Erwählung und Berufung durch Gott

I. Die Lehre von der Erwählung
In der vorliegenden Abhandlung wollen wir die Erwählung und Berufung durch Gott behandeln, und wie diese beiden Begriffe in Beziehung stehen zur Erlösung durch Jesus Christus.
Hinsichtlich der Definition der Erwählung stehen verschiedene Gesichtspunkte zur Debatte. Ist die Erwählung eine souveräne Tat Gottes, bei der Er einige zur Errettung erwählt hat allein auf Grund der souveränen Gnade, unabhängig von Anstrengung oder Verdienst der einzelnen Menschen? Oder: Ist diese Erwählung eine souveräne Tat Gottes, bei der Er diejenigen auswählte, von denen Er im voraus wußte, daß sie auf Seine gnädige Einladung hin antworten würden? Wie erklärt man praktisch die Erwählung?
A. Die Definition der Erwählung
Die Erwählung, die wir hier erwägen, steht in Beziehung zu dem Erlösungsaspekt. Die Heilige Schrift spricht auch von einer Erwählung einer Nation (Rom. 9, 4; 11,28), von einer Erwählung zu einem speziellen Dienst (z. B. bei Mose und Aaron, Ps. 105, 26; bei David, 1. Sam 16,12; 20, 30; bei Salomon, 1. Chron. 28, 5; bei den Aposteln, Luk. 6,13-16; Joh. 6, 70; Apg. 1, 2; 1, 24; 9,15; 22,14) und von einer Erwählung, die sich auf die nicht abgefallenen Engel bezieht (1.Tim. 5, 21). Im Hinblick auf die Erlösung bedeutet zunächst die Erwählung grundsätzlich die souveräne Tat Gottes, bei der Er aus lauter Gnade alle diejenigen in Jesus Christus zur Errettung ausgewählt hat, die er zuvor bestimmte (wobei die Bestimmung noch nicht näher definiert ist). Erwählung ist also eine souveräne Tat unseres Gottes. Er, der Herr, hat keine Verpflichtung, irgendeinen zu erwählen, weil nämlich ausnahmslos alle Menschen ihre Stellung vor Gott verloren haben. Sogar nach dem Tode Jesu Christi war Gott nicht verpflichtet, die dargebotene Errettung anzuwenden, außer daß Er Jesus Christus aus dem Tode herausreißen mußte, weil Er mit Ihm in voller Übereinstimmung war. Aber die Erwählung des Menschen ist eine souveräne Tat, weil auch kein notwendiger Zwang dahintersteht, der Gott auferlegt ist. Sie bleibt ein Akt der Gnade, indem Er solche erwählt, die total unwürdig sind für die Errettung. Der Mensch hat genau das Gegenteil verdient, aber in Seiner Gnade erwählte Gott einige zur Errettung. Er erwählte sie »in ihm«, in Christus (Eph. 1,4). Der Herr konnte sie nicht um ihrer selbst willen erwählen, weil sie alle das Gericht verdient haben. Somit erwählte Er sie wegen der Verdienste eines anderen. Weiter noch: Er erwählte diejenigen, die Er zuvor dazu bestimmt hat. – In welchem Verhältnis steht nun das Vorauswissen Gottes zu der Erwählung selbst?
An dieser Stelle bewegen wir uns auf eines der großen Geheimnisse unseres biblischen Glaubens zu. Die christliche Kirche ist über dem Verständnis dieser Lehre geteilter Meinung, insbesondere darüber, wie sich die göttliche Souveränität nun zur Verantwortung des Menschen verhält. Diese Diskrepanz ist wiederum eng verbunden mit dem Verhältnis der Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes zur Sündhaftigkeit des Menschen. Die Heilige Schrift zeigt auf, daß die Erwählung des Menschen auf dem Vorauswissen (der Allwissenheit) Gottes beruht (1. Petr. 1,1 ff.; vgl. Rom. 8, 29). Aber es wird darüber debattiert, was man eigentlich unter diesem Vorauswissen zu verstehen hat. Ist es nur ein bloßes Voraussehen bzw. eine Vorausschau, oder ist es schon enger mit einer tatsächlichen (wohlwollenden) Auswahl verbunden? Bemerkt unser Gott in Seinem Vorauswissen lediglich, was jeder Mensch in seiner Verantwortung auf den göttlichen Ruf hin tun wird, und erwählt Er ihn dann zur Errettung in Übereinstimmung mit diesem Wissen ? Oder bedeutet das Vorauswissen, daß Gott bereits von Ewigkeit her mit Wohlwollen auf bestimmte Menschen blickt und sie dann zur Errettung auswählt? Beide Auffassungen sind mit Argumenten für und wider zu belegen.
B. Die Erwählung, die lediglich auf Vorauswissen beruht
Nach dieser Auffassung sah Gott in Seiner Allwissenheit jene an, die auf Sein Angebot der Errettung eingehen würden. Diese erwählte Er dann tatsächlich zur Errettung (Das ist auch die Auffassung des Verfassers). Das bedeutet: Die Erwählung ist jene souveräne Tat Gottes in Gnaden, bei der Er in Christus alle diejenigen zur Errettung auswählt, von denen Er im voraus weiß, daß sie Ihn aufnehmen würden. Allerdings wird es nirgendwo in der Bibel direkt ausgedrückt, was nun die Gnadenwahl Gottes in Seinem Vorauswissen einschränkt. Aber die Heilige Schrift betont immer wieder, daß der Mensch für die Annahme oder Ablehnung der Errettung verantwortlich ist. Es steht also fest, daß die Reaktion des Menschen auf die Offenbarung Gottes die Grundlage zur Erwählung bildet. Die Erwählten sind somit solche, von denen Gott vorausgesehen hat, daß sie auf das Evangelium persönlich antworten.
