Dostojewski und das Neue Testament

In den „Dämonen“ schreibt Dostojewski: „Ich glaube, es gibt Gesichter, die jedes Mal, wenn sie auftauchen, wieder etwas Neues mitbringen, etwas, das man bis dahin noch nicht an ihnen bemerkt hat, auch wenn man ihnen hundertmal begegnet ist“[ 1 ]. In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie auch durch mein Referat etwas Neues an Dostojewski entdecken, das Sie bisher noch nicht entdeckt hatten.Ich bin kein Experte, kein Slawist, obwohl ich einige Semester Russisch studiert habe, sondern nur ein Laie, ein Amateur, ein „Liebhaber“ der Werke Dostojewskis. Von meiner Ausbildung her bin ich Althistoriker, halte eher Vorträge über historische Grundlagen des Neuen Testaments als über russische Literatur.

Meine Begegnung mit dem Werk Dostojewskis begann durch die Lektüre von Camus. In der Oberstufe des Gymnasiums suchte ich nach dem Sinn meines Lebens. Wofür lohnt sich der Einsatz des Lebens? Ich las damals viel von Sartre und Camus. Vor allen Dingen von Camus war ich beeindruckt, von seiner radikalen Fragestellung: Lohnt das Leben oder lohnt es sich nicht? Die Antwort im „Mythos von Sisyphus“ fand ich allerdings enttäuschend.
Im Vorwort seines Dramas „Die Besessenen“, einer Kurzfassung von Dostojewskis „Dämonen“ stieß ich auf folgende Sätze aus dem Jahre 1959: „Lange Zeit hat man Marx für den Propheten des 20. Jahrhunderts gehalten. Heute weiß man, dass das, was er prophezeite, auf sich warten ließ, und wir erkennen, dass Dostojewski der wahre Prophet war. Er hat die Herrschaft der Großinquisitoren und den Triumph der Macht über die Gerechtigkeit vorausgesehen. Ich war 20 Jahre alt, als ich dem Werk Dostojewskis begegnete, und die Erschütterung, die mich damals ergriff, hält heute nach mehr als weiteren 20 Jahren noch an. Ich habe Dostojewski zuerst lieben gelernt, weil er mir die Geheimnisse des menschlichen Wesens enthüllte. Aber sehr schnell, in dem Maße, wie ich das Drama meiner Zeit immer grausamer erlebte, habe ich in Dostojewski den Menschen lieben gelernt, der am tiefsten unser geschichtliches Schicksal erlebt und ausgedrückt hat. Für mich ist in erster Linie Dostojewski der Schriftsteller, der lange vor Nietzsche den zeitgenössischen Nihilismus erkannte, definierte und seine ungeheuerlichen oder wahnwitzigen Folgen voraussah, und der versuchte, die Botschaft des Heils zu bestimmen. Der Mann, der geschrieben hatte: ‚Die Fragen nach Gott und nach der Unsterblichkeit sind dieselben wie die Fragen des Sozialismus, nur aus einem anderen Blickwinkel gesehen‘, der wusste, dass von diesem Augenblick an unsere Zivilisation dieses Heil für alle oder für niemanden fordern würde. Aber er wusste auch, dass dieses Heil nicht allen zuteil werden konnte, wenn man darüber die Leiden auch nur eines einzigen vergaß.“[ 2 ]
Vielen geht es beim Lesen der Werke Dostojewskis so wie Camus. Sie sind betroffen, weil sie sich in seinen Werken wiedererkennen. In Russland traf ich einmal auf einen Übersetzer, der mir sagte: „Ich habe mich seit neun Jahren nicht mehr getraut, Dostojewski zu lesen, denn ich weiß, wenn ich ihn lese, dann geht es auch um mich.“ Und das hält man bekanntlich nicht immer aus. Auf Grund dieser Gedanken von Camus habe ich dann nicht Marx, sondern das Gesamtwerk von Dostojewski gelesen – und zwar im Zug, während ich als Student zwischen Wohn- und Studienort hin- und herpendelte. Bei meiner Beschäftigung mit Dostojewski hat mich in der Folgezeit sehr stark beeindruckt, wie viele der maßgeblichen Denker des 20. Jahrhunderts, vor allem im Westen Europas, von ihm beeinflusst sind. Einige Beispiele:
Die französischen Existentialisten Jean-Paul Sartre und Albert Camus. Auf die Frage: „Was ist Existentialismus?“, schrieb Sartre: „Der Ausgangspunkt des Existentialismus besteht in einem Satz Dostojewskis: ‚Wenn Gott nicht existierte, so wäre alles erlaubt.’…In der Tat, alles ist erlaubt, wenn Gott nicht existiert, und demzufolge ist der Mensch verlassen, da er weder in sich noch außerhalb seiner eine Möglichkeit findet, sich anzuklammern … anders gesagt, es gibt keine Vorausbestimmung mehr, der Mensch ist frei, der Mensch ist Freiheit.“[ 3 ] Camus habe ich schon zitiert.
