Fremdheit und Fremdsein als Chance und Herausforderung.

In der Bibel klingt das Thema Fremdheit und Fremdsein an vielen Stellen an.
1 Petrus, Apostel Jesu Christi, an die Auserwählten, die als Fremde in der Zerstreuung leben, 2 von Gott, dem Vater, von jeher ausersehen und durch den Geist geheiligt, um Jesus Christus gehorsam zu sein.
Die Christen, die der Petrusbrief anspricht, waren ursprünglich Hellenisten. Sie waren innerhalb ihrer griechischen Heimatstädte integriert. Doch dann – nach ihrer Hinwendung zu Christus – fielen sie plötzlich wegen ihrem Verhalten auf: Sie wurden Fremdlinge an ihren eigenen Wohnorten. Die Adressaten des Briefes werden als „Fremde“ angesprochen. Petrus verzichtet darauf, ein negatives Gegenüber zu erwähnen. Er stellt die Fremdlingsschaft in einen Zusammenhang mit der Erwählung. Christen sind gemäss unserem Text durch eine umfassende geistliche Erneuerung in einen neuen Lebenszusammenhang gestellt. Dadurch unterscheidet sich das Selbstverständnis des Christen von dem einer nichtchristlichen Mitwelt.
Die Antworten, die der 1. Petrusbrief auf die Frage nach dem Verhältnis zur Gesellschaft gibt, zeigen in jedem Fall eine Gemeinde, die zwar fremd in der Welt aber nicht weltfremd ist. Sie positioniert sich klar und bekennt Farbe, aber sie ist aus einem starken inneren Motor heraus in der Welt präsent. Wie nehmen wir unsere Verantwortung wahr im Umgang mit Menschen anderen Glaubens? 1. Petr 3, 15 „Den Herrn Jesus Christus aber heiligt in euren Herzen. Seid stets bereit zur Rede und Antwort (grie apologia) gegenüber jedem, der Rechenschaft von euch fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“ Aufgrund dieses Verses redet man in der Theologie von der Apologetik und meint damit die „Verteidigung“ des Glaubens. Was heisst das für die Begegnung mit nicht christlichen Religionen? „Wer glaubt, existiert im Unterschied“ ( Eberhard Jüngel). Christlicher Glaube ist immer auch eine Schule des Unterscheidens. In einer multireligiösen Gesellschaft ist es wichtig, nicht nur Gemeinsamkeiten zu suchen, sondern auch Unterscheidungsfähigkeit zu gewinnen. Heute gehört es zum guten Ton – und es zeugt von Offenheit und Toleranz – dass man beteuert, wir hätten alle den gleichen Gott. – Natürlich gibt es nur einen Gott, aber die Gottesbilder differieren erheblich. – Wie ist es möglich, vom gleichen Gott in allen Religionen zu sprechen? – Das Rezept lautet: Man nehme der Sache ihren Kern, und dann wird alles kompatibel. Unter Ausschluss der Kernelemente „Auserwählungsgedanke“ (gemäss 1. Petrusbrief) und „Sühnetod Jesu“ – wird das Christentum kompatibel mit andern Religionen. Damit ist der Weg geebnet zur weit verbreiteten relativistischen Position. Sie basiert auf der These: Ein Gott, viele Religionen als Zugänge zu diesem einen Gott. – Diese Meinung entspricht dem modernen Individualismus und der globalen Kultur. Die relativistische Lösung überzeugt mich nicht. Sie geht am Wesen aller Religionen vorbei. Jeder gläubige Moslem ist überzeugt, im Koran die endgültige Offenbarung zu besitzen. Die relativistische Haltung widerspricht auch meinem christlichen Wahrheitsverständnis. Es ist die Grunderfahrung unseres Glaubens, dass sich Gottes Liebe, Gerechtigkeit und Wahrheit nicht an Jesus Christus vorbei erschliessen. Harmonisierungsstrategien scheinen mir als Antwort auf die religiöse Pluralität untauglich. In der Begegnung von Religionen treffen Endgültigkeitsansprüche aufeinander, die sich nicht harmonisieren lassen. Deshalb ist es zwar geboten, dem andern mit Respekt und Achtung zu begegnen. Aber es gehört auch der Mut dazu, sich dem andern zuzumuten mit dem, woran unsere Hoffnung gebunden ist. Wir Christen können nicht darauf verzichten, die Einmaligkeit Jesu Christi zu bezeugen. Jesus kann keine echte positive Lebensveränderung bewirken, wenn wir nur den Menschen Jesus beachten. Die Umwandlung des einzelnen und der Geschichte in etwas qualitativ Neues kann Jesus nur bewirkt haben, wenn er ein qualitativ anderer ist, nämlich Gott. Als Christinnen und Christen müssen wir die religiös vielfältig geprägte Gesellschaft als Kontext für unser Zeugnis ernstnehmen. Schliesslich teilen wir mit allen Menschen diese heutige Welt. Die religiöse Vielfalt bietet eine grosse Chance für unser Zeugnis. Den eigenen Glauben kennen und aussprechen, den andern Glauben achten und respektieren – das ist meines Erachtens die angemessene Haltung. Die Auseinandersetzung mit den Fremden ergibt sich aber nicht nur auf der Ebene des Religionsgesprächs, sondern auch auf der Ebene des Zusammenlebens. Der Christ in der alltäglichen Begegnung mit