In enger Beziehung zur Erwählung steht dann die Prädestination oder Vorherbestimmung. Das griechische Verb hierzu kommt im Neuen Testament mehrere Male vor (Apg. 4,28; Rom. 8,29 ff.; 1. Kor, 2,7; Eph. 1,5 und 11). Es trägt den Gedanken des Abgrenzens (Absteckens) in sich, aber auch den des Vorherbestimmens. Obwohl Erwählung und Prädestination in ihrer Bedeutung Ähnlichkeit haben, so sind sie doch wohl in folgender Weise zu unterscheiden: In der Erwählung hat Gott Grenzen gezogen, um solche zu erretten, die Seinen Sohn und das angebotene Heil in sich aufnehmen. Und in der Vorherbestimmung bzw. Prädestination hat Er sich entschlossen, dieses Ziel auch mit Erfolg zu erreichen. In dieser Weise schreibt Paulus: »Denn welche er zuvor ersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Ebenbilde seines Sohnes gleichgestaltet zu werden …« (Rom. 8, 29), und: »Er hat uns vorherbestimmt zur Kindschaft gegen ihn selbst, durch Jesus Christus, nach dem Wohlgefallen seines Willens …« (Eph. 1,5; vgl. auch 1,11).
1. Argumente für diese Auffassung der Erwählung
Der genannte Standpunkt kann nach mehreren Seiten hin entfaltet werden:
a) Die Heilige Schrift lehrt, daß Gottes Gnade, die die Rettung bringt, allen Menschen erschienen ist und nicht nur einigen Auserwählten (Tit. 2,11). Obwohl die ganze Menschheit in Übertretungen und Sünden hoffnungslos tot ist und nichts für ihre eigene Rettung tun kann, hat Gott in Seiner vorlaufenden Gnade allen Menschen genügend Voraussetzungen eingeräumt, eine Entscheidung zu treffen, sich Gott, ihrem Herrn, zu unterwerfen. Diese Gnade wirkt auf den Willen des Menschen ein, bevor er sich zu Gott bekehrt. Unser Gott gibt in Seiner allgemeinen Gnade den Menschen großen Segen: Lebenskraft, Gesundheit, treue Freunde, fruchtbare Zeiten, Gedeihen, Aufschub des Gerichts, das Vorhandensein der Bibel und ihren Einfluß, den Heiligen Geist und die Gemeinde. Darüberhinaus hat der Herr dem Sünder die Voraussetzungen gegeben, Seinem Gott gegenüber eine positive Stellung einzunehmen. Er hat in Seiner Gnade allen Menschen die Möglichkeit bereitet, gerettet zu werden. Es liegen also hier bei dem göttlichen Handlungsgeschehen keine Verdienste des Menschen vor. Alles stammt von Gott allein.
b) Die Heilige Schrift lehrt klar und deutlich, daß Christus für alle starb (1. Tim. 2,6; 4,10; Hebr. 2, 9; 2. Petr. 2,1; 1. Joh. 2,2; 4,14). Gott will nicht, »daß jemand verloren gehe, sondern daß jedermann Raum zur Buße habe« (2. Petr. 3, 9; vgl. Hes. 18, 32). Die Einladung zur Errettung gilt also für alle, wer auch immer es sei (Joh. 3, 15; 4,13; 11, 26; 12, 46; Apg. 2, 21; 10, 43). Es ist nicht einfach, sich eine allumfassende Einladung vorzustellen, auf die nur einige in der Lage sind, zu antworten.
c) Es gibt zahlreiche Ermahnungen, zu Gott umzukehren (Jes. 31, 6; Joel 2,13 f.; Matth. 18,3; Apg. 3,19), Buße zu tun (Matth. 3, 2; Luk. 13,3 und 5; Apg. 2, 38; 17, 30) und zu glauben (Joh 6, 29; Apg. 16, 31; 1. Joh. 3, 23). Paulus schreibt: »Denn es ist erschienen die Gnade Gottes, heilsam allen Menschen« (Tit. 2,11). Was also die Sache der Errettung anbetrifft, so läuft sie darauf hinaus, den freien Willen anzusprechen. In dieser Hinsicht kann der Mensch Gott eine erste Antwort geben. Als Folge davon kann Gott in ihm dann Buße und Glauben wirken.