Die Schweizer evangelischen Theologen Karl Barth und Eduard Thurneysen: In seinem berühmten Römerbriefkommentar aus dem Jahr 1926 zitierte Karl Barth nur Luther häufiger als Dostojewski.[ 4 ] Sein Freund Thurneysen schrieb sogar eine kleine Dostojewski-Monographie.[ 5 ]
Die österreichischen Psychotherapeuten Sigmund Freud[ 6 ] und Alfred Adler schrieben Aufsätze über Dostojewski. Alfred Adler war vor allem von der Aussage Dostojewskis beeindruckt: „Man erkennt einen Menschen an seinem Lachen.“[ 7 ] Dostojewski charakterisiert seine Personen durch das Beschreiben ihres Lachens. Sehen Sie sich daraufhin einmal z.B. den „Idioten“ an. Es gibt viele Arten menschlichen Lachen: warmes Lachen, kaltes Lachen, sein Lachen klang zerborsten, voller Hass, höhnisch, freundlich…..
Deutsche Schriftsteller wie Hermann Hesse und Thomas Mann beschäftigten sich mit ihm.
Hermann Hesse nannte ihn bereits in seinem Aufsatz „Blick ins Chaos“[ 8 ] aus dem Jahre 1920 – vierzig Jahre vor Camus – den Propheten für das zwanzigste Jahrhundert, weil sich in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ alle Typen beschrieben finden, die für dieses Jahrhundert charakteristisch werden sollten. Thomas Mann nannte seinen Aufsatz „Dostojewski- mit Maßen“.[ 9 ] Und so sollte man es wohl auch halten: Dostojewski – ja, aber mit Maßen, weil die Beschäftigung mit seinem Werk manchmal einem Blick ins Chaos gleicht und man diesen Blick nicht an jedem trüben Novemberabend gut aushält.
Nietzsche nannte die literarische Begegnung mit Dostojewski den Glücksfall seines Lebens und schrieb in aller Bescheidenheit: „Dostojewski ist der einzige Psychologe, von dem ich etwas gelernt habe.“[ 10 ] Als im Jahre 1977 die „Dämonen“ für das Fernsehen verfilmt wurden, wurde Deutschland durch die Terroranschläge der RAF erschüttert. Aufgrund vieler Anrufe und Briefe musste damals die Fernsehansagerin vor der dritten Folge versichern, dass hier nicht aus Anlass der derzeitigen Situation in Deutschland ein Stück aus dem letzten Jahrhundert aktualisiert wurde, sondern dass alle Dialoge nach dem Original wiedergegeben würden.
Übrigens hat auch Goebbels Dostojewski zitiert. Seiner Doktorarbeit in den 20er Jahren hat er als Motto ein Zitat Dostojewskis aus den „Dämonen“ vorangestellt.[ 11 ]
Man kann also ohne Übertreibung sagen, dass Dostojewski in ganz besonderer Weise das Denken in diesem Jahrhundert beeinflusst hat.
In einem neuen Sammelband über Dostojewski[ 12 ] beginnt Ludolf Müller seinen Aufsatz über die Religion Dostojewskis mit folgenden Worten: „Die Frage nach der Religion Dostojewskis, nach seiner ethisch-religiösen Weltanschauung, ist für das Verständnis seiner Werke grundlegend. Überall in seinen großen Romanen spielt diese Frage eine entscheidende Rolle, sie alle kreisen um sie, und ohne Verständnis seines religiös-philosophischen Ansatzes kann man Sinn und Gehalt seiner Romane nicht angemessen, nicht richtig verstehen.“[ 13 ]
In meinem Referat geht es um die Frage, welche Rolle das Neue Testament im Leben und Werk Dostojewskis spielte.
