Gibt es Abstufungen im Himmel?

Wohl alle evangelikalen Christen sind davon überzeugt, daß die Gläubigen allein durch den Glauben und die Gnade Gottes und nicht durch Werke errettet werden. Andererseits behauptet man jedoch, daß es Unterschiede zwischen den Gläubigen im Himmel geben wird, und zwar je nach Leistung der Gläubigen hier auf der Erde. Es ist daher sehr entscheidend, wie ich als Christ auf der Erde lebe, denn davon hängt meine Belohnung und Stellung im Himmel ab. Man könnte diese Position folgendermaßen zusammenfassen: die Rechtfertigung geschieht aus Gnaden durch den Glauben, Heiligung jedoch durch menschliche Werke, die über meine Belohnung im Himmel entscheiden. Blombergs Überzeugung lautet dagegen: „Ich glaube nicht, daß irgendein Text im Neuen Testament, der korrekt ausgelegt wird, die These unterstützt, daß die Gläubigen in der Ewigkeit auf der Basis ihrer Werke für Christus voneinander getrennt werden.“
Ausgangspunkt dieser Überzeugung ist das bekannte Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16). Blomberg kommt zu dem Schluß, daß gerade dieses Gleichnis die Gleichheit der Gläubigen in Gottes Augen hervorhebt. Alle waren Jünger, alle bekommen den gleichen Lohn, egal, wann sie in das Werk des Herrn eingestiegen und wie produktiv sie sind. Man beachte, daß es sich bei diesem Text tatsächlich um ein „Lohn-Gleichnis“ handelt, denn in Vers 8 wird offensichtlich vom bezahlten Lohn für die Arbeiter gesprochen. Auch der Vers 16 ist in diesem Sinne zu verstehen: „So werden die Letzten Erste und die Ersten Letzte sein, denn viele sind berufen, wenige aber auserwählt.“ Dieser Satz will nicht ein besonders himmlisches Rangsystem etablieren, sondern ist ein feststehender Ausdruck für die Gleichheit aller Gläubigen. Alle numerischen Positionen im Himmel sind austauschbar, weil es keine Rangfolge geben wird. Dieses Gleichnis steht auch im Einklang mit vielen Aussagen des Neuen Testamentes, die von Gnade, Himmel oder Vollkommenheit sprechen. Die meisten Aussagen der Schrift zu diesen Punkten sprechen nur von zwei Optionen: ewiges Leben oder ewiger Tod. Das Heil kommt allein aus Gnaden, die Verdammnis aber aus Werken.
Nehmen wir eine andere Stelle, die über die Ewigkeit spricht: Offenbarung 21-22. In Offenbarung 21,4b heißt es: „Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein.“ Es wird also nichts mehr geben, was jemanden traurig macht. Daraus kann man indirekt schließen, daß es keine Unterschiede im Himmel mehr gibt, denn das wäre eine ewige Quelle der Zwietracht und des Neides. Zwar könnte man hier einwenden, daß es in der Herrlichkeit niemandem mehr auffallen wird, daß es Unterschiede gibt, denn wir werden so von der himmlischen Herrlichkeit überwältigt sein, daß niemand an solche Dinge denkt. Aber diese Konzession finden wir nicht in der Heiligen Schrift. Hinzu kommt ein anderes Problem: Wenn es kein Bewußtsein über die Unterschiede gibt, dann ist die ganze Lehre von den Unterschieden im Himmel ja auch uninteressant. Wenn es solche Unterschiede nicht gibt bzw. sie nicht bewußt werden, warum führen wir sie dann überhaupt ein?
