Wie empfange ich den Heiligen Geist?

1. Die Relevanz dieser Frage
„Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein“, sagt Paulus in Römer 8,9. Wer Christus angehört, hat den Heiligen Geist, und nur derjenige, der den Geist Christi hat, hat wirklich teil an Christus. Es ist daher einsichtig, daß der Heilige Geist im Blick auf die Teilhabe am Heil eine wesentliche Rolle spielt. Es herrscht jedoch eine nicht geringe Unklarheit über die Art und Weise, in der der Heilige Geist zum Menschen kommt, und vielfach sind diesbezüglich falsche Vorstellungen erkennbar. In dieser Schriftstudie soll daher untersucht werden, auf welche Weise der Heilige Geist zum Menschen kommt. Wir beschränken uns dabei auf das Kommen des Heiligen Geistes im Zusammenhang der Zueignung des Heils. Andere Wirkweisen des Heiligen Geistes, die sich nicht auf die Zueignung und Anwendung des Heils beim Menschen beziehen, werden nur am Rande erwähnt. Wir werden dabei die ganze Schrift befragen, nicht nur das Neue Testament, denn erst auf dem Hintergrund des Alten Testaments wird erkennbar, was das neutestamentliche Kommen des Heiligen Geistes beinhaltet. Wir werden dabei sehen, daß der Heilige Geist im Alten wie im Neuen Testament durch das Wort zum Menschen kommt.

2. Heil in Kontext des Alten Testaments
Es ist ein verbreitetes Mißverständnis, Heil bedeute im Alten Testament nur oder vorwiegend diesseitiges Wohlergehen, so als hätte Gott dem alttestamentlichen Bundesvolk nur sein Land, Gesundheit und materiellen Reichtum versprochen. Ferner ist es ein Mißverständnis, wenn man das Leben im alttestamentlichen Heil an das formale und äußere Halten des Gesetzes knüpft und nicht an den Glauben, so als sei die Gnadenverheißung Gottes an das äußerliche, menschliche Verhalten gebunden. Auch im Alten Testament ging es um Heil und ewige Erlösung, um Vergebung der Sünden und Rechtfertigung, und daher im tiefsten Grunde um das Heil, das Christus – aus der Sicht des AT – einst bewirken würde. Abraham wurde sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet (1Mose 15,6), und in diesem Glauben sah er in die Zukunft und „wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“ (Hebr 11,10), auf das himmlische Jerusalem. In diesem Glauben sind alle Gläubigen des alten und neuen Bundes eins (Hebr 11,8-16.39-40). Durch den Glauben hatte Abraham teil an dem verheißenen neutestamentlichen Heil. Gottes Bund mit Abraham ist die Vorgabe für den sinaitischen Bund. Der Bund mit Abraham und seinen Nachkommen bestand und wurde nicht aufgehoben, als Gott am Sinai mit Israel einen Bund schloß, denn der Bund mit Abraham war von Anfang an als ein ewiger Bund konzipiert (1Mose 17,7). In diesen Bund ist das sinaitische Gesetz, wie Paulus sagt, „nebeneingekommen“ (Röm 5,20), um den Bedarf an Heil anzuzeigen, indem es Sünde aufdeckt und Strafe fordert. Zugleich aber macht es deutlich, daß diese Strafe im stellvertretenden Opfer besteht, und verheißt die Vergebung der Sünden über diesem Opfer (3Mose 4,20.26.31.35; 5,10.13.16.18.26). Auch die jährliche Reinigung Israels von seinen Sünden am großen Versöhnungstag macht deutlich, daß Gott Israel vor sich leben läßt aufgrund der Vergebung der Sünden über dem stellvertretenden Opfer (3Mose 16,30). Das gleiche wird bei David deutlich, der nach der Forderung des Gesetzes wegen seiner Sünde hätte sterben müssen, doch er blieb am Leben, weil ihm seine Sünde vergeben wurde (vgl. Ps 32,1-5; 51; 3Mose 20,10; 5Mose 22,22). Das NT lehrt, daß die alttestamentlichen Opfer die Sünden nicht wirklich wegnehmen konnte, sondern daß sie Schatten sind vom Opfer Christi (Hebr 10,1-4). So haben denn auch die Gläubigen des alten Bundes teil an Christus, indem ihnen Christus im Schattenbild des Tieropfers begegnet. Schließlich darf auch erwähnt werden, daß nach 1Kor 10,4 der Fels, von dem Israel in der Wüste trank, eine Gestalt war, unter der Christus Israel begegnete, weshalb dieser Fels auch als „geistlich“ bezeichnet wird. So war Christus schon im Alten Testament gegenwärtig, obwohl er noch nicht offenbar war. Er begegnete seinem Volk sozusagen in verkleideter Gestalt. Israel wurde auch nicht angewiesen, Gott jenseits dieser Gestalt zu suchen, vielmehr band Gott sich selbst und sein Volk an diese konkrete, äußerliche Gestalt, das Gesetz, die Kultordnungen und später an das Königtum.

2.1. Das Gesetz und der Heilige Geist

Der Alte Bund wird wesentlich durch die Gesetzgebung vom Sinai definiert. Das Gesetz ist geistlich (Röm 7,14). Es ist vom Heiligen Geist so gegeben und so gewollt. Es steht dem Heiligen Geist nicht entgegen, sondern nimmt vielmehr eine dem Heiligen Geist gemäße Funktion wahr: Indem es Sünde aufdeckt, weist es den Bedarf auf, den Christus gedeckt hat, und ist auf diese Weise der „Zuchtmeister auf Christus hin“ (Gal 3,24). Auch seine kultischen Ordnungen sind geistlich, denn sie weisen ebenfalls auf Christus und zeigen durch die zahlreichen Opfervorschriften an, daß die Sünde nur durch stellvertretende Sühne, durch blutige Opfer, aus der Mitte geräumt werden kann. So ist der alttestamentliche Kultus die Gestalt, unter der Christus dem alttestamentlichen Gläubigen begegnet und unter der er an ihm teilhat. Wir sehen hier ferner eine direkte Zuordnung von Geist und Recht. Geistlich ist das, was vor Gott recht ist. Dieses Recht hat eine äußere, weltliche Dimension, denn das Gesetz Gottes weist in die Welt und in die Lebensordnungen, die der Schöpfer gesetzt hat. Das Recht, auf das der Heilige Geist zielt, geschieht in der weltlichen Existenz eines Menschen, ganz gleich, ob er im Alten oder Neuen Bund lebt. Es ist die geschöpfliche Welt, die zurechtgebracht werden soll und für die Christus Heil erworben hat. Und die Rechttat, die Jesus Christus vollbracht hat, ist die Erfüllung eben dieses Gesetzes vom Sinai in Raum und Zeit. Er hat es damit geehrt und geheiligt als der unwandelbare und gerechte Wille Gottes. Man kann daher das Gesetz vom Sinai nicht als geistlos oder gar ungeistlich apostrophieren. Wir haben bislang vom Gesetz im Sinne der Ordnung vom Sinai gesprochen. Das ist aber so nicht durchgängig richtig, denn unter „Gesetz“ versteht die Schrift bisweilen auch die fünf Mosebücher, die Thora, als Gesamtheit. Immerhin ist Mose der Prophet des Alten Bundes schlechthin, weil Gott durch ihn wie durch keinen anderen maßgeblich geredet hat. Gott tritt im Heiligen Geist durch Mose dem Volk gegenüber, und an der Thora kann jeder ablesen, was Gottes maßgebliche Ordnung ist.