Dostojewski selbst schrieb: „Ich stamme aus einer frommen, russischen Familie. Von meiner frühesten Kindheit an erinnere ich mich der Liebe meiner Eltern. In unserer Familie kannten wir die Evangelien beinahe schon von der Wiege an.“[ 14 ]
Eine bewusste Hinwendung zum christlichen Glauben geschah allerdings erst in seiner Zeit im Straflager, in der Katorga, in der Nähe von Omsk in Sibirien (1850-1854). Auf dem Wege dorthin wurde ihm ein Neues Testament geschenkt. Das Neue Testament war das einzige Buch, das in der Katorga erlaubt war.
Seine Frau schreibt in ihren Memoiren: „Während der ganzen vier Jahre seiner Gefangenschaft gestattete Fjodor Michajlowitsch nicht eine Minute lang eine Trennung von dem heiligen Buch.. Als er 20 Jahre später sich seiner Leiden und seiner Bekümmerung erinnerte, pflegte er zu sagen, dass das Evangelium das Einzige war, das ihm überhaupt die Hoffnung erhielt. Nur von diesem Buch wurde er aufgerichtet. Wann immer er sich ihm zuwandte, fühlte er sich mit neuer Energie und Stärke gefüllt.“ – „Vier Jahre lang pflegte es im Gefängnis unter meinem Kissen zu liegen“, erzählt der Schriftsteller selbst. „Von Zeit zu Zeit las ich darin und las anderen laut vor.“[ 15 ]
Seine Frau Anna Grigorjewna sagte später, dass das Exemplar des Neuen Testaments immer auf dem Schreibtisch zu finden war: „Wann immer er in Gedanken verloren schien oder in Zweifel über etwas stand, öffnete er das NT an einer beliebigen Stelle und las, was immer er auf der aufgeschlagenen linken Seite fand.“[ 16 ] Sicher eine etwas merkwürdige Art, das Neue Testament zu lesen!
Dieses Exemplar des Neuen Testaments wurde 1983 im Lenin-Museum in Moskau von dem norwegischen Dostojewski-Forscher G. Kjetsaa, der auch eine Biographie über Dostojewski geschrieben hat[ 17 ], ausgewertet.
Es finden sich etwa 200 Anstreichungen bzw. Anmerkungen in dieser Ausgabe, und zwar betreffen sie 21 der 27 Bücher des Neuen Testaments. Das Markusevangelium wird zweimal, das Lukasevangelium siebenmal, aber der 1. Johannesbrief sechsmal, die Offenbarung des Johannes 16mal, das Johannesevangelium 58mal angestrichen. Ein Grund dafür ist sicher, dass das Johannesevangelium das Evangelium der Ostkirche ist.. Für die Bevorzugung des Johannesevangeliums spricht nach Kjetsaa aber auch, dass das Johannesevangelium in besonderer Weise die Tatsache betont, dass Jesus der Eine ist, in dem sich Gott den Menschen offenbart. In den Notizen zu den „Dämonen“ schrieb Dostojewski: „Es ist nicht Christi moralisch-menschliches Beispiel, noch seine Lehre, die die Welt retten werden, nein, es ist allein der Glaube, dass das Wort Fleisch wurde.“[ 18 ]
Eine Vorliebe hatte Dostojewski für Abschnitte, die sich mit dem Gericht Gottes und mit Ermahnungen in der Bibel befassen. Darüber hinaus kann man drei Themen in besonderer Weise beobachten[ 19 ]:
    1. Wie kommt man vom Zweifel zum Glauben?
    2. „Auferstehung“, und
    3. die Person Jesu Christi
Zu 1. streicht er die Geschichte von Nathanael an, dem ersten Zweifler, der auf die Frage, ob nicht Jesus etwa der verheißene Prophet sei, mit dem wahrhaft skeptischen Zitat antwortet: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen?“ (Joh 1,46). Hierhin gehört auch die Geschichte von Thomas, dem letzten, im gleichen Evangelium erwähnten Zweifler: „Wenn ich nicht in seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meine Finger in das Mal der Nägel lege und lege meine Hand in seine Seite, so werde ich nicht glauben“ (Joh 20,25). Angestrichen ist auch der Abschnitt über die Verwandten Jesu, die ihn nicht verstanden (Joh 7,5) und ihn sogar für verrückt hielten (Mk 3,21). Aber er streicht auch den beschriebenen Glauben und das Bekenntnis bei Nathanael an: „Du bist der Sohn Gottes, der König Israels“ oder bei Thomas: „Mein Herr und mein Gott.“ ( Joh 1,49; Joh 20,28)
Zu 2: Beispiel für das Thema „Auferstehung“ ist vor allen Dingen die Geschichte der Auferweckung des Lazarus, Joh 11, aber auch ein Satz wie Joh 6,40: „Wer an den Sohn glaubt, der wird das ewige Leben haben, und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag.“
3. Zur Person Jesu: „Wer mich sieht, sieht den Vater“(Joh 14,9), „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30), „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“(Joh 14,6).
