Lust am Herrn

Frust statt Lust am Herrn? Warum viele Christen die Wirklichkeit Gottes in ihrem Leben so wenig erfahren.
«Habe deine Lust am Herrn, er wird dir geben, was dein Herz wünscht.»Psalm 37,4
«So seid nun Gott untertan. Widersteht dem Teufel, so flieht er von euch. Naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch. Reinigt die Hände, ihr Sünder, und heiligt eure Herzen, ihr Wankelmütigen.» Jakobus 4,7 bis 8
Die meisten Christen hoffen, dass nach ihrer Umkehr zu Gott auf einen Schlag alles anders ist: Selbstbezogenheit und die negativen Charaktereigenschaften wären einfach verschwunden. Weil dem nicht so ist, plagt sie tiefe Unruhe oder zumindest Unzufriedenheit mit sich selbst und der Tatsache, dass sie die Wirklichkeit Gottes in ihrem Leben immer weniger erfahren. Sie fragen sich: Bin ich wirklich wiedergeboren? Ist tatsächlich etwas Neues in mir geschehen? Kann ich mich ändern? Die Bekehrung ist der Anfang des christlichen Lebens. Die anschliessende Erneuerung hingegen ist ein Prozess. Die Bibel nennt ihn Heiligung. Gott arbeitet an uns, aber es ist unsere Sache, an dieser Veränderung mitzuarbeiten. Die neue Persönlichkeit ergibt sich nicht von selbst; sie will geformt werden. Wie kann das geschehen? Indem wir täglich ganz bewusst unsere inneren Haltungen und Motive von Gott formen lassen. Indem wir unsere Selbstbezogenheit aufbrechen und uns durch Gottes Geist bestimmen lassen, der in uns die Eigenschaften hervorbringen will, die wir an Jesus sehen. Gott hat uns geschaffen, dass wir seinem Bild ähnlich seien. Sein grösster Wunsch ist es, dass wir wieder werden, wozu wir geschaffen sind. Wir sollen Gottes Wesen spiegeln. Natürlich ist das Heil etwas, das uns ausschliesslich aus Gottes Gnade und ohne jedes menschliche Bemühen geschenkt wird (Römer 9,16). Aber ein Leben, das Gott entspricht, wird nicht dadurch erreicht, dass wir ein schnelles Gebet sprechen, mit dem wir unser Leben Gott unterstellen oder den Finger in die Bibel stecken und gleich wie in einem Orakel den aufgeschlagenen Text als Willen Gottes interpretieren. Christus möchte ein neues Leben in uns entfalten. Das Christenleben soll keine lästige Pflichtübung sein, vielmehr geht es darum, in einer lebendigen Gemeinschaft mit dem Herrn zu leben – Lust zu haben an ihm. Wie kommen wir dazu? Es gibt zwei Meinungen darüber, wie wir Gott erfahren können. Es gibt Christen, die ihn und seine Nähe vor allem in ihrer Seele erleben wollen, in Einsamkeit, Gebet und Stille. Und dann gibt es Christen, für die Gott ausschliesslich in gehorsamem Tun erfahrbar ist. Beide Sichtweisen sind begrenzt. Wer das äussere Tun einseitig betont, steht in der Gefahr, perfektionistisch und gesetzlich zu werden und damit zu einem Menschen, der keinen Zugang zur Gnade und Barmherzigkeit Gottes und zur Kraft, die darin liegt, findet. Bibelkenntnis ist absolut wichtig, aber theologische Richtigkeiten allein bringen noch kein Leben, solange ein Mensch nicht weiss, wie er die geistlichen Wahrheiten in seinen Alltag übersetzen soll. Deshalb soll Gottes Wort wie ein ganz persönlicher, wichtiger Brief zu mir sprechen! Angenommen, ich wäre in finanzieller Not und mir würde brieflich mitgeteilt, ich könnte auf der Bank eine Million Euro abholen, würde das bei mir eine starke Reaktion auslösen. Wäre der Absender des Briefes zuverlässig, würde ich mich unverzüglich aufmachen und das Geld holen. Christus muss mich zuerst ergreifen – doch ich muss mich von ihm auch tatsächlich ergreifen lassen. Anderseits – wird die innere Erfahrung zu stark betont, kann man leicht irregeleitet werden. Losgelöst von der Autorität der Schrift kann persönliche Erfahrung zum Götzen werden. Ein Mensch, der sich alleine auf seine Erfahrung beruft, steht in Gefahr, sich als «besserer Christ» zu fühlen. Die Erneuerung seines Wesens, die Heiligung, entschwindet seinem Blickfeld. Beides gehört zusammen: Wir brauchen immer wieder die Begegnung in der Stille mit dem Herrn. Je mehr wir ihn suchen, desto kostbarer wird uns seine Nähe. Damit wir aber nicht Selbsttäuschungen unterliegen, brauchen wir Gottes Wort, das uns Leitung und Korrektur ist.