2.2. Der Heilige Geist, Könige, Priester und Richter
Die alttestamentliche Ordnung sieht nun insbesondere vor, daß das Bundesvolk Zugang zu Gott hat durch beamtete Vertreter, nämlich durch Priester und später durch Könige. Zum Zeichen der Einsetzung durch Gott wurden die Amtsträger gesalbt. Das Volk selbst hat keinen direkten Zugang zu Gott und zur Gnade. Immer steht der menschliche Mittler dazwischen. Gott übt seine Herrschaft nicht in der Form aus, daß der Heilige Geist im Herzen und Gewissen des Einzelnen regiert, sondern der Heilige Geist begegnet dem Gläubigen in Gestalt der Regierung und des Priestertums. Zunächst die Richter und später die Könige sowie die Priester repräsentieren Gott vor dem Volk und das Volk vor Gott. Deswegen ist dem alttestamentlichen Israel auch die Demokratie fremd, weil das Recht von Gott kommt und eben nicht alle, sondern nur wenige den Heiligen Geist haben. Er kommt über verschiedene Richter und Könige und befähigt sie, das Volk zu führen. Dies geschieht auf die Weise, daß er ihnen Einsicht gibt und Weisheit, die anstehenden Probleme in rechter, gottgemäßer Weise zu lösen und damit Heil und Gerechtigkeit zu bewirken. Es ist die Fähigkeit, im Raster des Gesetzes zu urteilen und zu handeln. Auch dort, wo der Heilige Geist Krafttaten wirkt, wie bei den Richtern, geschah dies „durch den Glauben“ (Hebr. 11,32-35): menschlicherseits, also bei den Richtern selbst, war der Glaube, und in diesem Glauben empfingen sie Gottes Handeln, etwa im Sieg über die Feinde. Es ist die Frage, ob die Kraft Gottes in ihren eigenen Arm überging, oder direkt auf das Objekt, auf den Feind wirkte. Bei der Eroberung Jerichos war es offensichtlich, daß Gott selbst ohne menschliche Mithilfe die Mauern fallen ließ. Bei Othniel und Gideon wie auch bei zahlreichen anderen Gelegenheiten heißt es ausdrücklich, daß Gott die Feinde in ihre Hände gab. Ehud „erledigte“ den Feind, indem er ihn ganz „normal“ hinterlistig erdolchte. Von allen Führern Israels könnte Simson am ehesten dem Bild des armstarken Heiden Herkules entsprechen. Doch ging die Kraft Gottes wirklich in seinen Arm über? Der Autor des Richterbuches sagt, daß die Stricke, mit denen ihn die Philister banden, wie versengte Fäden wurden. Hier wirkte Gott offenbar direkt auf das Objekt. Delila verriet er nach langem Drängen ihrerseits sein Nasiräat und sagte: „Wenn ich geschoren würde, so wiche meine Kraft von mir, so daß ich schwach würde und wie alle anderen Menschen“ (Ri 16,17). Das Weichen der Kraft wird allerdings in Ri 16,20 als ein Weichen des Herrn beschrieben. Von daher ist die Frage, ob das Weichen des Herrn tatsächlich eine physische Schwächung der Muskeln des Simson bedeutete. Immerhin fühlte er leiblicherweise seine Schwächung nicht, als er wieder aufstand, um die Philister zu besiegen. Er hatte aber seinen Glauben verraten und nahm es in seinem Bewußtsein nicht wahr, daß der Herr von ihm gewichen war, wie die genannte Stelle ausdrücklich sagt. In positiver Hinsicht würde das heißen, daß Simson bis dahin bewußt, also durch den Glauben, als Nasiräer vor Gott gelebt und gehandelt hatte. Die Stärke Simsons scheint daher auch die Funktion seines Glaubens gewesen zu sein. Von daher erscheint es sinnvoller, anzunehmen, daß Simson in sich so schwach war, wie jeder andere Mensch auch, aber daß Simson „durch den Glauben“ das Wirken Gottes auf das jeweilige Objekt empfing, wenn er es entsprechend anging – etwa die Torflügel am Stadttor von Gaza oder die Säulen des Philistertempels. Wir können diese Frage nicht mit Gewißheit beantworten, aber es scheint doch sinnvoller, von einem Wirken Gottes auf das Objekt zu sprechen, das durchaus nicht den Menschen zum Subjekt übermenschlicher Kräfte macht. Ansonsten laufen wir Gefahr, Gottes Geist zu physikalisieren und Simson in eine Linie mit Herkules oder gar Asterix und Obelix zu stellen. Der Heilige Geist kam bisweilen derart über einen Menschen, daß er in Verzückung geriet. Doch wird nie berichtet, daß ein Mensch aus der Verzückung heraus regiert oder seines Amtes gewaltet habe; die Verzückung ist zur Ausübung des Amtes nicht notwendig. Sie ist vielmehr ein Ausweis, daß der betreffende Mensch von Gott in sein spezifisches Amt berufen ist. Wäre sie das entscheidende Element in der Kommunikation geistlicher Fähigkeiten, dann hätten alle, über die der Geist gekommen ist, in Verzückung geraten müssen und ohne Verzückung hätte es keine rechte Amtsführung gegeben. Wir kehren noch einmal zurück zu dem Amtsträgern als solchen. Wir beobachten, daß der Heilige Geist nicht automatisch an das Amt gebunden ist, denn er kann auch von den Amtsträgern weichen, wie es bei Saul ausdrücklich berichtet wird. Offensichtlich waren auch zahlreiche israelitische und judäische Könige nicht mit dem Heiligen Geist erfüllt, als sie taten, was dem Herrn übel gefiel, obwohl sie gesalbt waren oder als „Gesalbte“ bezeichnet werden. Gleiches gilt von den Priestern. Gottes Geist geht also nicht im jeweiligen Amt auf, aber eine authentische Begabung mit dem Geist findet im Amt ihren rechten Ausdruck. Auf das Problem, daß die Amtsträger keineswegs immer im Heiligen Geist handelten, antwortet das Alte Testament mit der messianischen Verheißung, daß aus dem Stamm Isais ein Reis aufgehen wird, auf dem der Geist des Herrn ruht. Der Geist wird spezifiziert als „der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn“ (Jes 11,1-2). In ihm ist der Geist dauerhaft gegenwärtig. Das alttestamentliche Priester- und Königtum findet dementsprechend seine Erfüllung im Priester- und Königtum Christi.

