Wenn es Gott nicht gibt, gibt es keine Wahrheit

Eine Kurzfassung von einem Interview mit Robert Spaemann

Frage: Warum gerade jetzt diese Häufung von neuer atheistischer Literatur und warum diese Vehemenz, um nicht zu sagen Militanz? Haben Sie dafür eine Erklärung?

Robert Spaemann: Eine wirkliche Erklärung habe ich nicht, jedoch ein paar Vermutungen. Zum einen gibt es eine gewisse Wiederkehr der Religion. Religiöse Themen interessieren heute mehr Menschen als noch vor zehn Jahren. Das Zweite ist der Vormarsch des Szientismus, das heisst einer Weltanschauung, für welche die Naturwissenschaft der ausschliessliche Zugang zu unserer Welterkenntnis darstellt. Der Szientismus verbindet sich mit einem geradezu rauschartigen Machtgefühl. Die Genforschung beispielsweise eröffnet uns Möglichkeiten der Manipulation und des Zugriffs auf die menschliche Natur. Da gibt es nur noch einen Widerstand, und das ist in einem weitgefassten Sinne ein religiöser. Es scheint mir so zu sein, dass die Menschen, die von diesem Machtwillen und von der Vorstellung besessen sind, allmählich alles machen zu können, nun das Haupthindernis beseitigen möchten, das diesem totalen Zugriff im Wege steht. Es erstaunt nicht, dass die meisten neuen Atheisten Biologen sind. Gerade in der Bioethik wird dieser Gegensatz – was darf man alles machen, was darf man nicht machen? – sehr deutlich. Und es gibt noch einen Punkt, an dem die Frage nach der Religion wichtig wird: im Zusammenhang mit dem Gedanken einer Verantwortung des Menschen für sich selbst.

Was hat das mit Religion zu tun?

Während Verantwortung für andere auch auf nichtreligiöse Weise zu begründen ist, kann es Verantwortung für sich selbst nur geben auf einem religiösen Hintergrund. Denn Verantwortung ist immer Verantwortung für etwas und Verantwortung vor jemandem. Wenn ich selbst der Einzige bin, vor dem ich mich rechtfertigen muss für das, was ich mit mir selber mache, dann gibt es diese Verantwortung gar nicht. Ich kann mich ja jederzeit von ihr dispensieren. Es ist interessant, dass in den neuzeitlichen Ethiken, die nicht religiös formuliert sind, der Gedanke der Verantwortung des Menschen für sich selbst gar nicht mehr vorkommt. Man hat Verantwortung gegenüber anderen, die betroffen sind von meinem Handeln. Doch dass ich auch mit mir nicht machen kann, was ich will, dass die Begabung, die ich habe, auch eine Verpflichtung enthält, dass ich mich nicht beliebig verkommen lassen und mich nicht zu Beliebigem hergeben darf, das ist nicht religiös schwer zu begründen. Auch dieses Hindernis möchte der neue Atheismus beseitigen. Sie sehen: Da kommen verschiedene Motive zusammen.

Warum aber diese Aggressivität, mit der gewisse neue Atheisten auftreten?

Diesbezüglich gibt es etwas, das ich böse nennen möchte. Denn wenn jemand eine Botschaft hat, die dem Menschen eine grosse Freude verkündet, wie es an Weihnachten heisst, die eine unerhörte Hoffnung weckt und damit das ganze Leben in ein Licht stellt, das es sonst gar nicht geben würde, dann kann man leicht verstehen, warum jemand missionarisch tätig ist: Weil er anderen etwas von dieser Freude mitteilen möchte. Warum aber jemand missionarischen Eifer entfaltet, um diese Freude zu töten, um den Menschen die Hoffnung aus dem Herzen zu reissen, das ist schwer zu verstehen. Wenn ich das Unglück hätte, ein Atheist zu sein, dann würde ich das ganz still für mich behalten. Ich würde doch nicht anderen Menschen eine traurige Überzeugung aufschwätzen ohne Not.

Ich zähle einige der Hauptargumente der neuen Atheisten auf und Sie kommentieren sie.

Erstes Argument: «Weil der Mensch die Tatsache des endgültigen Todes seiner selbst und derjenigen, die er liebt, nicht ertragen kann, braucht er die Hinterwelt Religion.»Wenn der Mensch das schwer ertragen kann, muss man fragen: Woher kommt das? Wenn es so wäre, dass in Wirklichkeit mit dem Tod alles aus ist, dann müsste doch ein Wesen, das durch die Evolution in die Wirklichkeit eingepasst ist, mit diesem Gedanken von vornherein versöhnt sein und damit kein Problem haben. Die Tatsache, dass die Menschen von Anfang an und seit es sie gibt, über den Tod hinaus denken, legt doch eher die Vermutung nahe, dass dem irgendetwas entspricht. Das Vorkommen von Durst, um eine Analogie zu verwenden, ist ein Argument dafür, dass es Wasser geben muss, denn sonst gäbe es kein Wesen, das Durst hat.

Zweites Argument: «Religionen – zumal monotheistische – sind Katalysatoren von Gewalt.»