Menschen, die uns fremd sind Unsere Lebenssituation führt dazu, dass sich Menschen verschiedener Überzeugungen und ethnischer Herkunft näher kommen. Die natürliche Reaktion auf die fremde Lebenswelt ist zunächst stark bestimmt von unserem biografischen, sowie dem kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund. Das Abgrenzungsgebaren war in frühen Kulturen ausgeprägt. Deshalb war im alten Israel das Schutzgebot für Fremde eine besondere Herausforderung. – Es hat auch für uns nichts an Aktualität verloren. In Leviticus (d.h. 3.Mose) 19, 33-34 lesen wir: „Den Fremden, der sich bei euch aufhält, sollt ihr nicht bedrücken. Wie ein Einheimischer aus eurer eigenen Mitte soll er euch gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland; ich bin Jahwe, euer Gott!“ Die Erinnerung an das eigene Leiden in Ägypten führt die Israeliten dazu, dass sie die Situation der Fremden besser verstehen können. Bei den gesetzlichen Bestimmungen zum Wohl der Fremden verlangt Leviticus aber noch mehr als nur den Schutz vor Unterdrückung. Da heißt es: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten….“ Leviticus geht sogar noch einen Schritt weiter: „Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst.“ Das ist eine hohe Anforderung, geradezu ein Ideal. In der Praxis geraten wir immer wieder in das Spannungsfeld von konkretem Alltag und Ideal. Uralt ist die Erfahrung der Ambivalenz gegenüber dem Fremden. Sie kommt in besonderer Weise in der Doppeldeutigkeit der sprachlichen Bezeichnungen zum Ausdruck. Das hebräische Wort „ger“ und der griechische Ausdruck „xenos“ bedeuten sowohl Fremder wie auch Gast. Wenn wir von Gastfreundschaft in der Antike wie auch in der Bibel sprechen, so darf sie nicht als etwas Naturgegebenes verstanden werden. Gastfreundschaft gegenüber Fremden ist eine Kulturleistung. Und sie ist ein göttlicher Auftrag. Nicht von ungefähr schliesst die Liebesforderung im Leviticus mit den Worten: „Ich bin Jahwe, euer Gott!“ Wer für sich Gottes Nähe und Liebe beansprucht, kann dem Fremden nicht mit Ablehnung begegnen. Die Erkenntnisse aus dem atl Text können uns heute inspirieren für den Umgang mit Migranten und Fremden: Weil Gott den Fremden schützen wollte, musste das Volk eine Rechtsordnung gestalten, die dem Willen Jahwes entsprach. – Auf unsere Situation übertragen, werden wir ermutigt, für ein Verhalten einzutreten, das mindestens den Menschenrechten entspricht – und nicht vorrangig nur wirtschaftlichen Erwägungen! Ein Blick auf die atl Alltagspraxis zeigt, dass die Israeliten z.T. mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatten wie wir heute auch: – Die Würdigung des Fremden hat aus Palästina kein Einwanderungsparadies gemacht. Das zeigt die wiederholte Kritik der Propheten an der Unterdrückung von Fremden. – Je stärker die fremden Einflüsse im alten Israel wurden, desto lauter wurden die Stimmen, die ein Zuviel an „Multikulti“ kritisierten. Sie forderten vehement die Einhaltung von Grenzen, damit das Volk die eigene Religion und Kultur nicht verlor. Auch das dürfte für uns aktuell sein: Wenn wir unsicher sind bezüglich dessen, was bei uns gelten soll, können wir einer fremden Kultur und Tradition, die fordernd und mit einem festen Wertgefüge auftritt, nicht genug entgegensetzen. – Ich bin überzeugt, dass die christlichen Werte ein tragfähiges Gerüst für ein sinnvolles und gleichberechtigtes Zusammenleben bieten. Dazu gehört auch die Achtung vor der Würde jedes Menschen. Die biblische Botschaft ermutigt uns zu einer konkret gelebten Solidarität mit den Fremden. Fremd bleiben wir uns nur solange, wie wir uns aus dem Weg gehen, gleichgültig oder abweisend. Mit jedem Zeichen des Respekts und der Hilfsbereitschaft wandelt sich die Beziehung, auch wenn wir dabei entdecken, wie verschieden wir sind. Dabei kommt unser Zeugnis als Christen am besten an, wenn wir vorleben, dass unser Glaube alltags- und zukunftstauglich ist. Jesus sagte am Ende seines Lebens zu seinen Freunden: „Da wo ihr einen Fremden aufnehmt, einem Nackten Kleider gebt, einem Hungernden zu essen, einen Gefangenen besucht, da tut ihr all das Gute mir.“ Wenn Christus sich so zu den Notleidenden und Fremden bekennt, dass er sich selbst mit ihnen identifiziert, dann erhalten sie eine neue Würde. Ist unser Leben eine Einladung oder eine Rückweisung? – Lateinisch heißt einladen „invitare“, d.h. „Ins Leben mit hineinnehmen“. Gibt es eine bessere Umschreibung von Integration?

Ein Gedanke zu „Fremdheit und Fremdsein als Chance und Herausforderung.

  1. Pingback: Fremd in der Welt (1991) - Movie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s