Der „neue Atheismus“ – Gefahr oder Aufwachmittel?

Anmerkungen zu einem aktuellen Thema.
Der „neue Atheismus“ – Gefahr oder Aufwachmittel?
Seit geraumer Zeit macht der sogenannte „neue Atheismus“ von sich reden. Gibt es in den Reihen bekennender Christen genügend ansteckenden Glauben, um dieser Herausforderung zu begegnen?
Aktuelle Titel wie „Wir brauchen keinen Gott“ (Michel Onfray), „Der Gotteswahn“ (Richard Dawkins), „Der Herr ist kein Hirte“(Christopher Hitchens) oder das „Manifest des evolutionären Humanismus“ (Michael Schmidt-Salomon, Giordano-Bruno-Stiftung) sind eine bewusste Provokation. Im letzten Jahr wühlten solche Veröffentlichungen die Medienwelt auf.
Manche sagen den Höhepunkt dieser Bewegung für das Jahr 2009 voraus, dem 200. Geburtstag von Charles Darwin.
Entgegen anderen Tendenzen, die eine Versöhnung zwischen den Religionen anstreben, vertritt dieser „neue Atheismus“ einen bewussten Anti-Theismus, d.h. er versucht, den Glauben an einen (monotheistisch verstandenen) Gott mit Argumenten aktiv zu bekämpfen. Gleichzeitig wird aber auch betont, dass es nicht nur um die Bekämpfung religiöser Inhalte geht, sondern vielmehr um die Rettung der Aufklärung, das Bewahren sogenannt wissenschaftlicher und rationaler Konzepte, die dem Menschen erst ein ethisches Handeln ermöglichen würden. Denn nach Meinung dieser Bewegung richten religiöse (gemeint: monotheistische) Überzeugungen, wenn ernst genommen und nicht humanistisch aufgeweicht, großen Schaden an. Der „Tagesspiegel“ (30.4.2008) verweist auf den deutschen Meinungsführer dieser Denkrichtung, M. Schmidt-Salomon, wenn er schreibt:
„Der „neue Atheismus“ sei lediglich der „Vorbote eines grundlegenden Veränderungsprozesses, die religionskritische Spitze eines weltanschaulichen Eisberges“ gewesen. Es gehe ihm und seinen Mitstreitern um viel mehr: um eine neue Ethik, einen „neuen Humanismus“. Darunter versteht Schmidt-Salomon so etwas wie eine säkulare Alternative zur Religion, eine Weltanschauung ohne Propheten und Priester, ein Wertesystem auf naturwissenschaftlicher Basis. Das ganze soll mehr als graue Theorie sein“.
Zunächst könnte man diese Bewegung als das Wunschbild einiger intellektueller Freigeister abtun.
Offensichtlich leben aber viele Zeitgenossen, leider auch Christen, wie Atheisten, wenn ihr Glaube an Gott keine realen lebensbezogenen Konsequenzen mehr hat. Ein unauffälliges, wachsweiches Christentum ist aber nicht die Angriffsfläche dieser neuen Atheisten. Insofern sollten diese provokanten Angriffe Steilvorlagen sein: sowohl für unser Denken als auch für unser Handeln.
Christen sind gefordert: es ist nicht der Glaube, der krank macht, aber vielleicht die vielen Inkonsequenzen, Halbheiten, falsche Betonungen, Einseitigkeiten, mangelnde Bereitschaft, sich in den Raum des Lebens mit Christus so zu stellen, dass dadurch sichtbar wird, dass es uns ernst ist mit der „unsichtbaren Welt“ bzw. dem einen lebendigen Herrn, der tatsächlich die Grenzen von Raum und Zeit durchbrochen hat!
Wir können verschiedene Wege wählen, um auf die Herausforderungen des „neuen Atheismus“ zu antworten: einerseits ist es gut, ein gesundes, überzeugendes Verständnis von der Offenbarung unseres Gottes zu haben. Die meisten Argumente der „neuen Atheisten“ laufen ins Leere, wenn man sie genau untersucht (teilweise muss man ihnen recht geben, sofern sie nicht das biblische Verständnis angreifen, sondern verschiedene Schattierungen der religiösen Welt).
Andererseits ist es aber auch vor allem notwendig, der Realität in unseren Gemeinden offen ins Auge zu sehen: da gibt es Zweifler, Ängstliche, Sorgenvolle, auch Kritiker, die manchmal nicht verstehen, manchmal auch nicht verstehen wollen. Aber wir müssen lernen, sie ernst zu nehmen. Denken wir daran, dass eine gesunde, umfassend verstandene, auf biblische Wahrheit gegründete Gemeindeseelsorge uns davor bewahrt, zu bigotten, besserwisserischen und an der falschen Stelle selbstherrlichen Überfliegern zu werden, die keine Fragen sondern nur noch Antworten kennen. „Glaube ist Vernunft, die Mut gefasst hat – nicht das Gegenteil der Vernunft , wohlgemerkt, sondern etwas, das mehr ist als Vernunft und sich nicht von der Vernunft allein zufrieden stellen lässt.“ (der Theologe Thomas Graham).
Petrus sagt zu Jesus: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh. 6,68)
Klaus Giebel

