Das höchste Warum

»Wie Sie wissen, hatte ich Glück mit meiner Karriere und ich habe viel Geld verdient – viel mehr, als ich mir jemals erträumt hätte; viel mehr, als ich jemals ausgeben kann; viel mehr, als für den Familienunterhalt notwendig wäre.« Diese Worte sagte ein bekannter Geschäftsmann bei einer Tagung. Seine Entschlusskraft und sein Charakter waren an seinem Gesicht abzulesen, aber ein winziges Zögern verriet, dass hinter dieser äußeren Stärke tiefere Gefühle verborgen waren. Eine einzelne Träne rollte langsam seine sonnengebräunte Wange herunter. »Ich will ehrlich zu Ihnen sein. Einer meiner Beweggründe, so viel Geld zu verdienen, war ganz einfach – ich wollte genügend Geld haben, die Leute für Arbeiten anstellen zu können, die ich nicht selbst tun wollte. Aber da ist eine Sache, für die ich niemals jemanden einstellen konnte: meinen eigenen Sinn des Lebens und seine Erfüllung zu finden. Ich würde alles dafür geben, das herauszufinden.«
An irgendeinem Punkt in unserem Leben wird ein jeder von uns mit der Frage konfrontiert: Wie finde ich den zentralen Sinn meines Lebens und wie kann ich ihn erfüllen? Andere Fragen stehen logischerweise davor und manche sind noch tiefer als diese – wie zum Beispiel: Wer bin ich? Was ist der Sinn des Lebens? Aber wenige Fragen werden heutzutage lauter und eindringlicher als diese eine Frage formuliert. Als moderne Menschen sind wir alle auf der Suche nach dem Sinn unseres Lebens. Wir wollen uns von den anderen abheben. Wir sehnen uns danach, der Welt etwas zu hinterlassen.
Es verlangt uns, wie Ralph Waldo Emerson es einmal formulierte, »die Welt, ein bisschen besser zu hinterlassen«. Es ist unser Bestreben zu wissen, dass wir den Zweck erfüllen, zu dem wir hier auf der Erde sind. Alle anderen Maßstäbe des Erfolgs – Reichtum, Macht, gesellschaftliche Stellung, Wissen, Freundschaften usw. – werden leer und hohl, wenn wir nicht diese tiefere Sehnsucht befriedigen können. Ohne eine fest umrissene Vorstellung davon, wofür der Mensch lebt, wird er das Leben nicht annehmen und wird sich eher zugrunde richten als am Leben zu bleiben …«
Für Teenager besteht der Sinn des Lebens in der Welt der Freiheit außerhalb ihres Zuhauses, und die weiterführende Schule wartet mit einer verwirrenden Vielfalt an Möglichkeiten für sie auf. Als Student wird man aber – wenn sich die erste Aufregung über »dass mir die Welt zu Füßen liegt« wieder gelegt hat – mit der Tatsache konfrontiert, dass das Wahrnehmen einer Möglichkeit zugleich immer bedeutet, dass sich andere Türen vor einem schließen. Den Menschen Anfang 30 stellt sich z. B. schon das Problem, dass sich ihre tagtägliche Arbeit zu ihrer eigenen harten Realität entwickelt, die nicht mehr viel mit den Wünschen der Eltern, den Moden ihrer Altersgenossen, den Verlockungen eines guten Gehalts oder der Aussicht auf Karriere zu tun hat. Menschen um die 50 haben dann damit zu kämpfen, dass sie durch eine Diskrepanz zwischen ihren Gaben und ihrer täglichen Arbeit schmerzhaft daran erinnert werden, dass sie einfach am »falschen Platz« sind. Können sie sich vorstellen, dass sie »das für den Rest ihres Lebens tun sollen?«
Die Frage nach dem Sinn des Lebens begegnet uns bei allen möglichen Veränderungen in unserem Leben – sei es ein Umzug oder ein Stellenwechsel, eine schwere Ehekrise oder gesundheitliche Probleme. Die Veränderungen abzuwägen und auszuhandeln scheint viel langwieriger und schwieriger für uns zu sein als die Veränderung selbst, weil jeder Wechsel den Sinn unseres Lebens erneut in Frage stellt. Auch als älterer Mensch begegnet man dieser Frage oft noch einmal. Wozu hat mein Leben beigetragen? Waren meine Erfolge echt und waren sie den Einsatz wert? Walker Percy formulierte es einmal so: »Man kann alles gewinnen und trotzdem am Leben vorbei leben.«
Für jeden von uns ist das wirkliche Ziel ganz persönlich und leidenschaftlich: zu wissen, was wir hier tun sollen, und warum. Kierkegaard schrieb in sein Tagebuch: »Es geht im Wesentlichen darum, dass ich mich selbst verstehe, dass ich sehe, was Gott wirklich will, dass ich tue; es geht darum, eine Wahrheit zu finden, die für mich gilt, die Vorstellung zu finden, für die ich leben und sterben kann.«
