Was ist Wahrheit?

Inhalt
Vorwort
Der Ernst der Situation
Erklärung der Situation
Biblische Wahrheit
Östlicher Mystizismus
Warum zum Osten
Das unterschiedliche Gottesbild
Das unterschiedliche Menschenbild
Die unterschiedlichen Wege zur Erlangung des Heils

Vorwort
Das Thema, das wir behandeln, ist eigentlich sehr alt. Es geht zurück auf eines der ältesten Gespräche, die unsere Kultur kennt, nämlich das Gespräch zwischen Pilatus und Jesus, wo Jesus sagt: «Ich bin dazu in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen.» Darauf antwortete Pilatus: «Was ist Wahrheit?» Und mit dieser Hauptfrage wollen wir uns hier befassen. Schon die Tatsache, daß ich diese Frage stelle, hat für uns im 20. Jahrhundert bereits etwas Anstößiges. Pilatus hat ja diese Frage nicht mit all zu großem interesse gestellt, sondern mit innerer Ablehnung, manche sagen sogar, mit gewisser Müdigkeit und Zynismus, und damit das Gespräch mit Jesus beendet. Nach seiner Frage «Was ist Wahrheit?» ist er sofort weg gegangen. Wir im 20. Jahrhundert sind so weit wie Pilatus damals. Vielleicht sind wir sogar einen Schrift weiter, denn es gilt in der Welt der Wissenschaft und an unseren Universitäten fast als unanständig, offen über die Frage «Was ist Wahrheit?» zu reden. Es ist aus praktischen, aber auch aus wissenschaftlichen. Gründen unanständig. Aus praktischen Gründen, weil man Angst hat vor Wahrheitsfanatikern. Sobald man heute an der Universität oder wo immer über Wahrheit spricht, wird man für einen neuen Ayatollah Khomeiny gehalten. Und man weiß, wie Khomeiny auch über die Wahrheit redete und Tausende von Mitmenschen ins Gefängnis warf und in den Tod trieb. Man wird dann so gleich daran erinnert, daß wir im Christentum auch solche Khomeinys gehabt haben. Denken wir nur an die Kreuzfahrer, an die Inquisition und an die vielen Kriege, die im Namen des Christentums geführt wurden. Es sind vor allem die Feinde des Christentums, die uns daran erinnern. Es gibt also Gründe genug, um beispielsweise das Reden über das Christentum als Wahrheit zu vermeiden. Es sind aber nicht nur praktische und historische Gründe, die es schwierig machen, über die Wahrheit zu sprechen. Es gibt auch wissenschaftliche Ein wände. Wir leben doch nach Kant. Und hat Kant uns nicht unwiderlegbar dargestellt, daß der Mensch nur über seine eigene Subjektivität etwas mit Sicherheit sagen kann? Das Ding an sich ist doch unkennbar; und das heißt: Die Wirklichkeit an sich ist unkennbar. Das hat dazu geführt, daß heute jede Betonung objektiver Wahrheit verdächtig geworden ist. «Was ist objektiv?» wurde man heute mit einer Variante auf Pilatus‘ Frage antworten.
Ich möchte nun in drei Punkten diese Dinge der Skepsis des modernen Menschen und seinen Zweifel an der Wahrheit besprechen:
1. Den Ernst der Situation.
2. Eine nähern Erklärung der Situation, wobei der Unterschied zwischen dem christlichen und dem modernen Wahrheitsbegriff gezeigt wird.
3. Den aktuellen östlichen Mystizismus näher untersuchen.

Der Ernst der Situation

Im Winter 1986 war es in Holland außerordentlich kalt. Man konnte dann auf dem großen IJsselmeer auf einer Eisfläche von vielen Quadratkilometern ohne jede Gefahr Schlittschuh laufen. Das hat damals zu einer verhängnisvollen Situation geführt, denn als Tauwetter einsetzte und die Pumpwerke in Betrieb genommen wurden, mußte die Polizei schnell Hilfe leisten. Am Nachmittag des 17. Februar 1986 trennte sich plötzlich eine große Eisscholle von vielen km vom Festland. Am Ufer brach sie ab, während viele junge und alte Leute in fröhlicher Stimmung darauf Schlittschuh liefen. Sie hatten keine Ahnung davon, daß das Eis, auf dem sie sich so lange Zeit amüsiert hatten, nun plötzlich in Bewegung war und sie alle mitnahm. Sie waren sehr er staunt, als die Polizei sie warnte und später mit Hubschraubern retten mußte. Einige waren zunächst sehr ärgerlich: Das Eis sei doch noch ebenso schön wie zuvor, dachten sie. Dieses Beispiel aus dem physiologischen Bereich macht deutlich, was sich in unserer Zeit geistlich vollzieht. Fand die wissenschaftliche Arbeit an den europäischen Universitäten früher auf gemeinsamem, festem Boden statt, nämlich auf dem Boden der Wahrheit, befindet man sich heute auf einer beweglichen Eisscholle, die vom festen Ufer abgebrochen ist. Und wie auf dieser Eisscholle läuft man weiter Schlittschuh, als wäre nichts geschehen. Das ist jedoch eine verräterische Situation! Denn je sorgloser man denkt, «es gibt für mich doch gar kein Problem», desto gefährlicher ist es.

Doch genug der Bildersprache! Ich will über etwas reden, das für alle wissenschaftliche Arbeit an der Universität eine Voraussetzung ist, nämlich über die heutige Wahrheitsauffassung.

Rückblick
Die heutigen führenden Wissenschaftler haben eine wesentlich andere Anschauung über die Wahrheit als alle Denker und Wissenschaftler vor der Zeit der Aufklärung. Früher glaubte man, die Wahrheit, die man selbst an der Universität studierte – Naturwissenschaft oder Medizin – habe eine Verbindung mit der absoluten Wahrheit. Man war sich bewußt, daß man die Wahrheit nicht völlig kannte, aber man wußte, daß, wenn man weiter studierte, man doch in der Erkenntnis der absoluten Wahrheit weiter wachsen würde. Ich nenne dafür Beispiele zweier alter Wissenschaftler, die eigentlich die heutige Naturwissenschaft ermöglicht haben: Francis Bacon und der Schwede Linnaeus.
Francis Bacon, einer der ersten Naturwissenschaftler, hat immer über «die zwei Bücher» geredet. Er hat gesagt: «Die Wirklichkeit, die absolute Wahrheit kennt man durch zwei Bücher, die Schrift und die Natur. Aus diesen zwei Büchern kann man Gott kennen.» Dann hat er sie miteinander verbunden und gesagt: «Man braucht die Offenbarung Gottes, die geschriebene Offenbarung, die Bibel, als eine Brille, die man aufsetzen muß, um die Buchstaben im Buch der Natur gut lesen zu können.» Das sagte also der Wissenschaftler Francis Bacon, der auch auf andern Gebieten sehr bekannt gewesen ist. Er führte weiter aus: «Wenn wir in dieser Weise das Buch der Natur lesen, verstehen wir, wer Gott ist, wie groß er ist, und verbinden so unsere Erkenntnis der Natur mit unserer Erkenntnis der Offenbarung aus seinem Wort, und das bildet eine Einheit: Alles zusammen unter der Erkenntnis eines persönlichen Gottes.» Das zweite Beispiel ist der Schwede Linnaeus. Er war ein Botaniker, der im 18. Jahrhundert die Wissenschaft der Botanik wesentlich weitergeführt hat.

Als er durch sein Mikroskop die kleinsten Zellen studierte, hat man ihn einmal gefragt – er war überzeugter Christ – «Wie verbinden Sie diese Erkenntnis mit Ihrem Glauben an Gott?» Da hat er geantwortet: «Wenn ich durch mein Mikroskop in die Natur hineinschaue, sehe ich Gott ‘quasi a tergo‘, d.h. gleichsam auf den Rücken.» Damit hat er eine Anspielung auf die Geschichte Mose gemacht, als dieser zu Gott gebeten hatte, ihn sehen zu dürfen. Damals hatte Gott gesagt: «Komm zu mir und stelle dich auf den Felsen, dann will ich meine Hand schützend über dich breiten, bis ich vorüber bin. Und dann darfst du mich von hinten (also auf den Rücken) sehen. Und so drückte sich Linnaeus aus: «In der Natur sehe ich Gott auf den Rücken, wie ihn Mose gesehen hat. Das heißt: In der Natur denken wir Gottes Gedanken nach. Er hat sich zuerst Gedanken darüber gemacht, und wir können seine Gedanken nachvoll ziehen und sehen ihm quasi auf den Rücken.»

Diese zwei Beispiele machen uns klar, wie sehr sich die ganze Wissenschaft verändert hat: Gott ist da, er hat uns gemacht. Wir können ihn kennen, wie man einen Künstler an seinem Werk erkennen kann. Es gab eine Einheit der Wahrheit, die in Gott als dem Schöpfer gegründet ist.

Heute hat sich das gänzlich geändert. Ich will das kurz umschreiben. Diese Veränderung vollzog sich in der Aufklärung, um die Zeit der Französischen Revolution.