3 Gedanken zu „Der „neue Atheismus“ – Gefahr oder Aufwachmittel?

  1. Kommentar von Andreas
    Andreas A Sagt:
    18. April 2010 um 13:08

    @Peter

    Alles klar, ich darf mal kurz zitieren:

    „Glaube ist Vernunft, die Mut gefasst hat – nicht das Gegenteil der Vernunft , wohlgemerkt, sondern etwas, das mehr ist als Vernunft und sich nicht von der Vernunft allein zufrieden stellen lässt.“ (der Theologe Thomas Graham).

    und mir vor lachen den Bauch halten.

    Was ist denn “mehr als Vernunft”?

    Nichts weiter als ein jämmerlicher Versuch die Lüge im ersten Satzteil zu verschleiern.

    Glaube ist NIE Vernunft sondern IMMER (mindestens) das Gegenteil davon und somit der Versuch sich selbst zu belügen.

    Dann viel Spaß bei deiner Missionsarbeit, hier bist du richtig, wenn du deine Vernunft ausgraben möchtest, aber völlig falsch, wenn du Mitstreiter bei deine Geister- und Götter Anbetung suchst.

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  2. @Andreas:
    Ganz klar ist das eine Wertefrage, was denn mehr zählt: das Vertrauen (=der Glaube) oder die Vernunft. Eine sehr persönliche Ansicht, die letztlich wohl keiner für die gesamte Menschheit pauschal beantworten kann.
    Insoweit kann ich Dir folgen, wenn den Finger darauf legst.

    Allerdings sind Glaube und Vernunft keine Gegensätze. Wobei das natürlich abhängig davon ist, wie Du „Glaube“ und „Vernunft“ definierst.
    Nach meinen Dafürhalten hat Glaube mit Vertrauen zu tun, christlicher Glaube somit Vertrauen in die Person Jesu Christi, basierend auf den Worten der Bibel.
    Vernunft ist für mich das Einsetzen des eigenen Verstandes, der Logik etc.

    Der Glaube (ob der Glaube, dass es Gott gibt, oder der Glaube, dass es ihn nicht gibt – ferner: der Glaube, ob Gott einer ist oder drei oder wie auch immer….) ist somit an Werte gebunden. Diese Werte sind von ihrem Wesen her nichts, was irgendwie beweisbar wäre, weil die Naturwissenschaft in der Hinsicht keine Aussagen treffen kann und will. Somit haben wir es mit Axiomen zu tun. Die Vernunft ist nicht gleichermaßen an Werte gebunden, denn die Vernunft wird von den Axiomen des Einzelnen geprägt. So kann es für jemanden durchaus vernünftig sein, einem anderen zu helfen. Für jemand anders kann es vernünftig sein, diese Hilfe eben nicht zu leisten.