Und der Unglaube generiert noch grössere Gewalt! Ich sagte schon: Die Zahl der Opfer, die der Unglaube gefordert hat, übertrifft bei weitem alles, was jemals Religionen gemacht haben. Daraus folgt, dass offenbar weder der Unglaube noch die Religion als solche Gewalt generieren, sondern dass der Mensch ein gewalttätiges Wesen ist und dass das, wofür er Gewalt anwendet und wofür er auch sein Leben riskiert, das ist, was ihm wichtig ist. In Zeiten, in denen den Menschen die Religion das Wichtigste ist, töten sie sich für die Religion. Da, wo das Öl für sie am wichtigsten ist, töten sie sich für Öl. Dagegen gibt es nur ein schlüssiges Argument, und das ist wiederum die Religion. Die Botschaft Jesu gibt eine religiöse Motivation für den Verzicht auf Gewalt. Hingegen kenne ich keine atheistische Argumentation für den Verzicht auf Gewalt.

Drittes Argument: «Religion ist der Feind der Wissenschaft.»

Religion ist der szientistischen Weltanschauung entgegengesetzt, die davon ausgeht, unser einziger Zugang zur Wirklichkeit sei die Wissenschaft. Wenn ich einen Menschen liebe und ihn sehr gut kenne, dann ist mein Zugang zu ihm kein wissenschaftlicher. Im Gegenteil, ich würde diesen Menschen von mir entfremden, wenn ich anfinge, ihn zu psychologisieren und ihn mit wissenschaftlichen Kategorien zu betrachten. Es gibt in diesem Sinne eine Grenze der Wissenschaft. Gott kommt im innerweltlichen Bereich der Wissenschaft nicht vor, so wie der Projektor eines Films im Film nicht vorkommt. Insofern ist die Religion etwas, das der Wissenschaft Grenzen setzt. Gleichzeitig muss man aber sagen, dass es der religiöse Glaube ist, der das Vertrauen in die Vernunft kräftigt. Nietzsche hat gesehen, dass die Wissenschaft der Aufklärung eine Tendenz hat, sich selbst aufzuheben. Nietzsche sagte einmal, wenn die Wissenschaft die Idee von Gott aufgehoben hat, dann hat sie auch ihre eigenen Grundlagen zerstört, nämlich den Glauben an Wahrheit. Denn wenn es Gott nicht gibt, dann gibt es keine Wahrheit. Dann gibt es nur individuelle Perspektiven, doch es gibt die Wirklichkeit als solche nicht. Hier würde ein wissenschaftsgläubiger Atheist wohl einwenden: «Wir brauchen gar keine Wahrheit. Es reicht, vom jeweiligen Kenntnisstand der Naturwissenschaften auszugehen und alles immer wieder in Frage zu stellen. Natürlich wird so alles relativ, doch was macht das?» Nun gut, wenn der Atheist das zugesteht, dann muss er auch zugestehen, dass seine eigene atheistische Theorie nur für diejenigen gilt, welche diese Theorie vertreten. Also warum missioniert er dann damit? Das widerspricht sich selbst. Heute heisst es oft, man dürfe nicht behaupten, eine absolute Wahrheit zu haben. Aber sehen Sie, der Gedanke einer nicht absoluten Wahrheit ist eigentlich ein Ungedanke. Wenn der Mensch keine absolute Wahrheit haben kann, dann kann er überhaupt keine Wahrheit haben. Denn Wahrheit heisst absolute Wahrheit, alles andere sind Meinungen. Wenn nun jemand sagt, «es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Meinungen», dann beansprucht er für diesen Satz eben doch Wahrheit. Irgendetwas behauptet am Ende jeder Mensch als wahr, sonst könnte man gar nicht mehr kommunizieren.

Viertes Argument: «Religiöser Glaube hat evolutionäre Wurzeln. Obwohl es keinen Gott gibt, ist die Spezies Mensch auf Glauben hin angelegt, weil das ihre Überlebenschancen erhöht.» Wenn man Religiosität als überlebensdienlich und nützlich bezeichnet, was für einen Sinn macht es dann, dieses Nützliche zu zerstören? Und genau das tut derjenige, der sagt, Gott ist nur eine Idee des Menschen. Denn an Gott glauben heisst, denken, er sei auch unabhängig von meinem Glauben wirklich. Der Evolutionstheoretiker legt an alles ein bestimmtes Schema an. Er versucht immer herauszubekommen, wie erhaltungsdienlich etwas ist. Das muss auch für seine eigene Theorie gelten. Man müsste also sagen, Dawkins hat seine Bücher geschrieben, nicht weil er denkt, dass das wahr ist, sondern weil er seinen Genen einen Vorteil verschaffen will durch diese Theorie. Das kann man nun interessant finden oder nicht, aber man kann nicht mehr über die Wahrheit dieser Theorie diskutieren.

Viele sagen, auch der Atheismus sei eine Glaubensüberzeugung. Stimmen Sie dem zu?

Ja, dem ist so. Sehr schön deutlich wird das beim amerikanischen Philosophen Daniel Dennett, der auch zu diesen kämpferischen Atheisten gehört. In seinem Buch über das menschliche Bewusstsein schreibt er: Ich möchte hier erklären, dass ich jede Art von Dualismus – also von Gedanken, dass es ausser dem Materiellen noch irgend etwas anderes gäbe – von vornherein ablehne und mich auch durch kein Argument eines Besseren belehren lassen werde. Das aber ist nichts anderes als ein Dogma. Das ganze Interview ist zu finden unter:http://www.forum-pfarrblatt.ch/archiv/2008/forum-nr-3-2008/abwenn-es-gott-nicht-gibt-gibt-es-keine-wahrheitbb

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