Aufklärung
In der Naturwissenschaft kann man das an der Person von Laplace feststellen. Laplace war ein Naturwissenschaftler, der auch als Innenminister Napoleons bekannt geworden ist. Er hat als erster eine wissenschaftliche Theorie über die Wirklichkeit der Welt und wie sie entstanden ist, aufgestellt, ohne dabei die Schöpfung und Gottes Schöpferarbeit zu berücksichtigen. Er stellte nämlich eine Nebelhypothese auf. Als er diese Nebelhypothese auf eine Frage Napoleons erläuterte, entgegnete Napoleon: «Aber, wenn man so die Werdung der ganzen Schöpfung erklärt, wo bleibt dann Gott?» Da antwortete Laplace: «Aber Sire, diese Hypothese brauchen wir nicht mehr.» Damit ist also eine Wende in der Wissenschaft eingetreten. Von der Zeit Laplacens an hat man eigentlich den biblischen und den hebräischen Wahrheitsbegriff gegen den griechischen Wahrheitsbegriff eingetauscht. Im Griechentum war Wahrheit «aletheia» (Unverborgen), das weist auf die Entschleierung der Wirklichkeit hin. Und in der Wissenschaft hat man angefangen, das Geheimnis herauszufinden, das dahinter steckt. Wo vorher Bacon und Linnaeus die ganze Wirklichkeit, verbunden mit Gott und seiner Schöpfungsmajestät, als Geheimnis erfahren haben, wird nun alles anders. Das menschliche Subjekt studiert heute diese Welt als Objekt und entdeckt das Geheimnis durch Entschleierung. Dafür gibt es ein sehr schönes Beispiel: das Bild eines französischen Wissenschaftlers, Flammarion, das zum Ideal der Naturwissenschaft geworden ist. Ein Pilger ist dargestellt, der aus seinem Dorf weggezogen ist und nun dorthin gelangt, wo Himmel und Erde mit einer Art Zaun verbunden sind. Der Pilger steckt den Kopf durch den Zaun, um das Geheimnis der Wirklichkeit zu entdecken. Mit diesem Bild ist folgende Geschichte verbunden: Flammarion hat das Bild gemalt, doch er läßt es so erscheinen, als ob es schon von Albrecht Dürer so gemalt worden wäre. Am Anfang der modernen Naturwissenschaft steht: das Geheimnis entdecken! Das Bild stammt also von Flammarion; Dürer würde es nie so gemalt haben. Es handelt sich hier um den griechischen Wahrheitsbegriff: das Wegnehmen des Schleiers. Wenn der Schleier über der Wirklichkeit gelüftet ist, kommt man zu den kleinsten Atomen und zu den größten astronomischen Dingen, und so entdeckt man die wirklichen Hintergründe. Das ist griechisch. Die ersten Wissenschaftler haben nicht so gedacht, sie haben die Wirklichkeit im Dorf als Gottes Wirklichkeit angesehen. Er ist der Architekt dieses Gebäudes, und wir dürfen seine Wirklichkeit in Gedanken der Erde, die er gemacht hat, nachdenken. Aber wir werden nie sein wie Gott. Dort hat sich also alles geändert. Und dieses Ideal von Laplace und Flammarion, zuerst sehr optimistisch, wurde in unserer Zeit ganz in sein Gegenteil verkehrt. Kein Wissenschaftler glaubt dies heute noch. Es wird nur noch als Witz empfunden. Heute hat man das ganze Ideal der Einheit der Wahrheit aufgegeben; denken Sie nur an die Eisscholle! Man hat eigentlich enttäuscht gesagt: Es ist unerreichbar. Es gibt noch einige Optimisten, die es ausprobieren, aber der Hauptstrom der Wissenschaft hat dies aufgegeben und ist in einen fragmentierten Wahrheitsbegriff zurückgefallen. Man glaubt nicht mehr an eine allgemeine, alles beherrschende Wahrheit, aber man ist, wie Dr. Francis Schaeffer sagt, unter die Linie der Verzweiflung gekommen.

Unter der Linie der Verzweiflung
Schaeffer redet in seinen Büchern immer darüber, was es heißt, unter die Linie der Verzweiflung zu kommen. Das bedeutet, daß man, irgendwo in der modernen Gesellschaft in gewisser Hinsicht schizophren ist, daß man die Wirklichkeit in Fächer einteilt, keinen Überblick hat, der die Dinge verbindet und deshalb auch in Situationen gekommen ist, die uns bewusst machen, wie tief man gefallen ist. In einem Buch über die moderne Wissenschaft und die moderne Universität von E Schumacher, «A guide for die perplexed» sagt er: (Hör‘ Mal zu. Eine Frau, die versuchte, sich das Leben zu nehmen, wird in schrecklichem Zustand in ein Krankenhaus ein geliefert. Dort wird sie von einem Team hochbegabter medizinischer Fachleute operiert: eine Operation folgt der andern, und am Ende liegt sie, ganz geheilt, im Bett. Einer der Spezialärzte dieses Teams besucht sie, und sie sagte: Sie haben mich geheilt, aber wofür? Können Sie eine Antwort geben auf die Frage, wofür ich lebe? Darauf antwortete der Mann: Das dürfen Sie mich nicht fragen.» – Das ist doch traurig, daß man etwas tut, ohne dass man eine Antwort auf die Frage geben kann, wozu man es getan hat. Die Antworten auf die Fragen: Wofür lebe ich, woher komme ich, wozu bin ich da? werden nicht gegeben. Und dies sagt F. Schumacher, ein Ungläubiger: die Grundfragen bleiben unbeantwortet. – Aber trotzdem geht das Schlittschuhlaufen auf der Eisscholle fröhlich weiter, denn man ist natürlich damit beschäftigt, medizinisch noch weiter zu kommen als zuvor. Das ist also ein Beispiel vom Unsinn der heutigen Universität. Das zweite Beispiel las ich in der Zeitung über ein fünfmonatiges Kind, das abortiert wurde und noch außerhalb der Mutter lebte. Man schmiß es weg, und es ist gestorben. Im selben Krankenhaus könnte es zur selben Zeit geschehen, daß ein Team von Experten nach einer Frühgeburt versucht, das Leben eines fünfmonatigen Babys zu retten. Hier sieht man, was ich vorhin mit Schizophrenie meinte. Man teilt das Leben in kleine Fächer auf, man hat keinen Überblick mehr, und wo die Wahrheit in Bruchstücke zerlegt wurde, also fragmentiert ist, wird auch die Moral doppelt, unterläßt man es, die Hauptfragen des Lebens zu beantworten. Das ist die Situation, in der wir uns befinden.

Erklärung der Situation
Nun komme ich zum zweiten Punkt, nämlich zur Erläuterung der Situation. Vielleicht werden Sie sagen: Aber ist das alles nun nicht ein bißchen übertrieben? Bei uns und an unseren Universitäten kommt doch das Wort Wahrheit bzw. die Wahrheit noch vor. Das Wort Wahrheit ist doch nicht aus dem Wörterbuch gestrichen? – Sicher, Sie haben recht, aber wie wird über die Wahrheit geredet? Für den heutigen Menschen steht die Wahrheit nicht mehr in Verbindung mit der letzten Wahrheit: fest, universal und alles umfassend, alles tragend. Nun, was man heute unter Wahrheit versteht, sind eigentlich, figürlich gesprochen, schwimmende Eisschollen, die an sich keine unabänderliche Festigkeit haben, oder besser gesagt, die nicht mehr fest mit dem Ufer der absoluten Wahrheit verbunden sind, und die sich alle in verschiedene Richtungen bewegen. Zum besseren Verständnis der Situation folgt nun erst eine Besprechung einiger fragmentierter Wahrheitsbegriffe:

Pragmatischer Wahrheitshegriff
Für viele Men ist heutzutage nur das wahr, was etwas Nützliches erwirkt. Ich denke dabei an die Welt der Industrie, der Technik und an die Konsumgesellschaft. Für die meisten Menschen unserer Gesellschaft ist nur wahr, was gut ist, was Gutes bewirkt. Man will sich nicht um die großen Fragen bemühen, sondern einfach zufrieden sein mit dem, was Erfolg hat und mit dem, was nützlich ist. Im Hinblick auf diese Auffassungen sprechen wir vom pragmatischen Wahrheitsbegriff: Der beste Beweis einer Behauptung ist ihr Effekt. Die Frage, die immer wieder gestellt wird, ist: Ist etwas nützlich? Man spürt hier einen Protest gegen alle Philosophie, die große Worte gebraucht, über die ewige Wahrheit redet, aber inzwischen die Welt unverändert im Elend liegen lässt. Auch Marx hat dagegen protestiert. Und sagt die Bibel nicht auch, wenn es sich um Wahrheit oder Lüge handelt: An den Früchten erkennt man den Baum? Hier ist also die Rede von einer Teilwahrheit. Denn die Wahrheit als solche ist immer mehr als das Gute. Nicht alles, was gut ist, ist auch wahr. Manch mal ist etwas gut und nicht wahr; manchmal ist etwas wahr, aber gar nicht nützlich. Einige Beispiele können das deutlicher machen: Kein Mensch wird behaupten, daß eine Notlüge, die den erwünschten, nützlichen Erfolg hat, deshalb wahr sei. Wenn eine Werbeanzeige für Zigaretten für die Ökonomie eines Landes guten Erfolg hat, ist sie deshalb noch nicht richtig. Ich gehe einen Schritt weiter: Ist das, was gut ist für die Frau, z.B. Abtreibung, auch richtig für Gott, für das Kind? Ist das, was für mein Wohlbefinden gut ist, auch wahrhaftig richtig? – Solche Fragen sollte man ständig stellen. Das heißt: Die pragmatische Wahrheit ist eine Eisscholle, die die Verbindung zur absoluten Wahrheit braucht. Wenn diese Verbindung zerbrochen ist, wird es gefährlich und hat schlimme Folgen. Das sehen wir heute.