Wenn der Mensch zu Gott umkehrt auf der Grundlage der vorlaufenden (allgemeinen) Gnade, dann wird sich Gott ihm zuwenden (Jer. 31, 18 ff.) und ihn zur Buße und zum Glauben führen (Rom. 12,3; 2. Petr. 1,1).
d) Nach der Heiligen Schrift beruht die Erwählung auf der Grundlage der göttlichen Vorsehung (Rom. 8, 28-30; 1. Petr. 1,1 f.). Die Begründung, daß Gott alle Dinge im voraus wußte und dann alle Dinge willkürlich festgelegt hat, beachtet nicht den Unterschied zwischen Gottes Ratschluß mit Auswirkungen (Gottes Willen) und dem Ratschluß Seiner Zulassung (Gottes Zulassung). Gott sah voraus, daß die Sünde in die Welt kommen würde, aber Er hat sie nicht in ihrer Auswirkung beschlossen. Er kann auch ganz bestimmt voraussehen, wie die Menschen handeln werden, ohne daß Er wirksam festlegt, wie sie handeln müssen. Gott weiß auch, wie der einzelne Mensch auf die Einladung des Evangeliums antworten wird, aber er erzwingt diese Antwort nicht als Tyrann.
e) In diese Auseinandersetzung muß die Gerechtigkeit Gottes einbezogen werden. Wir müssen einräumen, wie bereits oben getan, daß unser Gott nicht verpflichtet ist, die Errettung für irgendjemanden vorzusehen, weil alle für ihren gegenwärtigen verlorenen Zustand verantwortlich sind. Darüberhinaus ist Gott auch nicht gezwungen, irgendjemanden zu erretten, obwohl Christus sogar in hinreichendem Maße für die Errettung aller Menschen vorgesorgt hat. Aber ist es nicht einfach schwer zu begreifen, wie Gott einige aus der Masse der schuldigen und verdammten Menschen auswählt, ihre Rettung vorbereitet und ihr Heil wirkungsvoll sicherstellt, während Er für alle anderen nichts tut? Gott würde gewissermaßen »unparteiischer« sein, wenn Er zuließe, daß alle Menschen ihrem verdienten Verderben entgegengingen. Aber ist es nicht Parteinahme, wenn Er einige aus dieser Menschenmenge auswählt und Dinge für sie und an ihnen tut, die Er bei anderen nicht tut? Denn es gibt nichts, was sonst die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen ausmachen könnte. Die allgemeine Gnade ist auf alle Menschen ausgedehnt worden und jeder besitzt die innere Fähigkeit und ist imstande, freiwillig Gottes Willen zu tun (Joh. 7,17). Die Gnade Gottes, die die Errettung in sich birgt, ist allen Menschen erschienen. Aber einige empfangen diese Gnade vergeblich. Wenn Gott jedoch die gleichen Voraussetzungen für alle trifft und allen das gleiche Angebot macht (was Er ja getan hat), ist Er in Wahrheit gerecht.
f) Diese Auffassung von der Erwählung führt zwangsläufig zu einem intensiven missionarischen Einsatz. Jesus Christus sandte Seine Jünger in alle Welt und beauftragte sie, das Evangelium aller Kreatur zu predigen. Wenn die Erwählung bedeuten würde, daß nur alle diejenigen, die Gott willkürlich erwählte, zur Rettung bestimmt sind, und diejenigen, die Er nicht erwählte, nicht gerettet werden, warum sollten sich dann Christen allzusehr damit befassen, das Evangelium aller Kreatur zu predigen? Doch die Erkenntnis, daß das Heil allen Menschen zur Verfügung steht, bewirkt die missionarische Tätigkeit und regt sie an.
2. Einwendungen gegen diese Auffassung von der Erwählung
Gegen dieses Verständnis der Erwählung sind gewisse Einwendungen vorgebracht worden. Diese müssen wir jetzt auch ansprechen.
a) Es gibt Aussagen in der Schrift, daß der Vater dem Christus gewisse Menschen übergeben hat (Joh. 6, 37; 17, 2; 6, 9). Man könnte daraus folgern, so etwas sei eine willkürliche Handlung Gottes gewesen, durch welche die übrigen dem Verderben überlassen blieben. Aber ist es nicht doch höchstwahrscheinlich so, daß Gott das tat, weil Er einfach voraussah, was die restlichen Menschen tun würden? Er wollte bestimmt nicht nur Seine souveräne Macht willkürlich ausüben.
b) Christus sagt: »Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat« (Joh. 6,44). –
Dieser Vers muß jedoch im Licht einer weiteren Aussage des Herrn gesehen werden: »Und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen« (Joh. 12, 32). Demnach geht eine Kraft vom Kreuz Christi aus, die alle Menschen erreichen will, obwohl viele dieser Kraft permanent Widerstand leisten.
c) Paulus schreibt, daß Gott in uns beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen zu seinem Wohlgefallen (Phil. 2, 14). Es wird hier allgemein angenommen, daß ein Sünder gar nichts tun kann, bis Gott beides an ihm tut. Aber dieses Wort ist nicht an Ungläubige gerichtet, sondern an Gläubige. Jesus sagt ja andererseits zu einigen Juden: »Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu empfangen« (Joh. 5,40). Damit drückt Er klar aus, daß sie könnten, wenn sie nur wollten.
