„Hermeneutik“ bedeutet vereinfacht Auslegung.

Hermeneutik geht uns alle an
Wir denken vielleicht, daß „Hermeneutik“, ein so langes und gräßliches Wort, mit uns nichts zu tun hat. Aber weit gefehlt! Genausogut könnte man sagen, daß Sauerstoff mit uns nichts zu tun hat. Zum Atmen ist Sauerstoff unumgänglich und unentbehrlich, und genauso ist es mit der Hermeneutik, wie ich im folgenden zu erklären versuche.
Was ist Hermeneutik?
„Hermeneutik“ bedeutet vereinfacht Auslegung. Und deshalb haben alle, die die Bibel lesen oder von ihr hören, eine Hermeneutik, seien sie nun Gelehrte, gelegentliche Leser oder seltene Kirchgänger. Jeder hat eine Methode, wie er an die Bibel herangeht und wie er die verschiedenen Teile miteinander sowie alles mit dem in Beziehung setzt, was er glaubt und mag. Man denke nur daran, wie unterschiedlich ein Jude, ein weltlicher Humanist und ein bibeltreuer Gläubiger an die Bibel herangehen.
Dem Auslegen der Bibel kann man nicht ausweichen. Und obwohl die an der Auslegung beteiligten Faktoren komplex sind, ist es doch möglich, einige wichtige hervorzuheben. Zum Beispiel gehen wir an die Bibel (wie an jedes andere Schriftstück auch) mit dem heran, was wir schon glauben, mit unseren vorgefaßten Meinungen genauso wie mit unseren bewußteren Auslegungsprinzipien. Wie wir das Alte Testament mit dem Neuen in Beziehung setzen, was wir von der Einstellung des Paulus gegenüber den Frauen halten, ob wir denken, daß es mit der Welt aufwärts geht, und ob wir der Meinung sind, daß Christus das Gesetz, soweit es nicht die religiösen Zeremonien betrifft, abgeschafft hat – das alles sind nur zufällig herausgegriffene Beispiele von Prinzipien, die einen Einfluß auf unsere Bibelauslegung ausüben. Zusätzlich ist es der Fall, daß wir bei der Beschäftigung mit der Bibel manche Dinge herauspicken und andere vernachlässigen und manche Abschnitte für wichtiger als andere halten. Für die meisten Bibelleser ist Obadja weniger wichtig als Judas und Römer 8 von größerer Bedeutung als 1 Könige 8. Das mag daran liegen, daß sie Lieblingsstellen haben, oder aber in der Tatsache begründet sein, daß sie denken, manche Abschnitte seien im Hinblick auf die Gesamtlehre der Bibel zentraler und wichtiger als andere. Was auch immer die Ursache sein mag, es ist unumgänglich, eine Auswahl zu treffen. Daneben ist es offensichtlich, daß sich unser historisches und kulturelles Umfeld von dem eines Quäkers aus dem 17. Jahrhundert oder dem eines nordafrikanischen Christen aus dem vierten Jahrhundert unterscheidet. Die Geschichte Englands, die dazu bei, daß wir unbewußt Färbungen vornehmen und bei der Auslegung des Textes in eine bestimmte Richtung gelenkt werden.
Zuletzt aber ist am wichtigsten die Tatsache, daß jeder, der an die Bibel herangeht, eine Vorstellung darüber hat, was für eine Art von Buch sie ist. Stellt sie einen Mythos dar, ein Gleichnis oder die Geschichte einer wichtigen historischen Bewegung? Ist sie etwa eine Mischung dieser drei Dinge? Oder gar ein Schatz von Gedanken, aus dem wir uns zufällig etwas herauspicken können, um Trost zu finden? Ist uns die Freiheit gegeben, sie zu allegorisieren, zu redigieren und anzuzweifeln? Oder ist die Bibel, wie die Gemeinde es prinzipiell immer geglaubt hat, eine Bibliothek deren einzelne Bücher wörtlich auszulegen sind, das heißt in dem Sinn, wie sie von ihren Autoren gedacht waren? Und in Übereinstimmung mit der Analogie des Glaubens, das heißt mit der grundlegenden Botschaft, die die ganze Bibel durchzieht?
Was sollen wir nun tun?