Paradigmatischer Wahrheitsbegriff
Nun folgt der zweite Wahrheitsbegriff der modernen Wissenschaftler. Sie halten nur das für wahr, was innerhalb eines gewissen Paradigmas zuvor angenommen wurde. Dieser Wahrheitsbegriff ist unter dem Einfluß von Einsteins Relativitätstheorie entstanden. Im Jahre 1905 hat ein 26jähriger deutscher Jude namens Albert Einstein, der damals in der Schweiz lebte, einen Aufsatz veröffentlicht unter dem Titel «Über die Elektrodynamik bewegender Körper». Durch diesen Aufsatz trat eine neue Wende in der Naturwissenschaft ein. Man gab dabei das alte Newtonianische Weltbild auf, in dem die Linien gerade waren und die Abstände fest, das Licht und die Geschwindigkeit des Lichtes gemessen werden konnten. Man entdeckte, daß das ganze Weltall in Bewegung ist und sogar das Licht sich in einer Kurve bewegt. Zeit und Abstand, Raum und Licht seien keine meßbare Wirklichkeit, sondern Teil einer sich ausdehnenden Wirklichkeit, in Bewegung, in die wir als Menschen und Wissenschaftler mit unseren Instrumenten mit eingeschlossen seien. Damit, so erzählt Paul Johnson in seinem Buch «A history of the modern world», war es dem Menschen im 20. Jahrhundert plötzlich, als sei nichts mehr sicher. «Die Welt ist aus ihren Fugen, wie Hamlet traurig sagte (S. 4). Was Einstein selbst nie gewollt und noch weniger geglaubt hat, nämlich, daß seine Relativitätstheorie zur Relativierung der Wahrheit und der Moralität überhaupt führen würde, ist dennoch geschehen. Paul Johnson sagt: «Wie Galileis Entdeckung, daß die Erde um die Sonne dreht, zu Newton führte und die Entstehung der modernen Industrie, und wie Darwins Theorie über das Überleben der Stärksten, die Auffassung von Marx über den Klassenkampf hervorrief- ob er das wollte oder nicht – so hat Einsteins Relativitätstheorie, obwohl er das selbst nicht wollte, die totale Relativierung aller Werte und der Wahrheit in unserem Jahrhundert hervorgerufen.» Johnson sagt in seinem oben genannten Buch: «Wie ein Messer hat uns die Relativitätstheorie von unseren Wurzeln in dem jüdisch-christlichen Glauben abgeschnitten» (S. 5). Einstein selbst war darüber sehr enttäuscht und sogar empört, denn er glaubte keine Sekunde an die Relativität der Gesetze des Universums. Er hat einmal an einen Freund geschrieben: «Ich glaube nicht an einen Gott, der Würfel spielt, ich glaube an die vollkommene Ordnung einer Welt, die objektiv da- steht.» Dennoch hat auch seine Relativitätstheorie daran mitgewirkt, daß sich heute der Wahrheitsbegriff völlig geändert hat. Man spricht also in der Naturwissenschaft nur über Wahrheit innerhalb eines zuvor verabredeten Denkrahmens. Zum Beispiel: Die Erde dreht sich in 24 Stunden um die Sonne. – Das ist im Ptolemäischen Denkrahmen nicht wahr, es ist wahr im Newtonianischen, mechanischen Denkrahmen, aber es ist fraglich im neuen Einsteinschen Paradigma, in dem Raum und Zeit fließen. Was in einem Modell wahr ist, kann in einem an- dem Modell unwahr sein. Licht ist in einem Paradigma Welle, in einem andern besteht es aus Partikeln, aus Substanz. Wahrheit ist das, was in einem solchen Denkrahmen von allen darin arbeitenden und mitdenkenden Menschen angenommen wird. Die Kritik an diesem Modell oder diesem paradigmatischen Wahrheitsbegriff ist hier, daß das Interesse an der letzten Wirklichkeit aufgegeben wurde. Die Wahrheit wird hier in Teile zerlegt und nicht mit einer letzten «absoluten» Wahrheit verbunden. Hier ist tatsächlich alles relativ.-. Die Eisscholle ist vom Ufer abgebrochen. – Ein gutes Beispiel dafür ist auch das Buch von Umberto Eco: «Der Name der Rose». Hier begegnet man dieser Wahrheitsanschauung.

Mystischer Wahrheitsbegriff
Wir kommen zur Besprechung des dritten Wahrheitsbegriffes, den ich den mystischen Wahrheitsbegriff nenne. Ich verbinde diesen Begriff mit Fritjof Capra, einem Naturwissenschaftler aus den Vereinigten Staaten. Er hat in seinen Büchern «Wendepunkt» und «Tao in Physics» diesem verschwommenen Wahrheitsbegriff eine religiöse Tiefe gegeben. Dies ist das dritte Beispiel in Verbindung mit dem vorher genannten Bruch der Eisfläche. Capra glaubt, daß die Quantenmechaniker endgültig entdeckt haben, daß die wahre Wirklichkeit ein göttlicher Tanz ist. In einer Weise, die sich nicht voraussagen läßt, ist die letzte atomare Wirklichkeit in Bewegung. Die Wirklichkeit ist eine Sammlung von Beziehungen, ein lebendiges System, eine Welle in Bewegung, die Saite eines Saiteninstruments, die vibriert. Auch hier ist nichts fest, es gibt auch hier keine Antwort, keine Wahrheit in jüdisch-christlichem Sinne. Der Mensch ist ein Tröpfchen in der großen Welle des göttlichen Ozeans. Er soll sich in das System einfügen. Das Denken Fritjof Capras hat einen tiefen Einfluß auf Feminismus, Psychiatrie und Ökologie, denn er betont nachdrücklich das Gefühl, die Harmonie und das Weibliche und bekämpft das männliche, unterscheidende, rationale Denken und die Idee, daß diese Welt die Schöpfung eines persönlichen Gottes sei. Für ihn ist die Wirklichkeit = Gott oder besser Göttin. Auch hier bekommt der Mensch keine Antwort auf die Frage, warum er besteht, woher er kommt und wohin er geht.

Biblische Wahrheit
Die biblische Wahrheit, der christliche Wahrheitsbegriff aufgrund des hebräischen Wahrheitsbegriffes ist immer eine Aussage über die Wirklichkeit. Francis Schaeffer nennt das «propositional». Er sagt: «Die christliche Wahrheit ist propositional, verificational und personal.» Das sind 3 Punkte. Er meint mit propositional, daß es etwas über die Wirklichkeit aussagt. Wenn in der Bibel steht, daß Gott die Welt erschaffen hat, sagt das etwas aus über die Wirklichkeit, die ich spüren kann. Wenn Gott sagt: «Ich habe Wasser und Erde getrennt», geschieht dort etwas im ersten Kapitel der Bibel. Die Wahrheit Gottes ist eine Wahrheit über unsere Wirklichkeit. Das kann man auch sehr scharf im Johannesevangelium sehen, wo steht: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Und es ist nichts entstanden, was nicht entstanden ist durch dieses Wort.» Eigentlich sind alle erschaffenen Dinge und Wesen, Wolken, Regen, Schnee, Menschen, Tiere, inkarnierte Worte Gottes. Gott hat damit etwas ausgesagt. Was Francis Bacon und was Linnaeus gesagt haben, das sollen wir nicht verlieren, wir sollen ganz klar machen, daß wir uns so an die Wahrheit halten. Das zweite ist: Die christliche Wahrheit kann man «verifizieren». Das heißt: Sie ist nicht wie das Mystische, nur auf Erfahrung aufgebaut. Man kann sie verifizieren, erstens historisch; und zweitens, wie es im Römerbrief, Kapitel 1-3 steht, in der Wirklichkeit selbst. Das ist sehr wichtig, auch wenn man über die Autorität der Bibel spricht, daß man diese Sache nicht verliert. Die Wahrheit der Schrift ist zu verifizieren. In 1. Korinther 15 sagt der Apostel, daß Jesu Auferstehung von mehr als 500 Leuten verifiziert worden war, weil sie ihn selbst auf dem Berg sahen. Und Paulus sagt, wenn man dies untersuchen möchte, daß die meisten noch am Leben seien; also sei die Möglichkeit noch da. Man könne auch die Augen- und Ohrenzeugen noch fragen. Die Wahrheit ist also verifizierbar. Und dann kommt das dritte: Die Wahrheit ist im tiefsten «eine Person». Das tiefste Geheimnis unserer Welt ist ein persönlicher Gott, der durch seinen Sohn in seinem Wort, durch das er alles erschaffen hat, zu uns spricht, uns verurteilt, uns freispricht und uns die ganze Wirklichkeit erklärt. Ja, so kann man es sagen: Die Wahrheit, das ist die Wirklichkeit als Wort Gottes, die ganze Wirklichkeit, wie Gott sie sieht, die ganze Wirklichkeit der Welt, auch meines eigenen Lebens, durchschaut in meinem Verhältnis zu Gott. Und das größte Geheimnis in diesem Verhältnis ist, daß es durch den Tod zum Leben geht, durch das Gericht zur Auferstehung: verloren und dennoch gefunden. Als im Buch der Offenbarung die ganze Weltgeschichte zu Ende geht und die himmlischen Posaunen posaunen (Offb. 11,19), wird der Tempel Gottes im Himmel aufgetan, und die Lade seines Bundes wird sichtbar. Es ist sehr schön, daß das am Ende steht, wenn die ganze Wirklichkeit sich auftut, dann wird die Lade von Gottes Bund und seiner Wahrheitsichtbar. Dann wird alle Wahrheit völlig durch schaut. Von dort aus läßt sich auch die ganze Wissenschaft, auch die Naturwissenschaft, bestimmen, muß sich bestimmen lassen. Vom biblischen Wahrheitsbegriff her ist das tiefste Geheimnis, auch der Moleküle und der Himmelskörper, persönlich. Es sei hier noch der wenig bekannte Philosoph Hamann erwähnt, der gesagt hat: «Jede Erscheinung in der Natur ist von Gott als ein Wort gemeint, als ein Zeichen, eine Garantie von einem geheimnisvollen, unaussprechlich gemeinschaftlichen Schöpfer. Wenn die Wirklichkeit als Ausdruck dieses persönlichen Schöpfers und seiner Liebe verstanden ist, ist das Wahrheit.»