Einige Problemstellen, die scheinbar gegen diese Überzeugung sprechen:
Viele Ausleger gehen davon aus, daß es sich bei den Kronen nicht um Belohnungen für den Himmel, sondern um Symbole für das ewige Leben handelt. Paulus vergleicht in 1Kor 9,25 das Ausharren des Christen mit einem Athleten in der Kampfbahn. Die Krone ist derselbe Preis, den er in Vers 24 und 27 erwähnt. Man bekommt ihn nicht, wenn man disqualifiziert wird. Paulus ist also nicht besorgt um die Rangfolge, den ersten, den zweiten oder den dritten Platz, sondern um das Durchhalten bis zum Ende. Er vermittelt einen Vergleich, einen Kontrast: diejenigen, die den Kampf beenden und die, die ihn nicht beenden. Das heißt: die Krone ist kein besonderer Aspekt der Belohnung, sondern ist der eschatologische Sieg, den jeder Christ am Ende seines Lebensweges erfahren wird.
Ähnlich verhält es sich mit 1Thess 2,19. Der Kranz steht hier synonym mit der Hoffnung und der Freude auf das ewige Leben und die schöne und unendliche Gemeinschaft mit anderen Gläubigen in der Ewigkeit. Dieser Abschnitt sagt nichts über verschiedene Kronen oder über verschiedene Stellungen der Christen in der Ewigkeit. Auch die Krone in 2Tim. 4,8 kann nicht als eine besondere Auszeichnung für den fleißigen Paulus gelten. Denn im gleichen Vers sagt er, daß diese Krone allen Gläubigen zuteil wird, die „seine Erscheinung lieben“. Das heißt, der Siegeskranz der Gerechtigkeit ist hier ein Symbol für die Belohnung, die alle Christen bei der Wiederkunft Jesu bekommen werden.
Ähnliches finden wir in Jak 1,12. Der Siegeskranz des Lebens, der hier erwähnt wird, wird denen verheißen, die Jesus lieben. Auch wenn im Zusammenhang von der Bewährung und von Widerstand gegen die Versuchung die Rede ist, so sind doch im Kontext wieder alle Christen gemeint. Vergleiche dazu Jakobus 1,2-4; 2,5; 3,17-18 u. 5,7-11. 1.Petr 5,4 spricht vom Siegeskranz der Herrlichkeit, den die Christen empfangen werden. Auch hier ist nicht von einer besonderen Auszeichnung für einzelne die Rede. Wieder ist an dieser Stelle das Wort Krone oder Siegeskranz eine Metapher für ewiges Leben. Denn an allen anderen Stellen im 1.Petr wird das Wort Herrlichkeit nur im Sinne des Heils verstanden, das jeder Christ bekommen wird. Vergleiche 1Petr 1,7; 4,13-14; 5,10.
Die 24 Ältesten in Off 4, die ihre Krone vor dem Thron niederlegen, sprechen ebenfalls gegen Belohnungen und Unterschiede im Himmel. Natürlich muß man fragen, wer diese 24 Ältesten wirklich sind? Sind es Engel oder Menschen? Selbst wenn es Menschen wären, würde auch dieser Text eigentlich genau das Gegenteil beweisen. Denn alle legen ihre Kronen vor Gott ab, d.h. sie fühlen sich unwürdig, vor dem Lamm zu stehen, das ohne Flecken und ohne Fehl ist. Das weist mehr auf die Gleichheit der Gläubigen im Himmel hin, als auf eine unterschiedliche Rangfolge.
Wie steht es aber mit 1Kor 3,11-15? Zunächst einmal macht Paulus in Vers 15 klar, daß geistliche und fleischliche Christen errettet werden. Aber nur eine der beiden Gruppen wird vor den Flammen entfliehen und Lohn empfangen (Vers 14). Dabei muß eins beachtet werden: Dieser Text sagt nicht, daß die auf der Erde existierenden Unterschiede zwischen den Christen auch über den Tag des Gerichts hinaus Bestand haben werden, 1Joh 2,28 spricht ebenso davon, daß einige Christen sich bei der Wiederkunft Christi mehr schämen müssen als andere, aber keine Schriftaussage behauptet, daß diese Scham eine Komponente der himmlischen Ewigkeit bleiben wird. Die Unterschiede unter den Gläubigen beziehen sich alle auf die Parusie unseres Herrn, niemals auf die himmlische Herrlichkeit. Was die Gläubigen verlieren, die auf dieser Erde nicht dem Willen Gottes gemäß gelebt haben, ist die Befriedigung, auf ein erfülltes Leben zurückschauen zu können. Übrigens wird jeder von uns auf sein Leben zurückschauen und eine Mixtur aus Gutem und Bösem finden. Dieses Böse wird verbrennen. Die einzige Belohnung, die Gläubige im Himmel finden werden, ist das Bewußtsein und die Gewißheit, daß sie in ihrem Leben mehr Zeit für den Bau des Reiches Gottes zugebracht haben als andere. Ähnlich ist 2Kor 5,10 zu verstehen, wo die Gläubigen vor dem Richterthron Christi erscheinen werden. Auch hier ist an 1Kor 3 gedacht. Beide Texte sprechen nur über den Tag des Gerichts bei der Wiederkunft Jesu Christi, nicht über bleibende Hierarchien im Himmel.
