Gekreuzigt, gestorben und begraben …

Am Ende seines öffentlichen Auftretens steht Jesus vor der Entscheidung, ob er nach Galiläa zurückkehren oder nach Jerusalem hinaufgehen soll. Lukas teilt mit, dass Jesus sich fest entschlossen nach Jerusalem begab (Lk 9,51). Markus erwähnt, dass Jesus seinen Jüngern klar machte, was Gott mit ihm vorhatte: „Der Menschensohn muss vieles erleiden und verworfen werden“ (Mk 8,31). Johannes charakterisiert diese Situation mit den Worten: „Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war …“ (Joh 13,1).

1. Die letzte Woche

Nicht hoch zu Ross, auf einem Esel zieht Jesus in Jerusalem ein. Menschen jubeln ihm zu: „Hilf, Herr!“ und breiten Kleider und Palmbaumzweige auf dem Weg aus. Jesus weint über Jerusalem, als er die Stadt vor sich liegen sieht. Mehrere Tage lehrt er im Tempel und spricht deutliche Worte – erbost, dass der Tempel, der ein Bethaus sein soll, zu einer „Räuberhöhle“ gemacht worden ist (Lk 19,46).Während des Passamahles erteilt Jesus beim Brechen des Brotes und Trinken des Weines seinen Jüngern den Auftrag, diese Handlung fortzusetzen und seiner zu gedenken. Hier liegen die Wurzeln des heiligen Abendmahles. Nach dem Mahl verlässt Judas den Raum, um Jesus den jüdischen Autoritäten auszuliefern. Am Ölberg, im Garten Gethsemane fordert Jesus seine Jünger zur Wachsamkeit auf, betet von Todesängsten bedrängt, erklärt sich bereit, dem Willen seines Vaters zu entsprechen, und trifft schlafende Jünger an, erschöpft vom Kummer. Jesus wird gefangen genommen und von hastig zusammengerufenen jüdischen und römischen Instanzen verhört. Das Volk, das dabei ist, ruft nicht mehr „Hosianna!“, sondern „Kreuzige, kreuzige ihn!“ Der römische Statthalter Pontius Pilatus will Jesus frei lassen, lässt sich aber leiten von dem Geschrei der Menge, die fordert, dass Jesus gekreuzigt werde. Anlässlich des Passahfestes lässt Pilatus den Mörder und Aufwiegler Barabbas frei und verurteilt Jesus zum Tod. Jesus wird entkleidet, in Purpur gehüllt und mit Dornen gekrönt als „König der Juden“ verspottet, nach Golgatha geführt und ans Kreuz geschlagen. Zwei Kriminelle werden mit ihm hingerichtet, Jesu Kreuz steht in der Mitte. Soldaten verteilen Jesu Kleider unter sich, der Gewinner des nahtlosen Rockes wird durch Losentscheid ermittelt. Um sicher zu sein, dass Jesus gestorben ist, sticht einer der Soldaten Jesus mit einem Speer in die Seite. Jesu Leichnam wird vom Kreuz genommen, in Leinentücher gehüllt und in ein neues Grab gelegt. Ein großer Stein verschließt die Tür.
2. Sieben Kreuzesworte Im Sterben spricht Jesus die Worte:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46 nach Ps 22,1)
„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34)
„Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein!“ (Lk 23,43)
„Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ (Lk 23,46 nach Ps 31,5)
„Er ist jetzt dein Sohn“ – sagt Jesus zu seiner Mutter, „Sie ist jetzt deine Mutter“ – sagt Jesus zu dem Jünger, den er besonders lieb hatte (Joh 19,26-27)
„Mich dürstet!“ (Joh 19,28)
„Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30)
3. Ein scharfer Kontrast
Frühchristliche Autoren – Eusebius (260-340 n.Chr.) zum Beispiel – haben in beeindruckender Weise beschrieben, dass Christen um ihres Glaubens willen gefoltert und getötet wurden. Manche Märtyrerinnen und Märtyrer lobten und priesen Jesus beharrlich und so lange, bis die Flammen der Scheiterhaufen es ihnen definitiv unmöglich machten. Diese Haltung vieler Blutzeugen des Glaubens ist eine ganz andere als die, in der Jesus in den Tod ging. Kennzeichnend für die Leidensgeschichte Jesu sind nach den Evangelien (zum Beispiel in Mk 14,32 – 15,47):
das Überhandnehmen des Schreckens und der Angst: Jesus fing an zu zittern und zu zagen.
das Ende der eigenen Kraft: „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.“
