Der Christ und die Wirtschaft

In der Wirtschaft verantwortlich Tätige haben derzeit keine besonders gute Presse. Die weltweite Wirtschaftskrise, die vor allem in fragwürdigen Finanzgeschäften ihre Ursachen hat, bedroht nicht nur in unseren Ländern den Wohlstand, an den wir uns schon so sehr gewöhnt hatten. Sie gefährdet auch die Chancen der Länder, die bisher noch im Schatten des wirtschaftlichen Erfolgs der industrialisierten Länder standen, endlich an ihm beteiligt zu werden. Damit aber scheinen sich besonders unter Christen schon immer gehegte Vorurteile gegenüber dem Wirtschaftsleben zu bestätigen und wecken neu längst erledigt geglaubte, grundsätzliche Fragen nach der Ordnung der Wirtschaft: War der Jubel angesichts des Sieges des Kapitalismus über den Sozialismus in der „Wende“ der 90er Jahre doch verfrüht? Zeigt er nicht plötzlich wieder sein altes hässliches Gesicht? Solche Fragen sollten für alle verantwortlich Mitdenkenden, nicht zuletzt auch für uns Christen, Anlass genug sein, neu zu bedenken, wo wir Position zu beziehen haben und warum.
Zwei Missverständnisse verlangen Klärung
Dabei wird es wichtig sein, zunächst zwei gerade unter Christen weitverbreitete, scheinbar von der Bibel nahegelegte Missverständnisse zu klären.
Ein erstes Missverständnis: „Arbeit ist Strafe Gotte s“
„Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. […] Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ (1.Mose 3,17b.19a). Mit diesen Worten weist Gott den Menschen dazu an, durch Arbeit für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Vom Lebensunterhalt des Menschen aus den Früchten der Erde war schon vorher, bei der Erschaffung des Menschen, die Rede (1.Mose 1,29f), nicht aber, wie jetzt nach dem Sündenfall, von Arbeit oder gar Mühsal und Schweiß. Ist Arbeit also Strafe für den Ungehorsam des Menschen Gott gegenüber? Bei näherem Hinsehen erweist sich diese Folgerung als Fehlschluss. Denn tatsächlich ist von Arbeit, d.h. von zielgerichteter und mit Mühe verbundener Tätigkeit schon vorher die Rede: Der Mensch, heißt es in 1.Mose 1,28, soll sich die Erde untertan machen und über sie herrschen. Er soll sie „bebauen und bewahren“ (1.Mose 2,15). Dabei weist das Wort „bebauen“ (hebräisch abad = bearbeiten) auf die damit verbundene Mühe hin. Nein, schon das Paradies ist nicht als Schlaraffenland zu denken! Arbeit ist also nicht erst eine Folge des Sündenfalls, sondern von Anfang an Zeichen der einzigartigen Stellung des Menschen als Gottes Ebenbild. Schon im Wort von der Gottebenbildlichkeit des Menschen ist der Gedanke seiner Haushalterschaft über die Kreatur enthalten, wie er sie dann in seiner Arbeit ausübt. Die darin liegende besondere Würde des Menschen kommt auch zum Ausdruck, wenn von Gott ausgesagt wird, dass er arbeitet und dann von seinen Werken ruhte (1.Mose 2,3). Man kann geradezu sagen: Der Mensch setzt in seiner Arbeit Gottes schöpferisches Werk fort.
Ein zweites Missverständnis: „Eigentum ist Diebstahl“
Die These, dass Eigentum eigentlich Diebstahl sei, geistert keineswegs erst seit dem frühen Sozialismus herum. Vielmehr finden sich ganz ähnliche Aussagen schon bei den Kirchenvätern, wenn sie etwa die Entstehung des Privateigentums aus der menschlichen Habsucht erklären und damit als Folge des Sündenfalls. Vorausgesetzt ist dabei die schon in der vorchristlichen Antike weitverbreitete Ansicht, dass ursprünglich „allen alles gemeinsam“ gewesen sei. Tatsächlich begegnet uns dieser Gedanke auch im Neuen Testament – allerdings nicht als Theorie über einen Urzustand, sondern als Ausdruck christlicher Gemeinschaft (Apostelgeschichte 4,32). Solche christliche Erfahrung darf nicht verallgemeinert werden. Tatsächlich geht die Bibel durchgehend vom Gedanken des Privateigentums als einer guten Ordnung aus und schützt dieses ausdrücklich im Gebot „Du sollst nicht stehlen“ (2.Mose 20,15). Wenn Ausleger darauf hinweisen, dass das Wort „stehlen“ (hebräisch ganab) einmal vor allem Menschenraub gemeint habe, spricht das keineswegs gegen die generelle Bedeutung „stehlen“, sondern weist uns auf die tiefere Bedeutung des Wortes: Wenn das Eigentum eines Menschen angetastet wird, wird im Grunde seine Freiheit angetastet. Anders gesagt: Eigentum ermöglicht dem Einzelnen die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Solche individuelle Freiheit wiederum ist wesentlicher Ausdruck der Würde des Menschen als Gottes Ebenbild.
