Up in the Air

Ryan Bingham ist immer unterwegs:
Wenn Fliegen Freiheit ist, dann ist Ryan Bingham ein sehr freier Mensch. Man könnte ihn aber auch für zwangsneurotisch halten. Der Zwang, allen Zwängen zu entfliehen, hat ihn fest im Griff. Seine Horrorvorstellung ist es, mehr als vierzig Tage im Jahr in seiner Wohnung verbringen zu müssen.
322 Tage, verkündet er stolz, hat er vergangenes Jahr im Hotel verbracht. Kein Wunder, dass sein eigenes Apartment in Omaha, Nebraska, aussieht wie ein Motelzimmer vielleicht nur dürftiger eingerichtet. Nur der Begrüßungstext im Fernseher fehlt. Dafür stehen ein paar Schnapsfläschchen aus einer Hotel-Minibar im ansonsten leeren Kühlschrank. Dafür versteht er sich unterwegs auf Luxus, Upgraden lautet sein Zauberwort, ob in Sachen Hotel, Mietauto oder Flugzeug.
Dieser rastlose Mann im grauen Anzug, liebt das Reisen – als Selbstzweck. Er liebt das Surren der Räder seines Rollkoffers auf den polierten Flughafenböden, er liebt den Blick aus dem Flugzeugfenster aus 10.000 Meter Höhe, er liebt es, in der Masse der Mitreisenden zu verschwinden. Und das immergleiche Dienstleistungslächeln der Stewardessen, die kalte Pracht der Airport-Hotels, die kurzen Absacker an der Bar, die flüchtigen Abenteuer – eventuell – mit einer Hotelbekanntschaft.. Schlange stehen und warten muss er nur selten, denn Bingham besitzt alle wichtigen Vielfliegerkarten, die Lizenz zum Vordrängeln. Nicht mehr lange, und sein Konto bei American Airlines wird zehn Millionen Meilen betragen. Nur sechs andere haben diesen Status vor ihm erreicht. „Es waren schon mehr Menschen auf dem Mond“, sagt Bingham.
Ryan Bingham ist ein Nomade des frühen 21. Jahrhunderts, auf Effizienz gedrillt.
Einige Regeln von Ryan Bingham für das Schlangestehen vor Röntgengerät und Metalldetektor: niemals hinter Vätern mit Kinderbuggys. Niemals hinter Senioren – „Körper voll versteckter Metallteile und kein Gefühl dafür, dass ihre Zeit auf Erden schon reichlich knapp ist.“ Niemals hinter nahöstlichen Vollbarttypen – „zufällig ausgewählt für besondere Untersuchungen“, haha. Immer gut: Asiaten! „Wenig Gepäck. Hohe Effizienz. Slipperträger. Gott liebt sie.“
Dem Mann geht es auf den ersten Blick blendend. „Je langsamer wir uns bewegen, desto schneller sind wir tot. Wir sind keine Schwäne. Wir sind Haie“, sagt Bingham, und damit meint er nicht nur sein übersichtliches Privatleben, sondern vor allem seinen Job.
Wenn er sein Leben nicht gerade in Flugzeugen, Leihautos oder Airport-Hotels verbringt, macht er für Firmen die Drecksarbeit und feuert Mitarbeiter. Er wird angeheuert, wenn Firmen Mitarbeiter entlassen wollen, aber zu feige sind, diese Drecksarbeit selbst zu erledigen. Dann wird der freundliche Mr. Bingham eingeflogen, um den künftigen Arbeitslosen die böse Nachricht zu überbringen, in Einzelgesprächen, direkt ins Gesicht, aber verpackt in warme Worte.
Bingham erledigt diese heikle Aufgabe mit dem größtem Einfühlungsvermögen und der gebotenen Diskretion. Er könnte morgen nach Rom fliegen, dem Papst in aller Seelenruhe erklären, dass auch die Katholische Kirche in Zeiten wie diesen sparen müsse und solch ein kostenintensiver Posten nicht mehr vertretbar sei: „Ich höre, Sie kochen gern. Machen Sie doch ein Restaurant auf!“ – „In meinem Alter?“, würde der Papst fragen. Und Bingham würde antworten: „Nutzen Sie Ihre Chance. Es ist nie zu spät!“
Bei jedem Entlassungsgespräch verpackt er diese Nachricht in Floskeln, die wie Fragmente des Amerikanischen Traums klingen und dem Gefeuerten vor Augen führen, dass dieser Tiefpunkt seines Lebens zu einem Moment der Wiedergeburt werden könnte. Die Kamera zeigt in schnellem Schnitt unzählige verzweifelte Gesichter, die Bingham gegenübersitzen und an sein Mitgefühl appellieren. Dann kommt der Gegenschnitt in Bingham ausgeschlafenes Gesicht, auf die Prise Mitgefühl in den Augenwinkeln. “Seien Sie ehrlich“, sagt er dann etwa, “war dieser Job wirklich das, wovon Sie in Ihrer Jugend geträumt haben?“ Während die Betroffenen ihn noch ungläubig anschauen ob dieser Dreistigkeit.
Übergangsberater, nennt er sich. Er vermeidet Begriffe wie „Entlassung“ oder „Rausschmiss“. Lieber spricht er von „Positionen, die leider nicht mehr zur Verfügung stehen“, von neuen Herausforderungen und der Möglichkeit, noch einmal von vorn zu beginnen. Dabei guckt er angemessen mitfühlend. Am Ende schiebt er eine Broschüre mit guten Ratschlägen über den Tisch. Viel Glück für die Zukunft, der Nächste bitte.