das Verlangen, den kommenden Ereignissen zu entgehen: „Abba, lieber Vater, alles ist dir möglich! Erspare es mir, diesen Kelch trinken zu müssen!“
das Gefühl der Gottverlassenheit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Es ist merkwürdig, dass Nachfolger Jesu gerade durch seinen Tod getröstet werden. Diejenigen, die für Jesus ihr Leben ließen, bezeugten Gottes Nähe, Jesus klagte, von seinen Freunden und von Gott verlassen zu sein. Das Neue Testament enthält eine Erklärung für diesen Kontrast. Jesu Leiden war nicht nur ein körperliches, sondern auch ein geistliches Leiden. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er die Trennung von Gott, seinem Vater. Die Märtyrer ertrugen ihre Schmerzen für ihn, er hat ihre Sünde – und nicht nur die, sondern die Sünde der ganzen Welt – getragen. Als Johannes Jesus sah, rief er: „Siehe, das ist Gottes Opferlamm, das die Sünde der Welt trägt!“ (Joh 1,29)
4. Das Kreuz
 „Denn dies ist ja unser Bekenntnis: Einer ist Gott und einer ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus …“ (1. Tim 2,5). Die Bibel spricht von dem Abstand zwischen Gott und Mensch. Durch Ungehorsam und Unachtsamkeit hat der Mensch das Band zerschnitten. Es ist eine Kluft entstanden. Manchmal können Brückenbauer Gräben überbrücken, manchmal ist ein Vermittler in der Lage, Parteien zusammenzuführen. Nach dem Neuen Testament tut Jesus das. Er überbrückt die Kluft – als Mittler, der „sein Leben gegeben hat, um die ganze Menschheit von ihrer Schuld zu erlösen …“ (1. Tim 2,6). „Unsere Sünde hat er ans Kreuz hinaufgetragen, mit seinem eigenen Leib, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben“, schrieb Petrus. „Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden“ (1. Ptr 2,24). Viele Menschen kennen die Erfahrung der Entfremdung, Verlorenheit, Schuld, Sinnlosigkeit. Für die Verfasser des Neuen Testamentes ist der Tod Jesu die Lösung dieser Probleme. Darum legen sie allen Nachdruck auf das Leiden und Sterben Jesu und bezeugen sie ausführlich dessen Bedeutung. In den christlichen Kirchen und Gemeinschaften ist man durch die Jahrhunderte hindurch dabei geblieben. Das Kreuz ist zum zentralen Symbol des Christentums geworden. Warum Jesus sterben „musste“, um die Menschen zu retten, ist ein großes Geheimnis. Paulus spricht von dem Unsinn der Botschaft vom Kreuz. Das Neue Testament entfaltet die Bedeutung des Kreuzes auf unterschiedliche Weise. Das Kreuz offenbart die Tiefe der Sünde des Menschen. Es offenbart die Tiefe der Liebe Gottes. Es offenbart den Weg zurück zu Gott. Es offenbart, was Nachfolge heißt.
5. Bildhafte Aussagen
Die Bibel macht beim Sprechen über Gott reichlich Gebrauch von Bildern. Bilder bewahren vor der Verabsolutierung bestimmter Sichtweisen, sie beleuchten jeweils eine bestimmte Seite des erkennbar Gemachten. Das gilt auch für die Bedeutung des Leidens und Sterbens Jesu. Drei bildhafte Aussagen:
Lösegeld
 „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für alle Menschen hinzugeben“ (Mk 10,45). Sklaven konnten befreit werden, indem Lösegeld für sie gezahlt wurde. Die Bibel bezeugt, dass jeder Mensch – ungeachtet seiner Kultur und Geschichte, seiner guten oder bösen Seiten – von Sünde, Angst, Schuld und Tod befreit werden kann – durch den Tod und die Auferstehung Jesu.
Versöhnung
Der Tod Jesu überbrückt die Kluft zwischen Gott und Mensch. Die Beziehung ist wieder hergestellt. Nach Aussagen im Epheserbrief hat Jesus auch die Mauer eingerissen, die Juden und Nichtjuden trennt. Versöhnung zwischen Gott und den Menschen spielt im Alten Testament eine wichtige Rolle. Das 3. Mosesbuch enthält Anweisungen für Opferhandlungen und die Feier des Großen Versöhnungstages. Für die Verfasser des Neuen Testamentes ist Jesus das eine vollkommene Opfer und der einzige wahre Hohepriester. Er macht anderen den Weg frei in die Gemeinschaft Gottes.

 Jan Alberts, Nordhorn http://www.altreformiert.de/2006/gb060402.html

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