Umkehr
Wir glauben fest, daß es auch heute die Möglichkeit gibt, die Wahrheit zu entdecken. Die Meine Wahrheit, der Teil, die Eisscholle, empfängt die Kraft nur durch die Verbindung mit der großen Wahrheit. An diese Verbindung hat unsern Kultur bis zum 18. Jahrhundert immer geglaubt. Und dann ist die Verbindung in der Zeit der Aufklärung zerbrochen. Als die Vernunft, die Luther darum «Hurenvernunft» nannte, an die Stelle der Offenbarung getreten ist. Und damit hat sich ein Ereignis vollzogen, das unglaublich ist! Eine ganze Kultur treibt vom Ufer der Festigkeit, der Treue Gottes und seiner Offenbarung weg. Und man läuft nach wie vor Schlittschuh und spielt, als ob nichts geschehen wäre! Und wenn auch die große Eisscholle wie heute in viele Stücke zerbricht, versteht man nicht, oder will nicht verstehen, daß man ohne die Verbindung mit der festen Wahrheit eines persönlichen Gottes am Ende rettungslos umkommt. Die Zeichen dafür sind schon da, in einer Reihe von Krisen, die uns alle bedrängen: Von der Umweltverschmutzung bis zum Atomkrieg, von Sinnlosigkeit bis zum moralischen Zerfall, von Versklavung bis zur Einsamkeit. Eine Kultur stirbt; das ist die Tragik unserer Zeit. Wir lesen das in Jesaja 59,14. Jesaja hat gesagt: «Die Wahrheit ist auf der Gasse gestrauchelt, und deshalb ist das Recht zurückgewiesen und hat die Gerechtigkeit sich entfernt.» Gibt es nun doch noch eine Möglichkeit zur Umkehr? Die Bibel sagt uns: Ja, sogar noch bis fünf Minuten vor zwölf. Und die Bibel sagt im Neuen Testament nicht einmal durch Rückkehr zur Kirche, durch Rückkehr zur christlichen Tradition, nicht einmal durch Rückkehr zur Bibel an sich, nein, sie sagt: Fangen Sie zuerst an, nach der Wahrheit zu suchen. So steht es im 2. Thessalonicherbrief, Kapitel 2, daß die Liebe zur Wahrheit verloren gegangen ist und daß darüber Gottes Urteil kommt. Ich habe versucht anzugeben, wie das möglich ist. Wir sollen uns üben, diese Wahrheit zu übertragen, Gottes Wahrheit, die unsere Fragen beantwortet, die sich selbst nicht widerspricht, in der man leben kann. Wenn man auf der Suche nach dieser Wahrheit sich anreden läßt, dann wird es geschehen, daß uns geschieht, wie es Paulus, Augustinus, Pascal und andern ergangen ist: Wir werden von der Wahrheit erkannt. Und es erklingt eine Stimme: «Du würdest mich nicht suchen, wenn ich dich nicht schon längst gefunden hätte.»