Bleiben noch die Passagen im Neuen Testament, die von dem Größten und dem Kleinsten im Himmelreich sprechen. Die entscheidende Frage ist hier: Gelten diese Aussagen für den gegenwärtigen Aspekt des Christen oder für die zukünftige Herrlichkeit?
In Mt 11,11 heißt es z.B.: „Wahrlich, ich sage euch, unter den von Frauen Geborenen ist kein größerer aufgestanden als Johannes der Täufer; der Kleinste aber im Reich der Himmel ist größer als er.“ In diesem Zusammenhang macht nur der gegenwärtige Aspekt des Christenlebens in der Auslegung überhaupt Sinn, nicht der zukünftige. Jeder Christ, ob fleischlich oder geistlich, ist im Reich Gottes mehr als Johannes der Täufer, weil er im Neuen Bund geboren wurde.
Ähnlich ist Mt 5,19 zu verstehen: „Wer nun eins dieser geringsten Gebote auflöst und so die Menschen lehrt, wird der Geringste heißen im Reich der Himmel; wer sie aber tut und lehrt, dieser wird groß heißen im Reich der Himmel.“ Dieser Vers scheint auf den ersten Blick von Unterschieden im Himmel zu sprechen. Aber man kann genauso gut übersetzen, daß es sich hier um eine Gnade und ein Segen Gottes im irdischen Leben handelt, nicht nur in der himmlischen Herrlichkeit. Denn das Reich der Himmel oder das Reich Gottes hat ja auch einen irdischen Aspekt, nicht nur einen himmlischen. Der irdische Aspekt wird deutlich in Mt 18,3-5. In Vers 4 sagt Jesus: „Darum, wenn jemand sich selbst erniedrigen wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Reich der Himmel.“ Der Zusammenhang dieses Verses macht deutlich, daß bei Jesus das Kriterium für Größe das gleiche ist, wie für den Eingang ins Himmelreich, denn in Vers 3 heißt es: „Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen.“ Hier geht es um den Eingang ins Reich Gottes, nicht um Abstufungen im Himmelreich.
In Mt 19,28 verspricht Jesus den zwölf Aposteln, daß sie die Stämme Israels richten werden. Gilt das nur für ganz geheiligte Christen? Nein, denn in 1Kor. 6,2-3 erinnert Paulus sogar die fleischlichen Korinther daran, daß sie die ganze Welt und Engel richten werden. Wie sollen diese Aussagen zusammenpassen, wenn nur perfekte und hochstehende Christen überhaupt eine Belohnung bekommen werden? In Mt 5,12 segnet Christus diejenigen, die Verfolgung leiden und verspricht ihnen eine Belohnung im Himmel. Aber dieser Text wiederholt eigentlich nur das Thema von Mt 5,10, bei dem der Segen für das Ausharren der Eingang in das Reich Gottes ist. Das heißt auch hier in Vers 12 ist der Lohn gleichzusetzen mit Vers 10, sprich das ewige Leben. Auch andere Textstellen im Matthäusevangelium setzen das ewige Leben und den Lohn synonym.