Kommen wir nun von seinen im Neuen Testament angestrichenen Stellen zu seinen Werken. Hier wird das Neue Testament oft direkt zitiert, z.B. als eines der beiden Mottos zu Beginn der „Dämonen“[ 20 ] oder als Motto für „Die Brüder Karamasow“.[ 21 ] Auf beide Textstellen wird in den Romanen jeweils ausdrücklich Bezug genommen. Das Motto der „Brüder Karamasow“ findet sich auch auf dem Grabstein Dostojewskis.
Es werden auch längere Abschnitte zitiert, z.B. Joh 11,1-46 die Auferweckung des Lazarus in „Schuld und Sühne“ oder Mt 4,1-11 die Versuchungsgeschichte Jesu (bei Dostojewski vom Standpunkt des Versuchers aus erzählt) in der Geschichte vom Großinquisitor und die Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit in Kana (Joh 2,1-11) in den „Brüdern Karamasow“.
Werfen wir einen kurzen Blick auf diese Beispiele. Der Großinquisitor sagt zu Christus: Dir wurden die drei wichtigsten Fragen der Menschheit gestellt. Du hast sie alle drei falsch beantwortet. Erstens: Brot oder Freiheit? Du gabst den Menschen die Freiheit, sie aber wollen Brot und sie wollen jemanden, an den sie ihre Freiheit abgeben, dem sie sich unterordnen können. Das werden wir ihnen geben. Zweitens: Wunder, Autorität und Geheimnis oder Gott? Du sagst: Gott ist wichtiger als Wunder, Autorität und Geheimnis, du überforderst auch hier die Menschen. Du bist nur für die Auserwählten, die Starken da, wir nehmen uns auch der Schwachen an. Drittens: Es wurde dir angeboten, alle Reiche dieser Welt zu vereinigen. Du hast abgelehnt. Aber die Vereinigung aller Reiche auf Erden ist der große Traum der Menschheit, dahin zielt ihr Streben.
Darüber hinaus beschreibt der Großinquisitor Mechanismen, die von den Diktaturen dieses Jahrhunderts beherzigt wurden: Wer die Menschen beherrschen will, muss ihre Gewissen beherrschen. Ein Gewissen beherrscht man, wenn man es entlastet. Die Entlastung der Gewissen in diesem Jahrhundert lautete: Der Führer hat immer recht – die Partei hat immer recht.
Jesus gibt dem Großinquisitor einen Kuss – schweigend. Durch diese Geste stimmt er nicht zu, sondern macht dem Großinquisitor mit dieser Geste das Angebot, zu ihm, dem Leben umzukehren, sich von ihm ansprechen zu lassen .Der Großinquisitor ist kurz bewegt – es zuckt an seinem Mundwinkel – doch er bleibt bei seiner früheren Idee. Er ist weder zur Umkehr noch gar zur Reue fähig.
