Sühne im Alten Testament: Was ist das? Was bedeutet das?

1. Was ist Sühne im AT?
Sühne begegnet im AT in zwei Bereichen: im Bereich der Rechtsprechung und im Bereich des Kultes. Im Bereich der Rechtsprechung wird sehr anschaulich, was Sühne ist. Nach 4Mo 35,16-34 steht auf Mord die Todesstrafe. Dies entspricht dem juristischen Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Sühne bedeutet eine  entsprechende Ersatzgabe für eine Schuld. Dies bedeutet bei Mord das Leben des Mörders (4Mo 35,33). Durch die Sühne wird die böse Tat ausgeglichen, der Makel entfernt. Dies wird auch deutlich durch die Bedeutung des Wortes „Sühne“. Das entsprechende hebräische Wort bedeutet in der Grundbedeutung „bedecken“. Um es in einem Bild zu sagen: Durch eine schuldhafte Handlung entsteht eine offene Wunde. Diese kann nur durch einen gleichwertigen  Ersatz zugedeckt werden.
2. Die Sühne im Kult
Es stellt sich die Frage, ob der sühnende Ausgleich im juristischen Sinn die einzige Möglichkeit ist. Das juristisch gerechte Prinzip „Auge um Auge“ wäre dann letztgültig festgelegt. Die Sühne im Kult eröffnet einen Weg der stellvertretenden Sühne. Nicht mehr der Täter selbst, sondern ein stellvertretendes Opfer wirkt als Sühnegabe. Die Möglichkeit der Sühne durch ein Opfer ist im AT an zwei Stellen ausführlich beschrieben. Zunächst schildert 3Mo 4-5 die Möglichkeit zur Sühne durch Sünd- und Schuldopfer, sodann beschreibt 3Mo 16 ein gesteigertes Sündopfer am großen Versöhnungstag (Jom-Kippur).
Sündopfer
Gott selbst gibt die Möglichkeit zum Sündopfer. Allerdings gilt es nur für Sünden „aus Versehen“ (3Mo 4,2). In  die Möglichkeit einer solchen Sünde sind allerdings alle eingeschlossen. Die weitere Ausführung orientiert sich  nicht vorrangig an der Opfergabe, sondern an den betroffenen  Personen. Die Auflistung beginnt bei den Priestern und setzt sich dann über die Gemeinde auf die Einzelnen des Volkes beginnend bei den Stammesfürsten fort. Der Anfang der Auflistung bei den Priestern lässt aufhorchen. Auch sie sind nicht ohne Schuld und bedürfen des Sündopfers und der Sühne. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Sündopfers ergibt sich aus der Durchführung. Der Opfernde legt seine Hand auf den Kopf des Opfertieres. Damit wird das Opfertier als  sein Opfertier erklärt, das seine Sünde zur Sühnung trägt. So geschieht Stellvertretung. Das Opfertier stirbt, und der Opfernde kann leben. Ein Aspekt ist noch interessant. Das Blut des Opfertieres wird an das Heiligtum gesprengt. Dagegen werden der Kopf, das Fell und die Eingeweide hinausgebracht an einen unreinen Ort. Der große Versöhnungstag Die Opfer am großen Versöhnungstag sind ein erweitertes Sündopfer. Manches, was in der Beschreibung beim Sündopfer in 3Mo 4 nicht eindeutig ist, wird durch die Angaben zum großen Versöhnungstag deutlicher. Wie beim Sündopfer setzen auch die Regelungen für den großen Versöhnungstag bei der Sühne für die Priester ein. Dies unterstreicht die Tatsache, dass alle die Sühne benötigen, die Priester zuerst. Dies ist ein markanter Unterschied zu Jesus Christus. Er starb nicht für sich, denn er war ohne Schuld. Sodann werden am großen Versöhnungstag zwei verschiedene Vorgehensweisen mit den Opfertieren angeordnet. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Bock für Asasel. Auf ihm wird unter Handauflegung die Sünde Israels bekannt, dann wird er in die Wüste getrieben.
Wichtige Aspekte der Sühne im Kult
In der kultischen Sühne geschieht Stellvertretung. Nicht  der Sünder wird geopfert, sondern der Sünder opfert ein Tier für seine Stellvertretung. Alle bedürfen der Sühne. Deshalb beginnt die Auflistung  bei den Priestern. Der Sünder bekennt sich durch die Handauflegung auf  sein Opfertier zu seiner Sünde und erklärt das Opfertier als sein stellvertretendes Sühnemittel. Beim großen Versöhnungstag geschieht dies stellvertretend durch den Priester. Das Sündopfer wirkt Versöhnung, indem das Blut an den Altar gesprengt wird. Der Bund ist erneuert bzw. neu begründet. Gleichzeitig kommt die Sünde nicht mit Gott in Berührung. Beim Sündopfer wird der Kopf, der die Hand des Sünders berührt hat, draußen vor dem Lager verbrannt. Am großen Versöhnungstag wird der Asaselbock in die Wüste getrieben. Die Sünde wird in der Gottesferne gerichtet durch das Sühnemittel. Das Blut wird zur Versöhnung an das Heiligtum gegeben. Von  diesem Hintergrund her ist verständlich, dass Jesus als Sühneopfer draußen vor Jerusalem in der Gottesferne verstarb. Gleichzeitig zerriss im Tempel der Vorhang zum Heiligtum. Die Sünde ist hinausgetragen, die Versöhnung ist vollzogen.
3. Können Tieropfer wirklich sühnen?
Die Ausführungen zur Sühne und die Opferregelungen in den Mosebüchern haben das grundsätzliche Verständnis für die Sühne erklärt. Bei der Sühne geht es um einen angemessenen Ausgleich für die Schuld. In der kultischen Sühne ist dieser Ausgleich durch Stellvertretung möglich. Nun stellen sich jedoch in der weiteren Offenbarungsgeschichte weitere Fragen. Reicht diese Regelung der Sühne aus, um die Menschen zu versühnen? Genügen Tieropfer? Reicht die Begrenzung auf unbeabsichtigte Sünden aus? Zur Frage der Tieropfer: Mi 3,6-8 gibt eine deutliche Antwort. Kann ein Tier für einen Menschen sühnen? Ein Tier ist kein angemessener Ersatz. Auch ein Mensch kann für einen anderen Menschen nicht sühnen, denn Gott will keine Menschenopfer. Wie aber ist dann Sühne möglich, wenn Tier- und  Menschenopfer keine Möglichkeit darstellen, wenn aber Sünde Sühne erfordert?
4. Die Sühne durch den Gottesknecht
Die im AT aufgebrochenen Fragen beantwortet Jesaja in  einer Verheißung in Jes 53. Gott selbst gibt eine neue Möglichkeit zur Sühne. Das Sühnemittel ist nicht mehr ein Tier. Das Sühnemittel bedeckt nicht die Sünde eines einzelnen Menschen. Es gibt nicht mehr die Notwendigkeit für viele Sühnemittel in Form von Tieren beim jährlichen großen Versöhnungstag bzw. den vielen einzelnen Sündopfern. Gott gibt eine Person, die er dazu persönlich bestimmt hat. Gott gibt den Gottesknecht als Sündopfer und zur  Möglichkeit der Sühne für alle Sünden aller Menschen. Die in Jesaja 53 ausgesprochene Verheißung hat sich in Jesus erfüllt.
Dr. Hartmut Schmid,

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