2.3. Der Heilige Geist und das Wort der Propheten

Gottlosen Königen, ungehorsamen Priestern und einem zum heidnischen Aberglauben abgefallenen Volk treten die Propheten gegenüber. Ihr Wort ist ein Protest für das Gesetz des Mose. Sie fordern das Recht Gottes ein, und zwar wieder in der weltlichen Dimension. Sie fragen nach der tatsächlichen Anbetung Gottes und kritisieren den Baalskult, sie rufen zum Gebrauch von geeichten Meßgeräten, zum Schutz von Witwen und Waisen, zur Sabbatheiligung und vielen konkreten Dingen mehr. An ihrer Übereinstimmung mit dem Gesetz des Mose wurden sie als echte, von Gott gesandte Propheten erkannt. Es ist nun von besonderer Bedeutung, daß ausdrücklich gesagt ist, daß der Geist Christi – der Heilige Geist – durch die Propheten geredet hat (1Petr 1,10-12). Ihr Wort ist das Wort des Geistes Christi. Der Inhalt der prophetischen Rede ist strukturell Gesetz und Evangelium: wir finden sowohl Verheißungen von Heil und Sieg, die das Volk zu Glauben rufen sollen, als auch schonungslose Aufdeckung der Sünden. Es ist eine Frucht des Erfülltseins mit dem Geist, daß der Prophet mutig und ohne Furcht dem Volk seine Sünden ansagt und es zur Umkehr ruft beziehungsweise das Gericht verkündet (Micha 3,8); strukturell das gleiche geschah übrigens auch in der Pfingstpredigt des Petrus. In der Rede des Heiligen Geistes durch die Propheten haben wir es ebenso wie bei den fünf Büchern Mose mit dem inspirierten, durch das theopneustische Wirken des Heiligen Geistes gegebenen Wort Gottes zu tun. Dieses Wort ist das, was für die alttestamentliche Gemeinde relevant ist. Sie soll auf dieses Wort hören. Wir lesen in Nehemia 9,20.30: „Und du gabst ihnen deinen guten Geist, um sie zu unterweisen, und dein Manna versagtest du nicht ihrem Munde und gabst ihnen Wasser, als sie dürstete. (vgl. 4. Mose 11,17.25)“ „… du hattest viele Jahre Geduld mit ihnen und warntest sie durch deinen Geist in deinen Propheten, aber sie nahmen’s nicht zu Ohren. Darum hast du sie gegeben in die Hand der Völker in den Ländern.“ Sacharja 7,11-12 stellt fest: „Aber sie wollten nicht aufmerken und kehrten mir den Rücken zu und verstockten ihre Ohren, um nicht zu hören, und machten ihre Herzen hart wie Diamant, damit sie nicht hörten das Gesetz und die Worte, die der HERR Zebaoth durch seinen Geist sandte durch die früheren Propheten. Daher ist so großer Zorn vom HERRN Zebaoth gekommen.“ Der Heilige Geist trat nach diesen Worten dem Volk Israel im alten Bund in der Gestalt der Propheten gegenüber. Durch ihre Worte wurde der Geist „gegeben“. Es wird deutlich, daß der Heilige Geist dem Volk dort, wo es wirklich um Sünde und Gnade, Glauben und Unglauben und Heil und Unheil ging, in äußerer, menschlicher Gestalt begegnete, und zwar im äußeren, menschlichen Wort. Die Absicht, die der Geist verfolgte, war, das Volk zu unterweisen, es zu lehren, zurechtzuweisen, zu warnen und zum Glauben zu bringen. Daraus wird erkennbar, daß das Wirken des Geistes sich an den menschlichen Verstand richtete. Auf dem Wege von Einsicht und Weisheit wollte er die Menschen regieren. Die Tatsache, daß Israel sein Herz verhärtete und am Sinaibund scheiterte, spiegelt die (von Gott beabsichtigte) Schwäche der alttestamentlichen Ordnung wider. Der Heilige Geist konnte in deren Rahmen immer nur zu einer im Grunde sündenaufdeckenden Ordnung weisen, in der es wohl Vergebung gab, aber der Rechtsgrund der Vergebung, das vollbrachte Werk Christi, war noch nicht kommunikabel, weil es noch nicht offenbart war. Christus begegnete zwar den Israeliten in den das ganze Leben begleitenden Kultordnungen. Durch sie und die sie begleitenden Verheißungen begründete er den Glauben an die Vergebung und das Heil. Aber er wohnte noch nicht in ihnen in Gestalt einer im Herzen und Gewissen verankerten geistlichen Gesinnung, in Gestalt des Kindessinns und der Gewißheit der Vergebung aufgrund des ein für allemal vollbrachten Werkes Christi und in Gestalt des Gehorsams „von Herzen“ (Röm 6,17). Dies wurde vielmehr für den Neuen Bund zugesagt (Jer 31,33-34; Hes 36,26-27). An dem fehlenden Vermögen des Sinaibundes, wirklich Heil zu bewirken und ins Heil zu stellen, wird zugleich exemplarisch deutlich, daß Israel ebenso wie die Welt nicht durch den Sinaibund gerettet wird, sondern durch den Neuen Bund. Auch wird der Grundsatz offenbar, daß Werke, die von einer Sollordnung vom Menschen gefordert werden, den Menschen nicht heilen können. Wir halten aber fest, daß der Heilige Geist dem Volk in Gestalt des äußeren, menschlichen Wortes und äußerer Ordnungen begegnete. War schon das in Wort gefaßte Gesetz geistlich, so ist auch die am Gesetz orientierte prophetische Rede Wort des Heiligen Geistes. Für den Israeliten relevant ist dieses vom Geist geredete, menschliche Wort. Wir erkennen also, daß der Heilige Geist seinem Wesen nach ein redender Geist ist und als solcher dem einzelnen Glied des Gottesvolkes begegnet. Die außergewöhnlichen Wirkweisen des Geistes wie Verzückung, Visionen und Auditionen, Zeichen und Wunder, finden ausschließlich bei den erwählten und zu einem besonderen Amt berufenen Dienern Gottes und in ihrem Umfeld statt.

