„Du Opfer!“

Die Umdeutung des Opferbegriffs in der Jugendsprache
„Hey, du Opfer!“ So schallt es aus dem Klassenzimmer. Ein Junge steht im Zentrum der Gruppe, die Anderen zeigen mit dem Finger auf ihn und lachen. Eine alltägliche Szene. „Du Opfer“ hat Eingang in die Jugendsprache gefunden und ist zur gewohnten Vokabel geworden. Oft werden Kinder und Jugendliche mit einem geringen Selbstwertgefühl, mit abweichendem Aussehen oder andersartigem Verhalten besonders leicht zur Zielscheibe dieser Beschimpfung. Was aber verstehen die Jugendlichen darunter, wenn sie jemanden als »Opfer« bezeichnen? Das deutsche Wort „opfern“ kommt ursprünglich aus dem religiösen Bereich und meint: „Gott etwas zum Opfer bringen, werktätig sein, einer religiösen Handlung obliegen.“ Als Christ denke ich da an Sühneopfer, Bittopfer, Dankopfer und Lobopfer. Und natürlich an die Selbstaufopferung Gottes in Jesu Opfertod am Kreuz. All das haben Jugendliche jedoch weniger im Sinn. Die geläufigere Wortbedeutung „jemand, der durch etwas oder jemanden Schaden erlitten hat“. Sie benutzen es vor allem dann, wenn jemandem etwas „Dummes“ oder Peinliches passiert, wenn sich jemand blamiert oder wenn jemand Pech hat. Diese Äußerungen, die eher mit dem Begriff „Schadenfreude“ als mit dem Gedanken, jemanden bewusst zu schädigen, in Verbindung gebracht werden, überwiegen deutlich. Das Wort»Opfer« wird hier synonym mit „Schussel“ oder „Pechvogel“ gebraucht, das vermeintliche Opfer ruft eher allgemeine Heiterkeit als Gehässigkeit hervor. Erst an zweiter Stelle wird der als Opfer Bezeichnete identifiziert mit, „jemandem, der von allen ausgegrenzt wird“, „jemandem, der von allen fertig gemacht wird.“ Hier kommt stärker als im ersten Fall der eigentliche Opfergedanke im Sinne von „Opfer einer Tat“ zum Ausdruck. Während im ersten Fall der Betroffene einfach nur zum Opfer seiner eigenen Ungeschicklichkeit oder ungünstiger Umstände wird, ist er im zweiten Fall eindeutig Ziel einer aktiv gegen ihn gerichteten Handlung. Nach Meinung des Berliner Forums Gewaltprävention ist dieses Modewort aufgrund seines passiven Charakters jedoch Zeichen einer bedenklichen gesellschaftlichen Entwicklung: „Unter Jungen und männlichen Jugendlichen ist es inzwischen verbreitet, das Wort »Opfer« auch als Schimpfwort zu gebrauchen. Der Begriff »Opfer« löst offenbar nicht mehr selbstverständlich Empfindungen aus, die von Empathie gekennzeichnet sind, sondern er wird benutzt, um sich der eigenen Identität zu versichern und alles abzuwehren, was mit dem Opfersein verbunden wird: Schwäche, Verluste, Ängste, Versagen, eben »loser« zu sein oder zu werden. Die Benutzung des Wortes »Opfer« als Schimpfwort ist Ausdruck einer enormen und unbewussten Angst vor der Opferrolle und des unbewussten Zwanges, alles, was mit ihr zu tun hat, aus der Entwicklung männlicher Identität zu verbannen“ (Wikipedia, Artikel „Opfer“). Und diese Verdrängung funktioniert gut. Bei der Frage, was denn überhaupt ein Opfer sei, gaben Acht- und Neuntklässler am häufigsten zur Antwort: „Weiß nicht“ oder „keine Ahnung“. Zum einen denken Jugendliche oft wirklich nicht über den Gebrauch ihres Slangs nach, zum anderen wollen sie sich aber vielleicht unbewusst auch nicht mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten und ihrer eigenen Schwachheit auseinandersetzen. Denn Coolsein ist alles! Was ist unsere Aufgabe als Eltern, wenn wir Zeuge einer solchen Situation werden? Auch wenn es sich nur um die in der ersten Wortbedeutung angesprochene Schadenfreude handelt, halte ich es für wichtig, die Jugendlichen für ihre Sprache zu sensibilisieren und mit ihnen darüber ins Gespräch zu kommen, was es tatsächlich heißt, ein Opfer zu sein. Ein Opfer ist schwach, hilflos, unterlegen, ausgeliefert. Die Täter maßen sich an, über dem Opfer zu stehen und degradieren es in einer unwürdigen Art und Weise. Man sollte gemeinsam mit den Jugendlichen versuchen herauszufinden, was ihre Beweggründe sind, jemanden zumindest sprachlich so herabzuwürdigen, und was das mit ihrem eigenen Selbstwertgefühl zu tun hat. Vielleicht kann im persönlichen Gespräch oder in den Gruppen- und Unterrichtsstunden herausgearbeitet werden, woher der Mensch seinen Wert und seine Würde bezieht, und dass diese niemandem genommen werden dürfen. Weder durch das Wort noch durch die Tat. Denn das anfängliche Mobbing einer Einzelperson entwickelt oft eine Gruppendynamik. Der Mobber fühlt sich durch das Kleinmachen eines anderen stark und mächtig, und die Anderen greifen nicht ein, weil es keine klaren Regeln für den Umgang miteinander gibt. Oder weil sie Angst haben, selbst zur Zielscheibe zu werden. „Ich sage »Opfer«, um dazuzugehören und nicht selber »gedisst« zu werden“, so die ehrliche Antwort einer Schülerin. Lieber mitmachen als eingreifen. Lieber Täter als Opfer. Das ist leider ein Trend, der sich bei unseren Jugendlichen durchzusetzen scheint.

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