Glauben fängt mit dem Zweifel an

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Der postmoderne Skeptizismus hält es für eine Wahrheit, dass nichts wahr ist. Erst wenn auch diese Wahrheit radikal in Zweifel gezogen wird, kommt man zum Grund der Erkenntnis.
In der Nacht vom 10. zum 11. November 1619 hatte der damals 23 Jahre alte René Descartes drei Träume mit grossen Folgen für Europa. Alles, was Descartes bis dahin bestimmt hatte, will er in dieser Nacht hinter sich gelassen haben. In seinen Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, die ungefähr 20 Jahre später erschienen (1641), beschreibt er es folgendermas­sen: «… ich will so lange weiter vordringen, bis ich irgendetwas Gewisses, oder, wenn nichts anderes, so doch ­wenigstens das für gewiss erkenne, dass es nichts Gewisses gibt» (Meditationen, S. 21).
Descartes hat das Bedürfnis nach Gewissheit. Mittels des radikalen und methodischen Zweifels sucht er nach dem, was nicht mehr bezweifelt werden kann. Er scheint selbst überrascht darüber, dass man so gut wie alles anzweifeln kann. Er sieht sich gezwungen, einzugestehen, «dass an allem», was er früher für wahr hielt, «zu zweifeln möglich ist» (Meditationen, S. 41). Das Letzte, was er nicht mehr bezweifeln kann, entdeckt Descartes im Selbstbewusstsein: «Und so komme ich, nachdem ich nun alles mehr als genug hin und her erwogen habe, schliesslich zu der Feststellung, dass dieser Satz: ‹Ich bin, ich existiere›, sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist» (Meditationen, S. 22). Descartes hatte sein Fundament gefunden. Sein «cogito ergo sum» («Ich denke, also bin ich») ist für ihn eine unerschütterliche Grundlage für das Erschliessen der Welt.
Damit war ein epochales Signal gesetzt. Nicht der Zweifel ist das Neue bei Descartes. Die Geschichte des Zweifels reicht bis in die Urgeschichte zurück (vgl. 1. Mose 3). Neu war die Methodisierung des Zweifels mit dem Ziel, herauszufinden, woran man nicht zweifeln kann.1 Und so begründete der Katholik die Erkenntnisgewissheit mit dem Selbst. Während die Menschen bis dahin sich selbst und ihre Normen mit dem Verweis auf Gott legitimiert hatten, suchte Descartes die Letztbegründung im «Ich» und befestigte damit das moderne Denken. Die Moderne, so paraphrasiert Jürgen Habermas Michel Foucault, ist dazu verurteilt, «ihr Selbstbewusstsein und ihre Norm aus sich selbst zu schöpfen».2
Der methodische Zweifel, der die Geburt des neuzeitlichen Wissenschaftsbegriffs einleitete, wirkte unvorstellbar innovativ auf die Kultur Europas. Die Neuzeit war getragen von dem zuversichtlichen Glauben, dass der Mensch fähig ist, Wahrheit zu erfassen, Wissen zu erwerben und darauf aufbauend freie Gesellschaften zu organisieren. Der Zweifel wurde dem Menschen in dieser Zeit ein Freund, der dabei hilft, die Welt «zu entzaubern» und «zu entzweifeln». In der voraufklärerischen Werteordnung galten Zweifel als ein Übel, das zu überwinden sei. In der Neuzeit gilt der Zweifel als Voraussetzung allen Erkenntnisfortschritts.
Die Neuzeit wurde die Geister, die sie rief, nicht mehr los. Wie ein Sauerteig breitete sich der Zweifel aus und erfasste alle Bereiche des Denkens und der Gesellschaft. Auch der Glaube an ein unerschütterliches Fundament des Wissens, der Descartes’ Arbeit so befruchtete, erwies sich als eine Fata Morgana. Die Versuche, letzte Erkenntnis gegen jeden Zweifel abzusichern und die Welt von einem archimedischen Punkt aus zu entdecken, sind gescheitert. Anders ausgedrückt: Warum sollte der Zweifel beim «Selbstbewusstsein» haltmachen? Woher wissen wir denn, dass das «Ich», das René Descartes noch notwendig behaupten konnte, wirklich existiert? Gibt es ein stabiles «Selbst»? Eines der zur Zeit auf Deutsch meist gelesenen Bücher trägt den Titel: «Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?». Laotse bekannte: «Ich träumte, ich wäre ein Schmetterling. Und als ich aufwachte, wusste ich nicht mehr: Bin ich nun ein Mensch, der träumt, er sei ein Schmetterling, oder ein Schmetterling, der träumt, er sei ein Mensch?» Gibt es überhaupt die Vernunft, auf die sich die grossen Aufklärer mit alles beherrschendem Sendungsbewusstsein be­riefen? Warum sollten wir irgendein Axiom gegen Kritik immunisieren? Längst richten sich unsere vernünftigen Zweifel gegen die Vernunft selbst.