d) In Röm. 9,10-16 sagt Gott, daß Er Jakob vor Esau ausgewählt hat, sogar bevor beide geboren waren und bevor sie Gutes oder Böses getan hatten. – Aber hierbei sollten zwei Dinge beachtet werden. Obwohl gesagt wird, daß sie noch nichts Gutes oder Böses getan hatten, heißt es keineswegs, daß Gott nicht etwa wußte, wer das Gute und wer das Böse tun würde. Esau erwählte von sich aus beharrlich die weltlichen Dinge des Lebens, und Jakob, obwohl weit entfernt, fest in Gott zu ruhen, erwählte in erster Linie geistliche Dinge. Darüberhinaus handelte es sich hier bei der Auswahl Jakobs vor Esau zunächst um eine Wahl äußerer und nationaler Privilegien und nicht direkt um eine Auswahl zum ewigen Heil (wiewohl jene ein Modell ist für das Heil). Die Heilige Schrift stellt fest, daß nicht alle Nachkommen Israels (Jakobs) Israeliten sind, und nicht alle Kinder Abrahams Kinder der Verheißung. Ein Nachkomme Esaus (aus den Arabern) kann andererseits heute noch genau so wie ein Nachkomme Jakobs gerettet werden.
e) In Apg. 13,48 lesen wir: »Und es wurden gläubig, soviele ihrer zum ewigen Leben verordnet waren«. Daß dieses Wort nicht auf einen letzten absoluten Ratschluß Gottes hinweisen kann, ist durch die Tatsache offenkundig, daß Paulus schon in Vers 46 erklärt, daß die Juden durch ihre eigene persönliche Entscheidung die Botschaft verworfen haben. So hat Gott für solche die Errettung bestimmt, von denen Er voraussah, daß sie glauben würden. Der Ausdruck »verordnet sein« könnte im Griechischen auch als Medialform (weder aktive noch passive Form, sondern rückbezüglich) aufgefaßt werden. Dann würde dieser Satz bedeuten: »… so viele, die sich zum ewigen Leben verordneten (besser: auf das ewige Leben einrichteten), wurden gläubig«.
f) Auch in Eph. 1,5-8; 2, 8-10 stellt sich anscheinend die Errettung (das Heil) so dar, als sei sie nur im Ratschluß Gottes entstanden und ganz willkürlich von der Gnade abhängig. Jedoch widersprechen diese Verse nicht der Anschauung, die wir bisher darlegten. Gott muß in jedem Fall die Initiative ergreifen, und Er tut es in der vorlaufenden Gnade (Eph. 1,4). Wenn Seine Gnade nicht an dem Herzen des Sünders wirken würde, so könnte niemand gerettet werden. Aber diese vorlaufende Gnade allein rettet den Menschen nicht, sondern sie ermöglicht ihm nun, sich für den zu entscheiden, dem er dienen will (hier wirkt Gottes Selbstbeschränkung).
g) Die Heilige Schrift lehrt, daß Buße und Glauben Gaben Gottes sind (Apg. 5,31; 11,18; Rom. 12, 3; Eph. 2, 8-10; 2. Tim. 2, 25). Doch es würde sehr befremden, wenn unser Gott den Ruf ertönen ließe, daß jeder Buße tun (Apg. 17, 30; 2. Petr. 3,9) und glauben soll (Mark. 1,14), dann aber nur einigen die »Gaben« der Buße und des Glaubens zuteilen würde.
h) Schließlich behaupten einige, Gottes Plan werde unsicher und sei einem Fehlschlag unterworfen, wenn die Prädestination nicht bedingungslos und absolut sei. Aber dieses würde nur stimmen, wenn Gott nicht den Ausgang vorausgewußt hätte und das Ende nicht als Seine Planung anerkennen würde. Gott hat alles vorausgesehen, was sich ereignet, und hat die Eventualitäten in Sein Programm aufgenommen. Sein Plan ist abgesichert, obwohl nicht alle Vorfälle in ihm aus Notwendigkeiten und Zwängen bestehen.
C) Erwählung aufgrund von (wohlwollender) Auslese
Die zweite Auffassung von der Erwählung (die schon teilweise in den Einwendungen unter B 2 indirekt angesprochen wurde) ist als ein Vorauswissen Gottes zu verstehen, welches in Wirklichkeit mit Wohlwollen auf einige Menschen herabsieht und diese demgemäß unmittelbar zur Errettung auswählt. Erwählung ist somit eine souveräne Handlung Gottes, wobei Er aus der sündigen Menschheit gewisse Menschen aussucht, die die besondere rettende Gnade empfangen. Diese Auslese ist allein in Sein hoheitliches Belieben gestellt. Sie erfolgt nicht wegen irgendwelcher vorausgegangener Verdienste dieser Erwählten.
