Gleichnisse

Gleichnisse (Parabeln) gehören zu den bekanntesten und faszinierendsten Texten der Bibel. Bereits im Alten Testament finden wir bildhafte Geschichten, die eine starke Botschaft transportieren und entsprechende Wirkung entfaltet haben, so z.B. die Strafrede des Propheten Nathan an David (2.Sam 12,1-15), die Geschichte mit den sprechenden Bäumen von Jotam (Richt. 9,7-15) oder das sogenannte Weinberglied bei Jesaja (Jes 5,1-7). Aber besonders Jesus benutzte in einigen kurzen Erzählungen Vergleiche und Bilder aus dem Alltag, um für die Zuhörer bisher nicht erkannte Wahrheiten und Realitäten (das Reich Gottes) mit Hilfe der Ähnlichkeit in einer für die Zuhörer bekannten Situation zu erklären. Gleichnisse „reden von Gott mit Bildern der Welt“. Markus berichtet sogar: „In solchen Gleichnissen redete er zu ihnen das Wort, wie sie es hören konnten. Und ohne Gleichnis redete er nichts zu ihnen. Wenn sie aber allein waren, legte er seinen Jüngern alles aus“ (Mk 4,33-34).
Diese Bemerkung macht deutlich, dass Gleichnisse in der Verkündigung Jesu einerseits Verständnishilfen sein wollten. Und gleichzeitig fiel dem damaligen Hörer und dem heutigen Bibelleser bei manchem Gleichnis das Verstehen nicht leicht: Zwar ist die Geschichte selbst interessant zu lesen und sie ist leicht zu „verstehen“, aber was genau wollte Jesus damit sagen und auf den Punkt bringen? Gleichnisse enthalten kein Geheimwissen. Weil bei der „Auslegung“ des Gleichnisses vom vierfachen Ackerfeld (Mt 13,4-23; Mk 4,3-20) und vom Unkraut (Mt 13,24-30) scheinbar jedes Detail eine Bedeutung hat (allegorische Methode) und weil Jesus in diesem Zusammenhang in Mt 13,10ff. (Mk 4,10ff.) seine Verwendung von Gleichnissen mit dem Hinweis auf „die Geheimnisse des Himmelreichs“ begründet, hat man in der Auslegungsgeschichte in den Gleichnissen verborgene Wahrheiten finden wollen. Dabei erhält im Extremfall jedes Detail einen „geistlichen“ Sinn. Die verborgenen Wahrheiten sind sozusagen im Bild versteckt. Nur der Eingeweihte kann für die konkret genannten Personen, Handlungen und Gegenstände die „wirkliche, geistliche“ Bedeutung benennen. Aber: Jesus legt diese beiden Gleichnisse zwar „halballegorisch“ aus. Er setzt aber voraus, dass seine Jünger die Geschichten auch so hätten verstehen sollen (Mt 13,11). Sein Hinweis auf das Unverständnis der, Aussenstehenden“ (Mk 4,11) gründet nicht in einer Unverständlichkeit von Gleichnissen für Nicht-Insider, sondern im Nichtverstehen wegen geistlicher Blindheit, die bei einigen Zuhörern die Wirkabsicht des Gleichnisses (nämlich ihre Umkehr) zunichte macht. Ein Gleichnis soll also nur dort „allegorisch“ ausgelegt werden, wo der Text selbst es eindeutig tut. Gleichnis ist der Oberbegriff für bildliche Redeformen:
Beispielerzählung
Spricht klar und ohne Vergleiche und fordert zur Nachahmung auf. Beispiel: Der barmherzige Samariter.
Allegorie
Eine kunstvoll gestaltete Erzählung, die mit jeder Figur, Gegenstand und Handlung gleich eine andere Bedeutung verbindet, die allerdings nur von „Eingeweihten“ richtig entschlüsselt werden kann. – Von Jesus nur selten und zurückhaltend gebraucht. Beispiel: Böse Weingärtner.
Bildrede/bildhafter Vergleich

Schildert einen alltäglichen Vorgang, der als Illustration für eine bestimmte Aussage dient. Beispiel: Gleichnis vom Senfkorn.
