Sichtbare Liebe

Wie soll sich diese Liebe nun bekunden? Wie kann sie sichtbar werden?
Zunächst einmal bekundet sie sich auf sehr einfache Art: wenn ich einen Fehler gemacht und meinen christlichen Bruder nicht geliebt habe, dann muss ich zu ihm hingehen und ihm sagen „Es tut mir leid.“ Das ist der erste Schritt.
Es mag enttäuschend erscheinen – unser erster Punkt, so simpel, so banal! Wer aber glaubt, das sei einfach, der hat noch niemals danach zu handeln versucht.
Wenn wir in unserem Kreis, in unserer eigenen, uns nahe stehenden Gemeinde oder auch nur in unserer Familie lieblos gewesen sind, dann gehen wir doch als Christen nicht automatisch zu dem anderen hin und sagen ihm, dass es uns leid tut! Selbst dieser erste Schritt fällt uns stets schwer.
Es mag einfältig scheinen, unsere Liebe mit der Entschuldigung und der Bitte um Vergebung zu beginnen, aber das Gegenteil ist der Fall. Nur so können wir nämlich die Gemeinschaft wieder herstellen, sei es zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kind, innerhalb einer christlichen Gemeinde oder zwischen den einzelnen Gemeinden. Wenn wir den anderen nicht genug geliebt haben, sind wir von Gott aufgefordert hinzugehen und zu sagen: „Es tut mir leid … es tut mir wirklich leid.“
Wenn ich nicht bereit bin, „Es tut mir leid“ zu sagen, wenn ich jemandem Unrecht getan habe – und besonders, wenn ich ihn nicht geliebt habe -, dann habe ich noch nicht einmal begonnen darüber nachzudenken, was für die Welt sichtbare christliche Einheit bedeutet. Dann kann sich die Welt mit Recht fragen, ob ich überhaupt ein Christ bin. Und, lassen Sie es mich noch einmal betonen, es steht noch mehr auf dem Spiel: wenn ich diesen einfachen Schritt nicht tun will, hat die Welt das Recht zu bezweifeln, dass Jesus von Gott gesandt war und dass das Christentum wahr ist (siehe Joh 17,20-23). Wieweit haben wir bewusst so gehandelt? Wie oft sind wir unter der Leitung des heiligen Geistes zu Christen in unserem Kreis gegangen, um ihnen zu sagen: „Es tut mir leid“? Wie viel Zeit haben wir aufgewendet, um die Verbindung mit Christen in anderen Kreisen wiederherzustellen und ihnen zu sagen: „Ich bereue, was ich getan, was ich ausgesprochen, oder was ich geschrieben habe.“? Wie oft ist eine Gruppe nach einem Streit zu einer anderen Gruppe gegangen und hat gesagt: „Es tut uns leid“? Dieses Verhalten ist so wichtig, dass es tatsächlich ein Teil der Evangeliumsverkündigung selbst ist. Sichtbar praktizierte Wahrheit und sichtbar praktizierte Liebe gehen mit der Verkündigung der frohen Botschaft von Jesus Christus Hand in Hand.
Ich habe in den Auseinandersetzungen unter wahren Christen in vielen Ländern eines beobachtet: Was wahre christlichen Gruppen und einzelne Christen trennt und voneinander scheidet – was über 20, 30 oder 40 Jahre hinweg (oder über 50 bis 60 Jahre im Gedächtnis der Söhne) dauernde Bitterkeit hinterlässt – ist nicht die Frage der Lehre oder des Glaubens, an der sich des Streit entzündete. Immer ist es der Mangel an Liebe – und die hässlichen Worte, mit denen wahre Christen einander während des Streites bedachten. Die bleiben im Gedächtnis hängen: Im Laufe der Zeit erscheinen die sachlichen Gegensätze zwischen den Christen oder den christlichen Kreisen nicht mehr so scharf wie zuvor, es bleiben aber die Spuren jener bitteren, hässlichen Worte, die in einer – wie wir meinten – berechtigten und sachlichen Diskussion gefallen sind.
Genau darüber aber – über die lieblose Haltung und die harten Worte in der Kirche Jesu Christi, unter wahren Christen – rümpft die nichtchristliche Welt die Nase.
Könnten wir, wenn wir als wahre Christen einander widersprechen müssen, einfach unsere Zunge hüten und in Liebe sprechen, so wäre die Bitterkeit in fünf oder zehn Jahren vorbei. So aber hinterlassen sie Narben – einen Fluch für Generation. Nicht nur ein Fluch innerhalb der Kirche, sondern ein Fluch in der Welt. In der christlichen Presse macht es Schlagzeilen, und manchmal kocht es in die weltliche Presse über – dass Christen solch hässliche Dinge über andere Christen sagen.
Die Welt schaut zu, zuckt die Achseln und wendet sich ab. Sie hat inmitten einer sterbenden Kultur nicht einmal den Funken einer lebendigen Kirche gesehen. Sie hat nicht einmal den Ansatz dessen gesehen, was nach Jesu Worten die überzeugendste Apologetik ist – sichtbare Einheit unter wahren Christen, die doch Brüder in Christus sind. Unsere scharfen Zungen, der Mangel an Liebe unter uns, verwirren die Welt zu Recht – weit mehr als die notwendigen Hinweise auf Unterschiede, die es zwischen echten Christen geben mag.
Wie weit entfernt sind wir doch von dem schlichten und einfachen Gebot Jesu, eine wahrnehmbare Einheit aufzuweisen, die die Welt mit eigenen Augen sehen kann!
Von Francis Schaeffer Aus: Das Kennzeichen des Christen

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