3. Der Heilige Geist im Neuen Testament

3.1. Das Christuszeugnis des Heiligen Geistes

Das Kommen des Heiligen Geistes im Neuen Testament hat die Sendung Christi, seine Erniedrigung, seinen Tod, seine Auferstehung und Erhöhung zur Voraussetzung (Joh 16,7). Als der erhöhte Herr, der Christus, der auf dem Thron Davids sitzt, übt er nun seine Herrschaft aus durch den Heiligen Geist und bringt die Prophetie von Jes 11,1-2 zur Erfüllung, wobei das dort verheißene Gericht noch aussteht. Aber er ist der von Gott eingesetzte König aus dem Stamm Davids, der jetzt schon regiert (Mt 28,18; Apg 2,29-36; 15,16-17; Röm 1,4). Unter seiner Herrschaft wird die gefallene Welt wieder zurechtgebracht, wobei diese Herrschaft das Ziel verfolgt, daß alles zu seinen Füßen gelegt wird. Dieses Ziel wird allerdings nicht auf evolutivem Wege erreicht, sondern durch die leibhaftige Wiederkunft und das Gericht. Christus sammelt sich jetzt sein Volk, das neutestamentliche Bundesvolk aus allen Völkern, das zu den alttestamentlichen Gläubigen hinzukommt (Röm 11,17-18), um mit diesem Volk in der neuen Schöpfung Gemeinschaft zu haben. Diese Sammlung geschieht jetzt weltweit durch den Heiligen Geist, durch den Christus als Haupt regiert. Durch den Geist ist er jetzt auf Erden wirksam. Doch das Erstaunliche und für den Menschen zugleich Befremdliche ist, daß er seinen Knechten nicht per Gesetz gegenübertritt wie andere Herrscher. Sein Geist wirkt dadurch, daß er fleischgewordenen Christus bezeugt und den Glauben eines Menschen auf diesen gewissen, geschichtlichen Grund stellt. Jesus sagt vom Heiligen Geist in geradezu programmatischer Form: „Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir.“ (Joh 15,26; vgl. 16,14) Ebenfalls in den Abschiedsreden identifiziert Jesus den Inhalt des Zeugnisses des Heiligen Geistes: „Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; über die Sünde: daß sie nicht an mich glauben; über die Gerechtigkeit: daß ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; über das Gericht: daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist.“ (Joh 16,8-11) Das Zeugnis des Heiligen Geistes gegenüber den Menschen ist hier in dreifacher Orientierung an Jesus Christus ausgewiesen: Er spricht von der Sünde, die nunmehr darin gipfelt, daß die Menschen dem Sohn Gottes den Glauben versagen. Damit ist nicht gesagt, daß die Übertretungen des Gesetzes keine Sünde wären, sondern damit ist die Sünde, die Menschen an Gott begehen, an den offenbaren Gott gebunden: sie versagen Christus den Glauben trotz der in ihm offenbaren Freundlichkeit und Gerechtigkeit Gottes – und begehen in ihrem Unglauben jene Sünden, von denen das Gesetz spricht. Solches deckt der Heilige Geist auf und führt zur Umkehr. Ferner spricht er von dem erhöhten Christus als der Gerechtigkeit: er bezeugt der Welt des Unglaubens und der Sünde, daß Christus der Anbruch der neuen, gerechten Welt ist. Der Heilige Geist steht damit nicht im Dienst eines Ideals indem er den Menschen zur Erfüllung eines Solls drängt, sondern er bezeugt eine bestehende Wirklichkeit. Christus hat ja durch seinen Tod und seine Auferstehung die Gerechtigkeit erwirkt, so daß er selbst die Wirklichkeit der neuen Welt ist. In dieser Eigenschaft kann er zum Vater gehen. Dort ist er der Stellvertreter, in dem die Vielen ihre Gerechtigkeit finden. Von dieser unsichtbaren Wirklichkeit, in der das Heil für die Welt besteht, redet der Heilige Geist. Schließlich bezeugt der Heilige Geist, daß der Satan, der diese Welt in seinen zerstörerischen Klauen hält, gerichtet ist: seine Macht ist gebrochen, er kann den, der in Christus ist, nicht mehr ins Verderben ziehen, weil Christus ihn durch seinen Tod und seine Auferstehung überwunden hat. Er verkündet den in Sünde und Tode gefangenen, daß sie frei sind und daß das Herrschaftsverhältnis zum Satan aufgelöst ist. – Es wird ersichtlich, daß der Heilige Geist die Absicht verfolgt, Glauben zu begründen, der auf diese Wirklichkeit sieht und mit ihr rechnet. An seinem Zeugnis von Christus wird der Heilige Geist in seinem Wirken erkannt. Wo nicht der fleischgewordene, gekreuzigte und leibhaftig auferstandene Herr bezeugt und als die Heilswirklichkeit dargestellt wird, haben wir es nicht mit dem Heiligen Geist zu tun. Wenn neben dem Glauben Geistbewegungen bei Menschen gefordert werden und in diesen das Heil eines Menschen gesehen wird, dann ist das nicht dem Heiligen Geist gemäß; diese Geisterlebnisse treten dann in Konkurrenz zu dem Werk Christi. Der Heilige Geist lenkt dagegen die Aufmerksamkeit der Christen auf Christus, und zwar auf den Christus, der hier auf Erden gelebt und stellvertretend für uns gehandelt hat, er heiligt den Menschen, indem er ihn zum Glauben an diesen Christus führt. Diese Beobachtung ist ganz wesentlich. Darin besteht zugleich das Neue gegenüber dem Alten Testament. Der eigentliche Unterschied zwischen dem Wirken des Geistes im Alten und im Neuen Testament ist wesentlich inhaltlicher Art. Wir sahen, daß der Heilige Geist im AT auf eine zu erfüllende Sollordnung wies; im NT weist er auf die Erfüllung dieser Ordnung in Christus. Bekanntlich wird im Alten Bund verheißen, daß in der Zeit des Neuen Bundes das äußere und in Worte gefaßte Gesetz Gottes in das Herz der Gläubigen geschrieben werden soll. Aufgrund der Erfüllung des Gesetzes ist es möglich, daß der Heilige Geist Christus, das erfüllte alttestamentliche Gesetz, gemäß der Verheißung ins Herz „schreibt“: er bezeugt dem Herzen und Gewissen durch das äußere Wort, daß keine Forderung des Gesetzes mehr gegen den Menschen steht, daß Gott um Christi willen dem Menschen gnädig ist, daß der Mensch in Christus Gottes Sohn ist und durch die Auferstehung wiedergeboren ist zu einer lebendigen Hoffnung. Infolgedessen kann der Christ den heiligen Gott als Vater anreden. Als erfüllte Ordnung kann das Gesetz wirklich dauerhaft im Herzen des Christen anwesend sein und ihn regieren, und als erfüllte Ordnung kann er es lieben und darin leben, so wie ein Erbe das ererbte Gut schätzt und gebraucht. Als Sollordnung wäre es unwirksam und könnte nicht den Heiligen Geist und das Heil herbeiführen, wie aus dem alttestamentlichen Zusammenhang sowie aus Gal 3,2.5 (s.u.) sichtbar wird. Im übrigen beobachten wir, daß der Heilige Geist „Zeugnis gibt“, „verkündigt“ und „redet“. Er wirkt durch das Wort, nicht durch Druck und Stoß oder durch Gefühle, Sehnsüchte und Visionen. Wie dieses Wort kommuniziert wird, werden wir weiter unten darstellen.