Die Bekehrungsgeschichte Aljoschas in den „Brüdern Karamasow“ ereignet sich im Zusammenhang mit der Lesung der Geschichte von der Verwandlung von Wasser in Wein durch Jesus (Joh 2). Erschöpft und übermüdet nach einem anstrengenden und für ihn niederschmetternden Tag hört Aljoscha – halb schlafend – diese Geschichte „vom ersten Zeichen, das Jesus tat“. Im Halbschlaf sieht er die Hochzeitsgesellschaft; immer mehr Menschen nehmen an diesem Fest teil. Der von ihm verehrte und geliebte Staretz ist ebenfalls anwesend und ruft ihn, auch zu kommen. „Nicht das Leid, nein, die Freude der Menschen suchte Jesus auf, als er sein erstes Wunder vollbrachte, zur Freude verhalf er ihnen … Er hat Wasser in Wein verwandelt, damit die Freude der Gäste nicht aufhöre. Neue Gäste erwartet Er, und ununterbrochen lädt Er neue ein, und so fort bis in alle Ewigkeit …“
„Es war Aljoscha, als brenne etwas in seinem Herzen und erfülle es mit unsäglichem Schmerz. Tränen der Begeisterung lösten sich aus seiner Seele… Er breitete seine Arme aus, schrie auf und erwachte … Ihm war, als verbänden sich unsichtbare Fäden von all diesen zahllosen Welten Gottes in ihm, und seine ganze Seele erschauerte ‚in der Berührung mit anderen Welten‘. Er wollte allen alles vergeben und selbst um Vergebung bitten … Sein ganzes Leben lang, niemals, niemals konnte Aljoscha diesen Augenblick vergessen … ‚Jemand hat in dieser Stunde meine Seele heimgesucht'“.[ 22 ]
Ludolf Müller interpretiert diese Stelle so: „‚Jemand‘ … sucht die Seele Aljoschas heim. Es ist wohl kein Zufall, dass Dostojewski hier das personhafte Pronomen benutzt, während er sonst eher geneigt ist, Gott mit unpersönlichen, nicht-personhaften Wendungen zu umschreiben. Das Empfinden der Berührung mit anderen Welten wird in Aljoscha hier so stark, so konkret, dass das göttliche Sein als Person, als ‚jemand‘ … empfunden, erlebt wird.“
Nach Ludolf Müller zeigt Dostojewski in der Bekehrungsgeschichte Aljoschas, dass die „Beziehungen zwischen Gott und Welt echte Wechselbeziehungen sein können, Beziehungen, die nicht nur vom Menschen in der Meditation hinaufgehen zu Gott, sondern auch von Gott herab zum Menschen.“[ 23 ]
Sehen wir uns ein anderes Beispiel etwas genauer an, und zwar die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus.[ 24 ].
Auf diese Geschichte aus dem Johannesevangelium wird dreimal im Roman „Schuld und Sühne“ Bezug genommen. Zunächst im ersten Gespräch Raskolnikows mit dem Untersuchungsrichter Porfirij. Raskolnikow spricht vom neuen Jerusalem als Ziel der Geschichte der Menschheit. Porfirij fragt ihn ganz überrascht: “ ‚Sie glauben also immerhin an das Neue Jerusalem?‘ ‚Ich glaube‘, antwortete Raskolnikow mit Bestimmtheit; als er antwortete wie auch während seiner langen Rede, blickte er zu Boden, wo er sich einen bestimmten Punkt auf dem Teppich ausgesucht hatte. ‚Und… und…und glauben Sie auch an Gott?‘ … ‚Ich glaube‘, wiederholte Raskolnikow, wobei er den Blick zu Porfirij hob. ‚Und … glauben Sie auch an die Auferweckung des Lazarus?‘ ‚Ich … ich glaube. Warum wollen Sie das wissen?‘ ‚Glauben Sie buchstäblich daran?‘ ‚Buchstäblich.'“[ 25 ]
Die drei Fragen des Untersuchungsrichters sind eine Steigerung hin zum Konkreten. Der Glaube an das neue Jerusalem, also an das Paradies auf Erden war ein Glaube, den im 19. und selbst im 20. Jahrhundert viele Menschen hatten. Der unbestimmte Glaube an einen Gott ist nicht nur für das 19., sondern auch für das 20. Jahrhundert zutreffend, dass man also irgendwie an irgendeine höhere Macht glaubt. Aber die Auferweckung des Lazarus zu glauben, bedeutet, dass man ein konkretes, historisches Ereignis glaubt, das ein Zeichen der Macht Jesu Christi ist.
Unmittelbar nach diesem Gespräch ist Raskolnikow bei Sonja und sieht eine Ausgabe des Neuen Testamentes bei ihr auf dem Schrank liegen. Das Neue Testament, das 1821, im Geburtsjahr von Dostojewski, ins Russische übersetzt worden ist. Diese Ausgabe des Neuen Testamentes war „alt, fleißig genutzt, in Leder gebunden“, wie übrigens auch Dostojewskis eigene Ausgabe. Raskolnikow fordert sie auf, die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus vorzulesen; wahrscheinlich, um sich zu erinnern, was er denn nun „buchstäblich“ glaubt. Nach der Lesung tritt für fünf Minuten Schweigen ein. Wer einmal versucht hat, mit wenigen Menschen in einem Raum für eine Minute ganz still zu sein, weiß wie bedrückend lang solche Minuten sein können. Raskolnikow ist betroffen. Diese Geschichte spiegelt seine eigene Situation wieder. Tot und bereits der Verwesung nahe, das ist er. Leben ist das, was er möchte, Auferstehung ist das, was er nötig hat. Deshalb wird er von der Aussage Jesu so stark angesprochen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben …“(Joh 11,25).