C. S. Lewis lässt in seinem Buch «Dienstanweisungen für einen Unterteufel » seinen Fachmann für Verführungskünste, Screwtape, sagen: «Ich höre mit grossem Missvergnügen, dass dein Patient Christ geworden ist … Es besteht kein Grund zur Verzweiflung … Sämtliche Gewohnheiten des Patienten, die geistigen wie die körperlichen, sprechen noch zu unseren Gunsten.»

Der Teufel hat eine Schlacht verloren, wenn ein Mensch Jesus als seinen Erlöser annimmt. Wenn es ihm aber gelingt, einen Christen dazu zu bringen, das alte Wesen weiter zu pflegen, macht er ihn wirkungslos für seine Umgebung.

Dieser Mensch trägt wohl den Namen Christi, nicht aber sein Wesen. Sich von konkreten Sünden abzuwenden, ist ein wichtiges Element des geistlichen Wachstums. Wenn wir darin scheitern, dann häufig deshalb, weil wir eine falsche Strategie wählen: Wir konzentrieren unsere Energie darauf, etwas Bestimmtes nicht mehr zu tun. Aber das Konzentrieren auf die Sünde bewirkt, dass wir immer tiefer in den Sumpf hineingeraten. Wir scheitern, wenn wir uns allein auf die Vermeidung fixieren. Es gibt einen andern, erfolgreicheren Weg. Die Bibel fordert uns auf, die Eigenschaften Jesu anzuziehen. Indem wir uns auf das Gute konzentrieren, fällt das andere von uns ab. Wir sind nicht fähig, sündhafte Gewohnheiten abzulegen, wenn wir uns krampfhaft bemühen, sie nicht zu tun, sondern indem wir die biblischen Werte und Gewohnheiten leben. Dazu ein Beispiel: Wir denken an die Zahl 5 und setzen alles in Bewegung, diese Zahl 5 zu vergessen. Es wird uns nicht gelingen. Es ist, je länger unsere Bemühungen dauern, als würde eine Schallplatte mit der Zahl 5 in unserem Kopf abgespielt! Sobald wir aber mit einer Rechenaufgabe beschäftigt sind – 12 x 12 + 6 : 15 = 10 – schon haben wir die Zahl 5 ohne jeden Krampf vergessen! «Habe deine Lust am Herrn, er wird dir geben, was dein Herz wünscht.» Viele interpretieren diesen Vers so, dass Gott uns alle unsere selbstsüchtigen Wünsche erfüllen würde. Tatsache aber ist, dass dann, wenn wir unsere Lust am Herrn haben, er unsere Appetitrichtung und Begehrlichkeiten ändert. Wer Lust am Herrn hat, wird gute Wünsche haben! Das Wort Lust heisst Bereitschaft, Begehren, Verlangen, Freude, Vorliebe und Leidenschaft. Wenn wir wirklich Lust oder Leidenschaft für den Herrn haben, dann werden wir endlich das tun, was wir tun sollten, und es wird mit dem übereinstimmen, was wir tun wollen. Ohne die Lust am Herrn werden wir auch nicht das bekommen, was wir wünschen und brauchen. Genauso werden wir am Frieden Gottes vorbeileben und weiterstreiten, wenn wir Gott nicht ehren. Gott ehren ist die Voraussetzung, der Friede Gottes Zusage, sein Geschenk. Die Bibel spricht von Selbstverleugnung, aber sie meint nie die Selbstverleugnung als Selbstzweck. Wir werden aufgefordert, uns selbst zu verleugnen und unser Kreuz auf uns zu nehmen, damit wir Christus nachfolgen können. Dann, wenn Christus über uns verfügen kann und damit in unserem Leben wirklich das Sagen hat, dann macht uns die Bibel das Angebot, unsere Wünsche zu äussern. In vielen Köpfen der Christen geistert der Gedanke, der Wunsch nach unserem Wohlergehen und die Hoffnung auf dessen Erfüllung seien etwas Schlechtes und damit sündig. Doch diese Sicht verbreiteten die Stoiker bis hin zum Philosophen Kant, sie ist nicht Bestandteil des christlichen Glaubens und biblischer Lehre, im Gegenteil. Wenn wir die atemberaubenden Verheissungen auf Belohnung, die uns in der Bibel angeboten und zugesagt werden, betrachten, dann scheint es sogar, als müssten unsere Wünsche dem Herrn eher zu zaghaft als zu gross vorkommen! Wir geben uns oft mit so wenig und zudem noch mit dem Falschen zufrieden – mit Alkohol, Sex und Karriere. Dabei bietet uns Gott unendliche Freude, seinen Frieden und ein wesentliches, fruchtbares Leben an. Ich zitiere nur einige der biblischen Angebote: ? ¡ «Ich bin gekommen, dass sie das Leben und volles Genüge haben sollen» (Joh. 10,10). Das ist ein fantastisches Angebot! Leider bestätigen wir mit unserem Leben oft, dass wir diese Zusage nicht glauben und dem Herrn unterstellen, er würde uns als Lockmittel ein lügenhaftes Angebot unterbreiten. Aber Gott schikaniert uns nicht. Ebenso wenig will er, dass wir freudlos durch das Leben vegetieren. ? ¡ «Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn» (Röm. 6,23). Gott schenkt uns das ewige Leben! Gibt es etwas, das notwendiger, besser, wichtiger wäre? ? ¡ «Denn Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn» (Phil. 1,21). Selbst das Sterben ist Gewinn, weil ich dann beim Herrn in der ewigen Heimat sein darf. ? ¡ «Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst» (Off. 22,17).

