Ist der christliche Glaube eine Zwangsjacke?

Hat man seine Freiheit verloren, wenn man an eine absolute Wahrheit glaubt? Den Eindruck bekommt man, wenn man z.B. mit Menschen in München-Schwabing redet. Der christliche Glaube lehnt andere Glaubensformen als „Irrlehren“ ab und bezeichnet bestimmte Praktiken als „unmoralisch“. Damit scheint das Christentum ein Feind der pluralistischen Gesellschaft zu sein. Es treibt Keile zwischen verschiedene Bevölkerungsgruppen. Viele Menschen haben wenig Lust darauf, sich von einer absoluten Wahrheit vorschreiben zu lassen, wie sie zu leben haben. Ihrer Ansicht nach bedeutet „Freiheit“, keinen ultimativen Zweck zu haben, für den man geschaffen ist. Wenn es einen gäbe, wäre man nicht frei, sondern begrenzt, denn man müsste sich nach diesem Zweck richten. Deswegen bedeutet wahre Freiheit für viele Menschen, die Freiheit sich seinen eigenen Sinn und Zweck zu erschaffen. Doch dahinter stecken falsche Annahmen über Begriffe wie Wahrheit, Gesellschaft, Christentum und Freiheit.

Der französische Philosoph Foucault schreibt: „Die Wahrheit ist von dieser Welt. Sie wird in ihr dank vielfältiger Zwänge hervorgebracht. Und sie hat in ihr geregelte Machtwirkungen inne.“ Viele ließen sich von Foucault inspirieren und tun alle Wahrheitsansprüche als Machtspielchen ab. Foucault war ein Jünger von Nietzsche und mit seiner Analyse schien er Wahrheitsansprüche durchschauen zu können. Menschen, die sich z.B. für soziale Gerechtigkeit einsetzen, haben laut Nietzsche wahrscheinlich keine wirkliche Liebe zu den Benachteiligten, sondern streben nach Macht. Wenn man jedoch jeden Wahrheitsanspruch wegerklärt hat, befindet man sich in einer ausweglosen Lage. Wenn du behauptest, alle Wahrheitsansprüche seien Machtspielchen, dann ist auch deine Aussage eines. Wenn du (wie Freud) sagst, alle Wahrheitsansprüche bezüglich Religion und Gott seien lediglich psychologische Projektionen, um Schuld und Unsicherheit zu verarbeiten, dann ist deine Aussage auch eine solche Projektion. Alles zu durchschauen, bedeutet letztendlich, gar nichts zu sehen.
Um ein Christ zu sein, werden bestimmte Glaubensgrundsätze vorausgesetzt. Kritiker meinen, dies reiße Gräben in die Gesellschaft, in der Menschen mit verschiedenen kulturellen und religiösen Hintergründen miteinander auskommen müssen. Doch jede Gesellschaft hat bestimmte Grundsätze, die von allen anerkannt werden müssen. In unseren westlichen Ländern ist es z.B. die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die unsere Gesellschaften zusammenhält. In anderen Gesellschaften gelten andere Wertmaßstäbe. Jede Gemeinschaft von Menschen hat bestimmte Standards an seine Mitglieder. Homosexuelle werden in ihren Vereinigungen wohl kaum Menschen mit anderen Ansichten zum Thema Sexualität akzeptieren. Auch die Gruppen, die in unserer Gesellschaft den Ruf haben, besonders tolerant und weltoffen zu sein, können engstirnig und fanatisch werden, wenn sie auf Menschen mit anderen Maßstäben treffen. Die wirklich wichtige Frage ist, welche Gruppen innerhalb unserer Gesellschaft trotz ihrer Glaubensgrundsätze Respekt und Liebe für die anderen Menschen der Gesellschaft hat.
Der christliche Glaube wird auch oft als kulturelle Zwangsjacke dargestellt. Angeblich zerstört das Christentum andere Kulturen und zwingt ihnen eine rigide Lebensweise auf. In Wirklichkeit ist das Christentum anpassungsfähiger als viele andere Weltanschauungen. Der Islam spricht hauptsächlich die Menschen im Nahen Osten an. Hinduismus, Buddhismus und Konfuzianismus haben ihre Zentren in ihren asiatischen Ursprungsländern. Der Individualismus der Aufklärung hat nur in Europa und Nordamerika wirklich Fuß gefasst. Das Christentum hingegen, fing als eine jüdische Sekte an und breitete sich dann im Mittelmeer aus. Lange Zeit waren Westeuropa und Nordamerika die Zentren des christlichen Glaubens, doch heute leben die meisten Christen in Afrika, Lateinamerika und Asien.
Das Christentum wird ebenso als eine Einengung der persönlichen Freiheit gesehen. Doch diese Annahme beruht auf einer fragwürdigen Idee von Freiheit. Wenn man einen Fisch aus dem Wasser befreien will und ihn auf eine grüne Wiese legt, schenkt man ihm keine Freiheit, sondern zerstört sie. Alle Begrenzungen abschaffen zu wollen, kann keine wirkliche Freiheit sein. Wahre Freiheit kann nur innerhalb bestimmter Grenzen stattfinden. Welche Grenzen sollte man also anerkennen? Welche Umgebung befreit uns, wenn wir uns darin aufhalten, so wie das Wasser den Fisch befreit? Liebe. Liebe ist der befreiendste Freiheitsverlust, den es gibt. Um Liebe wirklich zu erfahren, ist es nötig, bestimmte Freiheiten aufzugeben. Der britische Autor und Literaturwissenschaftler C. S. Lewis formuliert es so:
„Liebe heißt, verletzlich sein. Liebe irgendetwas, und es wird dir bestimmt zu Herzen gehen oder gar das Herz brechen. Wenn du ganz sicher sein willst, dass deinem Herzen nichts zustößt, darfst du es nie verschenken, nicht einmal an ein Tier. Umgib dein Herz sorgfältig mit Hobbies und kleinen Genüssen; meide alle Verwicklungen; verschließe es sicher im Schrein oder Sarg deiner Selbstsucht. Aber in diesem Schrein – sicher, dunkel, reglos, luftlos – verändert sich das Herz. Es bricht nicht; es wird unzerbrechlich, undurchdringlich, unerlösbar. Es gibt nur einen Ort außer dem Himmel, wo wir vor allen Gefahren und Wirrungen der Liebe vollkommen sicher sind: die Hölle.“
Laut dem christlichen Glauben hat Gott uns auf die radikalste erdenkliche Weise geliebt. In Jesus Christus wurde er Mensch, verwundbar für Leid und den Tod. Wenn er das für uns getan hat, können und sollten wir Gott und andere Menschen lieben. Der Apostel Paulus schreibt, „die Liebe des Christus drängt uns“ (2. Korinther 5,14).
Conrad

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