Metapher
Ein Wort wird statt in wörtlicher in übertragener Bedeutung gebraucht. Beispiel: „Ihr seid das Salz der Erde.“
Gleichnisse und ihre Bezugspunkte
Welche Textsignale helfen mit, die Pointe des Gleichnisses zu erkennen? Der Textzusammenhang gibt in der Regel wichtigste Hinweise auf die beabsichtigte Bedeutung (Ko- und Kontextinformationen). Jesus will mit dem Gleichnis zum Beispiel eine Frage beantworten oder auf eine geschilderte Situation eingehen. Damit ist die Bedeutungsabsicht bereits deutlich vorgezeichnet und oft auch genügend eingegrenzt. Hierher gehört auch, dass die geschilderten Vorgänge in der damaligen Kultur, Landwirtschaft, Geographie, Brauchtum und Geschichte verstanden werden wollen. Diese Welt ist uns modernen Menschen oftmals fremd, und wir bekommen wichtige Anspielungen dadurch gar nicht mit. Das Gleichnis „funktioniert“ dann nicht. Eine gute Auslegung setzt sich daher intensiv mit den erwähnten Bezugspunkten auseinander und erklärt oder „übersetzt“ sie so, dass dieselbe Wirkung wie bei den ersten Zuhörern ausgelöst werden kann. Gleichnisse verlangen also eine besonders sorgfältige und fundierte Exegese mit besonderen Kenntnissen damaliger Kultur und Brauchtum.
Gleichnisse und ihre Bezugspersonen
Bei vielen Gleichnissen wird die Zuhörerschaft genannt. In diesem Fall gilt es herauszufinden, wie sich die ursprünglichen Zuhörer mit dem im Gleichnis Erzählten identifiziert haben und wie sie darauf reagierten. Hier fällt auf: Sehr viele Gleichnisse gehören in den Zusammenhang der Auseinandersetzungen von Jesus mit den Pharisäern. Allerdings sind auch viele Gleichnisse „kontextlos“ aufgezeichnet worden. Beim wiederholten Lesen des Gleichnisses können aber doch Personen(gruppen) betont auffallen, die einen indirekten Hinweis auf die ursprünglichen Zuhörer geben können. So wird z.B. beim Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16) deutlich, dass Jesus offensichtlich in erster Linie diejenigen unter den Zuhörern im Auge hatte, die sich selbst als „Ganztagesarbeiter“ (im Unterschied zu den Aushilfen im Stundenlohn; es geht auch nicht in erster Linie um den Gutsherrn) verstanden und sich mit ihnen identifizierten (Mt 19,27-30). Die Botschaft des Gleichnisses ist also in erster Linie eine Botschaft an sie.
Beispielerzählungen mit Verkündigungsabsicht
23 der von Jesus erzählten Geschichten werden ausdrücklich „Gleichnisse“ (griechisch: parabole) genannt. Weitere Beispielgeschichten sind ebenfalls Gleichnisse, ohne dass sie so genannt werden (z.B. Der barmherzige Samariter). Jesus hat jedes Gleichnis mit einer bestimmten Absicht erzählt. Meistens ist es eine einzige Pointe, um die es geht. Manchmal sind auch zwei Zielaussagen erkennbar, und in wenigen Fällen sind mehr als zwei Elemente aus der Bildhälfte für die Sachhälfte wichtig. Das Spezielle dieser Verkündigungsform „Gleichnis“ besteht also darin, dass die Sachaussage (d.h. das, was verkündigt werden will) in die bildhafte Redeweise der Beispielgeschichte gekleidet wird. Daher ist es wichtig, zwischen der Bildhälfte und der Sachhälfte zu unterscheiden und die Verkündigungsabsicht dann auch in erster Linie innerhalb der Sachhälfte zu finden. Jesus ging es auch mit der Verkündigungsform „Gleichnis“ darum, die mit seinem Kommen angebrochene Zeit des Heils, das Reich Gottes, zu proklamieren. Dabei enthalten viele Gleichnisse Aussagen über die Art und Weise der Herrschaft Gottes. Er regiert gerecht, sorgt