3.2. Das Kommen des Heiligen Geistes im Neuen Testament

Die Ereignisse an Pfingsten, das Brausen wie von einem Wind, die Feuerzungen und die Sprachenrede sind weder die regulären Begleiterscheinungen beim Geistempfang, noch die eigentlichen Kommunikationswege, deren sich der heilige Geist bedient. Diese Begleiterscheinungen werden auch an keiner Stelle des Neuen Testaments als für alle Gläubige notwendige Erfahrungen ausgewiesen. Im Gegenteil, selbst von jener großen Zahl, die durch die Pfingstpredigt des Petrus zum Glauben kam, wird dies alles nicht gesagt. Die Begleiterscheinungen weisen vielmehr auf die Apostel und ihre Predigt. Sie signalisieren, daß Gott nun einen neuen Schritt in der Heilsgeschichte unternimmt und identifizieren, durch wen der Heilige Geist autoritativ redet (vgl. Apg 2,22; auch Röm 15,19, wo Paulus von seiner speziellen Berufung und Vollmacht spricht). Auch die Worte Jesu am Ende des Markusevangeliums scheinen in diese Richtung zu weisen: „Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: in meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Zungen reden, Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden; auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird’s besser mit ihnen werden.“ (Mk 16,17-18) Die genannten Erscheinungen, nämlich die Austreibung von Dämonen, die Zungenrede, das Überleben bei Schlangenbiß und Gift und die erfolgreiche Krankenheilung werden als Zeichen benannt. Sie sind nicht in sich das Heil oder die Heilswirklichkeit. Die Frage ist, auf welche Wirklichkeit sie weisen. Zunächst wird gesagt, daß diese Zeichen den Gläubigen folgen, also ihnen gegeben sind und sie auf die in Frage stehende Wirklichkeit weisen. Da diese Worte im Zusammenhang des Missionsbefehls genannt sind, vermuten wir, daß es sich um Zeichen handelt, die die Apostel ausweisen sollen und den Gläubigen die Gewißheit vermitteln, daß Gott durch die Apostel das Heil in Christus zueignet. Die Zeichen stehen im Dienst der apostolischen Predigt, wie auch aus der Apostelgeschichte erkennbar wird: Gott läßt Neues verkündigen und bekräftigt dies durch Zeichen und Wunder. Es ist weder in diesen Worten behauptet noch durch die Apostelgeschichte bezeugt, daß diese Zeichen bei allen Gläubigen vorhanden sein müßten. Auch wird hier nicht ausgeschlossen, daß die Zeichen nur auf die apostolische Zeit beschränkt wären. Wenn sie aber die Autorität der Apostel bezeichnen sollen, dann haben sie mit dem Ende der apostolischen Zeit ihre Aufgabe erfüllt. (Wir bedenken allerdings, daß wir mit diesen Versen aus dem Markusevangelium textlich unsicheren Boden unter den Füßen haben.) Aus Apg. 10,44-47 geht hervor, daß auch Heiden den Heiligen Geist empfangen, wenn sie glauben, wobei der Glaube aus dem Wort kommt. Die Besonderheit des Ereignisses im Hause des Kornelius in Apg. 10 macht den Ausweis durch entsprechende Zeichen erforderlich: Petrus und seine jüdischen Begleiter erkennen anhand der Zungenrede und der Parallele zu Pfingsten, daß nunmehr auch Heiden Zugang zum Heil in Christus haben, ein absolutes Novum, dessen die jüdischen Beobachter durch die begleitenden Zeichen vergewissert werden. Der Heilige Geist kommt also nicht zu den Gläubigen auf dem Wege ekstatischer Erlebnisse, in Gestalt des Empfangs von Geistesgaben, oder weniger geräuschvoll durch eine nicht näher definierbare innere Berührung des menschlichen Geistes, die entsprechende gefühls- oder erfahrungsmäßige Äußerungen zur notwendigen Folge hätte. Diese Zeichen haben vielmehr das Kommen des Geistes in der Anfangszeit in einzelnen Fällen begleitet. Offensichtlich aber waren sie schon in der apostolischen Mission nicht mehr die Regel, denn sie werden im übrigen NT nicht als notwendige Bedingung oder Gestalt, unter der der Heilige Geist empfangen wird, gefordert. Zu erwähnen wäre auch, daß ein direktes, nicht durch das Wort geschehendes Wirken des Heiligen Geistes im heilsgeschichtlichen Zusammenhang der Christusoffenbarung steht, so bei Jesus selbst (Lk 1,35; Mt 1,18; 3,16; Joh 1,32-34, Lk 4,14; Röm 8,11), bei Simeon (Lk 2,25-27), Johannes dem Täufer (Lk 1,17.41.67) und selbstverständlich auch bei den Aposteln (vgl. die obigen Stellen sowie Ag 11,12; 16,6-10). Daraus den Schluß zu ziehen, daß dies generell die Art sei, in der der Heilige Geist Menschen führe oder gar ihnen Heil zueigne, ist deswegen verfehlt, weil keine positive Aussage diesen Schluß deckt.