Unvergebene Sünde ist eine Last und unversöhnte Beziehungen sind Ketten. Wer hoch fliegen will, muss frei sein. MAURIZIO VENEZIANI

Wir reden uns immer wieder ein, dass wir tausend verschiedene Dinge brauchen; doch in Wirklichkeit sehnt sich unser Herz nach Gott! Seine Gegenwart, die Lust am Herrn, schenkt uns Frieden und Erfüllung. Unsere wirkliche Sehnsucht nach dem Leben, nach Zufriedenheit, unsere wirkliche Sehnsucht nach dem Himmel, ist die Sehnsucht nach Gott selbst. Jeder andere Wunsch, jedes andere Vergnügen, leitet sich von Gottes Gegenwart ab, ist untergeordnet. Gottes grösstes Geschenk an uns ist er selbst. Die Lust am Herrn soll unser Wunsch, Verlangen und Ziel sein. Dann sind wir wirklich frei und leben. Das Geheimnis eines geheiligten Lebens ist die radikale Abhängigkeit von Gott. Eine innere Ausrichtung darauf, bewusst alles von Gott zu empfangen und einzugestehen, dass wir darauf angewiesen sind, dass er uns alles gibt, um ein Leben zu führen, das ihn ehrt. Wir können aus uns selbst nichts tun, was Gott gefallen könnte. Martin Luther bekannte am Ende seines Lebens: «Wir sind Bettler, das ist wahr.» Aber wir haben ein Problem: Wir wollen keine Bettler sein. Wir sind zu stolz, Empfangende zu sein. Dieser Stolz verhindert, dass wir im Glauben wachsen. Nicht selten fallen wir zurück in eine Haltung, in der wir, einmal gerettet, meinen, der Rest liege nun an uns. Wir vertrauen auf uns selbst, statt auf Gott, und damit schneiden wir uns die geistliche Sauerstoffzufuhr ab. Die völlige Hingabe an Gott und seinen Willen bedeutet eine Neuausrichtung unserer inneren Einstellung. Erst diese Neuausrichtung ermöglicht es uns, über den jeweiligen Umständen unserer Zeit aus der Perspektive der Ewigkeit zu leben. Wer nur auf der Oberfläche des Lebens lebt, der wird von den Umständen beherrscht. Glaube und Hingabe beruhen auf dem Wissen, dass Gottes gute Absichten in jedem Fall zu ihrem Ziel kommen werden – ob ich seinen Segen nun spürbar erfahre oder nicht. Und dass ich in der Zwischenzeit einen inneren Frieden erfahren kann, der höher ist als alle Vernunft, indem ich Gott kindlich vertraue. Prüfungen können uns entweder bitter und zynisch machen, oder – wir gehen gestärkt daraus hervor, mit einem Charakter, der mehr von dem Bild Christi in uns erkennen lässt. Ob wir von einer Prüfung profitieren oder daran zerbrechen, hängt entscheidend ab von unserer Grundhaltung der Hingabe an Gott. Die Grundhaltung der Hingabe offenbart, wie es um die Motive unseres Herzens steht. Wer nur zu Gott kommt, damit er ihm gibt, was das Herz gerade begehrt, und Gott dann nicht darauf reagiert, der gerät in die Gefahr, den Glauben aufzugeben. Dabei ist der Beter schon vorher ohne Verlangen nach Gott gekommen, sondern mit einem Wunsch des Fleisches.

