Er wusste, woran er nicht glaubte, lange bevor er wusste, was er glaubte.

Auf der Suche
Der Begriff Suchender ist heutzutage in Mode gekommen. Dieser Trend ist aber etwas unglücklich, denn der Begriff wird meist nur oberflächlich benutzt und lässt so seine wirkliche Bedeutung im Dunkeln. Zu oft wird der Ausdruck Suchender als Chiffre für die geistlich Haltlosen in der westlichen Welt gebraucht. In diesem weiteren Sinn sind also Suchende jene Menschen, die sich nicht als Christen, Juden, Moslems, Atheisten und so weiter identifizieren wollen, und die keine Kirche, Synagoge, Moschee oder einen anderen Versammlungsort besuchen oder zu einer bestimmten Gemeinschaft sich zählen.
Solche Suchenden halten selten nach etwas Bestimmtem Ausschau. Oftmals sind sie mehr Sich-Treibenlassende als wirklich Suchende, die sich nur wenig von den »Hoppern« und »Shoppern« unserer Gesellschaft unterscheiden, die durch die Medien surfen und die Boulevards der postmodernen Welt durchkreuzen. Nicht festgelegt, rastlos und immer offen für alles, wurden sie passend als »bekehrungsanfällig« beschrieben und sind damit von Geburt an bereit, sich bis zum Erbrechen bekehren und wiederbekehren zu lassen, ohne dass dabei aber die Überzeugung ein fester Bestandteil ihres Glaubens wäre, der das verwirrende Trudeln aufhalten könnte, sodass sie dann wirklich irgendwo zu Hause sein könnten. Simone Weil, eine jüdischstämmige Philosophin und überzeugte Christin, war mit der gleichgültigen Arroganz des Begriffs Suchender deshalb auch nicht einverstanden. »Ich darf sagen«, schrieb sie als verständliche Reaktion, »dass ich zu keinem Augenblick in meinem ganzen Leben >Gott gesucht habe<. Aus diesem vielleicht sehr subjektiven Grund bin ich nicht mit diesem Begriff einverstanden, er klingt für mich falsch.«
Wahre Suchende sind anders. Wenn man auf sie trifft, spürt man ihr Ziel, ihre Energie, ihre Loyalität, ihren Idealismus und ihren Wunsch, eine abschließende Antwort zu finden. Etwas in ihrem Leben hat Fragen aufgeworfen, hat ihnen ein Bedürfnis bewusst gemacht, hat sie zum Nachdenken darüber gezwungen, wo sie im Leben stehen. Sie sind zu Suchenden geworden, weil etwas ihre Suche nach Sinn in Gang gesetzt hat, und sie müssen eine Antwort darauf finden. Wahre Suchende halten nach etwas ganz Bestimmtem Ausschau. Sie sind Menschen, für die das Leben oder zumindest ein Teil des Lebens plötzlich zu einem Thema, einer Frage, einem Problem oder einer Krise geworden ist. Dies geschieht so intensiv, dass sie nach einer Antwort hinter ihren bekannten Antworten suchen und sich ihre Stellung im Leben klarmachen müssen. Egal, wie das Bedürfnis entsteht, und gleichgültig, worin es auch immer besteht, das Gefühl der Not verzehrt die Suchenden und veranlasst sie, sich auf die Suche zu begeben.
Wir müssen dabei aber stets im Auge behalten, dass »ein Gefühl der Not« nicht den Glauben der Menschen rechtfertigt. Menschen glauben nicht an die Antworten, nach denen sie suchen, weil sie sie brauchen – das wäre völlig irrational und würde den Gläubigen auch dazu verleiten, den Glauben als eine Krücke zu betrachten. Vielmehr glauben Suchende nicht mehr an das, woran sie früher geglaubt haben, weil ihre früheren Glaubensgrundsätze neue Fragen nicht befriedigend beantworten konnten. Die Frage, an was und warum sie überhaupt glauben, wird meist erst zu einem späteren Zeitpunkt deutlich. Der Biograph von Malcolm Muggerridge schrieb über ein Gespräch mit dem großen englischen Journalisten: »Er wusste, woran er nicht glaubte, lange bevor er wusste, was er glaubte.«
Bedenken wir auch, dass die Suche selbst von ganz unterschiedlichen Perspektiven vorangetrieben werden kann und dass diese Unterschiede das Ergebnis der Suche ganz entscheidend beeinflussen können. Mit den Jahren habe ich mit vielen »Suchenden« gesprochen und habe dabei vier große Blickwinkel beobachtet, die ihrer Suche eine bestimmte Struktur verleihen. Für die meisten Menschen sind zwei davon weniger zufriedenstellend, und zwei sind es meist wert, auch genauer untersucht zu werden, aber nur einer ist schließlich der, der sie ganz und gar befriedigt.