Es wäre töricht abzustreiten, daß diese Faktoren in den Gedanken jedes Bibellesers wirksam sind. Calvin sagte, daß wir die Brille der Schrift brauchen, um das Leben scharf zu sehen. Aber wir haben doch schon eine Brille auf, wenn wir an die Bibel herangehen. Wir denken nun vielleicht, daß uns diese Brille die Aufgabe der zuverlässigen Auslegung zu einer hoffnungslosen Aufgabe macht. Dies wäre aber ein voreiliger Schluß. Er ignoriert nämlich zwei wichtige Faktoren. Den ersten stellt die christliche Überzeugung dar, daß die Bibel trotz all ihrer Vielfalt eine Einheit darstellt. Das ist nicht ein dogmatischer, grundloser Glaube. Denn so ausgelegt hat sich die Bibel als wirksames Mittel erwiesen, um den Glauben von Millionen von Männern und Frauen seit fast 2000 Jahren zu wecken und zu nähren. Zahllose Männer und Frauen haben mit ihrer Botschaft gelebt und sind damit gestorben. Es wäre unverantwortlich zu glauben, die Gemeinde hätte sich in solch grundlegenden Dingen geirrt. Aber was ist nun mit unseren vorgefaßten Meinungen und den anderen Faktoren, die ich oben schon erwähnt habe? Wie können wir mit ihnen richtig umgehen? Ich schlage vor, daß wir es so machen wie ein Pilot, der sich in Schleifen dem Boden nähert. Ein Pilot umkreist die Landebahn, schließt die Alternativen aus und erreicht allmählich sicheren Boden. Genauso versucht der Christ, wenn er sich seiner vorgefaßten Meinungen und Schräglagen bewußt wird, diese zu minimieren. Er überprüft seine Auslegung, vergleicht mit anderen Schriftstellen und zeigt Offenheit gegenüber der Wahrheit. Sein verändertes Verständnis von Abschnitt A führt ihn dazu, den Abschnitt B noch einmal zu überdenken. Und allmählich wird er mit immer größerer Zuverlässigkeit in der insgesamt richtigen Auslegung heimisch. Zwei Dinge sind es noch wert, betont zu werden. Die Gemeinde Jesu ist dem Glauben verpflichtet, daß die Botschaft der Bibel immerzeitgemäß, da immer wahr, ist. Sie ist nicht etwa wahr für Paulus, etwas weniger wahr für Augustin und ganz und gar nicht wahr für uns. Dennoch lohnt es sich zu betonen, daß keine Auslegung unfehlbar ist; vielmehr muß der Ausleger willig sein, seine Ideen anhand des Textes der Schrift zu überprüfen.
Die radikale Hermeneutik
So weit so gut. Aber mit zunehmender Häufigkeit erscheint ein anderes Produkt, das ebenfalls „Hermeneutik“ genannt wird, auf dem theologischen Markt. In der Tat ist es so, daß, wenn man gegenwärtig diesem Wort begegnet, es dann wahrscheinlicher ist, daß damit das neue und nicht das alte Produkt gemeint ist. Ich möchte das näher erklären. Bei der alten Hermeneutik war es so, daß die Bibel ausgelegt werden mußte. Was könnte offensichtlicher sein? Bei der neuen Hermeneutik hingegen muß die Bibel übersetzt werden.
Die Bibel ist nun einmal ein sehr altes Buch. Die neue „Hermeneutik“ erinnert uns daran, daß die antike Welt des Nahen Ostens nicht unsere Welt ist. Sie hatte eine andere soziale Struktur und die Glaubensvorstellungen ihrer Bewohner unterschieden sich gewaltig von denen, die wir haben, ebenso auch ihre Hoffnungen und Ängste. Aus diesem Grunde braucht das alte Buch eine Übersetzung in unsere Situation, ziemlich genau so, wie ein deutscher Text ins Englische übersetzt wird. So nimmt dieser Ansatz – ganz anders als der eines traditionellen „Liberalen“ – den Text der Schrift sehr ernst. Bei ihm gibt es kein Herauspicken und Aussuchen. Aber die entscheidende Tatsache ist, daß der Text der Bibel, und zwar der gesamte Text, in unserem Umfeld verstanden werden muß. Und somit muß der gesamte Bibeltext übersetzt werden.
Die Befreiungstheologie ist ein Beispiel einer Theologie, die Resultat der Übersetzungshermeneutik ist. Das biblische Reden über die Befreiung von der Sünde durch das Werk des Gott-Menschen wird in eine aktivistische politische Theologie übersetzt, die sich auf eine sozialistische oder marxistische Theorie gründet. Jesus ist nicht ein göttlicher Retter, sondern ein revolutionärer Befreier von irdischer Armut und sozialer Unterdrückung.
Neben dem Wort „Hermeneutik“ begegnet man vielleicht auch „Indigenisation“, „Kontextualisierung“ und „Akkulturation“ – noch gräßlicheren Worten! Sie mögen sich zwar von „Hermeneutik“ etwas unterscheiden, die Grundidee dahinter ist aber die gleiche. Das Evangelium muß übersetzt werden, bevor es zu etwas werden kann, das für Menschen anderer Kulturen einen Sinn ergibt.
Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede zwischen uns und biblischen Zeiten sowie zwischen uns und Menschen in Pakistan oder Peru. Einige dieser Unterschiede sind ganz offensichtlich. Für andere hingegen sind sorgfältiges Studium und Einfühlungsvermögen notwendig. Aber in dieser Beziehung unterscheidet sich die Bibel nicht von den Texten des antiken Ägyptens oder Griechenlands. Ohne Zweifel haben Christen sich von Zeit zu Zeit ungeschickt verhalten, wenn sie versucht haben, die Schrift auszulegen und sie Menschen anderer Kulturen nahezubringen. Aber es besteht ein himmelweiter Unterschied dazwischen, zu sagen, Wissen und Einfühlungsvermögen seien notwendig, um das unwandelbare Evangelium anderen darzubieten, und darauf zu beharren, daß das Evangelium an sich einer Veränderung bedarf.
Was muß nun gesagt werden?
Was sollen wir nun denen sagen, die darauf bestehen, daß kulturelle Unterschiede es dem Evangelium unmöglich machen, die Kluft zwischen dem ersten Jahrhundert und heute zu überbrücken. Ich schlage drei Hauptargumente vor: Wir haben gesehen, daß die Übersetzungshermeneutik sich auf die Vorstellung gründet, daß es heute sowohl unmöglich ist, das, was in der antiken Welt galt, zu verstehen, als auch, es anzunehmen. Die damalige Kultur unterscheidet sich von unserer Kultur. Die Bedeutung jedes Schriftstückes ist relativ zu der dahinterstehenden Kultur. Aber dieses Argument schießt geradewegs zurück. Denn wenn alles relativ bezüglich der dahinterstehenden Kultur ist, dann sind auch die Befreiungstheologie, die neue Hermeneutik und alles andere, was wir nennen könnten, relativ zu der dahinterstehenden Kultur. Welchen Grund gibt es aber dann für uns, diese Dinge zu akzeptieren? Das ist der erste Punkt. Kein Wunder, daß die neuartige Kontextualisierung auch als eine Form des Polytheismus bezeichnet worden ist. Die neue Hermeneutik bietet eine Übersetzung des alten Dokuments in die heutige Begriffswelt an. Aber vor jeder Übersetzung muß das Verständnis stehen. Niemand kann das Wort „bridk“ übersetzen, weil niemand weiß, was es bedeutet (ich habe es gerade erfunden). Aber woher wissen diejenigen, die die neue Hermeneutik praktizieren, was was bedeutet? Wer liefert ihnen den Schlüssel für ihre Übersetzungen? Woher wissen wir, daß sie eine zuverlässige Übersetzung erstellt haben? Das letzte Argument ist eines, das schon oben erwähnt worden ist. Die Gemeinde hat sich seit nunmehr 2000 Jahren von der biblischen Botschaft des Evangeliums ernährt. Diese ist durch Skeptizismus, Streitfragen und sorgfältiges wissenschaftliches Arbeiten geprüft worden. Ebenso ist sie Prüfungen durch die Masse der menschlichen Erfahrungen unterzogen worden, wie sie alte und junge, lebendige und schon gestorbene Menschen aller Nationen gemacht haben.
Je weiter sich die Gemeinde von der Zeit Christi entfernt, desto schlagkräftiger werden paradoxerweise gewisse Argumente für die Wahrheit des Evangeliums. Paulus und seine Freunde hatten vielleicht etwas Grund anzunehmen, daß sie getäuscht worden sind. Aber Christen heute, die auf den Schultern von beinahe siebzig Generationen von Gläubigen stehen, haben dazu viel weniger Grund. Das erste Mal, wenn ich ein Ei koche, kann man mich vielleicht davon überzeugen, daß ich dazu die falsche Methode benutze. Aber es wird schwer sein, mich davon zu überzeugen, nachdem ich vierzig Jahre lang erfolgreich Eier gekocht habe. Aber die „neue Hermeneutik“ als seicht und unlogisch zu bezeichnen und deshalb abzulehnen heißt nicht, daß der Christ dazu berechtigt ist, seine Bibel per Zufall zu öffnen und den ersten Gedanken, der ihm in den Sinn kommt, zu übernehmen. Es bedeutet vielmehr, daß speziell Diener am Wort Gottes keine Mühe scheuen sollten, die Bedeutung des Textes, den sie den Leuten weitergeben, mehrfach zu überprüfen. Es bedeutet ebenso harte Arbeit, um in der Bibel die Dinge, die kulturell bedingt sind, von denen, die heilsnotwendig sind, zu unterscheiden. Das ist das geringste, was die Tatsache, daß wir dem Gott der Wahrheit verpflichtet sind, von uns fordert. Paul Helm
Mit freundlicher Genehmigung übersetzt von Christoph Renschier aus Evangelical Times, Februar 1989
Bibel und Gemeinde 4/1993

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