Im Epilog taucht dann die Lazarusgeschichte zum dritten Mal auf. Warum eine solche Betonung der Lazarusgeschichte? Ludolf Müller vermutet, weil nach David Friedrich Strauß die Lazarusgeschichte die unwahrscheinlichste aller Wundergeschichten im Neuen Testament ist, und Dostojewski hatte als Student das einflussreiche Buch von David Friedrich Strauß („Das Leben Jesu – kritisch bearbeitet“) gelesen und setzt sich gerade deshalb damit auseinander.
Über die angegebenen Beispiele hinaus gibt es noch eine Fülle anderer wörtlicher Zitate von Bibelstellen in den Werken Dostojewskis.
Eine andere Frage soll noch angesprochen werden: Wie hat Dostojewski biblische Gedanken in seinem Werk umgesetzt? Ein Beispiel mag den Weg vom Zweifel zum Glauben illustrieren: Dostojewski hat Zweifel an Gott selbst stark erfahren, intellektuell im Kreis von Petraschewski, existentiell hervorgerufen durch die vom Zaren inszenierte Scheinhinrichtung auf dem Semjonowplatz in Petersburg, durch das Leben in der Katorga, und durch den frühen Tod zweier Kinder.
Für ihn ist beim Weg vom Zweifel zum Glauben nicht der Zweifel das Problem, sondern die Lauheit, die Gleichgültigkeit der Menschen. Er zitiert in den „Bösen Geistern“ aus der Offenbarung: „Dass du doch heiß oder kalt wärest, aber du bist lau.“ (Off 3,15). Nathanael und Thomas waren nicht lau, sie wollten die Wahrheit wissen. Sie werden nicht wegen ihrer Zweifel von Jesus getadelt. Zu Nathanael sagt Jesus sogar: „Ein wahrer Israelit ohne Falsch.“ Sie wollen wirklich die Wahrheit wissen und sie lassen sich überzeugen. Sie reagieren auf die Erkenntnis der Wahrheit mit einem Bekenntnis zu Christus.
Für Dostojewski sind die Person Christi und die Tatsache seiner Auferstehung das Zentrum des Evangeliums. Entweder ist Christus auferstanden, oder ich begehe Selbstmord. Die Helden Dostojewskis leben zwischen diesen Extremen, die Konsequenten unter ihnen, nicht alle, kommen entweder zu Christus oder begehen Selbstmord. Dass es nicht alle tun, hängt mit einer Tatsache zusammen, die Camus so beschrieben hat: „Es ist leicht, logisch zu sein, aber es ist schwer, logisch zu sein bis zum Ende.“
Die Auferstehung Christi ist der Eckstein des Glaubens bei Dostojewski. Christus ist also nicht nur ein Vorbild im ethischen Handeln, er ist Sieger über den Tod. Das Evangelium öffnet sich Dostojewski als ein Buch über die Auferstehung. Alle Tragik und Absurdität des Lebens sieht er in der Auferstehung überwunden. Die Auferstehung hat stattgefunden in der Geschichte. Sie hat Heilsauswirkung bis in die Gegenwart hinein.
Was könnte man innerhalb der Grenzen dieses Weltgeschehens Iwan Karamasow antworten, der angesichts des Todes kleiner Kinder seine Eintrittskarte in diese Welt zurückgeben will? In dieser Welt wird das Leid nicht aufgehoben, hier gibt es keine Antwort. Die einzig mögliche Antwort ist die Tatsache der Auferstehung Jesu. Camus und Dostojewski hielten beide die Geschichte der Welt für absurd, aber es gab in ihrem Denken einen großen Unterschied. Dostojewski ging davon aus, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, Camus nicht. Nur einer kann Recht haben. Das Leid ist eine Folge des Abfalls von Gott, und die Auferstehung Jesu ist ein neues Kapitel der Geschichte Gottes mit den Menschen. Entscheidend für die Heilung eines Menschen ist die Umkehr zu Gott.