Ein weniger zufriedenstellender Blickwinkel ist die Einstellung, die man vor allem unter gebildeten, liberaleren Menschen findet, dass nämlich die Suche alles sei und das Ergebnis dann nicht mehr so wichtig ist. Diese Einstellung, oft formuliert mit Sätzen wie »Der Weg ist das Ziel« oder »Besser hoffnungsvoll reisen als ankommen«, passen gut zu dem modernen Skeptizismus hinsichtlich endgültiger Antworten und dem heutigen »Lobpreis« von Toleranz, Aufgeschlossenheit, Mehrdeutigkeit und Ambivalenz. Für den ernsthaft Suchenden erweist sich dieser Blickwinkel aber schnell als unbefriedigend. Ein »aufgeschlossener Verstand« kann ein »leerer Kopf« sein und »Toleranz« ist schnell nicht mehr zu unterscheiden von einem Glauben an überhaupt nichts. Dieser Blickwinkel stellt also keine Hilfe bei der Suche nach ehrlichen Antworten auf wichtige Fragen dar. Zu glauben, dass es »besser ist, hoffnungsvoll zu reisen als anzukommen«, bedeutet zugleich, dass man vergessen hat, dass eine hoffnungsvolle Reise eine Reise ist, die doch hofft, auch ein Ziel zu erreichen. Zur Reise verdammt zu sein, ohne Aussicht, irgendwo anzukommen, ist für den heutigen »Suchenden« gleichbedeutend mit dem Fluch des »Fliegenden Holländers«, der ja zu seiner ewigen Reise verdammt war. Der andere weniger befriedigende Blickwinkel ist die alte fernöstliche Ansicht, dass der Wunsch selbst das Problem ist. Diese Sichtweise betrachtet den Wunsch nicht als eine gute Sache, die auch schiefgehen kann, sondern als von Grund auf böse. Wünsche würden uns dabei an die Welt des Leidens und der Illusion binden. Und darum bestünde die Lösung auch nicht darin, den Wunsch zu erfüllen, sondern ihn abzuweisen, damit er sich zuletzt ganz in den Status des »Ausgelöschtseins« verwandeln würde, dem so genannten Nirwana. Obwohl diese Sichtweise unter ihren eigenen Voraussetzungen als durchaus gelehrt, in sich stimmig und auch praktisch erscheint, zielt diese Position letztlich ganz und gar auf die Ablehnung der Welt ab. Damit wird ihre Anwendbarkeit auf eine der Welt positiv gegenüberstehende Kultur – wie die unsere – zweifellos sehr begrenzt. Darum wenden sich die meisten ernsthaft Suchenden auch von diesen unbefriedigenden Ansätzen bewusst oder unbewusst wieder ab und fahren mit ihrer Suche bei einer der beiden kontrastierenden Sichtweisen von Liebe, die die gesamte westliche Welt in den letzten 3000 Jahren stark geprägt hat, fort.
Allen Menschen ist ja die Suche nach Glück gemeinsam. Sie unterscheiden sich allerdings darin, wo sie es suchen, und welche Kraft sie aufbringen müssen, um das Objekt ihres Wunsches auch zu erreichen
Die Tatsache allein, dass wir Menschen wünschen, ist der Beweis dafür, dass wir Geschöpfe sind. Unvollkommen in uns selbst, wünschen wir uns das, von dem wir annehmen, das es uns vervollkommnen könnte. Gott allein braucht aber nichts außer sich selbst, weil er selbst das höchste und das einzige beständige Gut ist. Wir können Gott nicht ohne Gott finden. Wir können Gott nicht ohne Gott erreichen. Wir können Gott nicht ohne Gott zufriedenstellen – was nur anders ausgedrückt bedeutet, dass unsere Suche immer ins Leere laufen wird, wenn Gott selbst nicht den Anstoß für die Suche gibt, und wenn Gott uns nicht zu sich zieht und die Suche selbst zu seinem Ziel bringt. Wenn diese bestehende Kluft überbrückt werden soll, dann muss Gott dies tun. Wenn wir das höchste Gut anstreben, dann muss das höchste Gut herunterkommen und uns zu sich ziehen, damit es zu der Realität wird, die wir uns wünschen. Aus dieser Sicht erzielt weder das Suchen noch das Finden irgendein Verdienst. Alles geschieht aus Gnade. Das Geheimnis des Suchens liegt nicht darin, dass wir Menschen zu Gott hinaufsteigen, sondern dass Gott zu uns herunterkommt. Wir beginnen zu suchen, aber am Ende sind wir es, die gefunden werden. Wir glauben, nach etwas zu suchen, wir erkennen aber, dass wir von Jemandem gefunden worden sind. In seinem berühmten Bild vom »Jagdhund des Himmels« hat uns Francis Thompson z. B. darauf aufmerksam gemacht. Was uns ans Ziel bringt, ist nicht der Weg nach Hause, sondern der Ruf des Vaters, der die ganze Zeit auf uns gewartet hat, und dessen Gegenwart aus dem Heim ein Zuhause macht.
Wir haben nicht nur das ausdrückliche Versprechen Jesu, dass die Suchenden finden werden (»Suchet, so werdet ihr finden«; Mt 7,7), sondern wir haben auch dieses Beispiel unmittelbar vor Augen, dass die Suchenden selbst gesucht werden. Tatsächlich ist Jesus seit den suchenden Weisen der größte Magnet für Suchende in der ganzen Geschichte. Die Worte, die im Markusevangelium an Bartimäus, den blinden Bettler, der verzweifelt nach der Heilung durch Jesus gesucht hatte, gerichtet sind, können auch als Ermutigung Gottes für alle diejenigen gelten, die wirklich suchen: »Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!« (Mk 10,49).
Sehnen Sie sich bewusst oder unbewusst danach, den Einen als das wahre Zuhause Ihres Herzens und das eine wahre Verlangen kennenzulernen? Hören Sie auf Jesus von Nazareth und folgen Sie seinem Ruf!
Dieser Text ist die stark gekürzte Zusammenfassung von dem Buch „
“Von Gott berufen – aber zu was? Wissen, für was es sich zu leben lohnt“ Os Guinness.
Taschenbuch: 287 Seiten Verlag: Scm Hänssler; Auflage: 1 (2000) ISBN-10: 3775136096  ISBN-13: 978-3775136099

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