt unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind“. Mit „Geist“ ist dabei die innere geistige Lebensdimension gemeint, in der der Mensch vom Geist Gottes angesprochen und ergriffen wird. Das wird nie nur auf der Ebene des Denkens ablaufen, sondern immer auch mit Gefühlen verbunden sein. Je nach dem, welche Aspekte dabei überwiegen, sind auch die neurophysiologischen Korrelate dieses Erlebens im Gehirn zu unterscheiden. So ist es nicht verwunderlich, dass sich auch auf der neurophysiologischen Ebene das bloße Hören einer nur den Verstand ansprechenden Predigt von einem Gottesdienst unterscheidet, in dem insbesondere die Gefühle angesprochen werden, oder von einem meditativen Gebet. Die Tatsache, dass Neurowissenschaftler durch Stimulationen bestimmter Regionen des Gehirns stark gefühlsgeladene religiöse Empfindungen ebenso erzeugen können, wie sie in einigen Kulturen auch durch „Drogen“ und leibliche Techniken (z.B. Tanz, Atemtechniken) hervorgerufen werden, sagt wenig über die hinter diesem Erleben stehende Wirklichkeit und nichts über die Bedeutung und richtige Deutung solcher Erlebnisse aus. Dies gilt auch für die Korrelation von religiösem Erleben mit pathologischen Hirnvorgängen. So will der Neurologe V. Ramachandran (University of California, San Diego) herausgefunden haben, dass Menschen mit Epilepsie im Bereich des Schläfenlappens besonders häufig „spirituelle Visionen“ haben, die das Leben tiefgreifend bestimmen. Er nennt dieses Hirnareal sogar „Gottesmodul“, das bei ihnen allein durch das Nennen des Begriffs „Gott“ in starke Aktivität versetzt werde. Erfahrene Epilepsieforscher konnten die These, dass besondere religiöse Erlebnisse bei Epileptikern signifikant häufiger sind als bei anderen Menschen, bisher aber nicht bestätigen. Aber selbst wenn dies so sein sollte, wenn Mose und Paulus ihre Offenbarungen unter epileptischen Attacken in diesem Areal gehabt hätten, besagt das noch nicht, dass sie nur durch diese Attacken verursacht sind, denn es könnte ja auch sein, dass diese Attacken Begleitphänomene dieser tiefgehenden Erfahrungen sind, gleichsam durch sie hervorgerufen sind. Erst recht sagt dies nichts darüber aus, ob hinter diesen nicht eine Wirklichkeit steht. Nicht einmal bei geisteskranken Menschen können wir ausschließen, dass sie in ihrer akuten Krankheit eine – meist belastende – „Wirklichkeit“ wahrnehmen, gegen die „normale“ Menschen sich nur gut durch „Abwehrmechanismen“ abschirmen. Es könnte durchaus sein, dass bestimmte Hirnprozesse die – meist erworbenen – Abwehrmechanismen gegenüber einer größeren als der empirisch beschreibbaren Wirklichkeit durchbrechen und eine neue Offenheit für diese Wirklichkeit schaffen. Die beobachtbaren Hirnprozesse sagen darüber ebenso wenig aus wie über die „Echtheit“ der Erlebnisse, ihren Inhalt und ihre Bedeutung. Auch ein tiefgehendes religiöses Erlebnis ist vieldeutig, schafft noch keinen religiösen Inhalt. Damit aus ihm Glaube oder gar eine auch andere Menschen überzeugende Religion wird, muss es geistig so verarbeitet werden, dass das mitgeteilte Erleben auch von ihnen überzeugend nachvollzogen und grundsätzlich auch erlebt werden kann. Der Apostel Paulus hat sicherlich nicht allein aus seinem singulären Christuserlebnis vor Damaskus heraus seine Lehre von der Rechtfertigung des Menschen aus Gnaden entwickelt, sondern in einer langen Auseinandersetzung mit seiner Herkunft als jüdischer Gesetzeslehrer. Religiöses Erleben ohne diese geistige Verarbeitung ist ebenso leer, wie nur kognitiv vermittelte religiöse Begriffe ohne Erfahrung der mit ihnen ausgesagten „Gotteswirklichkeit“ leer sind. Natürlich werfen die Kenntnisse über die neurophysiologische Basis religiösen Erlebens eine Reihe theologisch ernst zu nehmender Fragen auf. Hier sei nur auf ein Problem verwiesen. Wenn es für religiöse Erfahrungen eine vererbte „Veranlagung“ im Gehirn geben muss, so könnte sich die Frage stellen, ob diejenigen, die die religiöse Wirklichkeit negieren, diese Veranlagung nicht ererbt haben oder ob sie durch Erziehung und Lernen „inaktiviert“ wurde. Dann gäbe es Menschen, die „von Natur aus“ glauben können oder auch müssen, und andere, die zum Zweifel und Unglauben verurteilt sind. Sowohl die Glaubenden wie auch die Ungläubigen und Gottesleugner folgten dann nur den ihnen im Gehirn vorgegebenen „Programmierungen“. Das Problem ist – theologisch gesehen – allerdings nicht neu. Warum die einen Menschen glauben, die anderen aber nicht glauben können und wollen, diese Frage hat die christliche Kirche seit Jesus und Paulus, über die Reformation bis in die Gegenwart immer beschäftigt. Sie wurde teils mit der Sünde, dem „Nichtwollen, dass Gott Gott ist“ (M. Luther), teils mit der göttlichen Vorherbestimmung beantwortet. Wie wir darlegten, sind neurophysiologische Erkenntnisse vieldeutig. Sie können, je nach wissenschaftstheoretischen Prämissen und weltanschaulichen Vorgaben, sehr unterschiedlich gedeutet werden. Sie vermögen also die Frage, ob in religiösem Erleben eine eigenständige geistige Wirklichkeit wahrgenommen wird, speziell, ob es einen Gott gibt, nicht zu beantworten, sondern nur zu sagen, in welchen Regionen des Gehirns und mit welcher Aktivität sich die unterschiedlichen Formen religiösen Denkens, Glaubens und Fühlens im Gehirn widerspiegeln. Prof. Dr. Ulrich Eibach, Bonn http://www.iguw.de/

http://books.google.de/books?id=177Rcal4wiMC&printsec=frontcover#PPA1,M1

http://books.google.de/books?id=177Rcal4wiMC&printsec=frontcover

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s