Östlicher Mystizismus
Rotgekleidete junge Leute, mit dem Bild ihres Meisters um den Hals, gehören heute zum Straßenbild der Städte, aber auch Dörfer und Landbezirke sind inzwischen, nicht zuletzt wegen der Möglichkeit biodynamischen Anbaus, von den «Alternativen» geschätzt. Diese Breitenwirkung gibt Zeugnis von der gewaltigen Attraktivität östlicher Denk- und Lebensweisen in unserer Zeit. Viele haben sich zudem mit mystischer Literatur befaßt und Bücher von Ouspensky, Gurdjieff und Hesse gelesen, und bringen die Impulse aus dem Umfeld Bhagwans und des Yogi Maharishi Mahesh in die Geisteswissenschaften, allen voran die Psychologie, ein. Das Interesse wird dadurch gefördert, daß sich beispielsweise die Transzendentale Meditation nicht als neue Religion, sondern als wissenschaftlicher, die kreative Intelligenz fördernder Beitrag vorstellt, der sich sehr gut auf westliche Kultur und Fragen einstellen kann. Dennoch ist die Aufnahme dieses Gedankengutes nicht auf die Intellektuellen beschränkt – im ganzen Land werden in den Schulen und Volkshochschulen Kurse für Yoga, Meditation und Sensitivity Training angeboten. «Der Wind bläst stark aus dem Osten», schrieb Professor Feray unlängst in einer Zeitschrift. Er wies in seinem Artikel darauf hin, daß heute die wichtigste Auseinandersetzung zwischen dem Osten (und seinen im Westen gewöhnlich gemeinsam auftretenden Erscheinungsweisen Yoga, Meditation, Sensitivity Training und Biodynamischer Landbau) und dem orthodoxen biblischen Glauben zu erwarten sei. Vielfach sind in diesen alternativen Kreisen auch die intellektuellen Aussteiger anzutreffen, die vor einigen Jahren das Bild der Universitäten prägten. So las ich kürzlich in dem Buch «Hey Beatnik»: «Wir glauben an die Meditation. Jeden Sonntagmorgen sitzen wir ungefähr eine Stunde in gemeinsamer Meditation zusammen. Bei gutem Wetter finden wir uns im Garten beisammen und singen, wenn die Sonne über die Hügel kommt, das ‘Zen, Zen‘. Das gibt uns allen ein starkes Einheitsempfinden. Wir halten dann alle Hochzeiten, die eventuell anfallen, denn das ist ein guter Zeitpunkt dafür und ungeheuer beeindruckend. Alle sind versammelt, und die Handlung geschieht unter dem Zeugnis der ganzen Gemeinde. Meditation bedeutet Schweigen, d.h., man verschließt sich lange genug, um zu hören, was sonst um einen herum geschieht. Es bedeutet auch, daß man mit Gott und dem Universum in Kontakt kommt (…) man steigt höher und höher, und plötzlich dreht sich alles in die andere Richtung. Man wird eins mit dem Universum, und dann ist da ‘Nichts‘. Und dieses Nichts ist eine ungeheure Erfahrung.»1 Interessant sind auch Sprache und Begriffe dieses Buches. Es ist die Rede von Gott, vom Zeugnis, von Christus etc. Daran erkennen wir ein weiteres Merkmal der östlichen Bewegungen, da dies letztlich bedeutet: «Wir glauben an Buddha, aber wir glauben auch an Jesus. Ihr sagt zwar, man könne das nicht, aber wir behaupten, daß es möglich ist. Es gibt sehr viele Hinweise in der Bibel, daß Jesus eine Religion brachte, worin man sich selbst verwirklichen kann. Er sagte ständig: Ich bin der Sohn Gottes, und ihr seid Söhne Gottes.»2 Zu den gewaltigen Anziehungspunkten der östlichen Religion und des Mystizismus gehört, daß sie vorgeben, den universellen Anspruch einer Weltreligion zu haben. Die Bibel bedeutet für sie lediglich Bestandteil der brauchbarsten Religion, da man sie für den eigenen höchsten Zweck nutzbar machen kann – das Einswerden mit dem Gott dieses Universums. Hier wird auch die Frage gestellt: Sind nicht alle Religionen ohnehin gleich? Worauf man aus östlicher Sicht die Antwort zu hören bekommt: «Alle Religionen gleichen einander wie Flüsse, die in das gleiche Meer fließen. Sie lehren alle die Einheit mit dem universellen Gott.» Es ist daher wichtig, zum Zentrum östlicher Lehren zurückzugehen, von dem aus alle Bewegungen unserer Tage ihren Ausgang nehmen. Ich gehe dabei von dem Begriff «satori» aus, der uns in den östlichen Religionen immer wieder begegnet und soviel wie «Erleuchtung», «erweckt werden» bedeutet. Sehr treffend ist dazu die Erklärung von Ouspensky: «Der Mensch schläft. Er kommt schlafend zur Welt, lebt schlafend, stirbt schlafend. Das Leben ist für ihn nur ein Traum, aus dem er niemals aufwacht.»3 Daran fügt er die Geschichte des alten chinesischen Weisen Chang Fu, der erzählte, daß er eines Tages in seinem Garten einschlief und träumte, er selbst, sein ganzes Ich, sei ein Schmetterling, der überall umherflattere. «Aber plötzlich», sagte er, «erwachte ich und war wieder ich selbst. Seit diesem Traum weiß ich jedoch nicht mehr, was ich bin: Ein Mensch, der träumt, ein Schmetterling zu sein, oder ein Schmetterling, der träumt, ein Mensch zu sein.»4 Ouspensky führt dazu im gleichen Buch von Kenneth Walker «Über seine Lehre» aus: «Schlafend durchlaufen wir das Leben. Der Mensch lebt sein Leben, indem er jeden Tag aufsteht, frühstückt, mit der Straßenbahn fährt, sich mit anderen unterhält, Vorträge und Filmvorführungen besucht, mit seiner Mutter telefoniert und schließlich wieder ins Bett geht.» Wo ist da die Wirklichkeit? Über einen langen Zeitraum betrachtet, erkennt man einen Kreis lauf, der mit dem Heranwachsen beginnt, an das sich eine Ausbildung als Lehrer oder auch Geschäftsmann anschließt. Man bekommt selbst Kinder, wird alt und stirbt. Diese irdische Realität nennt man in den östlichen Religionen ‘samsara‘, d.h. der Kreislauf des Lebens. Doch ist dies die eigentliche, die wahre Wirklichkeit? Nach östlicher Logik ist es lediglich deren Erscheinungsform. Die Realität selbst befindet sich hinter dem Sichtbaren, in der unsichtbaren Energie. Sie ist einer höheren Ebene, einem anderen Herrschaftsbereich zugehörig, dem alles unterworfen ist, und bildet die alles zusammenhaltende Kraft – den Herzschlag des Universums. Man kann «es» überall hören, sehen und wahrnehmen. Es ist das Göttliche schlechthin. Diese Wahrnehmung des Göttlichen oder. Erfahrung des Erwachens bezeichnet man mit «satori» (Erleuchtung). Hermann Hesse, der die östliche Denkweise in unsere Kultur einbrachte, schreibt: «Dieses Aufwachen kann nicht durch Nachdenken erreicht werden, sondern nur durch das Erfahren, durch das Einswerden mit dem Universum als Realität in Körper und Seele.» Das ist das Ziel, nach dem alle Zen-Schüler streben; dieses Aufwachen oder Erleuchtet sein in einem tiefen inneren Frieden, das sie das Leben in einem an deren Licht sehen läßt. Ein Zen-Lehrer schreibt: «Bevor ich erleuchtet war, war ein Fluß ein Fluß, ein Berg ein Berg. Am Anfang der Erleuchtung waren Flüsse nicht länger Flüsse, Berge waren nicht länger Berge (nicht mehr), aber nun, da ich erleuchtet bin, sind Flüsse wieder Flüsse und Berge wieder Berge, aber alles ist jetzt anders, denn ich fühle mich jetzt eingebunden in den Pulsschlag des Lebens, der mich mit allem verbindet. Im Osten wird dies in einem kurzen Satz ausgedrückt: ‘Das Andere, das bin ich »6 Fragen nach dem Sinn des Lebens verlieren in dem Augenblick, in dem man das kosmische Bewusstsein erlangt hat, an Bedeutung. Die Ursache dieses Wandels liegt in der Grundeinstellung: Das Leben durchdringt mich, es wird in mir gelebt. Ich habe Frieden und damit alle Bedürfnisse erreicht. Dieser Zustand des Friedens und der absoluten Bedürfnislosigkeit ist das Hauptziel aller östlichen Religionen, allerdings sind Wege und Methoden zur Erfahrung vielfältig und verschieden. Einige der wichtigsten möchte ich kurz anführen.

Yoga
Yoga kommt von «yog» und heißt im Deutschen so viel wie «Joch». Religiös bewertet ist Yoga so zu deuten, daß damit sowohl das Ziel der Erlösung bezeichnet wird als auch der Weg zu diesem Ziel, der gekennzeichnet ist von körperlicher und seelischer Anstrengung, also asketische Zucht zur Grundbedingung macht.7 Mit Yoga soll die menschliche Seele mit Gott, der die Seele des Universums ist, vereint werden. Es bildet daher Teil eines religiösen Systems, wobei im Westen von den sechs Formen vorwiegend der Hatha-Yoga praktiziert wird. Ha bedeutet Sonne, Tha Mond, so daß wir es mit einem «Sonne-Mond- Yoga» zu tun haben, der einen achtstufigen Weg vor schreibt.

1. Unterdrückung von Begierden
2. Geistige Entspannung
3. Kontrolle des Körpers
4. Kontrolle der Atmung
5. Kontrolle der Gefühle
6. Meditation
7. Innere Versenkung
8. Völlige Bedürfnislosigkeit, das «Samsara» – das Nichts. Somit stellt Yoga, obwohl es in westlichen Ländern als neutral bezeichnet wird, einen eigenen achtstufigen Weg zum «Heil» dar. Oft werden zwar nur die ersten Schritte praktiziert, z.B. die Heilung des Körpers, aber wie ich selbst weiß, wird nach Abschluß einer solchen Therapie auch aufgezeigt, wie man in religiöser Richtung weitergehen kann. Und wer offen dafür ist, wird sich sicherlich in dieses östliche Erlösungsstreben einlassen, so daß selbst die ersten vier Schritte nicht mehr als harmlos und ungefährlich bezeichnet werden können.

Die Transzendentale Meditation und die Bhagwan-Bewegung
Hier handelt es sich um zunächst auf Intellektuelle abzielende Bewegungen, die ihre Anhänger zunehmend in universitären Kreisen finden. Der Gründer der Transzendentalen Meditation, Maharishi Mahesh Yogi, spricht zum Beispiel von der Wissenschaft kreativer Intelligenz und sagt, er könne die Erfolge seines Meditationsweges statistisch belegen. Nach einiger Zeit werde das Blut gereinigt, so daß man mehr Energie habe etc. Er sagt: «Die jungen Leute wissen heute nicht mehr, wie sie leben sollen, und hier können wir mit der Wissenschaft kreativer Intelligenz ansetzen. Sie verleiht Stabilität, Aktualität, Anpassungsfähigkeit, Reinigung und Integration.» Angestrebtes Ziel ist danach die Verbesserung der Lebensqualität. Der Yogi klagt die Staatsoberhäupter an, daß sie lediglich an den Problemen «herumdokterten» – das erste jedoch, was man tun sollte, sei die Meditation. «Wenn jeder Mensch am Morgen 15 Minuten lang meditieren würde, wären alle Probleme gelöst.» Der erste Schritt besteht also darin, daß man sich in der Meditation völlig auf sich selbst konzentriert. Während man sich jedoch passiv und selbstzufrieden in sich selbst zurückzieht, werden aktuelle Probleme der Tagespolitik nicht mehr beachtet und machen von daher auch nicht mehr betroffen, so daß soziales Engagement und Anteilnahme am Nächsten, wie das leider überall im Osten zu beobachten ist, völlig fehlen. Persönlich empfinde ich dies Ergebnis nicht nur bedrohlich unmenschlich, sondern auch als Mißachtung der durch den freien Willen bestimmten Eigenverantwortung. Auch bleibt die eigentliche Vorgehensweise der TM stets im dunkeln. Funktion und Inhalt werden nie beschrieben. Zugang haben nur diejenigen, die sich ganz mit ihr einlassen wollen. Das sieht praktisch so aus: Nach der Zahlung des Betrages kommen die Übungen. Man muß sich hinknien, eine Frucht zur Hand nehmen und erhält ein bestimmtes Wort, über das man meditieren soll – das Mantra. Man beginnt mit der Meditation, und mit der Zeit gelangt man in einen Zustand der Trance, d.h. der völligen Bewußtseinsleere und damit in die totale Entspannung. Die Lehren des ehemaligen Philosophieprofessors Bhagwan Shree Rajneesh enthalten ebenfalls die Meditation zur Erlangung des Ziels «Werde wie ein Kind – denke nicht – lebe im hier und Jetzt», doch sollen bestimmte Psychotechniken (z.B. Encounter, Hypnotherapie, Sensitivity-Training, Bioenergetic) den Weg zur Selbsterfahrung und Harmonie mit den Kräften der Natur fördern. Alle Zwänge der Moral sind unerwünscht, und nichts darf verdammt werden, da alles eins ist – selbst Gott und der Teufel. Wir haben es nicht nur mit einer hinduistisch, westlich philosophisch geprägten, stets wandelbaren Mischlehre und einer Form von Synkretismus zu tun, die wegen ihrer Vereinfachung und Triebbejahung viele anzieht, sondern auch mit einer zerstörerischen Psychotechnik. Zu einer völligen Gebundenheit an den Meister Bhagwan, der allein den Weg zum Göttlichen zeigen kann, kommen die vernichtenden Folgen für Leib, Seele und Geist – verursacht durch Ausschweifung, Psychotechniken und Realitätsferne des bewußten «Nichtdenkens» und Zerstörung des Ichs. Der nüchterne Beobachter bleibt hier wie bei der Transzendentalen Meditation erschüttert zurück, da die begüterten Führer gelassen zuschauen, wie sie das Leben von Tausenden verheißungsvollenjungen Menschen bleibend ruinieren. Selbst Teile dieser Psychologie zu übernehmen, wäre sicherlich verhängnisvoll, da die ansprechenden Diskotheken und Kurse, ausgehend von den jeweiligen Zentren dieser Bewegung, ja bewußt als Anstoß benutzt werden, um für diese Lehre und ihren Meister zu interessieren und Bedenken auszuräumen.