Der Regisseur Reitman hat per Zeitungsanzeige nach echten Arbeitslosen gesucht, die im Film sich selbst spielen durften. Die Szenen gehören zu den Höhepunkten von „Up in the Air“: In Zwischenschnitten erzählen Männer und Frauen, Junge und Ältere, Schwarze, Weiße und Latinos von der Erfahrung, entlassen zu werden. „Vom Stress her gesehen, habe ich gehört, dass arbeitslos zu werden so ist wie ein Todesfall in der Familie“, berichtet einer. „Aber ich persönlich habe eher das Gefühl, als ob meine Kollegen meine Familie wären – und ich bin gestorben.“ So intelligent, direkt und trotzdem subtil hat noch kein Spielfilm die Folgen der Wirtschaftskrise gezeigt.
Zwei Frauen kreuzen eines Tages seinen Weg und hinterfragen dabei seine Lebensphilosophie, die im Wesentlichen darin besteht, keine Verpflichtungen einzugehen. Da ist die Uniabgängerin Natalie (Anna Kendrick), die Ryans Chef vorschlägt, Arbeitnehmer künftig nur noch per Webcam zu feuern. Das Grounding für Ryan? Nein, so einfach lässt sich dieser seinen Traum von zehn Millionen Flugmeilen nicht nehmen und bricht mit Natalie zu einer Art Bewährungstour auf.
Und da ist Alex (Vera Farmiga), die ebenso auf Statussymbole und schnellen Sex abfährt wie Ryan. Makaber ist die Szene, in der sich die beiden in einer Hotelbar mittels Vergleich ihrer Kreditkarten und Leihwagenschlüssel bezirzen. Doch dann weckt ausgerechnet Alex in Ryan den Wunsch nach einer Beziehung. Und als wäre das nicht paradox genug, muss Ryan kurz vor der Hochzeit seiner Schwester dem künftigen Schwager gut zureden, nachdem dieser kalte Füsse bekommen hat. Natalie ein Opfer ihrer eigenen Kommunikationsmethoden wird, als ihr Freund per SMS Schluss macht.
Fazit
Up in the Air ist eine Parabel auf eine restlos technisierte und damit unpersönlich gewordene Geschäftswelt und zugleich ein Symptom ihrer aktuellen Krise: Wie mancher Börsianer profitiert Bingham von wirtschaftlich schlechten Zeiten. Das komplexe ökonomische Thema wird zugleich humorvoll und ernsthaft umgesetzt. Beeindruckend wirken vor allem Szenen, in denen Regisseur Jason Reitman die Reaktionen der fassungslosen Angestellten bei ihrer Entlassung zeigt. Den Gegensatz zu solch emotionalen Bildern bildet das konforme, auf Effizienz bedachte Auftreten Binghams.
„Die Art, wie wir Menschen Gemeinschaft erleben, verändert sich dramatisch“, sagt Reitman über Up in the Air. „Wir telefonieren, facebooken, e-mailen, twittern – aber in Wirklichkeit sehen wir einander kaum mehr in die Augen. Ryan ist die perfekte Metapher: Wir sind alle so global, dass wir vergessen haben, wo wir eigentlich wirklich sind.“
Ryan, der Hauptheld ist ein typischer, feiner Ichling unserer Zeit – smart, modern, gutaussehend, reich, immer unterwegs. Ryan versteht: Bindungen sind Ballast. Der moderne Mensch lässt Ballast zurück. Dieser Existentialist des leichten Gepäcks, der sein Leben im Rollkoffer mit sich führt und Beziehungen für unnötigsten Ballast hielt, muss am Ende eine dunkle Stunde der Einsamkeit durchleben.
Am Anfang gilt unsere Empörung dem System, das solche Gewinnertypen wie Ryan hervorbringt. Doch zunehmend merken wir, dass er gar kein Gewinner ist.
Kirche und Religion kommen „nur“ an einer einzigen Stelle vor: Als es um die Hochzeit von Ryans Schwester geht. Und ausgerechnet der coole Schwätzer plötzlich einen zögernden Bräutigam von Ehe und Familie überzeugen soll. Das ist einerseits lustig. Und andererseits aber auch traurig. Hier demontiert ein moderner Mann seine Lebenslügen.
Unser modernes Gesellschaftssystem mit all seinen Versprechen und Verführungen, seinen Schmeicheleien und seiner Schönheit füttert unser Ego – und lässt immer mehr von uns einsam zurück. Noch während sich viele von uns für die Spitze menschlichen Fortschrittes halten zerbröseln Gemeinschaften, Familien, ganze Populationen. Wir glauben, fast gottgleich von ganz weit oben (von „Up in the air“) auf die Welt hinab zu sehen. Und bemerken nicht, wie viele um uns dabei ins Nimmerwiedersehen verwehen.
Dieser Film beobachtet: Wer sich bindet, kann verlieren. Wer aber nur noch um das eigene Ego kreist, hat schon verloren. Männer und Frauen haben sich verloren und wir schauen den Scheinhelden der Ichling-Kultur beim bindungs-, familien- und kinderlosen Scheitern zu. Komisch und tragisch.
Reitmans Satire auf die Globalisierung und auf ein Leben aus dem Rollenkoffer geißelt bei allem Humor eine Gesellschaft, die einen materialistischen, entmenschlichten Individualismus fördert: „In Gesellschaft lebt sich’s besser“, lautet denn auch Ryan Binghams Fazit. „Up in the Air“ plädiert auf witzige, aber eindringliche Weise für Werte wie Liebe, Familie und Solidarität.
Manchmal mag dem Film die allerletzte Konsequenz fehlen. Doch punkto Figurenzeichnung ist er hervorragend

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