Nach dieser Auffassung ist das Vorauswissen also nicht nur ein weises Vorausschauen, sondern hängt mehr mit einer aktiven Auslese zusammen. Das Vorauswissen ist demnach für Gott schon ein Auswählen und beinhaltet eine Auslese. Abgesehen davon, enthält der Ausdruck »wissen« (oder »kennen«) mit seinen sinnverwandten Wörtern oftmals den Gedanken eines »vertrauten Kennens«, eines »Wissens mit Verständnis« bzw. eines »liebevollen Wissens«. Beispiele hierfür sind im Alten wie im Neuen Testament zu finden. Gott erklärt z. B.: »Nur euch habe ich ersehen von allen Geschlechtern der Erde« (Am. 3,2). Keil ist davon überzeugt, daß hier in diesem Vers für »ersehen« ein Ausdruck der »Anerkennung« (acknow-ledge) gebraucht sei. Er schreibt: »Anerkennung von Gottes Seite her bedeutet nicht nur ein Notiznehmen, sondern ist effektiv gemeint, indem der Mensch in seinem innersten Sein betroffen wird, umgeben und durchdrungen von göttlicher Liebe.« Er fährt dann fort und sagt, daß dieses Wort »nicht nur den Gedanken der Liebe und der Sorgfalt« beinhaltet, wie es in Hes. 8, 5 gemeint ist, sondern daß es ganz allgemein die gütige Gemeinschaft des Herrn mit Israel wiedergibt, wie sie in 1. Mose 18, 19 aufgezeichnet ist. Dieses Wort »Anerkennung« ist hier also praktisch dem Wort »Erwählung« gleichgestellt und schließt das Motiv und das Ergebnis dieser Erwählung mit ein.» Die Söhne Elis z. B. kannten nicht den Herrn und die priesterlichen Gepflogenheiten mit dem Volk (1. Sam. 2,12 ff.). Dieses bedeutet sicherlich nicht, daß sie von Gott und den Regeln der Leviten keine Ahnung hatten. Vielmehr erkannten sie Gott nicht an, hatten nicht die gebührende Ehrfurcht vor Ihm und würdigten Ihn nicht.
Das Verb »kennen« (auch »wissen«) wird in ähnlicher Weise im Neuen Testament angewandt. Paulus schreibt von unserer Verpflichtung, unsere geistlichen Vorsteher anzuerkennen (LThess. 5, 12. Eig. »wissen«, »erkennen«). Johannes schreibt: Daran erkennen wir, daß wir ihn erkannt haben, wenn wir seine Gebote halten« (1. Joh. 2,3). Natürlich bedeutet das mehr, als nur über Gott unterrichtet zu sein. Es handelt sich hier vielmehr um eine Gemeinschaft der Liebe mit Gott und um Seine Anerkennung. Wenn wir nun diese Bedeutung im Sinne haben, können wir dann Gottes Vorauswissen nicht auch so auslegen, als wenn Er von Ewigkeit her mit besonderem Wohlwollen auf einige herabschaut, um diese dann zur Errettung auszuwählen? Das (wohlwollende) Vorauswissen geht dann der Erwählung voraus. Beide Maßnahmen sind dann entscheidende Tätigkeiten Gottes. Das (wohlwollende, liebende) Vorauswissen Gottes gegenüber Einzelnen ist dabei nicht nur ein bloßes Wissen, sondern eben ein aktives Handeln.
1. Argumente zugunsten dieser Auffassung von der Erwählung
Die letzte Ursache für die Erwählung liegt immer außerhalb des menschlichen Fassungsvermögens. Unser Verständnis über Gottes Ratschluß hört hier letztlich auf. Er, der Herr, ist weise, allgewaltig und liebt uns. Wir selbst müssen uns zufrieden geben mit dem Wort aus 5. Mose 29, 29: »Die Geheimnisse (verborgene Dinge) sind des Herrn, unseres Gottes, die geoffenbarten Dinge aber sind für uns und unsere Kinder bestimmt ewiglich, damit wir alle Worte dieses Gesetzes tun.« Es gibt jedoch verschiedene Argumente oder Beweise, die diese Lehre (von der wohlwollenden Erwählung durch Auslese) unterstützen.
a) Es gibt, nach dieser Auffassung von der Erwählung auch biblische Aussagen. In Apg. 13, 48 lesen wir z. B.»… es wurden gläubig, soviele ihrer zum ewigen Leben verordnet waren« (vgl. auch Römer 8, 27-30; Gal. 4, 9; Eph. 1, 4-5 und 11; 1.Thess. 1,4; 1. Petr. 1,1 f.; 2,9).
b) Der ganze Ablauf der Errettung ist ein Geschenk Gottes (Rom. 12, 3; Eph. 2, 8-10). Zugegeben, der Mensch muß auf das Evangelium antworten. Aber ist nicht sogar die Fähigkeit zu antworten schon eine Gabe Gottes ? Den Philippern schrieb Paulus: »Denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt nach seinem Wohlgefallen« (Phil. 2,13).
c) Die Heilige Schrift enthält Verse, die von Menschen sprechen, die Christus gegeben worden sind (Joh. 6,37; 17, 2), und die der Vater zu Christus hin zieht (Joh. 6,44).
d) Wir haben auch Beispiele in der Heiligen Schrift über den souveränen Ruf Gottes an einzelne Menschen, so wie an Paulus (Gal. 1,15) und Jeremia (Jer. 1,5; vgl. Ps. 139,13-16).
e) Die Aufforderung, ein göttliches Leben zu führen, beruht ebenfalls auf der Grundlage der Erwählung (Kol. 3,12; 2. Thess. 2,13; 1. Petr. 2,9).
f) Erwählung wird immer so beschrieben, daß sie von Ewigkeit her erfolgt ist. Gott ist es, »der uns errettet und damit mit einem heiligen Ruf berufen hat, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem eigenen Vorsatz und der Gnade, die uns in Jesus Christus vor ewigen Zeiten gegeben …«ist (2. Tim. 1,9; vgl. auch Eph. 1,4). Zwei Punkte sind noch hinzuzufügen, die aus der menschlichen Erfahrung stammen: Die Jünger Jesu danken überall Gott für ihre Errettung, niemals sich selbst. Und weiter: Warum beten wir zu Gott für die Errettung anderer, wenn wir von Ihm nicht erwarten, daß Er entsprechend Seiner Liebe souverän handelt und dem Evangelium entspricht? Somit erkennen die Christen überall Gottes Hoheit im Werk der Errettung an und bekennen sich dazu, indem sie für die Errettung anderer Fürbitte einlegen und danken. In allen diesen Dingen geben wir zu, daß in Gottes souveränem Wirken am freien Willen des Menschen ein göttliches Geheimnis liegt.