3.3. Die Inspiration der Apostel

Im Blick auf die Apostel ist ferner entscheidend, daß der Heilige Geist sie getragen hat in Ihrem Zeugnis von Christus, das zur neutestamentlichen Schrift führte. Sie waren Augenzeugen des Christusgeschehens und haben Christus wie niemand sonst kennengelernt. Ihnen hat Jesus den Heiligen Geist verheißen, sie bei ihrem Zeugnis von Christus zu tragen (Joh 16,12- 15). Die in diesen Versen gegebene Geistverheißung bezieht sich spezifisch auf die Apostel. Jesus sieht hier das Reden des Heiligen Geistes als eine Fortsetzung seiner eigenen Rede. Nur die Apostel kann der Heilige Geist an das, was Jesus gesagt hat, „erinnern“ (Joh 14,26), denn nur sie waren zuvor mit Jesus gewesen. Ihre Schriften sind es, die Christus maßgeblich bezeugen. Durch ihr Wort teilt der Heilige Geist Christus mit und erklärt und verherrlicht den Gekreuzigten und Auferstandenen. Es ist dies das Wesen der Tätigkeit des Geistes: Christus mitzuteilen, damit er erkannt werde als der Heiland. Damit ist das biblische Wort als Heilsmittel erkannt. Es ist dies der tiefste Sinn der Inspirationsaussage; sie zeigt den Grund, warum der Heilige Geist uns durch das biblische Wort mitgeteilt wird. Allerdings wird in Joh 16,8-11 auch gesagt, was der Heilige Geist gegenüber der Welt tut, doch er tut dies durch das apostolische Wort.

3.4. Der Heilige Geist im apostolischen Wort

Positiv begegnet der Heilige Geist den Gläubigen in der zur Umkehr führenden apostolischen Predigt. Petrus verkündigte dem Haus des Kornelius, und während er redete, „fiel der Heilige Geist auf alle, die dem Wort zuhörten“ (Apg 10,44). Es kam also zu dem von Gott geschenkten Verstehen der Predigt. Das Wort verhallte nicht, sondern Gott gab, daß es die Frucht des Glaubens hervorbrachte. Petrus predigte übrigens – nicht nur bei Kornelius, sondern allerorten – in dem Bewußtsein, daß sein menschliches Wort Gottes Wort ist, der lebendige Same, durch den ein Mensch wiedergeboren wird, indem er glaubt, was das Wort sagt (1Petr 1,23-25). Und durch den Glauben an das apostolische Wort Heiliger Schrift hat der Mensch das Leben, die Gemeinschaft mit Christus (Joh 20,31, 1Joh 1,3). Auch Paulus stellt heraus, daß der Glaube und damit die Teilhabe an Christus „aus der Predigt“ kommt (Röm 10,17). Damit ist nicht gemeint, daß die „Predigt“ im Sinne der neueren Theologie als ein Geschehen zu verstehen ist, mit dem sich der Heilige Geist je und je aktuell verbindet wo und wann es Gott gefällt, sondern aus der ganz normalen und sachlichen Predigt der Schrift erwächst der Glaube. In Gal 3,2.5 stellt Paulus die Frage: „Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?“ „Der euch nun den Geist darreicht und tut solche Taten unter euch, tut er’s durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?“ Diese beiden Fragen sollen den Leser des Briefes daran erinnern, daß er den Heiligen Geist unter der zur Umkehr und zum Glauben führenden Predigt des Apostels empfangen hat, nicht aber durch religiöse Werke oder andere unmittelbare Geisterlebnisse, die in sich wieder ein Erfahrungssoll darstellen. Analog zu dem Wort der alttestamentlichen Propheten redet der Heilige Geist durch das Wort der Apostel, so daß es bei den Hörern zum „Empfang“ des Geistes kommt. Auch im Neuen Testament sehen wir: Er nimmt Wortgestalt an. Der Empfang aber geschieht „durch den Glauben“ (Gal 3,14), weil er im Wort, demgegenüber allein Glaube möglich ist, mitgeteilt wird. Der Glaube aber entsteht nicht automatisch beim Hören des Wortes, sondern wann und wo immer Gott es will. Ob es also zum Glauben kommt, liegt am Erwählungsratschluß Gottes. Weil der Geist Christi das Wort ausgesprochen hat, bleibt es das Wort des Heiligen Geistes auch dann, wenn es einen Menschen nicht zum Glauben führt.