Die Hare-Krishna-Bewegung
Als drittes möchte ich die Hare-Krishna-Bewegung ansprechen, die sich besonders auf das Singen des Mantra konzentriert. Wenn man ihren Anhängern begegnet, hört man sie fortwährend «Hare-Krishna» wiederholen, bis dieses Wort derart das eigene Bewußtsein beherrscht, daß andere Gedanken automatisch verdrängt werden. Dadurch wird ein kontinuierlicher Trancezustand eingeleitet, wie er uns aus der Drogenwelt bekannt ist, der als «Einswerden» mit Krishna, dem Universum, bezeichnet wird.

Der Zenbuddhismus
Das Geheimnis des Zenbuddhismus liegt in seiner Irrationalität. Gespräche mit Anhängern gestalten sich oft äußerst schwierig, da eine tiefergehende Auseinandersetzung, wie dies die Bibel und die christliche Wahrheit erfordert, überhaupt nicht angestrebt wird. Selbst der Moment der Erleuchtung wird nicht durch eine Form intellektueller Einführung oder Belehrung, sondern durch eine Art Schockerlebnis herbeigeführt. So hält der Lehrer zum Beispiel einen Stock vor die Augen des Schülers und sagt: «Das ist ein Stock und ist kein Stock. Was ist es deiner Ansicht nach?» Er fordert ihn zum Denken heraus, sobald er jedoch mit der logischen Folgerung reagiert, das Ganze sei doch völlig widersinnig, läuft er Gefahr, mit dem Stock geschlagen zu werden. Der Schüler wird damit in einen inneren Zwiespalt geführt: Er muß seinen Verstand ausschalten, um zu lernen, statt mit dem Kopf mit dem Bauch zu denken. Es gilt, die Dinge nicht mehr rational, sondern intuitiv zu erfassen, sein Innerstes zum Sprechen zu bringen, um so tief in sich selbst die Einheit mit dem Universum zu erfahren. Diese tiefe Wahrnehmung einer Einheit durchzieht alle mystischen Erfahrungen, selbst wenn sie, wie bei Böhme und Hahn, auf christlichem Hintergrund auftreten und als «Zentralschau» bezeichnet werden. Der Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt verschwindet. «Es regnet unter meiner Schädeldecke» wie es ein junger Mann ausdrückte. Dem Buddhisten wird gesagt: «Solange für dich Tod und Leben nicht restlos das gleiche sind, hast du die Erleuchtung noch nicht empfangen.» 9 Hermann Hesse schreibt: «Ich glaube, es gibt nichts in der Welt, das so tief und so heilig ist wie diese Einheit. Die ganze Welt ist eine Einheit, und alles Leid, alles Böse existiert nur dadurch, daß wir als Individuen uns selbst nicht mehr als untrennbarer Teil des Ganzen empfinden. Das Böse kann sich selbst zu wichtig nehmen. Die Einheit, die ich meine, liegt hinter der Vielfalt und ist nicht monoton. Sie ist keine graue, erfundene, theoretische Einheit, sondern das Leben selbst. Voller Spiel, voller Leid, voller Lachen, was z.B. durch den Tanz des Gottes Shiva dargestellt wird, der den Frieden tanzt. Man hat jederzeit Zugang, es gehört dir jederzeit, immer, wenn du das Gefühl für Zeit, Raum und Wissen ausschaltest. Du gehörst in Liebe und Hingabe zu allen Göttern, zu allen Menschen, zu allen Welten und allen Zeiten.»10 Ziel des mystischen Weges ist also die Bewusst seins Erweiterung, die noch durch Atemkontrolle und Konzentration herbeigeführt werden kann. In diesem Zusammenhang möchte ich das hierzu verwandte «sensitivity training» anführen, das als Methode dient, das Bewußtsein zu erweitern und das innerste Ich hervorzukehren. Erich Fromm und Abraham Maslow, die Väter des Sensitivity Trainings, waren sehr von östlichen Religionen beeinflußt. Doch alle Methoden, Techniken und Bewegungen haben die Erleuchtung zum Ziel: Erst, wenn wir alle den Herzschlag des Universums in uns schlagen fühlen, erst, wenn wir mit dem Universum eins geworden sind, erst, wenn alle Menschen die Erfahrung der Erleuchtung gemacht haben, dann erst ist der Zyklus, der Kreislauf des Lebens, gebrochen. Denn das ist das Endziel der indischen Religion und der von ihnen beeinflußten Bewegungen: das «samsara» zu unterbrechen, frei zu sein von allen Dingen, die den Sterblichen interessieren.

Warum zum Osten?
Hier stellt sich die Frage, warum heute so viele junge Menschen im Osten nach Antwort suchen, und ich werde im folgenden auf drei Gründe näher eingehen.
1. Zunächst möchte ich die Beatles erwähnen. Östliche Strömungen sind schon in früheren Zeiten in Erscheinung getreten, z.B. durch Philosophen wie Schopenhauer im letzten Jahrhundert. Doch besonders die Beatles haben diese Gedankenwelt über die Musik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. So ist auf der Platte «Sergeant Pepper» das Stück «within you and without you» (in dir und außer dir) mit östlicher Musik untermalt. Bei «My sweet Lord» wechselt der Chor im Hintergrund von Halleluja zu Hare Rama, Hare Krishna etc, über. Ich kenne Leute, die es für ein christliches Lied hielten, und das zeigt, wie vorsichtig man sein muß. Die Beatles waren die Ersten, die den Maharishi Yogi Mahesh im Osten aufsuchten und dies dann z.B. bei dem Lied «She‘s leaving home» auf Plattentexte verarbeiteten. Es handelt sich hier um die Geschichte eines Mädchens, das sein Zuhause verläßt und ihren Eltern, die ihr doch «alles, was sie brauchte, gegeben haben», erwidert: «Ja, aber das, was das Leben lebenswert macht, habe ich nicht bekommen.» Die Kernaussage dieser Platte ist also die Auflehnung gegen eine kommerzialisierte Plastikgesellschaft, und gerade aus dieser Protesthaltung heraus suchen die Jugendlichen in östlicher Richtung nach Antworten. Der Osten wurde umso attraktiver, als man das Ideal eines Gurus vor Augen hatte, der nichts als den inneren Frieden zu besitzen schien. Was brauchte man mehr? Menschen scheinen hier den Moment, das Hier und Jetzt, zu erfahren – und dies ohne den Reichtum und Konsum unserer kommerzialisierten Gesellschaft.

2. Der Einfluß des Rationalismus auf unsere Kultur. Hegel z.B. schlug als Reaktion auf diese Denk weise einen mystischen Weg ein, da er unter der im Zuge des rationalistischen Denkens aufkommenden Entfremdung litt. Durch die Naturwissenschaften war eine Atmosphäre geschaffen worden, in der man alles Wissen über die Analyse, sei es auf biologischem, geologischem oder mathematischem Gebiet, zu erhalten und auszuschöpfen suchte. Dennoch spürte man, daß die Realität weitaus umfassender und tiefgründiger sein mußte, und meinte, diesen Mangel im Osten füllen zu können. Wenn die Seele sich nach östlicher Sicht «gut fühle», dann erhielte man das tiefe ‘Wissen all dessen, was einen umgibt – viel intensiver, als es die Wissenschaft zu vermitteln vermag. Die menschliche Seele ist da nach wie ein Teich, in dem sich alles um uns her – Sonne, Bäume, Blumen – widerspiegelt, sobald er zur Ruhe kommt. Die Realität würde somit intensiver erfahren, als man es in von Rationalismus geprägten Kulturen je erleben könne.