2. Einwendungen gegen diese Auffassung von der Erwählung
Verschiedene Einwürfe mag man gegen diese geschilderte Lehrauffassung von der Erwählung machen.
a) Sie macht das Vorauserkennen bestimmter Menschen und die Erwählung praktisch zum gleichen Vorgang. Man argumentiert aber (wie unter B) dagegen, daß die Vorsehung Gottes doch nur ein Wissen im Voraus ist. Gott sah (in Seiner Allwissenheit) voraus, daß die Sünde in die Welt kommen würde, aber sie wurde für Ihn nicht zum Zwang (sie war nicht notwendig). Er ließ sie zu. In gleicher Weise, so wird gefolgert, sah Gott voraus, wie der Mensch reagieren würde, wenn er dem Anspruch Christi begegnet. Dann wählte der Herr jene aus, von denen Er voraussah, daß sie mit Entgegenkommen antworten würden. –
Es wurde jedoch (unter C) dargelegt, daß für Gott das Kennen eines Einzelnen in der Regel mehr bedeutet, als gerade nur Kenntnis von einer Person zu haben. Vielmehr heißt es, daß Er eine persönliche Beziehung zu den Menschen hat. Somit ist das Vorauskennen etwas Aktives und nicht Passives. Hinzu kommt, daß die Lehre von der freien Erwählung die Herrschaft Gottes gewissermaßen bewahrt und sichert. Er, der Herr, kann zur Errettung bestimmen, wen Er will. Lukas berichtet, wie bereits erwähnt, über die Reaktion des Evangeliums zu Antiochien in Pisidien: »… und es wurden gläubig, wieviele ihrer zum ewigen Leben verordnet waren« (Apg. 13,48).
b) Es wird (gegen C) weiterhin ins Feld geführt, daß, wenn die Erwählung vorher durch Gott begrenzt ist, dann auch gleichermaßen das Sühnopfer Jesu begrenzt ist. – Dieses jedoch widerspricht vielen Schriftstellen, die eine unbegrenzte Versöhnung verkünden (Joh. 1, 29; 3, 16; 1.Tim. 2, 6; Hebr. 2, 9; 1. Joh. 2, 2). Der Mensch bleibt verantwortlich, wenn er das Sühneopfer verwirft. Die Versöhnung steht allen zur Verfügung. Der Mensch wendet sich also willentlich von der Versöhnung ab. Daß einige Menschen sie verwerfen, schränkt die Wirkung der Versöhnung wohl ein, nicht aber ihre Verfügbarkeit. Ein Beispiel hierfür ist z. B. in denen gegeben, die unseren Herrn kreuzigten. Es war von Gott bestimmt, daß Christus gekreuzigt werden sollte, aber die Menschen, die das tatsächlich ausführten, tragen die Verantwortung dafür (Apg. 2, 23; 4, 27 f.). Jesus sagte: »Denn es ist zwar notwendig, daß Ärgernisse kommen, aber wehe dem Menschen, durch welchen das Ärgernis kommt!« (Matth. 18, 7). Ryrie gibt den Rat: »Die Einhaltung des Gleichgewichts ist konsequent erforderlich, wenn man diese Lehre (von der Erwählung) betrachten will. Während man die Wirklichkeit der Verantwortung nicht aus dem Auge läßt, darf diese Verantwortung die volle Bedeutung der freien Gnade Gottes nicht verdunkeln. Die Gnade hat mit dem Ursprung zu tun, die Verantwortung mit der Reaktion. Gott stellte Seinen Plan der Errettung auf und gründete ihn vollständig auf die Gnade, denn der sündige Mensch konnte Gottes Gunst nicht verdienen. Doch der Mensch ist vollständig verantwortlich für die Annahme oder Ablehnung von Gottes Gnade.«
Die Errettung ist somit für alle Menschen verfügbar. Sie ist unbegrenzt. Aber sie ist durch die Ablehnung des Menschen in ihrer Wirkung begrenzt.