Wer nur zu Gott kommt, damit er ihm Gesundheit schenkt, und dann krank bleibt, wird sich innerlich von Gott abwenden.

Dabei ist der Wunsch nach Gesundheit und die Bitte um Heilung legitim. Dies zu verneinen, hiesse das Leben zu verneinen. Beten wir mit der Absicht, unsere Bitte zu erzwingen, nach der Devise: «Wenn Gott mich nicht heilt, dann liebt er mich nicht», oder bitte ich um Gesundheit mit der Gesinnung, dass Gott weiss, was das Beste für mich ist, weil er mich liebt, auch wenn er Nein sagen muss? Wenn es einem Menschen darum geht, Gott zu dienen und seinen Namen zu verherrlichen, dann gibt es nichts, was seinen Glauben erschüttern könnte – denn Gott verherrlichen, das kann man im Schmerz wie in der Freude, im Überfluss wie in Armut, in Gesundheit wie auch in Krankheit. Viele sagen: «Wenn Gott mich segnet, dann werde ich ihm gehorchen.» Aber es funktioniert umgekehrt: Die Hingabe ist der Schlüssel zum Segen. Hingabe ist die Einwilligung, dass Gott das Sagen in meinem Leben haben darf, dass ich die Kontrolle abgebe und mich willig seiner Führung überlasse. Das ist der Weg zur Gelassenheit. Wir müssen unsere Wünsche nicht nur von etwas losreissen, wir müssen sie vielmehr auf ein anderes Ziel richten und daran festmachen. Etwas aufgeben fällt dann leichter, wenn man überzeugt ist, dass man etwas Besseres gefunden hat. Suchen wir nicht die Freude an Gott, nimmt uns die Welt gefangen. Unsere fordernden Ansprüche an das Leben – sei dies ein Ehepartner, einen bestimmten Job, Gesundheit oder Geld – sind letztlich geistliche Ketten. Werden diese Wünsche nicht erfüllt, folgen Frustration und Enttäuschung. Jemand sagte einmal: «Goldene Ketten sind nicht weniger Ketten als Ketten aus Eisen.» Es kommt nicht darauf an, was uns bindet, solange wir gebunden sind. Es gilt, die Wünsche und Sehnsüchte dem Herrn anzuvertrauen und zu vertrauen, dass er gibt, was wir wirklich brauchen, um erfüllt leben zu können. Jim Elliot drückte das in seinem bekannten Ausspruch treffend aus: «Der ist kein Narr, der hingibt, was er nicht behalten kann, um damit zu gewinnen, was er nicht verlieren kann.» Der Lohn richtig verstandener Selbstverleugnung ist unendlich gross. Ein geheiligtes Leben bringt uns nicht nur hier tiefe, innere Erfüllung, es bringt in der zukünftigen Welt Gottes grossen Lohn.

Es ist unbegreiflich, dass Christen trotz dieser fantastischen Gegenwarts- und Zukunftshoffnung auf die Gottlosen, die Reichen, die Mächtigen neidisch sind, die am Ende wie Gras verdorren!