In dem Roman „Die Brüder Karamasow“ wird das Theodizeeproblem behandelt. Es geht um die Frage: Wie ist ein liebender Gott angesichts der Leiden der Welt denkbar? Die Anfragen und Anklagen werden von Iwan formuliert. Doch wo ist die Antwort Dostojewskis? Die Antwort geschieht nicht auf argumentativem Weg, sondern besteht in der Person des Staretz Sossima. Es werden also keine theoretischen, dogmatischen Antworten gegeben, sondern das Beispiel einer konkreten Person, der man nachfolgen kann, vor Augen gemalt. Die Evangelien enthalten ja auch in erster Linie keine Dogmatik, sondern Mittelpunkt ist eine Person: Jesus von Nazareth. Sein Leben, sein Sterben und seine Auferweckung.
Unmittelbar vor seinem Tod las Dostojewski zwei Texte aus dem Neuen Testament. Das eine war eine zufällige Begegnung mit dem Vers Mt 3,14-15: „Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf wohl, dass ich getauft werde von dir, und du kommst zu mir! Jesus antwortete und sprach zu ihm: Halte mich nicht zurück, also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Nachdem er diese Worte gehört hatte, dachte er einen Augenblick nach und sagte dann zu seiner Frau: „Hast du es gehört? Halte mich nicht zurück. Meine Stunde ist gekommen“[ 26 ].
Später ließ er seine beiden Kinder kommen und las ihnen Lk. 15, die Geschichte von den beiden verlorenen Söhnen, vor und sagte: „Meine Kinder, vergesst nie, was ihr eben gehört habt. Habt unbedingtes Vertrauen auf Gott und zweifelt nie an seiner Gnade. Ich liebe euch sehr, aber meine Liebe ist nichts im Vergleich zu Gottes unendlicher Liebe zu den Menschen. Selbst wenn ihr ein Verbrechen begehen solltet, so zweifelt niemals an Gott. Ihr seid seine Kinder, demütigt euch vor ihm, so wie der verlorene Sohn sich vor seinem Vater demütigte. Bittet ihn um Vergebung, dann wird er sich freuen, so wie sich der Vater über die Heimkehr des verlorenen Sohnes freute.“[ 27 ] Hier klingen noch einmal zentrale Themen seiner großen Romane an: Reue, Umkehr und Vergebung. Ohne Reue, Umkehr und Vergebung kann der Mensch nicht von seiner inneren Zerrissenheit geheilt werden. Deshalb lässt Dostojewski den Staretz Sossima sagen: „Wenn nur die Reue in dir nicht erlahmt, so wird Gott alles verzeihen“. Und zur Vergebung gehört nicht nur, dass man sie von Gott annimmt, sondern auch, dass man den anderen vergibt. „Lass dich von den Menschen nicht erbittern und ärgere dich nicht über Kränkungen … vergib im Herzen alles, söhne dich aus … in Wahrheit..“[ 28 ] Am Ende des Romans „Schuld und Sühne“ heißt es von Raskolnikow, dass er die Dialektik gegen das Leben eintauscht. Diese Umkehr beginnt für Raskolnikow, als er innerlich realisiert, dass er von Sonja geliebt wird. In den Manuskripten von „Schuld und Sühne“ lässt Dostojewski Raskolnikow eine Vision von Christus erleben. In der Fassung, die Dostojewski dann zum Druck gebracht hat, denkt Raskolnikow darüber nach, dass sein neues Leben auch damit beginnen sollte, dass er das Neue Testament liest. Die Ersetzung der Vision Christi durch die Lektüre des Neuen Testaments hängt sicher auch damit zusammen, dass das Evangelium das Buch ist, in dem wir Christus begegnen und in ihm das Leben finden können. Davon war Dostojewski überzeugt. Dr. Jürgen Spiess[ 29 ]
Fussnoten
[ 1 ] Die Dämonen, Erster Teil, Kapitel V.
[ 2 ] A.Camus, Dramen, Hamburg 1959, S.13f.
[ 3 ] Ist der Existentialismus ein Humanismus? In: Drei Essays, Zürich 1975, S.16.
[ 4 ] K.Barth, Der Römerbrief, München 1926.
[ 5 ] E.Thurneysen, Dostojewski, München 1921.