Zur Klarheit muß jedoch auch gesagt werden, daß einige Texte des Neuen Testaments die Gläubigen auffordern, ihren Lebenswandel zu überprüfen, damit sie am Tag des Herrn nicht beschämt werden. Aber keiner dieser Texte sagt etwas darüber aus, daß diese Beschämung über den Tag hinaus bestehen bleibt. Auch die drei Texte in Römer 2,7; Off 22,14 und Mt 12,37a sprechen von einem Kontrast zwischen den Geretteten und den Verlorenen, nicht zwischen zwei verschiedenen Rangstufen von Christen.
In Mt 10, 35-45 bitten Jakobus und Johannes Jesus um einen besonderen Platz rechts und links neben ihm im Himmel. Ohne Zweifel spielen sie damit auf ein jüdisches Verständnis von verschiedenen Belohnungsstufen im Himmel an und hoffen, für sich den höchsten Status zu erreichen. In Vers 14 läßt Jesus diese Frage bewußt offen und geht auf die Diskussion nicht ein. Er betont, daß die Jünger dienen sollen. Überhaupt geht es in diesem Kontext wieder um das irdische Leben des Christen. Die Parallele in Lk 22,26-27 macht deutlich, daß es um das irdische Leben der Christen geht: „Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch sei wie der Jüngste, und der Leiter wie der Diener.“ Der Größte im Reich Gottes ist also derjenige Christ, der wie ein Diener die Gemeinde Jesu führt.
Kommen wir nun zu den Gleichnissen von den anvertrauten Talenten Mt 25,14-30 und zu den anvertrauten Pfunden Lk 19,11-27. Es ist Allegorie, wenn man in diese Gleichnisse eine Lehre von Unterschieden im Reich Gottes oder im Himmel hineinlegen wollte. In beiden Gleichnissen erscheinen drei verschiedene Arten von Dienern. Zwei von ihnen sind treue Diener, einer dagegen ist untreu. Man kann die beiden treuen Diener nicht von einander unterscheiden. Daß der eine mehr Talente oder mehr Pfunde bekommt und erwirtschaftet hat als der andere, ist kein Hinweis auf Unterschiede im Himmel. Der eigentliche Kontrast in beiden Gleichnissen liegt zwischen den beiden treuen Knechten auf der einen Seite und dem untreuen Knecht auf der anderen Seite. Das heißt, es ist der Unterschied zwischen den Gläubigen und den Ungläubigen, nicht zwischen verschiedenen Gläubigen. Mt 25,30 spricht von der äußeren Finsternis, wo Weinen und Zähneknirschen sein wird. Dies ist ein Bild für die Hölle, nicht für eine Unterabteilung des Himmels, wo einige fleischliche Gläubige leben werden.
Die Bibel kennt also keine himmlische Unterscheidung zwischen besonders wohlgefälligen Christen auf der einen und weltlichen oder fleischlichen Christen auf der anderen Seite. Diese Unterschiede gibt es nur hier auf der Erde. Im Gegenteil, die tragische Unterscheidung zwischen verschiedenen Stufen des Christsein im Himmel führt manchmal dazu, daß schon hier auf der Erde eine Art Wettbewerb zwischen den Christen stattfindet. Es geht in der Heiligung dann um die Belohnungen im Reich Gottes, statt um die Ehre Gottes. Wer ist der Bessere im Reich der Himmel? Dagegen steht das neutestamentliche Manifest der Gnade, die sowohl für die Rechtfertigung, als auch für die Heiligung gilt. Wir können zu beidem nichts beitragen, weder zur Rechtfertigung, noch zu unserer Heiligung. Alles ist Christus, alles ist Gnade. Craig L. Blomberg
Craig L. Blomberg ist Professor für Neues Testament am Denver Seminary in den USA
Die folgenden Ausführungen bieten eine Zusammenfassung eines Artikels von Craig L. Blomberg, „Degrees of Reward in the Kingdom of Heaven?“ erschienen im Journal of the Evangelical Theological Society 35/2 (Juni, 1992), S. 159-172. Die Zusammenfassung und Übersetzung besorgte Stephan Holthaus. Bibel und Gemeinde 2/97

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