3.5. Christus – im Heiligen Geist gegenwärtig

An mehreren Stellen spricht die Schrift von der Gegenwart Christi im Gläubigen. Es ist uns nach dem, was wir anhand der Schrift entfaltet haben, einsichtig, daß diese Gegenwart keine substantielle oder dynamische ist, sondern daß die Gegenwart Christi im Heiligen Geist, der ja „Geist Christi“ genannt wird, gegeben ist, und dieser kommt zu uns im Wort. Darum sagt die Schrift konsequenterweise, daß Christus „durch den Glauben“ im Herzen der Christen wohnt (Eph 3,17). Auch die klassische Aussage von der Innewohnung Christi im Menschen in Gal 2,20 lautet vollständig: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“ Die Gegenwart Christi im Gläubigen hat also ihren Grund im Glauben. Die Schrift macht keine Aussage, daß der Heilige Geist zum Zwecke der Heilszueignung auf anderen Wegen als durch das Wort zum Menschen kommt und in anderer Gestalt als im Glauben bei oder in ihm ist. Wir haben daher auch nicht das Recht, solche Dinge im Namen einer höheren oder vollkommeneren Geistlichkeit zu fordern. Indem man eine unmittelbare Innewohnung des Heiligen Geistes fordert, muß man sie zugleich anthropologisch festmachen, also einen Ort im Menschen angeben, an dem sie stattfindet. Die Innewohnung Christi in die Sphäre der wortlosen Verborgenheit oder des Gefühls zu verweisen, ist nur eine Ausflucht, die dahin führt, daß man Christus im Grunde nur tiefenpsychologisch erfassen kann. Die Innewohnung ist aber nach der Schrift nachvollziehbar, weil Christus durch das äußere Mittel, durch das Wort, zum Menschen kommt. Sie ist ferner nachvollziehbar, weil sie erkennbar ist am Glauben und an der mit ihm gegebenen geistlichen Gesinnung, die der Geist durch das Wort schafft. Die Schrift ermahnt uns nicht, auf ein nicht definierbares Drängen des Geistes zu warten oder auf innere Stimmen oder Eindrücke zu hören. Sie ermahnt uns vielmehr, auf Mose, die Propheten und den von den Aposteln bezeugten Christus zu hören. An keiner Stelle in der Schrift tritt der Heilige Geist dem Gläubigen als innere Stimme gegenüber. Er geht in Gestalt des Wortes in das Herz und Gewissen des Menschen ein und bewirkt dort eine gottgemäße Herzensbindung. Er macht das Herz weise und einsichtig, so daß seine Gedanken geistlich sind. Auf diese Weise schafft der Geist die Besonnenheit, in der der Christ sein Verhalten begründet. Aus dieser Gesinnung heraus, die der Heilige Geist durch das Wort lehrt, trifft der Christ seine Entscheidungen. Entsprechend wächst auch die Frucht des Geistes als eine Frucht der Erkenntnis Christi, als eine Frucht des Glaubens. Fraglos macht der Christ durch Glauben auch Erfahrungen. Er erlebt Führungen und Gebetserhörungen, er erlebt Siege und Befreiung, doch alles als Frucht des Glaubens (vgl. Hebr 11)! Doch in diesen Dingen steht nicht die Verwirklichung seines Heils. Es kann immerhin auch sein, daß er erlebt, wie Gott sein Angesicht verbirgt, wie er in Not und Verfolgung gerät und Gott diese nicht wendet, mithin also das Unheil bleibt. Der Glaube ist dann in besonderer Weise herausgefordert, auf die unsichtbare Wirklichkeit zu sehen. Der Erfahrung oder der vorfindlichen Wirklichkeit eignet immer etwas Relatives und Unvollkommenes, das uns nicht berechtigt, die Heilswirklichkeit beim Menschen zu sehen. Christsein ist nach der Schrift Glaube an Jesus Christus, an die Rechtfertigung und Heiligung in seinem Sühnopfer. Derselbe Glaube wird auch darauf vertrauen, daß Gott seiner Zusage gemäß die Seinen führt, sie bewahrt und ihren Fuß nicht gleiten läßt, doch ohne daß weitere Details durch innere Stimmen kommuniziert werden. Diese inneren Stimmen oder ein inneres Drängen unterminieren den Glauben und stellen den betreffenden Menschen unter ein neues Soll, das er nicht mehr frei, sondern knechtisch erfüllen muß und gegebenenfalls sogar will. Es ist zwar für viele unreife und glaubensträge Christen sehr bequem, die Abhängigkeit von inneren Stimmen und unmittelbarer Führung zu suchen, doch ist dies nicht das Leben in der Freiheit des Kindes Gottes, das den Willen des Vaters aus seinem Wort kennt, liebt und tut.