Wie oft schlagen sich Christen herum mit Eifersucht, Neid und Wünschen, die nicht das bringen, was sie erhoffen. Lassen wir deshalb unsere Wünsche von Gott formen. Gott zu lieben bedeutet, das ganze Herz, alle Energie der Seele mit ganzer Dankbarkeit für die Erlösung auf den Herrn zu richten. Ein Beispiel dafür finden wir in Lukas 7,36–50. Eine Frau, vermutlich eine Prostituierte, platzt plötzlich in ein Treffen zwischen Jesus und einem Pharisäer hinein. Sobald die Frau Jesus erblickt, fällt sie vor ihm auf die Knie und verblüfft die versammelte Gesellschaft damit, dass sie ihr erspartes Kapital in Form eines duftenden Öls über seine Füsse giesst. Ganz offensichtlich denkt sie nicht an ihre finanzielle Zukunft. Sie ist völlig selbstvergessen. Die Energie ihrer Seele konzentriert sich nur auf ihn. «Jesus Christus», das ersehnte sie sich und das glaubte sie, «kann mein kaputtes Leben retten und neu machen.» Alles, was sie wollte, war, Jesus Verehrung und Liebe entgegenzubringen, ihre Reue über das bisherige Leben zu bekunden und die Sehnsucht nach einem neuen, gereinigten Leben zu bezeugen. Der Pharisäer, der anfänglich über diese Frau abschätzig die Nase rümpf – te, musste ungewollt zugeben, dass die Liebe eines Menschen zu Gott von der Vergebung, vom Bewusstsein der Schwere der Schuld vor Gott, abhängig ist. «Wem viel vergeben wird, der liebt viel, wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.» Diese Prostituierte gab ihr Leben dem Herrn, glaubte an ihn – sie hatte wirklich Lust am Herrn. Das ist Liebe. Was wir brauchen, um Gott willig zu dienen, ist Liebe, die uns in Bewegung setzt.  Jonathan Edwards sagte: «Die Natur des Menschen ist sehr träge, wenn er nicht von einem Affekt beeinflusst wird wie Liebe, Hass, Begehren, Hoffnung oder Furcht. Diese Emotionen sind wie Federn, die uns in allen Angelegenheiten des Lebens in Bewegung setzen.» Ohne den Motor der Liebe verlieren wir das Interesse am Glauben und an allem, was überhaupt Gewicht hat. Wenn wir den Glauben nur als Pflicht verstehen und nicht getrieben werden von der Liebe, wird Nachfolge zum Krampf. Wer versucht, ein Leben im Gehorsam gegen Gott zu führen, und keine Leidenschaft dafür mitbringt, der wird viel Disziplin brauchen. An vielen Stellen in der Bibel wird deutlich, was Gott von uns will: Er will keinen Kadavergehorsam – er will dein und mein Herz! Wenn wir versuchen, dem Gebot Jesu zu folgen und Gott von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen Kräften zu lieben, müssen wir mit dem Feind Gottes und seinen Strategien rechnen, mit denen er um unser Herz kämpft.

? Gleichgültigkeit

Ein Feind ist die Gleichgültigkeit. Teilnahmslosigkeit kann eine grössere Gefahr für den Glauben sein als offene Ablehnung. Wer Gott ablehnt, der weiss, worum es geht. Ein gleichgültiger Mensch dagegen merkt nicht einmal, was auf dem Spiel steht. Dorothy Sayers schreibt: «Gleichgültigkeit, die Sünde, die an nichts glaubt, an nichts Anteil nimmt, nichts wissen will, sich nichts in den Weg stellt, sich an nichts freut, nichts hasst, in nichts einen Sinn findet und für nichts lebt … bleibt am Leben, weil es nichts gibt, wofür sie sterben könnte.»

? Furcht

Ein weiterer Feind ist die Furcht, das heisst Mangel an Vertrauen. Wenn unser Bild von Gott so ist, dass wir ständig vor ihm auf der Hut sein müssen, ständig Angst haben vor Strafe, dann werden wir kaum eine vertrauensvolle Beziehung zu ihm entwickeln.