3. Die ökonomische Ursache. In einem Buch des Wirtschaftswissenschaftlers Keynes las ich, daß unsere Gesellschaft stets darauf bedacht sei, ein Ziel anzustreben. Hier liege das Grundübel. Wir strebten immer nach Erfolg und belasteten Familie als auch Gesellschaft mit enormem Streß, weil wir immer meinten, schon in der Zukunft zu leben. Somit jagten wir ständig Zielen hinterher, griffen nach dem Morgen und vergäßen dabei, im Hier und Jetzt zu leben.

In einem Buch von Aldous Huxley, «Pala Island», erleidet die Hauptfigur Schiffbruch und wird von den Wellen an den Strand einer einsamen Insel im Indischen Ozean geworfen. Überglücklich, am Leben zu sein, gelangt der Mann an ein kleines Haus. Das einzig was er dort hört, ist ein Papagei, der fortlaufend wiederholt: «Hier und jetzt, Leute.» Er ist zunächst recht amüsiert darüber und fragt dann die Bewohner, warum sie dem Papagei diese Worte beigebracht hätten. Worauf er zur Antwort bekommt: «Das ist es doch, was wir immer wieder vergessen, oder? Wie schnell achten wir nicht auf das, was hier und jetzt geschieht.»11

Meines Erachtens ist dies der dritte Grund, warum so viele Menschen ihre Aufmerksamkeit in Richtung Osten wenden. Die Frage stellt sich nur, warum man zur Lösung dieser an und für sich äußeren Existenzprobleme die Bibel als zudem ebenso östliches Buch als Alternative beiseite läßt und es ablehnt, sich mit den Wurzeln des Christentums zu befassen und dem Gott der Bibel zuzuwenden. Zur Zeit Jesajas herrschte in Israel bereits eine ähnliche Einstellung vor, denn man riet einander: «Ihr müßt die Totengeister und Beschwörer fragen, die da flüstern und murmeln», so daß der Prophet ihnen erwidern mußte: «Soll nicht ein Volk seinen Gott befragen? Oder soll man für Lebendige die Toten befragen?» (Jes. 8,19). Jesaja verwies alle «Wahrheitssucher» darauf, sich den Quellen des eigenen Glaubens zuzuwenden. Und auch heute ist der Grund wenig einleuchtend, im Osten alles der westlichen Kultur Fehlende zu suchen, da wir alles in der Bibel finden können. Jesus war es, der uns sagte, wir könnten die ganze Welt gewinnen und doch uns selbst, unser Leben verlieren. Es war Jesus, der Nächte im Gebet und in der Gemeinschaft mit Gott zubrachte und im Neuen Testament immer wieder betont, wie wichtig es ist, Zeit im persönlichen Gebet, d.h. im Reden zu Gott, zu verbringen und seine Nähe zu suchen; Darüber hinaus gehört das gemeinsame Gebet zu den Grundsteinen christlichen Gemeindelebens. Es war der Apostel Paulus, der sagte: «Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude durch das Werk des Heiligen Geistes» (Röm. 14,17). Das wird man niemals erfahren, wenn man dem Morgen hinterher jagt, sondern kann man nur im Moment, im Hier und Jetzt, erleben. Dennoch besteht in unserer Suche nach Menschlichkeit, nach Weisheit, nach einem friedvollen, aus geglichenen Leben im Hier und Jetzt überhaupt kein Grund, außerhalb des biblischen Christentums da nach zu suchen. Der dort anzutreffende Pantheismus scheint zwar sehr attraktiv und entspricht auch dem menschlichen Empfinden, wenn wir ihm freien Lauf lassen. Der zenbegeisterte Priester Lasalle ist zu Recht der Meinung, das mystische Urerlebnis sei in allen Kulturen gleich. Dennoch gehen wir damit an der Tatsache vorbei, daß sich ein persönlicher Gott als die Wahrheit und Lösung auf die menschlichen Probleme offenbart und definiert hat. Eine Entscheidung für den östlichen Mystizismus bedeutet daher Ignorieren seines Redens und Angebotes und macht die jeweilige Bewegung, in die man sich begibt, zur Religion. Von Neutralität, psychologischer Hilfe und religiöser Bereicherung kann daher nicht die Rede sein. Dazu Zen-Abtissin Ruth FulIer-Sasaki: «Das wirkliche Zen ist in erster Linie und vor allen Dingen Religion. Zen ist eine der Strömungen in dem großen Ozean des Buddhismus, besonders in demjenigen Teil des Ozeans, der mit dem Namen des fernöstlichen Mahayana-Buddhismus bezeichnet wird.» 12 Allerdings wird uns der Mystizismus niemals in die Gewissensunruhe versetzen, wie dies aus einer Begegnung mit dem persönlichen Gott der Bibel, dem Gott Israels und Vater Jesu Christi folgt. Durch die Konfrontation mit seiner Heiligkeit wird dem Menschen seine eigentliche Existenz, sein Verfallensein in Schuld und Tod, unausweichlich deutlich. Der östliche Mystizismus mit seinen Bewegungen und Therapien bleibt undefinierbar, die Erleuchteten sprechen davon, «gefunden» zu haben, ohne formulieren zu können, was und wen sie eigentlich wozu gefunden haben. Gott ist und bleibt bei ihnen unpersönlich: Einheit mit dem Kosmos, kosmische Kraft des Universums. Und dieser Ansatz und Glaube hat zur Konsequenz, daß sich alle in der Welt bestehenden Gegensätze aufheben: zwischen Gut und Böse, Freude und Leid, Schönheit und Häßlichkeit, Tod und Leben. Sie alle sind in diesem alles einenden Gott vereint und verblassen in der Verschwommenheit seiner Existenz. Der Gott der Bibel definiert sich hingegen sehr deutlich und läßt den Leser seiner Offenbarung – der Bibel – nicht über sich und sein Schicksal im unklaren. Die Begegnung mit ihm enthält jenes Erhabenheitsgefühl und Realitätsbewußtsein, wie wir dies aus Alltagserfahrungen kennen. Wenn man zum ersten Mal angelt und sich plötzlich die Schnur in der Hand bewegt, oder wenn man im Dunkeln spazieren geht und neben sich ein Atmen verspürt. Es ist daher durchaus realistisch und treffend beobachtet, wenn Experten sagen, die größte Auseinandersetzung sei zwischen östlichem Mystizismus und biblischem Christentum zu erwarten. Im folgenden wollen wir nun beleuchten, in welchen Punkten die Auseinandersetzung stattfindet und wo absolute Gegensätze erkennbar sind.

Das unterschiedliche Gottesbild
Der Gott der Bibel ist im Gegensatz zu diesem östlichen Konzept persönlich. Er wirkt in der Schöpfung und steht dennoch gleichzeitig über ihr. Er ist ein Gott, in dem wir ein Gegenüber haben, und aufgrund seines persönlichen Wesens und seiner Heiligkeit können wir ganz real Schuld und Sünde in unserem Leben wahrnehmen, was nach östlicher Gottesvorstellung unmöglich ist. Die Beziehung zwischen dem Gott der Bibel und seiner Schöpfung wäre daher vergleichbar mit Rembrandt und seinen Bildern: Natürlich kann man in diesen Bildern den Maler erkennen, aber das Bild selbst ist nicht Rembrandt, da seine Existenz über sein Werk hinausgeht. Der unpersönliche Gott des Ostens, zu dem uns der Mystizismus führt, ist nicht der Gott, der uns als Kind, als verlorenen Sohn aufnehmen will. Er ist ein stummer Gott, in dem sich meine Persönlichkeit auflöst. Er ist kein Gott, der zu mir heruntersteigt, sondern zu dem ich aufsteigen muß. George Harrison singt: «Ich möchte dich wirklich sehen, Herr, ich möchte dich wirklich kennen lernen, aber es dauert so lange.» Wenn man den 8-Stufen- Weg der östlichen Religionen beschreitet, dauert es wirklich sehr lange. Anders der Gott der Bibel: Er kommt auf einem langen Weg zu uns, so daß wir uns nicht in vielen Schritten nach östlichem Muster zu ihm emporarbeiten müssen. Der persönliche, lebendige Gott der Bibel ist kein unbeweglicher, teilnahmsloser Gott, der in seiner Teilnahmslosigkeit alles umschließt, sondern er interessiert sich für jeden einzelnen von uns. Er ist ein Gott, der sein Leben für uns gab und ans Kreuz lieferte, während wir dem Gott des Ostens bis zum Tod unser Leben ausliefern müssen.