Auch in unserer heutigen Zeit ist diese Frage vordringlich in den hochentwickelten Teilen der Welt ganz aktuell, und es gibt einen ganz einfachen Grund hierfür. Drei verschiedene Faktoren sind nämlich zusammengekommen, um eine Suche nach Bedeutung anzufachen, wie es sie in der Menschheitsgeschichte noch nie zuvor gegeben hatte. Zunächst ist die Suche nach dem Lebensziel eines der tiefgreifendsten Themen unserer Erfahrungen als Menschen an sich. Zweitens wurde die Erwartung, dass wir alle ein sinnvolles und zielorientiertes Leben führen können, durch die Angebotsvielfalt der modernen Gesellschaft, die uns ein Maximum an Möglichkeiten zur Verfügung stellt, in allem, was wir tun, die optimalen Wahlmöglichkeiten und stete Abwechslung zu haben, erheblich gesteigert. Drittens wird die Erfüllung der Suche nach dem Sinn des Lebens durch eine verblüffende Tatsache vereitelt: Im Vergleich zu den großen Zivilisationen in der Menschheitsgeschichte ist unsere moderne westliche Zivilisation die allererste, die keine verbindliche Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens hat. Darum ist dieses Thema heutzutage mehr als je zuvor in der Geschichte von Unwissenheit, Verwirrung und Sehnsüchten umgeben. Das Dilemma ist, dass wir als moderne Menschen viel zu viel haben, mit dem wir leben, aber viel zu wenig, von dem wir leben können. Manche meinen, sie hätten Zeit, aber nicht genügend Geld; andere dagegen meinen, sie hätten Geld, aber nicht genügend Zeit. Aber für die meisten unter uns gilt die unrühmliche Tatsache, dass wir inmitten des materiellen Wohlstands doch in geistlicher Armut leben.
Hier ein plädoye dafür , dass dieser Sinn nur dann gefunden werden kann, wenn wir den individuellen Plan entdecken, zu dem wir geschaffen und zu dem wir auch berufen worden sind. Dem Ruf unseres Schöpfers zu folgen ist »das höchste Warum« unseres Lebens, die höchste Quelle des Sinns unserer menschlichen Existenz.
Abseits von dieser unserer Berufung wird alle Hoffnung, den Sinn zu entdecken – so wie zur Zeit darüber diskutiert wird, dass man von der Betonung der Karriere den Schwerpunkt eher auf die Bedeutsamkeit des Lebens legen sollte -, in bitterer Enttäuschung enden. Um es ganz deutlich zu machen, Berufung ist nicht das, für was sie allgemein gehalten wird. Sie muss ausgegraben werden aus den Trümmern der Unwissenheit und der Verwirrung, und bedauerlicherweise steht sie oftmals im krassen Widerspruch zu unseren menschlichen Neigungen. Aber nichts weniger als der Ruf Gottes kann unser echtes menschliches Sehnen nach Sinn begründen und erfüllen.
Was Leo Tolstoi über die Wissenschaften schrieb, ist auch hier anwendbar: »Die Wissenschaft ist bedeutungslos, weil sie uns keine Antwort auf unsere Frage geben kann, die einzige Frage, die für uns wichtig ist, nämlich, was sollen wir tun und wie sollen wir leben?«.
Eine Frage die mir öfter gestellt wurde dauerte es lange, bis Sie den Sinn Ihres Lebens und seine Erfüllung verstanden haben? Ich will ganz offen mit Ihnen sein. Sie werden hier keine »kurz zusammengefasste Anleitung« finden, kein »How-to-do-Handbuch«, ein ausgearbeitetes »Zwölf-Schritte-Programm« oder einen vorgefertigten »Spielplan«, wie Sie den Rest Ihres Lebens gestalten können. Was Sie jedoch finden, kann Sie zu einer der mächtigsten und wahrhaft Ehrfurcht einflößenden Wahrheiten bringen, die jemals das menschliche Herz ergriffen hat. »Folgt mir nach«, sagte Jesus vor fast 2000 Jahren, und er änderte dadurch den Verlauf der ganzen Menschheitsgeschichte. Dem Ruf Gottes zu folgen ist der Weg, den wesentlichen Sinn und Zweck Ihres Lebens zu finden und auch zu erfüllen.
Haben Sie einen Grund für Ihr Leben, ein zielgerichtetes Verständnis vom Sinn Ihres Lebens? Oder ist Ihr Leben das Produkt wechselnder Entscheidungen und zahllosen Kräfteringens außerhalb ihrer Verantwortung? Wollen Sie über den Erfolg hinaus zur Bedeutung gelangen? Haben Sie erkannt, dass es nicht reicht, wenn Sie sieh auf Ihre eigene Kraft verlassen, und dass Lösungen, welche die Welt verleugnen, am Ende keine Antwort liefern? Hören Sie auf Jesus von Nazareth und folgen Sie seinem Ruf!
Autor Os Guinness aus dem Buch Von Gott berufen – aber zu was? Wissen, für was es sich zu leben lohnt
Taschenbuch: 287 Seiten Verlag: Scm Hänssler; Auflage: 1 (2000) ISBN-10: 3775136096  ISBN-13: 978-3775136099

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s