    In diesem Sinnen nun kann ich die Aussage verstehen, dass Glaube mehr ist als Vernunft, denn der Glaube jeder Facon einschl. seiner Werte gibt letztlich dem Verstand seine Denkrichtung.

    Ist das verständlich?

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  3. @ Andreas @dikosss:
    Hallo,
    ja, die alte Frage – wie ist das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft? Der entscheidende Punkt scheint mir, ist der, dass die Vertreter der „reinen Vernunft“ (s. Titel von Immanuel Kants Klassiker „Kritik der reinen Vernunft“) implizit, wenn es um Glaube geht, schon an eine bestimmte Form, eine bestimmte kulturell überlieferte Fassung des Glaubens denken. Sie berufen sich auf eine reine Vernunft, setzen aber ein begrenztes kulturell eingeengtes Verständnis von Religion und Glaube als Gegenpol voraus. Wenn man die Jahresfeiern atheistischer Regime wie in dem früheren kommunistischen Block oder dem heutigen Nordkorea z.B. betrachtet, kann man im Rahmen des praktizierten und augenscheinlichen Personenkults sehr wohl starke religiöse Motive ausmachen. Somit lässt sich leicht die These festmachen, dass sich auch der kollektiv praktizierte Atheismus nicht selbstverständlich ohne religiöse – oder glaubens-, sprich vertrauensbezogene Inhalte artikuliert. Die Frage der Vernunft hängt also wiederum an der Frage, wie mein Kommentar-Vorgänger schon richtig bemerkt hat, davon ab, wie man Vernunft definiert. Eine meiner Hauptthesen lautet, dass der Mensch sich sein Urteil aus dreierlei Quellen bildet: erstens Erfahrung, zweitens Vernunft und drittens alles, was ihm von außen an Informationen und Meinungsbildern zugewiesen wird, wo er auch in die Verantwortung gestellt ist, dazu Stellung zu beziehen. Kann ich die Information aus den Medien z.B. nur durch Vernunft als richtig, falsch oder als einseitig oder ausgewogen beurteilen? Aktuelles Beispiel: was wissen die Medienmacher über die Finanzkrise in Griechenland wirklich? Wer weiß schon, ob die Sparmaßnahmen und die zur Verfügung gestellten Kredite aus der EU zur Stützung des griechischen Finanzmarktes das Problem nicht noch verschlimmern bzw. es dann doch im Ansatz lösen? Meine Vernunft stößt an Grenzen, ich brauche Erfahrung, Wissen und an irgendeiner Stelle auch Vertrauen in die Zuverlässigkeit des Informanten. Ich muss nach der Quelle fragen, ist diese vertrauenswürdig?! Nun, so ist der Christ jemand, der die Quelle der Information, die er von außen erhält, für vertrauenswürdig erachtet, die Selbstmitteilung, die Gott in Jesus Christus und in den niedergeschriebenen Dokumenten, der jüdischen und der christlichen Bibel, gemacht hat. Diese darf auch infrage gestellt werden, natürlich auch mit Mitteln der Vernunft. Aber diese Mittel sind nur im Rahmen der „Grenzen“, die auch Kant in seiner zentralen philosophischen Schrift beschrieben hat, anwendbar (hier kann man noch einiges sagen, was ich jetzt auf der Seite lasse). Dies gilt auch für die, die den Offenbarungsglauben mit den Mitteln der Vernunft verteidigen. Allerdings sollte man hier nicht mit zweierlei Maß messen: wer sagt, Vernunft und Unglaube oder Nicht-Glaube gehören zusammen, der setzt einen extrem hohen Maßstab an die Vernunft, der bisher noch nie glaubwürdig eingehalten wurde.
    Soweit erst einmal. Hoffe, dass meine Gedankengänge verständlich genug waren. Für Reaktionen, auch kritische, bin ich gerne offen.

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