Das unterschiedliche Menschenbild
Der Mensch als vom freien Willen geprägtes Individuum hat nach östlichem Konzept keinen Platz. Meine Persönlichkeit soll wie ein Wassertropfen passiv im Meer des Seins zerfließen. «Am Ende fallen wir wie ein Wassertropfen in das Meer des Seins und verursachen nicht einmal eine Bewegung!» beschrieb es die Frau des holländischen Kunstprofessors Rookmaaker. In Indien, wo sie einige Zeit verbrachte, treffe man auf den Straßen überall sterbende Menschen an, «… und alle gehen vorüber». Das ist nicht zuletzt die Mentalität indischer Kultur, nach der jeder Mensch Teil des großen Kreislaufes ist, den wir alle durchlaufen. Meiner Beobachtung nach ist es allein Jesus Christus, der uns den einzelnen in den Augen Gottes wertvoll erkennen läßt – nicht nur jeden Christen, sondern alle Menschen. Den christlichen Werten Gnade und Barmherzigkeit stehen daher im Osten die Teilnahmslosigkeit, die willentliche Unterwerfung unter die absoluten Gesetze des Seins gegenüber, die Passivität und Desinteresse am Nächsten und an der Umwelt zur Folge haben. Die großen Gurus und Meister des Ostens, Maharishi Yogi und Bhagwan, sind positiv ausgedrückt «naiv», und negativ gesehen «zynisch», wenn sie in bezug auf die Probleme der Welt meinen, alles sei mit einer Viertelstunde Meditation am Tag gelöst. Dadurch wird ihr eigentliches Desinteresse und ihre Nichtbetroffenheit umso deutlicher, mit der sie den Weg zum Aufbau einer eigenen, ichkonzentrierten, mystischen Welt weisen. Man glaubt, sein Bewußtsein erweitern zu können, aber in Wahrheit begrenzt man es und engt es ein. Immer mehr wird die Wahrnehmung der Realität reduziert, bis man zum Schluß mit sich alleine, isoliert und teilnahmslos, offen für Manipulationen jeglicher Art zurückbleibt, wobei die fehlende Einzigartigkeit der individuellen Persönlichkeit die Notwendigkeit moralischer Maßstäbe erübrigt. Charles Manson, bekannt als grausamer Mörder, erwähnte während einer Gerichtsverhandlung seine tiefe Verstrickung in östlichen Mystizismus: «Wenn Gott alles in sich vereint, was ist dann schlecht?» Nach östlichem Denken gibt es kein absolutes Gutes oder Böses, und unsere Kultur ist dem ständigen Einfluß dieser Strömung ausgesetzt, was nach der «Öffnung» die einzige moralische Anforderung ist.

Die unterschiedlichen Wege zur Erlangung des Heils
Im Osten besteht das Heil im persönlichen Rückzug aus der materiellen Welt. Das bedeutet letztlich, daß man den Blick für die Besonderheit, Individualität und Eigenverantwortlichkeit des einzelnen Menschen verliert. Ferner ist der Weg zum angestrebten erweiterten Bewußtsein über die acht Stufen des Yoga und des Buddha lange und mühsam – über Selbstfindung, Selbstverwirklichung als Selbsterlösung durch Kontrolle des Körpers, der Begierden, der Gefühle – bis man schließlich über Meditation und Konzentration das Ziel der Vereinigung mit dem Universum erreicht – an dessen Ende das Nichts steht. Aber das Schlimmste ist wohl, daß dieser östliche Pantheismus und Mystizismus das Leben des Menschen fordert, der sich über diesen Weg Heil verspricht. Schon leichte Yogaübungen oder zehnminütiges Meditieren pro Tag sind meiner Meinung nach immer Teil dieses langen Heilsweges. Sicherlich hören sich einige Techniken sehr gut an, aber die Lehrer wollen stets weiterführen. Der Gott der Bibel zeigt uns im Gegensatz dazu einen ganz anderen Weg zum Heil auf Da kommt Gott zu uns, er steigt herab, wird in Jesus Christus Mensch, um unsere Schuld – das Trennende zwischen Gott und dem Menschen – auf sich zu nehmen und zu sühnen. Anstelle von Selbstverwirklichung beschreibt die Bibel den Weg der Versöhnung, der ausnahmslos allen zugänglich ist und als Geschenk angeboten wird. Bemerkenswert ist, daß die Bibel dies selbst als ein Aufwachen, eine Art Erleuchtung bezeichnet: « Und dieses (sollen wir tun) als solche, die die Zeit verstehen, daß nämlich die Stunde schon da ist, wo wir vom Schlafe aufwachen sollten; denn jetzt ist unser Heil näher; als da wir gläubig wurden; die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe. So lasset uns nun ablegen die Werke der Finsternis und an ziehen die Waffen des Lichts; laßt uns anständig wandeln als am Tage, nicht in Schmausereien und Schlemmereien, nicht in Unzucht und Ausschweifungen, nicht in Hader und Neid; sondern ziehet den Herrn Jesus Christus an, und pflege das Fleisch nicht bis zur Erregung von Begierden!» (Röm. 13,11-14). Dieser Abschnitt war für Augustinus Anlaß, seinen Lebenswandel zu ändern. «Darum heißt es: Wache auf der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird dich Christus er leuchten» (Eph. 5,14). Mit dem Stichwort «erwachet» ist in diesem Vers nicht nur das Thema dieses Kapitels, sondern eigentlich die gesamte biblische Botschaft zusammengefaßt. Vielleicht handelt es sich hier um ein frühes Lied oder ein Glaubensbekenntnis der Urgemeinde. Man muß sich vorstellen, daß sie ja nur aus einer Handvoll Leuten bestand, die es trotzdem wagten, den Menschen ihrer Zeit – eingeschlossen die griechischen Philosophen, die römischen Soldaten und alle Nationen – entgegenzuhalten: «alle schlafen». Dennoch wird hier zu einem ganz anderen Erwachen und Erleuchtet werden als im östlichen Sinn aufgerufen, das nicht außerhalb, sondern gerade innerhalb von Zeit, Raum und Ge schichte geschieht.Die Bibel meint mit Erleuchtung in erster Linie keine passive Sinnes- oder Bewußtseinsänderung im theoretischen Bereich, sondern vornehmlich eine daraus folgende Lebensänderung, die das willentliche Ablegen der Finsternis und das Anziehen des neuen, von Gott geschenkten Wesens des Lichtes – sichtbar im Alltag – beinhaltet. Dabei geht keine Bewußtseinserweiterung durch innere Öffnung von statten. Angenommen, der verlorene Sohn hätte dies bei den Schweinen praktiziert, er hätte durch sein höheres Bewußtsein lediglich seine eigene elende Lage erkannt. Seine «Erleuchtung» bestand jedoch im Erkennen der Entscheidungsnotwendigkeit zur Rückkehr zu seinem Vater und war verbunden mit dem Eingeständnis: «Vater ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir» (Luk. 15,18). Die wahre Erleuchtung, das wahre Erwachen, kam in dem Augenblick, als der Vater ihn in seine Arme schloß. Die Erweckungsbotschaft der frühen Kirche sollte der Welt kein höheres erweitertes Bewußtsein, sondern ein erwachtes, aufgerütteltes Gewissen bringen. Sie sollte zur Heimkehr zum Vater, nicht zu einer Selbstverinnerlichung, zu einer bewußten, willentlichen Hinwendung zum Vater, dem Gott, den wir in Jesus Christus kennen gelernt haben, und nicht zum Rückzug in die eigene Passivität führen. Gott wendet sich an die Verlorenen, an die gefallene Welt, um sie zu beschenken. In der Tat schlafen wir alle und brauchen alle einen Wecker, der uns wachrüttelt, da die Zeichen der Zeit zu schwach zu sein scheinen. Man kann daher in Jesus Christus das Alarmzeichen für die schlafende Welt sehen, und das Geschenk des Erweckt werdens ist daher niemals Produkt eigener Anstrengung, sondern kann von uns bedingungslos im Gebet, indem ich Jesus Christus meine persönliche Schuld und mein Leben im Vertrauen auf seine als zuverlässig erwiesenen Aussagen nenne und überlasse, in Anspruch genommen werden. Die Bedürfnisse des modernen Menschen sind real. Er ist tatsächlich gefangen in einer kommerziellen Welt, im Rationalismus, er leidet an der Ziel- und Orientierungslosigkeit seiner Gesellschaft, aber gerade aus diesem Grund möchte ich ermuntern, sich der Alternative des biblischen Heilsangebotes zu stellen, bevor man sein Leben resigniert und passiv den östlichen Religionen überläßt, um am Ende leer und betrogen «aufzuwachen».

1 «Hey Beatnik», Seite 50ff
2 ebd.
3 Kenneth Walker «Description of his Teaching», Seite 35ff., «The fourth way», Seite 13-14.
4 ebd.
5 ebd.
6 Hermann Hesse: «Mein Glaube – Eine Dokumentation: Betrachtungen, Briefe, Rezensionen und Gedichte»; zit. aus der holl. Ausgabe: «Tussen Oost en West – wat ik geloof», Seiten 20 + 47 ff.
7 Klaus Hoppenworth: «Neue Heilswege aus Femost – Hilfen oder Gefahren?» (Bad Liebenzell – Liebenze!ler Mission 1978), Seite 43.
8 Peter Beyerhaus: «In Ostasien erlebt» (Stuttgart – Ev. Missi onsverlag – 1972), Seite48.
9 ebd., Seite 49.
10 Hermann Hesse, a.a.O.
11 Aldous Huxley: «Pala Island
12 Klaus Hoppenworth: «Der Buddhismus» Wannweil – Wort im Bild- 1977), Seite 105.
Wim Rietkerk

http://www.labri.org/germany/resources.html
http://www.factum-magazin.ch/wFactum_de/
http://www.schwengeler.ch/
Was ist Wahrheit?

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