Keiner hat wohl den heraufkommenden Umbruch besser vorhergesehen als Friedrich Nietzsche (1844–1900). Er beschreibt die Krise des europäischen Denkens als Nihilismus, als Auflösung des Seins in das Nichts. Der Nihilismus besagt für Nietzsche, dass die neuzeit­liche Wissenschaft uns die Welt nicht entzaubert, sondern den Blick für das Leben verstellt hat. «Die scheinbare Welt ist die einzige, die wahre Welt ist nur hinzugelogen …» (Götzen-Dämmerung, S. 75). Als einen wesentlichen Bestandteil seiner kritischen Philosophie kann man Nietzsches Religions- kritik ansehen. Die höchste Gefahr für den Menschen ist nach Nietzsche der Christengott. «Ihr höheren Menschen, dieser Gott war eure grösste Gefahr» (Also sprach Zarathustra, S. 357). Nietzsche schreibt im Antichrist, dass der christliche Glaube der Todfeind der Wissenschaft ist (S. 225). Und: «‹Glaube› heisst Nicht-wissen-Wollen, was wahr ist. Der Pietist, der Priester beiderlei Geschlechts, ist falsch, weil er krank ist: Sein Instinkt verlangt, dass die Wahrheit an keinem Punkt zu Rechte kommt» (S. 223).
Der neuzeitliche Zweifel hat so nicht nur die Welt- und Selbsterkenntnis, sondern auch den Gottesglauben befallen. An die Religionskritik im Stile Nietzsches knüpft der so genannte Neue Atheismus an. Beispiele dafür ­haben wir viele, ob Richard Dawkins, Sam Harris oder Christopher Hitchens. Auf einen von ihnen will ich kurz eingehen, weil er aus christlichen Kreisen stammt. Ich spreche von Daniel Everett, dessen Buch «Das glücklichste Volk» seit vielen Wochen zu den meist verkauften Büchern in Deutschland ­gehört.
Everett wurde 1951 in Kalifornien geboren und ist heute Professor für Linguistik an der State Universität in Illinois (USA). Einst war der Bibelschulabsolvent Missionar unter den Pirahã-Indianern im brasilianischen Amazonasgebiet. Er zog aus, um den Indianern im Urwald eine Bibelübersetzung zu geben und sie zum Christentum zu führen. Am Ende des Abenteuers stand allerdings seine Abkehr vom christlichen Glauben. Er schreibt:
«Ich fing an, das Wesen der Religion, den Akt des Glaubens an etwas, das man nicht sehen kann, ernsthaft infrage zu stellen … Die Wertvorstellungen der Pirahã – Unmittelbarkeit des Erlebens und die Forderung nach Belegen – liessen all das zutiefst zweifelhaft erscheinen.» (S. 396)
«Deshalb musste ich mir irgendwann Ende der achtziger Jahre selbst eingestehen, dass ich an keinen Glaubenssatz und nichts Übernatürliches mehr glaubte. Im stillen Kämmerlein war ich Atheist.» (S. 397)
«Die Zweifel an meinem Gottesglauben in Verbindung mit dem Leben unter den Pirahã veranlassten mich dazu, einen vielleicht noch grundlegenderen Bestandteil des modernen Denkens infrage zu stellen: den Wahrheitsbegriff selbst. Tatsächlich gelangte ich zu dem Schluss, dass ich mit einer Wahnvorstellung lebte – der Illusion der Wahrheit. Gott und Wahrheit sind zwei Seiten derselben Medaille. Beide behindern das Leben und das geistige Wohlbefinden, …» (S. 398)
Nietzsche war zeitlebens davon überzeugt, dass man ihn erst verstehen werde, wenn die Welt reif für ihn sei. Inzwischen ist Nietzsche «Mainstream». Viele Menschen glauben: Gott ist tot und die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit gibt. Im Zweifel für den Zweifel (Tocotronic)! Alles scheint gesagt. Der Soziologe Zygmunt Bauman beschreibt den Geisteszustand der Postmoderne wie folgt:
«Sie ist ein Geisteszustand, der sich vor allem durch seine alles verspottende, alles aushöhlende, alles zersetzende Destruktivität auszeichnet. Es scheint zuweilen, als sei der postmoderne Geist die Kritik im Augenblick ihres definitiven Triumphes: eine Kritik, der es immer schwerer fällt, kritisch zu sein, weil sie alles, was sie zu kritisieren pflegte, zerstört hat. Dabei verschwand die schiere Notwendigkeit der Kritik. Es ist nichts übriggeblieben, wogegen man sich wenden könnte.»3
Was steht an, wenn alles schon «bezweifelt» ist, wenn es keine Fragen und Antworten mehr gibt und die Trauerarbeit abgeschlossen ist (F. Lyotard)? Es bleibt die Unterhaltung zum Tode, die Karnevalisierung oder, wie viele sagen, die Spassgesellschaft. Wir amüsieren uns zu Tode (N. Postman).
