Naturtrüb

In der Anpreisung von »naturtrüben« Produkten ist eine Behauptung enthalten: dass das »Klare« im Umkehrschluss das Unnatürliche, Synthetische sei. Seit mindestens einem Jahrzehnt nehmen naturtrübe Biere, Säfte, aber auch Schnäpse oder Essige einen prominenten Platz in Bioläden und konventionellen Supermärkten ein. Ökologische Warentests treiben diese Etablierung voran, wenn sie in ihren Untersuchungen zu dem Ergebnis kommen, dass ungefilterte Fruchtsäfte oder Biere weitaus größere Mengen an Vitaminen und Mineralien enthalten. Sie legitimieren den Schritt vieler Brauereien und Saftproduzenten, Hefe- beziehungsweise Frucht-zuckerrückstände nicht mehr aus den Getränken zu entfernen. Spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts, war die Perfektionierung von Filtrationsverfahren gleichbedeutend mit der Perfektionierung von menschlicher Zivilisation selbst. Das Vermögen, etwa Trinkwasser auf immer feinere Weise von Fremdstoffen zu befreien, erschien als Kulturleistung schlechthin, was sich auch auf den Umgang mit vielen anderen Flüssigkeiten übertrug. Der Siegeszug naturtrüber Getränke mindert diese konstante Bedeutung des Filters. Die Kategorie des »Klaren« erfährt eine grundsätzliche Umdeutung: Sie ist nicht mehr gleichbedeutend mit dem Reinen, sondern eher mit dem industriell Produzierten. Das Trübe dagegen, seit je das latent Verunreinigte, erscheint nun als Garant für Gesundheit und Wahrhaftigkeit. Einem Weißbier würden gründliche Filter nicht mehr Schadstoffe entziehen, sondern die Seele. Bis vor wenigen Jahrzehnten war das Konzept des »Naturtrüben« völlig undenkbar. »Die Entwicklung der Filtration kann als ein Spiegel für den jeweiligen kulturellen Stand und besonders für den Stand der Hygiene eines Zeitalters angesehen werden. Alkoholhaltige Getränke (Biere, Weine, Liköre) sowie alkoholfreie (Obstsäfte, Limonaden) würden bei Vorhandensein auch nur geringer Trübungen oder von Bodensatz schwer verkäuflich sein. Das aus der Alternativkultur der Siebziger- und Achtzigerjahre erwachsene Augenmerk auf möglichst naturbelassene Ernährung hat eine fast 200 Jahre lang stetig verfeinerte Kulturleistung, die Kunst des Filterns, zur Stagnation gebracht. Eines darf man allerdings nicht vergessen: Die scheinbare Rückkehr zu vormodernen, »natürlichen« Produktionsprozessen von Getränken ist eher deren Simulation mit allermodernsten Mitteln. Die Vergröberung oder Absenz von Filtern ist kein einfaches Besinnen auf Vergangenes, sondern geschieht im genauesten Wissen um die zeitgemäßen hygienischen und technischen Standards. Insofern sollte man eine Begriffskorrektur vornehmen. Die neuen Bier-, Fruchtsaft- und Schnapssorten sind allenfalls »kulturtrüb«.

Aus:ttp://sz-magazin.sueddeutsche.de/ (leicht verändert) Naturtrüb 12.07.2007     Von: ANDREAS BERNARD


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