Warum musste Jesus sterben?

Immer noch ist das Kreuz das Symbol des christlichen Glaubens schlechthin. Doch war es keineswegs das erste. Die ersten Christen verwandten das Fisch-Symbol oder eine Taube als Erkennungsmerkmal. Erst ab dem 3. Jahrhundert setzte sich das Kreuz als offizielles Symbol durch. Das überrascht, denn beim Wort „Kreuz“ lief es jedem Römer kalt den Rücken herunter. Die Hinrichtungsart des Kreuzigens zögerte den Tod bewusst so lange hinaus, bis das Opfer ein Maximum an Qualen erlitten hatte. Kein römischer Bürger durfte gekreuzigt werden. Das Kreuz als Mittelpunkt Warum also das Kreuz als zentrales Symbol? Ein kurzer Blick ins Neue Testament zeigt: Der Kreuzestod Jesu steht im Mittelpunkt der Botschaft und Verkündigung. Die vier Evangelien sind „Passionsgeschichten mit verlängerter Einleitung“ (M. Kähler).Wer ist für Jesu Tod verantwortlich? Zum einen die römischen Soldaten. Sie führten den Befehl der Hinrichtung durch. Den Auftrag dazu hatte Pilatus gegeben. Wider bessere Einsicht („Ich finde keine Schuld an diesem Menschen“) hatte er Jesus zum Tode verurteilt. Den Antrag dazu hatten die Hohenpriester und der Hohe Rat gestellt („Er ist des Todes schuldig“). Judas hatte ihnen den entscheidenden Tipp gegeben, wo Jesus unauffällig zu verhaften sei. Kurz gesagt: Alle Beteiligten hatten sich die Hände schmutzig gemacht.
„Zur Sünde gemacht“
Das Neue Testament bezeugt nachdrücklich, dass Jesus nicht als Märtyrer starb. Er ging freiwillig ans Kreuz. Und wer hatte die Initiative dazu ergriffen? Gott! „Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben“ (Röm 8,32). Wenn man den Bericht über die letzten 24 Stunden des Lebens Jesu liest, leuchten drei Szenen besonders auf: Zum ersten sind es die Einsetzungsworte des Abendmahls. Sie erinnern an seinen Tod. Die Worte „Dies ist der neue Bund in meinem Blut“ erinnern an den neuen Bund, den Jeremia prophetisch verheißen hatte. Kennzeichen des neuen Bundes ist das Geschenk der Sündenvergebung. Zum zweiten ist es der Gebetskampf Jesu im Garten Gethsemane. Der Kelch, vor dem er zitterte, war nicht allgemein das Leiden – das allein wäre schon ein Grund zum Zittern! – sondern in alttestamentlicher Bildsprache ist der „Kelch“ eine stehende Wendung für den heiligen Zorn Gottes. Jesus zitterte davor, dass auf ihn, den Sündlosen, die Sünde der ganzen Welt gelegt werden sollte. Und zum dritten ist es der Schrei der Gottverlassenheit am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Es ist nicht einfach der Verzweiflungsschrei oder das Gefühl des Verlassenseins. Er war verlassen! Er wurde „zur Sünde gemacht“, er hat in dieser Stunde die ganze Gottverlassenheit und Verdammnis ertragen.
Muss das denn sein?
Vor kurzem fragte mich jemand: „Also mal ehrlich: Warum kann Gott nicht ‚einfach so‘ vergeben?“ So denken wir fast alle. Hätte es denn nicht auch einfacher gehen können? Gott liebt das Recht. Alle Schlüsselworte, die das Kreuzesgeschehen beschreiben – Sühne, Stellvertretung, Loskauf, Rechtfertigung, Versöhnung – stammen aus der Welt des Rechts! Die Frage sollte darum eher lauten: Wieso ist es möglich, dass Gott überhaupt vergibt? Das gerade ist ja unsere Not als Menschen: Wir wissen nichts von Gottes Heiligkeit und nichts vom Ernst und Wesen dessen, was Sünde ist. Wir gleichen Patienten, die zurückschrecken, wenn der Arzt eine radikale (tiefgreifende) Operation plant.
Für uns
Was Sünde wirklich ist, erkennen wir erst, wenn wir das Geschehen am Kreuz wahrnehmen und die beunruhigende Aussage an uns heranlassen, dass es dort um uns geht, um dich und mich. Das ist ja zentrale Aussage christlicher Verkündigung: Der Tod Jesu geschah „für uns“, also an unserer Stelle und zu unseren Gunsten. Das heißt aber auch: Du hast es nötig! „Niemand kann das Geheimnis des Sterbens Jesu erfassen, der nichts von eigener Schuld weiß“ (F. v. Bodelschwingh). Das Herzstück des Kreuzes ist Vergebung. Sühne macht Vergebung möglich. Zur Sühne gehört ein Opfer. Billiger als Leben für Leben geht es nicht. „Christus hat unsere Sünden selbst an seinem Leibe auf das Kreuz hinaufgetragen“. Er ist ganz Gott und ganz Mensch. Es ist „Gott in Christus“.
Drei Antworten
Wenn wir fragen, was der Kreuzestod Jesu bewirkt hat, geben uns Jesus und die Apostel drei Antworten: Zum einen: Erlösung. Wir waren verkauft an eine fremde Macht, an die Macht der Sünde, des Satans und des Todes. Christus hat uns durch seinen Tod davon losgekauft. Und er hat uns losgekauft, damit wir fortan ihm gehören. Ziel der Erlösung ist nicht die Autonomie, sondern die dankbare Frage nach Gottes Willen. Zum zweiten: Rechtfertigung. Gott, die höchste Instanz des Universums, erklärt einen zu hundert Prozent sündigen Mensch für null Prozent schuldig. Die Schuld wird gelöscht, weil ein anderer bezahlt hat. Das Leben kann noch einmal beginnen. Zum dritten: Versöhnung. Sie setzt Feindschaft voraus. Der Versöhnte hat „Frieden mit Gott“. Er ist in Gottes Familie hineingeboren, hinein adoptiert. Und als Folge haben wir freien Zugang zu Gott, das Recht zur freien Bitte im Gebet. Wer miterlebt hat, wie Nachbarn, die sich spinnefeind waren, oder Vertreter von Völkern, die tödlich verfeindet waren, zur Versöhnung finden, zu einem neuen Miteinander, der ahnt ein wenig, was die Versöhnung am Kreuz ist.
Ein Geheimnis
Wenn wir über den stellvertretenden Sühnetod Jesu nachdenken, stehen wir vor einem Geheimnis. Diesem „Königsthema“ christlicher Theologie können wir uns nur in anbetendem Denken nähern, und eine ganze Ewigkeit wird wohl nicht ausreichen, das Geheimnis zu ergründen. Und zugleich ist diese Botschaft anstößig, damals zur Zeit der ersten Christen und bis heute. Das wird auch so bleiben. Ärgernis oder Kraft Gottes. Die Botschaft will ergriffen sein: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2Kor 5,19f.). Uns bleibt die Frage: Bleiben wir weiter auf dem Trip der Selbsterlösung, oder greifen wir zu und erleben, was rettender Glaube ist?
Dr. Manfred Dreytza Leiter des Krelinger Studienzentrums

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s