4. Einwände aufgrund unterschiedlicher Sichten des Geisteswirkens

Man könnte nun einwenden, der Heilige Geist sei damit geradezu seines Geheimnisses entkleidet und in die Sphäre des Äußerlichen gerückt. Der religiöse Mensch, der Mystiker und der an Innerlichkeit interessierte Christ wird daran wenig Gefallen finden. Er sucht den Heiligen Geist, seine Berührung, seine Kraft und sein Wirken neben oder über dem Wort, freilich – wenn er bibeltreu sein möchte – immer in Verbindung mit dem Wort und nicht über den vom Wort gesetzten Rahmen hinaus, aber doch so, daß ihm das Wort nicht ausreicht und er die unmittelbare Berührung mit dem Geist fordert. Mit dieser Forderung aber möchte er zugleich ein Stück Heilswirklichkeit beim Menschen erstellt sehen. Er kann das Gerettetsein des Menschen nur annehmen, wenn er tatsächlich eine heile Sphäre im Menschen denken kann oder eben des neuen Menschen in irgendeiner Form ansichtig wird. Um dem Werk Christi keinen Abtrag zu tun, versteht er die innere Erneuerung als eine Ausdehnung des Werkes Christi, als aktuelles Ergriffenwerden vom Auferstandenen, und dies ist ein materielles Plus zu dem historischen Werk Christi, ein Schaffen von leibhaftig sichtbarer Heilswirklichkeit neben dem Werk Christi von damals. Er übersieht dabei aber die vollkommene und ausreichende Wirklichkeit des Heils in Christus als dem Stellvertreter. Zugleich ist damit gesagt, daß der Glaube nicht der einzige Weg ist, auf dem dem Menschen das Heil zuteil wird. Dem Glauben wird die vom Geist bewirkte Erneuerung – in welcher Gestalt auch immer – nebengeordnet. Die Heilsgewißheit ruht dann nicht auf dem Wort allein, sondern auch auf der Erfahrung, die der Mensch erst machen muß. Wir haben dies an anderer Stelle als Schwärmerei bezeichnet, weil der Mensch hier gottesunmittelbar sein möchte – eine Frucht der menschlichen Hybris, die sich nicht mit dem Glauben, den Gott uns angewiesen hat, bescheidet, sondern hier schon sehen und erleben will, um nicht mehr nur glauben zu müssen. Ferner wird eingewendet, Christus wohne doch im Herzen der Gläubigen, so daß aufgrunddessen eine substanzhafte oder dynamische Innewohnung postuliert wird. Eine substantiell- seinshafte Innewohnung Christi lehrten die griechischen Kirchenväter, und auch die westliche Kirche übernahm – vor allem durch Augustin – vergleichbare Vorstellungen. Eine aktuell-dynamische Anwesenheit Christi dürfte eher dem modernen Denken entsprechen. Das bekannte Buch von M. W. Ian Thomas, Christus in euch – Dynamik des Lebens, macht dies augenfällig deutlich. Auch außerhalb der Gemeinde, in der modernen religiösen Welt, ist die Bereitschaft, Gott oder das Göttliche als unpersönliche Kraft zu sehen, sehr groß. Gerade dies aber sind heidnisch-philosophische Vorstellungen von der Gegenwart oder Wirksamkeit Gottes in der Welt, die dem inkarnatorischen Denken der Schrift entgegenstehen. Die Schrift sieht die Wirklichkeit Gottes ebenso wie die des neuen Menschen in dem fleischgewordenen und leibhaftig auferstandenen Jesus Christus, und den Heiligen Geist als redenden Geist im biblischen Wort. Man wird weiter einwenden, Paulus und seine Reisegefährten hätten doch den Heiligen Geist unmittelbar redend erfahren, als sie den Weg nach Mazedonien gewiesen bekamen. Es heißt in Apg 16,6-10: „Sie zogen aber durch Phrygien und das Land Galatien, da ihnen vom heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort zu predigen in der Provinz Asien. Als sie aber bis nach Mysien gekommen waren, versuchten sie, nach Bithynien zu reisen; doch der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu. Da zogen sie durch Mysien und kamen hinab nach Troas. Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiß, daß uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.“ Hier scheint der Heilige Geist doch unmittelbar wirksam zu werden. Es wird nicht gesagt, daß er durch Druck und Stoß, inneres Drängen oder durch ähnliche Mittel geführt hätte. Ist es nicht denkbar, daß Paulus und seine Begleiter durch das Wirken des Heiligen Geistes in ihrem eigenen Denken und ihren Perspektiven für ihre weitere Arbeit erkannten, daß ein Weg nach Bithynien keinen Sinn ergeben hätte? Auch die nächtliche Erscheinung des Mannes aus Mazedonien wird durch den wachen Verstand geprüft und als Wegweisung Gottes erkannt. Das Wort, das die Lutherübersetzung in V. 10 mit „gewiß“ übersetzt, ist im Grundtext ein Verb und besagt, daß die Missionare aus dem Gesicht den Schluß zogen, daß Gott sie nach Maze donien berufen hatte. Dem Gesicht folgte also eine bewußte und überlegte Entscheidung. Die Apostel verstanden die Vision nicht als ein Plansoll, unter das sie gestellt wurden, sondern sie erkannten hier in der Freiheit der menschlichen Überlegung die von Gott geöffnete Tür für ihre weitere Missionsarbeit. Wir sehen also den Heiligen Geist eingehen in ganz normale menschliche Überlegungen. Das ist sachlich auch in Mt 16,16-17 der Fall, wo Jesus Petrus bestätigt, daß Gott selbst ihm geoffenbart habe, daß er der Messias sei. Gott war aber in seinem offenbarenden Handeln Petrus nicht direkt redend gegenübergetreten, sondern in die ganz normalen menschlichen Überlegungen, die freilich an das offenbare Wort gebunden waren, eingegangen. Wir haben es hier also weder hier noch in der Apostelgeschichte mit einer Anweisung zu tun, aus den nächtlichen Träumen oder inneren Stimmen das Handlungssoll für unseren Alltag abzulesen. Gleiches gilt analog auch für die Geistesgaben. Ohne Frage gibt sie der Heilige Geist in dem Maße und in der Gestalt, wie er es will und in einer nach außen nicht erkennbaren Weise. Es ist daher auch nicht für den Gläubigen möglich, den Empfang einer Gabe bei sich vorzubereiten oder eine Gabe zu trainieren, damit sie – ansehnlich „gestylt“ – ihren Träger als würdigen Christen hervorhebt. Diese Vorstellung sieht die Gabe als eine im Menschen seinshaft ruhende Potenz, die jeweils nach außen verwirklicht und zur Praxis werden soll. Nach der Schrift aber soll der Christ, wenn ihm Gott eine Gabe gibt, nichts mehr als dem Geber und seiner Gemeinde damit dienen. Wer mehr sucht, mißbraucht die Gabe. Geistesgaben sind keine Heilsgaben. Die Mitteilung einer Geistesgabe ist nicht gleichzusetzen mit der Zueignung des Heils. Letztere ist vielmehr die logische Voraussetzung für jene. Die Heilszueignung auf dem Wege Wort – Glaube ist also der Rahmen, innerhalb dessen Geistesgaben statthaben. Die Gaben sprengen mit ihrer Stoßrichtung nicht diesen Rahmen, sondern müssen immer in Dienst der Erkenntnis des historischen Jesus Christus stehen, denn zu diesem hin soll die Gemeinde wachsen (Eph 4,15-16). Wo sie diesen Dienst verfehlen und nicht der Auferbauung des Glaubens dienen, wo das Erlebnis, das Gefühl der Gottesnähe, die leibliche Heilung, die subjektive Heiligung oder das Wunder als solches im Vordergrund stehen, handelt es sich nicht um Gaben des Heiligen Geistes. Es wäre ferner verfehlt, am Vorhandensein der Gabe die Heilsgewißheit abzulesen, weil es auch natürliche Gaben gibt ebenso wie nachgeahmte Fähigkeiten und auch dämonische „Gaben“. Schlüsse, die aus dem gezogen werden, was der Christ sieht, erfährt, erlebt oder fühlt, können Fehlschlüsse sein und daher keine Gewißheit begründen.

5. Zusammenfassung

Wir haben eine Reihe von Schriftstellen befragt bezüglich des kommens des Heiligen Geistes zu den Gläubigen und entnommen, daß der Heilige Geist zur Zueignung des Heils durch das Wort kommt und im Glauben im Herzen des Menschen wohnt. Es ist an keiner Stelle der Schrift erkennbar, daß der Heilige Geist Heil zueignet ohne das äußere, biblische Wort. Vielmehr empfangen wir den Heiligen Geist in, mit und unter dem biblischen Wort, und wir „haben“ ihn, indem wir dem Wort glauben.

Bernhard Kaiser © Institut für Reformatorische Theologie gGmbH (erstmals erschienen in Bibel und Gemeinde 93 [1993], S. 107-120)

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