Der moderne Atheismus und die Antwort des christlichen Glaubens

„Gott ist an allem Schuld! Der Kreuzzug der neuen Atheisten!” So titelte der Spiegel – etwas paradox – in seiner Pfingstausgabe 2007. Grundlage des „neuen Atheismus” ist das Buch „Der Gotteswahn” des Oxforder Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Die englische Ausgabe dieses Buches wurde bereits mehr als eine Million Mal verkauft. Die deutsche Ausgabe liegt seit September 2007 vor und gelangte in kurzer Zeit auf Platz zwei der Sachbuchliste.
Worum geht es in diesem Buch? Was ist von seinen Thesen aus christlicher Sicht zu halten? Wie kann man ihnen argumentativ begegnen?
Die wichtigsten Thesen seines Buches lauten:
Glaube und Wissenschaft sind Gegensätze: Glaube ist blind – Wissenschaft beruht auf Belegen.
Die Welt sieht so aus, als sei sie gezielt gestaltet. Das ist aber eine Täuschung; und selbst, wenn:
wer gestaltete den Gestalter?
Religion ist die Ursache für die Gewalt in dieser Welt – eine atheistische Welt wäre eine friedlichere Welt.
Glaube an Gott ist irrationales Wunschdenken.
Blinder Glaube?
Sehen wir uns diese Thesen etwas näher an. Im Gegensatz zur Wissenschaft, die von Beweisen ausgeht, ist für Dawkins Glaube blind, „ohne Belege”. Das Neue Testament handelt er auf wenigen Seiten ab, denn für ihn ist es genau wie der Roman „Sakrileg” von Dan Brown „von Anfang bis Ende erfunden und reine Fiktion. …
Der einzige Unterschied besteht darin, dass Sakrileg eine moderne literarische Erfindung ist, während die Evangelien schon vor sehr langer Zeit erfunden wurden” (Seite 137). Diese Aussage zeigt, dass es Dawkins nicht um eine wissenschaftlich seriöse Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben geht und dass er an historischer Wahrheit nicht interessiert ist. Das ist schade, denn der christliche Glaube ist nicht blind, sondern beruht auf historischen Belegen und persönlichen Erfahrungen.
Gotteswahn – Neuer Atheismus
Offensichtlich falsch ist es auch, wenn Dawkins behauptet: Wissenschaft und Glaube an Gott schließen sich aus. Es gab und gibt viele herausragende christliche Wissenschaftler. Dawkins selbst nennt einige: Kepler, Newton, Faraday, Polkinghorne und andere. Für ihn sind das Ausnahmen. Damit macht er es sich hier wie auch an anderen Stellen, die nicht in seine Weltanschauung passen, zu einfach. Es mutet etwas seltsam an, wenn er in diesem Zusammenhang darüber spekuliert, ob mancher Wissenschaftler (und mancher Künstler), der sich in früheren Jahrhunderten zum christlichen Glauben bekannte und christliche Kunstwerke schuf, heute möglicherweise Atheist wäre. Den Gegensatz von Glaube und Wissenschaft gibt es nicht; stattdessen gibt es Wissenschaftler, die an Gott glauben und solche, die nicht an Gott glauben.
Was glaubt der, der an Gott glaubt? Der Philosoph Robert Spaemann beantwortet diese Frage so: „Er glaubt an eine fundamentale Rationalität der Wirklichkeit. Er glaubt, dass das Gute fundamentaler ist als das Böse. Er glaubt, dass das Niedere vom Höheren verstanden werden muss und nicht umgekehrt. Er glaubt, dass Unsinn Sinn voraussetzt und dass Sinn nicht eine Variante der Sinnlosigkeit ist.”
Glaubt ein Atheist?