Der vielleicht begabteste Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts, David Foster Wallace, beschreibt eine Gesellschaft voller Menschen, die sich der Wahrheitsfrage durch Zerstreuungen aller Art entziehen. In seinem Hauptwerk «Unendlicher Spass» (1646 Seiten!) geht es um einen Film, der die Menschen, die ihn anschauen, so verhext, dass sie sich nicht mehr von ihm lösen können und dabei verhungern und verdursten. Richard Kämmerlings schreibt in seiner FAZ-Rezension über das Buch:
«‹Infinite Jest› ist ein moralisches, ja moralistisches Buch über den gegenwärtigen American way of life und damit über den Entwicklungsstand unserer Kultur. Es ist ein Buch über die Leere im innersten Zentrum unserer Gesellschaft, die der Einzelne mit Süchten, Zerstreuungen, Obsessionen und Unterhaltungen aller Art ersatzweise füllt und so verdeckt und verdrängt. Unendlicher Spass ist das Codewort einer düsteren Zukunftsvision, als Endpunkt menschlicher Evolution bedeutet er den Tod der Kultur und den Tod des Subjekts – und zwar in einem ganz konkreten, nicht übertragenen Sinne.»4
Was also sollte anstehen, wenn alles schon bezweifelt ist? Könnte es sein, dass der Skeptizismus von Descartes eine Neubewertung braucht? Ist die Zeit gekommen, die Platzanweisung für den Menschen wieder ernst zu nehmen, zu akzeptieren, dass wir urteilen, aber nicht über alles richten sollen?
Der Zweifel schützt, deckt Irrtümer auf, eröffnet neue Sichtweisen und hilft beim Entdecken begehbarer Wege. Wenn aber Skepsis alles ist, was wir haben, wenn die Zweifel uns im Innern spalten, wenn es der Kritik immer schwerer fällt, kritisch zu sein, weil sie alles, was sie zu kritisieren pflegte, bereits zerstört hat, ist die Zeit gekommen, auch den Zweifel in den Zweifel zu ziehen.
«Der Glaube an die Zukunft fängt mit dem Zweifel an allen bisherigen Wahrheiten an», sagte Nietzsche. Fangen wir an, an dem zu zweifeln, was uns heute als «Wahrheit» präsentiert wird. Wir brauchen einen neuen, einen konstruktiven Umgang mit dem Zweifel. Vielleicht brauchen wir, um es etwas mutig zu formulieren, eine zweite Aufklärung. Robert Spaemann forderte kürzlich: «Der Skeptizismus der Philosophie sollte so radikal sein, dass er sich auch gegen sich selbst richtet.» Und: «Wir müssen auch Zweifel an unseren Zweifeln haben.»5
Ein grosser Gelehrter und Zeitgenosse von René Descartes könnte uns dabei Mentor werden. Der gläubige Mathematiker und Naturwissenschaftler Blaise Pascal (1623–1662) schrieb im 268. Fragment seiner Gedanken:
«Man muss zweifeln, wenn es notwendig ist, sich Gewissheit verschaffen, wo es notwendig ist, und sich unterwerfen, wo es notwendig ist. Wer nicht so handelt, missachtet die Kraft des Verstandes. Es gibt Menschen, die gegen diese drei Grundforderungen verstossen, die entweder behaupten, alles sei beweisbar, weil sie nichts vom Beweisen verstehen, oder alles bezweifeln, weil sie nicht wissen, wo man sich unterwerfen muss, oder sich in allen Fällen unterwerfen, weil sie nicht wissen, wo sie urteilen müssen.»6
Ron Kubsch
1 So ganz neu allerdings war das auch nicht, vgl. A. Augustinus: De civitate Dei, XI, 26.
2 Jürgen Habermas, «Mit dem Pfeil ins Herz der Gegenwart», in: «Die neue Unübersichtlichkeit», S. 129.
3 Zygmunt Bauman, «Ansichten der Postmoderne», Argument Verlag, 1995, S. 6.
4 Kämmerlings, R., «David Foster Wallace: Unendlicher Spass», FAZ, 2009.
5 Interview mit Robert Spaemann, «Christen können nicht eine nette Religion erfinden», Kath.net vom 30. April 2010, URL: http://www.kath.net/detail.php?id=26547 [Stand: 18.06.2010].
6 Blaise Pascal, «Pensées», übertragen von E. Wasmuth, Lambert Schneider, 1937, S. 138–139.
Ron Kubsch ist Rektoratsleiter des Martin Bucer Seminars und Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte.
http://www.factum-magazin.ch/wFactum_de/glaube/Glaube/2010_08_26_glaube_zweifel.php

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