? Aktivität

Ein anderer Feind ist die Aktivität. Kaum ein Christ entscheidet sich bewusst dafür, Gott links liegen zu lassen. Zumeist vollzieht sich die Abkühlung in der Beziehung, weil wir einfach zu beschäftigt sind mit anderen Dingen. Der Hebräerbrief warnt eindringlich davor, das Herz gegen Gott zu verschliessen oder zu verhärten (Hebr. 3,8). Ein hartes Herz hat aufgehört zu fühlen, ist tot für Gott, empfindet keine Leidenschaft, – und deshalb finden seine Befehle darin kein Gehör und rufen keinen Gehorsam hervor. Es ist letztlich die Macht der Liebe, die einen Menschen verändert. Dort, wo die Liebe Gottes im Herzen erfasst wurde, beginnt eine leidenschaftliche Beziehung. Eine radikale Neuorientierung ist niemals nur das Ergebnis gedanklicher Einsicht. Der Weg der Heiligung beginnt nicht damit, dass wir uns an die Regeln halten, sondern sie beginnt mit einer Beziehung, die von Liebe geprägt ist: «Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm» (1. Joh. 4,16). Wer einen andern liebt, wird alles vermeiden, was diesen verletzt. Die Liebe ist es, die uns verändert. Wem diese Liebe fehlt, kann Jesus bitten, ihm die Augen zu öffnen über den höchsten Preis, den er am Kreuz für ihn bezahlt hat, zu seiner Erlösung und Rechtfertigung vor Gott. Wenn diese Tatsache in einem Menschen Dankbarkeit und Staunen auslöst, dann wird er Gott lieben. Dazu ein Beispiel: In einem brennenden Haus befinden sich noch drei Kinder. Die Eltern konnten verletzt aus dem Feuer gerettet werden. Sie schreien verzweifelt: «Rettet unsere Kinder!» Da rennt Otto Wechselberger unter Lebensgefahr ins brennende Haus und holt die drei Kinder aus den Flammen. Die Eltern haben ihre Kinder nochmals geschenkt bekommen und sie werden den Retter, lieben und ihm jeden möglichen Wunsch erfüllen. Wie viel mehr sollten wir als Gottes Kinder unseren Herrn lieben und gerne seinen Willen tun, der uns vor der Hölle errettet und eine ewige Heimat für uns vorbereitet hat! Die Hölle ist unbeschreiblich viel furchtbarer und grausamer als ein brennendes Haus. Worauf sich unser Herz wirklich richtet, wird dort deutlich, wo wir mit einer Versuchung konfrontiert werden. Gerade dann stellt sich die Frage: «Liebe ich Gott oder liebe ich ihn nicht?» Jesus sagte unverblümt: «Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten» (Joh. 14,15), d. h. wenn ihr mich liebt, werdet ihr so leben, wie ich es euch gesagt habe. Die Schrift sagt, dass der Beweis für die Ernsthaftigkeit unseres Christseins die Lebenspraxis ist. Gottesfurcht besteht nicht darin, im Herzen den Wunsch zu hegen, den Willen Gottes zu tun, sondern darin, dass man ein Herz hat, das Gottes Willen auch tatsächlich tut. Es ist absurd, so zu tun, als hätte man ein reines Herz, wenn man ein gottloses oder halbherziges Leben führt. Der Weg zum Gehorsam beginnt im Herzen – dort, wo wir unsere falsche Herzenshaltung erkennen und uns ganz Gott unterstellen. Nur dieser innere Akt der Neuausrichtung auf Gott verleiht uns die Kraft, auch äusserlich den Gehorsam zu praktizieren. Der entscheidende Schritt zum Gehorsam ist die Abkehr von der Selbstbezogenheit. Die Sünde ist in ihrem Wesen eine Besessenheit von sich selbst. Wirklicher Gehorsam ist eine Frucht, die gepflegt und geübt werden muss. Wie echt er ist, erweist sich dann, wenn Gehorsam wirklich schwer fällt – wenn die Seele sich wehrt, aber dennoch dem Weg Gottes folgt. Gott gehorsam zu sein, schenkt neue Freiheit: Freiheit von den Meinungen der andern, Befreiung von unseren oft selbstsüchtigen Wünschen, Freiheit von der Macht der Sünde. So paradox es klingt: Gerade der Gehorsam, der uns als eine Einschränkung des Lebens erscheint, erweitert und bereichert unser Leben auf unvorstellbare Weise. Jakobus fordert uns auf, Gott untertan zu sein – dem Teufel zu widerstehen – sich Gott zu nahen – sich zu reinigen – und das Herz zu heiligen. Das ist die Kurzfassung eines Lebens in der Nachfolge. Gott soll der Mittelpunkt deines und meines Lebens sein, nicht nur eine Versicherung für den Himmel – das funktioniert sowieso nicht. Gott will das Zentrum unseres Herzens sein. Wer auf die eigene Kraft vertraut, macht sich zum Mittelpunkt des Universums. Endloses Sorgen und Ängstigen signalisiert die Meinung, sich irgendetwas selbst sichern zu können. Doch wer die Kontrolle über sein Leben nicht abgibt, wird nie die Freiheit erleben, die Gott seinen Kindern verheissen hat. In den Psalmen lesen wir von Menschen, die Gott zu ihrer «festen Burg» machten, zu ihrem Schild, ihrer Zuflucht, ihrem Felsen.