[ 6 ] S.Freud, Dostojewski und die Vatertötung, in: Die Urgestalt der Brüder Karamasow, München 1928.
[ 7 ] A.Adler, Dostojewski, in: Praxis und Theorie der Individualtheorie, S.281ff.
[ 8 ] H.Hesse, Blick ins Chaos, Drei Aufsätze, Bern 1921.
[ 9 ] T.Mann, Dostojewski mit Maßen, Neue Rundschau 1945/6.
[ 10 ] F.Nietzsche, Götzendämmerung, in Werke II, München 1966, S.1021.
[ 11 ] „Vernunft und Wissen haben im Leben der Völker stets nur eine zweitrangige, eine untergeordnete, eine dienende Rolle gespielt – und das wird ewig so bleiben! Von einer ganz anderen Kraft werden die Völker gestaltet und auf ihrem Wege vorwärts getrieben, von einer befehlenden und zwingenden Kraft, deren Ursprung vielleicht unbekannt und unerklärlich bleibt, die aber nichts desto weniger vorhanden ist.“ Zitiert nach H.-.J.Gerigk, Nachwort zu F.M. Dostojewski, Die Dämonen, München 1977, S.832. „Wie Goebbels-Biograph Helmut Heiber kommentiert, hat Goebbels diese Sentenz des russischen Dichters sein Leben lang beherzigt.“ (H.-J.Gerigk ebd).
[ 12 ] H. Setzer, L. Müller, R.-D. Kluge (Hrsg.), „F.M. Dostojewski – Dichter, Denker, Visionär“, Tübingen 1998.
[ 13 ] a.a.O., S. 159.
[ 14 ] G. Kjetsaa, „Dostojewski und sein Neues Testament“, in Homiletisch-Liturgisches Korrespondenzblatt 29/1990, S. 19.
[ 15 ] G. Kjetsaa, S. 20.
[ 16 ] G. Kjetsaa, S. 21
[ 17 ] G.Kjetsaa, Dostojewskij. Sträfling – Spieler – Dichterfürst, Gernsbach 1986.
[ 18 ] Zitiert nach G.Kjetsaa, S.23.
[ 19 ] G.Ukrainski, Der Prophet des 20.Jahrhunderts und sein Evangelium, transparent 2/92, S.3f.
[ 20 ] „Es war aber dort auf dem Berg eine große Herde Säue auf der Weide. Und sie baten ihn, dass er ihnen erlaube, in die Säue zu fahren. Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren die bösen Geister von den Menschen aus und fuhren in die Säue; und die Herde stürmte den Abhang hinunter in den See und ersoff. Als aber die Hirten sahen, was da geschah, flohen sie und verkündeten es in der Stadt und den Dörfern. Da gingen die Leute hinaus, um zu sehen, was geschehen war, und kamen zu Jesus und fanden den Menschen, von dem die bösen Geister ausgefahren waren, sitzend zu den Füßen Jesu, bekleidet und vernünftig, und sie erschraken. Und die es gesehen hatten, verkündeten ihnen, wie der Besessene gesund geworden war.“ (Lk 8,32-36).
[ 21 ] „Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch: Wenn das Weizenkorn, das in die Erde fällt, nicht stirbt, so bleibt es allein; stirbt es aber, so bringt es viele Frucht.“ (Joh 12,24).
[ 22 ] Die Brüder Karamasow , Dritter Teil, siebtes Buch, Kapitel IV.
[ 23 ] Beide Zitate in L.Müller, Die Religion Dostojewskis, aaO., S.172f.
[ 24 ] Beide Zitate in L.Müller, Die Religion Dostojewskis, aaO., S.172f.

[ 25 ] Zitiert nach „Verbrechen und Strafe“, Dritter Teil, Kapitel V, Zürich 1994, S.352f.
[ 26 ] Zitiert nach „Verbrechen und Strafe“, Dritter Teil, Kapitel V, Zürich 1994, S.352f.
[ 27 ] Zitiert nach „Verbrechen und Strafe“, Dritter Teil, Kapitel V, Zürich 1994, S.352f.
[ 28 ] Zitiert nach „Verbrechen und Strafe“, Dritter Teil, Kapitel V, Zürich 1994, S.352f.
[ 29 ] Zitiert nach „Verbrechen und Strafe“, Dritter Teil, Kapitel V, Zürich 1994, S.352f

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