Ordnungspolitische Konsequenzen biblisch orientierter Wirtschaftsethik
Es sind zwei Grundmodelle der Ordnung des Wirtschaftsprozesses denkbar: das der Marktwirtschaft und das der sog. Zentralverwaltungswirtschaft. Der Entdeckung des Individuums und seiner Rechte in der Neuzeit entsprach es, die Wirtschaft der Selbstregulierung durch das Eigeninteresse der wirtschaftlichen Akteure zu überlassen, also dem Markt. Denn vernünftigerweise muss dies Eigeninteresse, wenn es erfolgreich sein will, auch das wohlverstandene Interesse anderer berücksichtigen. Wer zum Beispiel meint, kleinere Brötchen zum gleichen Preis verkaufen zu können, wird, statt satten Gewinn zu machen, bald gar keine mehr loswerden, weil die Käufer zur Konkurrenz übergehen. Die Geschichte hat allerdings gezeigt, dass diese Rechnung nicht ganz aufgeht: Ungezügelt freier Markt führte in der beginnenden Industrialisierung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Ausbeutung der Arbeiterschaft durch die Willkür von Unternehmern. Im Gegenzug versuchte der Sozialismus, soziale Gerechtigkeit durch eine staatlich zentral gelenkte Wirtschaft herzustellen. Diese Ordnung aber lähmte einerseits die freie Initiative und Arbeitsbereitschaft des Einzelnen und führte andererseits aufgrund einer Planung und Leitung durch oft wirtschaftsfremde Bürokraten zu Misswirtschaft und damit zu einem allgemeinen Niedergang des Wohlstands. Beide Wirtschaftsordnungen stehen für eine Teilwahrheit: die eine für die Freiheit des Einzelnen, die andere für soziale Gerechtigkeit. Sie verfehlen letztlich aber beides. Eine dem Menschen in seiner Individualität und Sozialität entsprechende Wirtschaftsordnung müsste beides vereinen, Freiheit und Gerechtigkeit. Dieser Forderung versucht die seit dem Ende des letzten Weltkriegs entwickelte sog. Soziale Marktwirtschaft gerecht zu werden. Grundlegend ist für sie das Prinzip des freien Marktes. Der Staat soll möglichst wenig direkt in die Wirtschaft eingreifen, sondern diese den Kräften des Markts überlassen. Aber er muss einen gesetzlichen Rahmen schaffen, der möglicher Ungerechtigkeit entgegenwirkt. Dazu gehören etwa Gesetze zum Schutz des Arbeiters an seinem Arbeitsplatz und ein gewisses Mitspracherecht der Arbeiterschaft in Betrieben (Betriebsrat). Weiterhin ist die Möglichkeit wichtig, mit Hilfe der Tarifautonomie in Verhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Gewerkschaften faire Arbeitszeiten und Löhne auszuhandeln. Schließlich sind Renten- und Krankenversicherung etc. zu nennen. Misswirtschaft auf dem durch Gesetze noch zu wenig regulierten weltweiten Finanzmarkt lässt gegenwärtig wieder lautstark nach Eingriffen des Staates rufen. Manche sprechen bereits vom Bankrott der Marktwirtschaft. Dabei drohen manchmal die Lehren aus dem Niedergang des Sozialismus- Projekts wieder in Vergessenheit zu geraten. Dem sollte eine dem biblischen Menschenbild verpflichtete Wirtschaftethik entgegenwirken. Die Soziale Marktwirtschaft verspricht keinen Himmel auf Erden. Aber sie bleibt das dem Menschen angesichts seiner unveräußerlichen Würde wie auch angesichts seiner Schwächen angemessenste Wirtschaftsmodell, dessen Realisierung immer wieder neu angestrebt werden sollte.
Dr. Helmut Burkhardt Dozent i .R. , Theologisches Seminar St. Chrischona (Theologische Orientierung Nr.154 2009

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