c) Bei der (souveränen) Erwählung ist Gott für die Verurteilung der anderen verantwortlich. Warum Gott einige Menschen nicht »zur Errettung auserwählt«, ist ein tiefes Geheimnis. Aber wir wollen uns nochmals daran erinnern, daß die Erwählung nichts mit irgendwelchen unschuldigen Wesen zu tun hat, sondern nur mit sündigen, vor Gott schuldigen, schändlichen und bereits verurteilten Wesen. Daß überhaupt irgend einer gerettet werden soll, ist schon eine Angelegenheit der reinen Gnade (Eph. 2, 8). Diejenigen, die irgend nicht in die Erwählung einbezogen sind, erhalten lediglich ihren verdienten Lohn. Wir sollten Gott eher dafür preisen, daß Er überhaupt jemanden errettet, als Ihn zur Verantwortung zu ziehen, daß er angeblich unfair oder ungerecht sei, weil Er nur einige wenige Menschen errettet. Gott hat aber keinen Gefallen am Tode des Gottlosen (Hes. 33,11). Er will nicht, daß irgendeiner verloren gehen soll (2. Petr. 3, 9). Sondern der Frevel des Menschen hat diesem die Trennung von Gott eingebracht (Jes. 59,2). Der Beschluß der Verurteilung, wenn überhaupt im Zusammenhang mit der Erwählung von einem solchen gesprochen werden kann, ist lediglich ein Beschluß, nichts zu tun, eine Entschließung, den Sündersich selbst und seiner eigenen Hartherzigkeit und Selbstzerstörung zu überlassen. Es ist falsch und unbiblisch, zu sagen, daß Gott einige zur Verdammnis erwählt habe. Wenn Petrus schreibt: »Sie stoßen sich, weil sie dem Wort nicht glauben, wozu sie auch gesetzt sind«. (1. Petr. 2, 8), so lehrt er nicht, daß sie zum Ungehorsam bestimmt waren, sondern zum Straucheln (zum Anstoßen), weil sie ungehorsam waren. In gleicher Weise kommt Paulus zu dem Schluß: »So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will« (Rom. 9.18). Dieser Satz muß ebenfalls richtig verstanden werden. Gott überläßt den Menschen dessen eigenem Zerstörungsvorgang und seiner Selbstverhärtung. In diesem Sinne verhärtet Erdas Herz des Menschen.
d) Ein weiterer Einwand: Die Erwählung hält von der Evangelisation ab. Man stellt sich die Frage: Wenn nur der Auserwählte gerettet wird, warum dann eigentlich noch Evangelisation? Solche, die zur Errettung auserwählt sind, werden eben errettet. Solche, die es nicht sind, werden nicht errettet. Warum also evangelisieren? Hier sollten aber verschiedene Dinge beachtet werden.
(1) Das letzte Gebot Jesu Christi auf Erden war, der Welt das Evangelium zu überbringen (Apg. 1,8). Dieses Gebot ist unser Auftrag. Gott hat sich zur Evangelisation entschlossen als einer Methode, durch welche Seine Erwählung ihre Erfüllung findet (Apg. 14,48; 18,10).
(2) Die Evangelisation (und das persönliche Zeugnis) gibt dem Christen Ansporn, seinen Glauben mitzuteilen. Paulus schreibt: »Darum erdulde ich alles um der Auserwählten willen, damit auch sie das Heil erlangen, das in Jesus Christus ist, mit ewiger Herrlichkeit« (2. Tim. 2,10).
(3) Das Kind Gottes, das die überschwengliche Liebe Gottes gegen sich zu begreifen beginnt, weil der Herr es zur Errettung auserwählt hat, erhält einen neuen Auftrieb, andere an dieser einmaligen Wahrheit der Errettung teilhaben zu lassen. Paulus erklärt: »Die Liebe Christi dringet uns« (2. Kor. 5, 14), und er fährt einige Verse danach fort: »So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, und zwar so, daß Gott selbst durch uns ermahnt; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott« (2. Kor. 5,20).
e) Ein weiteres Gegenargument: Diese Lehre (von der willkürlichen Erwählung) malt uns Gott als parteiisch und eigenmächtig vor Augen. Oberflächlich gesehen, kann man vielleicht diesen Einwand als nicht stichhaltig ansehen. Aber zwei Gesichtspunkte müssen dabei beachtet werden:
(1) Die Erwählung hat nichts mit Parteilichkeit zu tun, weil ja nichts im Menschen vorhanden ist, was ihn unserem Gott empfehlen könnte.
(2) Wenn wir bei der Erwählung von Willkür sprechen, so klagen wir indirekt Gott an, daß Er keine Weisheit, Freiheit und Liebe besitzen würde.
f) Schließlich bringt man den Einwand, diese Art der Erwählung flöße dem Erwählten nur Hochmut ein. In Wirklichkeit ist es aber nicht so. Menschliche Werke und Anstrengungen bringen Hochmut zustande (Luk. 18,11 f.; Röm. 4,2; Eph. 2,9). Die souveräne Gnade Gottes verursacht immer Anbetung.
Welche der beiden Auffassungen von der Erwählung (die Erwählung nach bloßer Voraussicht oder diejenige nach wohlwollender Absicht) uns auch immer geeigneter und biblischer erscheinen möge, unsere Antwort sollte die des Apostels sein: »Oh, welch eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!« (Rom 11,33). Wir schließen mit Paulus: »Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen« (Rom. 11,36; vgl. Jes. 55,8 f.).
II. Die Lehre von der Berufung
Die Lehre von der Berufung ist diejenige vom Anruf Gottes. Die Gnade unseres Gottes wird nicht nur groß gemacht in der Vorsehung der Errettung, sondern auch im Angebot der Errettung an die, die es nicht verdient haben. Wir wollen Gottes Ruf als den Gnadenakt bezeichnen, durch welchen Er, der Herr, Menschen einlädt, im Glauben die Errettung zu erfassen, die durch Christus dazu vorgesehen sind (Die Berufung zu einem speziellen Dienst ist eine andere Sache.)