Was glaubt laut Dawkins dagegen ein Atheist? „Ein Atheist oder philosophischer Naturalist vertritt die Ansicht, dass es nichts außerhalb der natürlichen, physikalischen Welt gibt: keine übernatürliche, kreative Intelligenz, die hinter dem beobachtbaren Universum lauert, keine Seele, die den Körper überdauert, und keine Wunder, außer in dem Sinne, dass es Naturphänomene gibt, die wir noch nicht verstehen.” („Der Gotteswahn”, Seite 25). Dieser Satz von Dawkins ist aber nach eigener Definition nur Teil der natürlichen, physikalischen Welt. Warum sollte er wahr sein? Unser Verstand ist dann ja nur ein zufälliges Nebenprodukt der Evolution und unsere Gedanken sind ausschließlich das Ergebnis physikalischer Prozesse, nicht aber rationaler Einsichten. Wenn aber hinter unserer Welt eine grundlegende Rationalität steht, dann ist es sinnvoll, unserem Verstand zu vertrauen und damit die Welt zu erforschen.
Die „zentrale Argumentation” seines Buches lautet: Die Welt sieht zwar so aus, als sei sie gezielt gestaltet worden und als sei dieser „Anschein von Gestaltung auf tatsächliche Gestaltung zurückzuführen.” Aber dieses Denken „führt in die Irre, denn die Gestalterhypothese wirft sofort die umfassendere Frage auf, wer den Gestalter gestaltet hat” (Seite 222). Entgegen der jüdisch-christlichen Vorstellung von Gott als Schöpfer dieser Welt kann sich Dawkins Gott nur als gestaltet, als geschaffen vorstellen – als eine materielle Wirklichkeit, die den Gesetzen der Evolution unterworfen ist. Er setzt sich daher gar nicht erst mit einer Gottesvorstellung auseinander, in der Gott ungeschaffen, personal und ewig ist. Für Dawkins hat sich alles „durch natürliche Selektion” (in Anlehnung an Darwin) aus „einfachen Anfängen” entwickelt.
Am Anfang
Doch woher kommen diese „einfachen Anfänge”? Durch Selektion wird ja nichts Neues geschaffen, sondern nur bereits Bestehendes weiterentwickelt.
Welcher Glaube – auch der Atheismus ist ja ein Glaube – ist glaubwürdiger: Stand am Anfang irrationale Materie, aus der sich (nicht zielgerichtet) Geist entwickelte, oder stand am Anfang ein personaler schöpferischer Geist, der Materie schuf? Welche dieser beiden Weltanschauungen erklärt plausibler das, was wir tagtäglich an Sinn, Liebe, Schönheit – und auch an wissenschaftlicher Erkenntnis – erfahren? Der Oxforder Mathematiker John Lennox schreibt dazu: „Entweder verdankt die menschliche Intelligenz ihre Entstehung letztlich geist- und zweckloser Materie, oder es gibt einen Schöpfer. Es ist seltsam, dass einige Menschen behaupten, ihre Intelligenz führe sie dahin, die erste der zweiten Möglichkeit vorzuziehen”. Darüber hinaus gilt, was Robert Spaemann so ausdrückt: „Eine plötzliche grundlose Entstehung einer Welt aus nichts denken zu müssen, enthält eine Zumutung an die Vernunft, die alle anderen Zumutungen in den Schatten stellt”.
Religion ist für Dawkins die Ursache der Gewalt in unserer Welt. Ohne Religion gäbe es „keine Selbstmordattentäter, keinen 11. September, … keine Kreuzzüge …” (Seite 12) „Dass ein Krieg im Namen des Atheismus geführt würde, kann ich mir nicht vorstellen. Was sollte der Grund sein?” (Seite 387)
Atheismus bringt Friede?
Es ist beklagenswert, dass auch das Christentum – trotz des Gebotes von Jesus: „Liebet eure Feinde!” – immer wieder zu Kriegen und Verfolgungen geführt hat. Im 20. Jahrhundert – denken wir nur an Stalin oder Mao – waren es aber gerade atheistische und wissenschaftsgläubige(!) Staatsysteme, die unvorstellbare Grausamkeiten und millionenfache Morde an ihrer eigenen Bevölkerung begangen haben. Die Behauptung von Dawkins, eine atheistische Welt wäre eine friedlichere Welt, ist durch diese Erfahrungen gründlich widerlegt.
