Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn nicht mehr heben kann?

„Was meinen wir, wenn wir sagen, dass Gott allmächtig ist? Auf den ersten Blick scheint das keine sehr aufregende Frage zu sein. Die Bedeutung des Wortes allmächtig ist in der Alltagssprache ziemlich offensichtlich. Es bedeutet „fähig, alles zu tun“. Und da wir glauben, dass Gott in der Tat allmächtig ist, sagen wir schlicht, dass Gott alles tun kann. Damit scheint die Diskussion über dieses Thema auch am Ende. Was gibt es noch mehr zu sagen?
Allerdings ist eine der Aufgaben der Theologie, uns herauszufordern, Sprache kritisch zu benutzen – und uns darüber nachdenken zu lassen, was wir wirklich meinen, wenn wir über Gott sprechen. Ist es wirklich ganz so einfach? Wird vielleicht das Wort allmächtig, wenn es auf Gott angewandt wird, ein wenig anders benutzt, als wenn es auf einen Menschen angewandt wird? Um das zu untersuchen, betrachten wir eine einfache Aussage wie Folgende:
„Zu sagen, dass Gott allmächtig ist, meint, dass Gott alles tun kann.“
[Denken wir kurz über die Aussage nach…] Ist sie richtig? Welche Fragen wirft der Satz auf? Zunächst scheint die Aussage eindeutig. Dennoch ergeben sich sofort einige Schwierigkeiten. Man stelle sich folgende Frage: „Kann Gott ein Dreieck mit vier Seiten Zeichnen?“ Man muss nicht lange darüber nachdenken, um zu erkennen, dass diese Frage verneint werden muss. Dreiecke haben drei Seiten; etwas mit vier Seiten zu zeichnen, heißt, dass man ein Viereck zeichnet, kein Dreieck.
Wenden wir uns einer anderen Frage zu.
„Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn nicht mehr heben kann?“
Das ist ein nettes Gedankenspiel: Wenn Gott einen solchen Stein nicht erschaffen kann, dann gibt es etwas, das Gott nicht kann. Wenn er einen solchen Stein erschaffen kann, dann kann er ihn nicht heben – und damit ergibt sich etwas anderes, das Gott nicht kann. Wie auch immer die Frage beantwortet wird, Gottes Fähigkeit, alles zu tun, wird infrage gestellt. Mit anderen Worten: Gottes Allmacht ist in jedem Fall infrage gestellt.
Bei weiterem Nachdenken ist es jedoch keineswegs eindeutig, ob diese Frage überhaupt ein Problem für das christliche Verständnis Gottes darstellt. Vierseitige Dreiecke existieren nicht und können nicht existieren. Die Tatsache, dass Gott kein derartiges Dreieck erschaffen kann, ist kein ernsthaftes Thema. Es zwingt uns lediglich dazu, unsere schlichte Eingangsaussage etwas komplizierter Formuliert zu wiederholen: „Zu sagen, dass Gott allmächtig ist, meint, dass Gott alles tun kann, das nicht einen logischen Widerspruch beinhaltet.“ Oder wir können Thomas von Aquin folgen, der bemerkte, dass es nicht an Gott liegt, der solche Dinge nicht kann, sondern an den Dingen, die schlichtweg nicht getan werden können.
Dennoch geht es in der Theologie um weit mehr als um solche logischen Rätselaufgaben. Das wahre Thema betrifft das Wesen Gottes selbst. Wir können uns diesem wichtigen Thema nähern, indem wir eine beliebte Frage mittelalterlicher Philosophen stellen:
„Kann Gott jemanden, der ihn liebt, zwingen, ihn zu hassen?“
Fortsetzung folgt.
Quelle: McGrath, Alister: Theologie. Was man wissen muss, Gießen 2010, 69-73.

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