A. Die Menschen, die gerufen sind
Die Heilige Schrift stellt fest, daß, wie bereits erwähnt, die Errettung allen Menschen angeboten ist. Sie ist denen speziell angeboten, die »vorherbestimmt« sind (Rom. 8, 30), dann »allen, die mühselig und beladen« sind (Matth. 11, 28), »wer auch immer an ihn glaubt« (Joh. 3,16; vgl., 3,15; 4,14; 11,26; Offb. 27,17). Ferner ist sie angeboten »aller Welt Enden« (Jes. 45, 22; vgl. Hes. 33,11; Matth. 28,19; Mark. 16,15; Joh. 12,32; 1. Tim. 2,4; 2. Petr. 3,9) und »so vielen von euch, wie sie finden« (Matth. 22,9).
An dieser Stelle tauchen zwei Fragen auf.
1. Wenn einige auserwählt sind und andere nicht, ist dann der Ruf Gottes an alle überhaupt ernst gemeint? Wenn aber der Ruf Gottes an alle eine ernste Sache ist, ist er dann mit der Lehre vereinbar, daß der Sünder von seinem Wesen her unfähig ist, zu gehorchen? Es ist daran zu erinnern, daß die Unfähigkeit eine moralische und keine physische ist. Diese Unfähigkeit des Menschen ist auf seinen eigenen, mit Sünden beladenen Willen zurückzuführen, für den der Mensch selbst voll verantwortlich ist. Eine weitere Zusatzfrage sei gestellt: Wie ist dieser Ruf mit der Erwählung vereinbar? Jedoch bleibt (mit dieser Frage) die Schwierigkeit die gleiche, ob wir nun von Gottes Zulassung sprechen, wenn Menschen den Ruf Gottes verachten, oder ob wir von Gottes Vorauswissen sprechen, daß einige diesen Ruf verachten würden.
2. Die zweite Frage betrifft die Wirkung des Rufs. Ist der Ruf unwiderstehlich? Diese Formulierung kann uns von Gott einen falschen Eindruck vermitteln, als wenn Er von außen her einen Druck auf die Seele des Menschen ausüben würde. Natürlich erkennen wir an, daß Gott im Menschen wirkt, damit dieser Seinen Willen tut (Phil. 2,14). Gott ist fähig, unumschränkt an den Herzen von Menschen zu arbeiten, um sie zu veranlassen, persönlich mit ihrem eigenen Willensentschluß dem Ruf Gottes zu ihrer Rettung zu antworten. Wie nun die Souveränität und der freie Wille des Menschen, die beide zusammengehören, sich zu dem Ruf Gottes verhalten, wird in einmaliger Weise von Johannes aufgezeigt: »Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wieviele ihn aber aufnahmen, denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht von dem Blut, noch von dem Willen des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes abstammen, sondern von Gott« (Joh. 1,11-13).
B. Die Absicht des Rufs
Kurz gesagt, Gott beruft nicht Menschen zur Erneuerung des Lebens, zu guten Werken, zur Taufe, zu Gemeindeangelegenheiten usw. Dieses alles sind rechte Dinge, die in sich gültig sind. Aber es sind tatsächlich nur Früchte von dem, wozu Gott Menschen ruft. Das Eigentliche, zu was Er Menschen ruft, ist die Buße (Matth. 3, 2; 4,17; Mark. 1,14 f.; Apg. 2, 38; 17,30; 2. Petr. 3,9) und der Glaube (Mark. 1, 15; Joh. 6,29; 20,30 f.; Apg. 16,31; 19,4; Rom. 10,9; 1. Joh. 3,23).
C. Die Mittel für den Ruf
Gott gebraucht verschiedene Mittel und Wege, durch die Er Menschen ruft bzw. beruft.
1. Er ruft Menschen durch das Wort Gottes, die Bibel (Rom. 10, 16 f.; LThess. 2, 13; 2. Thess. 2,14).
2.Er ruft auch Menschen durch Seinen Geist (Joh. 16,8; Hebr.3,7f.; vgl. 1. Mose 6, 3). Der Heilige Geist treibt den Sünder, zu Jesus zu kommen und Ihn anzunehmen.
3.Gott gebraucht Seine Knechte, andere Menschen zu rufen (2. Chron. 36, 15; Jer. 25, 4; Matth. 22, 2-9; Rom. 10,14 f.). Jona ist ein treffendes Beispiel, wie Gott menschliche Boten gebraucht, um eine ganze Stadt zur Buße zu führen. Das Wort Gottes muß durch wiedergeborene Menschen den Unerlösten gebracht werden. Diese können die Macht des Wortes und des Geistes durch ihr eigenes Leben bezeugen (LThess. 1,5).
4. Gott ruft Menschen, indem Er mit und an ihnen schicksalhaft handelt. Mit seiner Güte z. B. beabsichtigt Er, Menschen zur Buße zu bringen (Jer. 31, 3; Rom. 2, 4). Aber, wenn das nicht hilft, muß Er mit Seinen Gerichten nachhelfen (Ps. 107,6 und 13; Jes. 26,9).
So hat unser Gott viele Weisen, uns zu sich zu führen. Wohl uns, wenn wir Seinem Ruf folgen!
Aus »Lectures in Systematic Theology« von Henry C. Thiessen (William B. Eerdmans Publishing Company, Grand Rapids, Michigan), Seite 257-267, mit freundlicher Genehmigung des Verlags übersetzt von H. Passarge.
Bibel und Gemeinde 4/85

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