für Benachteiligte, belohnt und bestraft, hat Geduld und kennt auch dessen Ende und Zorn. Die christologischen Aussagen der Gleichnisse betonen die legitime Sendung des Sohnes, seine Vollmacht und zeichnen seinen Weg als Heilsbringer durch Tod und Auferstehung vor. Das Reich Gottes wird aufs Engste mit dem Schicksal Jesu verknüpft. In diesem Sinne gilt: „Gleichnisse wollen zum Glauben, konkreter: zum Leben aus dem Glauben führen“. Und schliesslich enthalten die Gleichnisse auffallend viele Aussagen über die momentane Warte- und Endzeit (Eschatologie). Es gilt, klug zu handeln, zu warten und durchzuhalten und treu zu verwalten. Die Herrschaft Gottes wächst und wird sich durchsetzen, bis am Ende der Zeit der Herr als Weltenrichter zurückkehrt. Tatsächlich sind die Gleichnisse nun aber nicht in erster Linie Steinbruch für eine biblisch korrekte Theologie. Sie sind andererseits aber auch nicht nur ein (Sprach-)Spiel. Vielmehr wollen die Gleichnisse auch heute so gelesen und gehört werden, dass ich in meiner Existenz kräftig erfasst und durch sie „ausgelegt“ werde. Sie vermitteln nicht (nur) Wissen, sondern haben Appellcharakter. Im Zentrum verkünden die Gleichnisse die jetzt aufgerichtete Herrschaft Gottes (Reich Gottes): „Der Starke ist entwaffnet; der Arzt ist zu den Kranken gekommen; die schwere Last der Schuld wird beseitigt; das verlorene Schaf nach Hause gebracht; die Türe des Vaterhauses geöffnet“. Und dieser Anbruch des Gottesreiches hat einen Grund und ein Fundament: Weil mit dem Gleichniserzähler Jesus der Gott Israels selbst als Erlöser mitten unter die Menschen gekommen ist. Seine Lebenshingabe „an meiner Stelle“ und „für mich“ eröffnet mir den Zugang zu diesem Reich. Jeder Leser oder Zuhörer wird daher zu einer zustimmend-glaubenden oder ablehnenden Reaktion auf dieses Wort Gottes herausgefordert.
Gleichnisse sind zwar in gewissem Sinne „Rätselworte“, weil sie ihre Botschaft nicht direkt (in der erzählten Welt bekannter Realitäten), sondern indirekt transportieren. Der Hörer/Leser muss einen „metaphorischen Bedeutungstransfer“ vornehmen, um recht zu verstehen. Aber: Gleichnisse wollen nicht etwa geheimnisvoll „verhüllen“, im Gegenteil: Die Zuhörer sollen zur Zustimmung und zu einer Reaktion auf die „Pointe“ (den „springenden Punkt“) der Geschichte veranlasst werden. Gleichnisse appellieren an ihre Hörer und Leser. Sie drängen dazu, Neues zu denken und Wahrheiten zu erkennen, die nicht in erster Linie logisch-argumentarisch erkennbar sind. Wie bei einem guten Witz sollte man ein Gleichnis möglichst nicht erklären und auslegen müssen. Das Erzählen der Geschichte wirkt „in sich“, sie ergreift den Zuhörer und löst bei ihm eine Reaktion aus. Aber wie bei Witzen „funktioniert“ ein Gleichnis nur dann, wenn der Kern spontan erfasst werden kann und die Anspielungen verstanden werden. Missverstehen ist daher bei Gleichnissen aus verschiedenen Gründen leider häufig anzutreffen.
„Eine Parabel ist ein kurzer narrativer(l), fiktionaler (2) Text, der in der erzählten Welt auf die bekannte Realität (3) bezogen ist, aber durch implizite oder explizite Transfersignale zu erkennen gibt, dass die Bedeutung des Erzählten vom Wortlaut des Textes zu unterscheiden ist (4). In seiner Appellstruktur (5) fordert er einen Leser… auf, einen metaphorischen Bedeutungstransfer zu vollziehen, der durch Ko- und Kontextinformationen (6) gelenkt wird“.

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