Für Dawkins ist Glaube an Gott irrationales Wunschdenken. Diese berühmte These des Philosophen Ludwig Feuerbach, Glaube sei Wunschdenken, geht von der Voraussetzung aus, dass es keinen Gott gibt, und versucht dann die Frage zu beantworten: Warum glauben so viele Menschen an einen nicht existierenden Gott? Antwort: Wunschdenken.
Wenn man stattdessen von der Voraussetzung ausgeht, es gibt einen Gott, kann man fragen, warum seit über 200 Jahren in Westeuropa immer mehr Menschen glauben, es gäbe keinen Gott. Antwort: Wunschdenken.
Entgegen der These, der Glaube an Gott sei Wunschdenken, ist es wohl plausibler, davon auszugehen, dass der Atheismus seinen Ursprung im Wunschdenken hat – dem Wunsch nach moralischer Autonomie: Man will sich von Gott in sein Handeln nicht hineinreden lassen.
Richard Dawkins will provozieren, wenn er schreibt: „Leidet ein Mensch an einer Wahnvorstellung, so nennt man es Geisteskrankheit. Leiden viele Menschen an einer Wahnvorstellung, dann nennt man es Religion.” (Seite 18)
Bekehrungsreisen
Um seine Gedanken möglichst weit zu verbreiten, unternimmt er in den USA Lesereisen. Sein Ziel ist es, seine theistischen Leser zum Atheismus zu „bekehren” (Seite 160), vor allem aber seine atheistischen Leser zu ermutigen, sich als Atheisten zu „bekennen”. (Seite 16)
Für seine Titelgeschichte wählte der Spiegel als Überschrift: „Der Kreuzzug der ‚neuen Atheisten’”. Dadurch sollte auf den aggressiven, ja militanten Ton dieses „neuen Atheismus” hingewiesen werden. Warum diese Militanz? Ist es „Panik” (Spiegel), weil Religion nicht im Verschwinden begriffen ist, wie es die Voraussagen von Atheisten in den vergangenen Jahrzehnten nahelegten, sondern in vielen Teilen der Welt ein Comeback erlebt?
Oder gibt es handfestere Gründe? Robert Spaemann hält es nicht für einen Zufall, dass mit Dawkins ein weltweit bekannter Biologe an der Spitze der atheistischen Bewegung steht. „Die Genforschung beispielsweise eröffnet uns Möglichkeiten der Manipulation und des Zugriffs auf die menschliche Natur. Da gibt es nur noch einen Widerstand, und das ist in einem weit gefassten Sinne ein religiöser. Es scheint mir so zu sein, dass die Menschen, die von diesem Machtwillen und von der Vorstellung besessen sind, allmählich alles machen zu können, nun das Haupthindernis beseitigen möchten, das diesem totalen Zugriff im Wege steht. Denn diese Disziplin befindet sich zur Zeit wie in einem Machtrausch (Beispiel Gentechnik). Die einzigen, die sie noch aufhalten können, sind im weitesten Sinne religiöse Menschen. Deshalb der aggressive Ton gegen alles Religiöse.”
Der christliche Glaube ist kein grundloser Glaube, sondern beruht auf zuverlässigen, historischen Zeugnissen über Jesus Christus, seinem Tod und seiner Auferstehung und auf persönlichen Erfahrungen. Diese Botschaft sind wir unserer Mitwelt schuldig.
Den hier vorliegenden Aufsatz von Dr. Jürgen Spieß, Historiker und Leiter des Instituts für Glaube und Wissenschaft (www.iguw.de), hielt er in ähnlicher Form auf dem Regionaltreffen 2009 in Bielefeld.

http://www.dctb.de/dctb/medien/1artikel.php?we_objectID=6057
Literatur:
A. McGrath, Der Atheismus-Wahn. Eine Antwort auf Richard Dawkins und den fundamentalisti-schen Atheismus, Asslar 2007
D. Robertson, Briefe an Dawkins, Gießen 2008
J. Lennox, Hat die Wissenschaft Gott begraben? Wuppertal 2007
R. Spaemann, Der letzte Gottesbeweis, München 2007

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