Männer wie David konnten äussere Risiken auf sich nehmen, weil sie in ihrem Inneren einen Schutzraum aufgebaut hatten: Gott war ihre «feste Burg». Sie versenkten sich in Gottes Grösse und Macht. Das führte dazu, dass sie sich mehr davor fürchteten, diese Erfahrung der Gegenwart Gottes zu verlieren, als davor, ihr Leben zu verlieren. David fasst das zusammen in Psalm 27,1: «Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?»

Ist das nicht der Ausdruck eines Herzens, das zur Ruhe gefunden hat, weil es den Herrn zum Mittelpunkt machte? Schritte zur Umkehr Der erste Schritt auf dem Weg der Umkehr ist der Wunsch, das ganze Ausmass des Guten zu erfahren, das Gott für unser Leben vorgesehen hat. Die Antriebskraft ist nicht die Trauer über unser Versagen, sondern sollte vielmehr die Freude darüber sein, was wir werden können. Gott hat uns dazu geschaffen, dass wir Christus ähnlich werden und sein Reich auf dieser Erde mit ihm bauen. Jedes andere Ziel ist ein trauriger Missbrauch der 70 oder 80 Jahre, die Gott uns schenkt. Hier liegt der entscheidende Herzenswandel, der der Umkehrbereitschaft zugrunde liegt – der Wunsch, ja die Sehnsucht, wirklich in Übereinstimmung mit Gott zu leben, und die Ziele, die er für mich hat, zu verwirklichen. Dann kommt auch die Trauer über die Jahre, die wir in einer falschen Lebenshaltung verloren haben – verschwendete Stunden, vergeudete Kräfte. Hier geht es im Gebet oftmals um eine aufrichtige Bestandesaufnahme dessen, was unsere falsche Lebenshaltung uns und andere gekostet hat. Das kann schmerzhaft sein – aber es ist eine Reinigung, die uns bereit macht, neu zu beginnen. Paulus macht Mut zu einer solchen Bilanz, wenn er schreibt: «Die von Gott bewirkte Traurigkeit führt zur Umkehr und bringt Rettung. Nur die Traurigkeit, die nicht zur Umkehr führt, bewirkt den Tod» (2. Kor. 7,10). Eine solche Bilanz vor Gott führt in der Regel dazu, dass einiges mit Menschen geklärt und bereinigt werden muss. Unvergebene Sünde ist eine Last und unversöhnte Beziehungen sind Ketten. Wer hoch fliegen will, muss frei sein. Der dritte Schritt zu einem Leben in der ständigen Bereitschaft zur Umkehr besteht darin, dass wir unsere Entscheidungen mehr und mehr an Gottes Plan und Absicht für unser Leben ausrichten. Wenn wir frei sein wollen, dürfen wir uns nicht mit weniger zufrieden geben. Warum sollten wir an unserer Selbstbezogenheit hängen bleiben, wenn wir fliegen können? «Habe deine Lust, habe deine Freude am Herrn – er wird dir geben, was dein Herz wünscht!» Unser Herzenswunsch wird zunehmend der sein, ihm nahe zu sein, ihm zu gefallen, ihm zu dienen. Dieses Leben findet seinen Sinn und sein Ziel.

? Der erste Schritt auf dem Weg der Umkehr ist der Wunsch, das ganze Ausmass des Guten zu erfahren, das Gott für unser Leben vorgesehen hat. Antriebskraft sollte nicht die Trauer über unser Versagen sein, sondern die Freude darüber, was wir werden können.

Der vorliegende Artikel ist die leicht überarbeitete Fassung eines Predigtmanuskripts.

factum 3/2007 [BRUNO SCHWENGELER] http://www.factum-magazin.de/wFactum_de/

 

 

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