Die Botschaft des Galaterbriefes

Der Anlass für den Galaterbrief war die Tätigkeit gewisser jüdischer Lehrer in den von Paulus gegründeten Gemeinden von Galatien. Diese jüdischen Lehrer haben die jungen Christen „beunruhigt“, „durcheinander gebracht“ oder „verwirrt“ (siehe Kap. 1,7 und 5,10). Diese Verwirrung entstand, weil sie falsche Ansichten vertraten. Sie verdrehten das Evangelium – etwas, was Paulus mit großer Entschiedenheit bekämpft.
Es gab drei wichtige Streitpunkte zwischen Paulus und den jüdischen Lehrern, Punkte, die auch in der heutigen christlichen Kirche aktuell sind wie eh und je. Es geht – erstens – um die Frage der Autorität: woher wissen wir, was oder wem wir glauben oder nicht glauben sollen? Zweitens geht es um das Heil: Wie bekommen wir eine rechte Beziehung zu Gott und erlangen die Vergebung unserer Sünden? Und an dritter Stelle geht es darum, wie wir unsere gefallene Natur in den Griff bekommen und ein Leben führen können, das von Liebe und Gerechtigkeit geprägt ist. Jedem dieser Themen widmet Paulus etwa zwei Kapitel seines Briefes.
1. Die Frage der Autorität
Paulus und Barnabas hatten die Gemeinden in Galatien durch ihre Verkündigung des Evangeliums ins Leben gerufen. Danach tauchten dort jüdische Lehrer auf, die von sich behaupteten, die Gemeinde in Jerusalem zu vertreten, und stellten die Lehre des Paulus in Frage. In der Folge befanden sich die Christen in Galatien in einer Zwickmühle. Es gab zwei Gruppen von Lehrern; beide behaupteten, die Wahrheit Gottes zu verkünden; aber sie standen zueinander im Widerspruch. Auf welche Lehrer sollten die Galater hören? Beide Gruppen bestanden aus Männern, die nach außen hin einen gottesfürchtigen, aufrichtigen Lebenswandel führten, intelligent zu sein schienen und ihre Ansichten plausibel, aber mit großem Nachdruck darlegen konnten.
In der heutigen Kirche ist die Situation ähnlich, nur haben wir nicht die Wahl zwischen zwei Standpunkten, sondern zwischen vielen verschiedenen. Und jede Gruppe hat Leute auf ihrer Seite, die intelligent sind und einen guten Ruf haben, sogar Bischöfe und Theologen. Sie alle können sehr geschickt argumentieren. Doch untereinander widersprechen sie sich. Woher wollen wir wissen, wem wir folgen sollen?
In dieser Situation beruft sich Paulus auf die Autorität, die er hat, weil er ein Apostel Jesu Christi ist. Die jüdischen Lehrer beriefen sich auf kirchliche Autorität: Sie behaupteten, für die Gemeinde in Jerusalem zu sprechen. Paulus hingegen besteht darauf, dass sein Auftrag und seine Botschaft nicht von der Kirche stammen, sondern von Jesus Christus selbst. Deshalb erzählt er in Galater 1 und 2 noch einmal seine persönliche Geschichte. Es war Jesus selbst, der Paulus berief, und nicht eine Kirche oder Gemeinde – wobei die Christen in Jerusalem ihn später annahmen und bestätigten.
Paulus erwartet von den Galatern, dass sie seine apostolische Autorität akzeptieren. Das hatten sie früher getan, als sie ihn „wie einen Engel Gottes aufgenommen“ hatten (Kap. 4,14). Jetzt erwartet Paulus, dass sie zu dieser Haltung zurückkehren: „Ich bin im Herrn überzeugt, dass ihr nicht anders denken werdet [als ich]. Die Evangeliumsbotschaft, die sie ursprünglich angenommen hatten, sollte für sie die Norm sein (1,8+9).
Woher sollen wir in der heutigen Kirche wissen, wem wir folgen sollen? Wir müssen alle Ansichten am Maßstab der Lehre der Apostel Jesu Christi prüfen. „Friede und Barmherzigkeit“ wird der Kirche erst dann zuteil, wenn sie „sich von diesem Grundsatz leiten lässt“ (6,16). Nicht, ob jemand behauptet, „in der Nachfolge Petri“ zu stehen, ist entscheidend, denn die neutestamentlichen Apostel waren einzigartig und haben keine „Nachfolger“, sondern: Treue gegenüber der apostolischen Lehre des Neuen Testaments ist der einzig gültige Maßstab. Die Bibel steht über der Kirche und nicht anders herum. Die Kirche und ihre Vertreter sind stets verpflichtet, sich der Autorität der apostolischen Schriften zu beugen.
2. Die Frage des Heils
Wie können Sünder „gerechtfertigt“ werden, das heißt, bei Gott angenommen werden? Wie kann ein heiliger Gott sündige Menschen vergeben, sie mit sich versöhnen und ihnen seine Gnade zuteil werden lassen?
Paulus gibt eine einfache und eindeutige Antwort. Das Heil ist nur möglich durch den Sühnetod Jesu Christi am Kreuz. Der Galaterbrief steckt voller Bezugnahmen auf das Kreuz. In seiner Verkündigung stellte Paulus „den Gekreuzigten“ offen – wie auf einem Plakat – dar (3,1), und es war seine persönliche Lebensphilosophie, sich einzig und allein „des Kreuzes zu rühmen“ (6,14). Warum? Was hat Jesus am Kreuz getan? „Er hat sich selbst für unsere Sünden hingegeben, um uns aus dieser gegenwärtigen bösen Welt zu retten“ (1,4). „Der Sohn Gottes hat mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben“ (2,20). „Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, als er für uns zum Fluch wurde“ (3,13). Jesus hat sich also in dem Sinne für uns hingegeben, dass er sich „für unsere Sünden“ hingegeben hat. Und er hat sich „für unsere Sünden“ in dem Sinne hingegeben, dass er „für uns zum Fluch wurde“. Das kann nur bedeuten, dass der „Fluch“ Gottes (das heißt, sein gerechtes Missfallen, sein Gericht), der auf allen ruht, die sein Gesetz übertreten (3,10), auf Christus übertragen wurde, als dieser am Kreuz starb. Jesus nahm unseren Fluch auf sich, damit wir den Segen erhalten, den Gott Abraham versprochen hat (3,14).
Was müssen wir also tun, um gerettet zu werden? In gewissem Sinne lautet die Antwort: Nichts! Jesus Christus hat bereits alles getan, als er bei seinem Tod den Fluch für uns trug. Uns bleibt nur übrig, an Jesus zu glauben – ihm vorbehaltlos zu vertrauen. Denn „ein Mensch wird nicht durch Einhaltung des Gesetzes gerechtfertigt, sondern durch Glauben an Jesus Christus“ (2,16). Durch Glauben werden wir mit Jesus Christus vereint, durch den wir die Rechtfertigung, die Annahme an Sohnes Statt und die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.
Die jüdischen Lehrer vertraten die Ansicht, Glauben allein reiche nicht aus. Man müsse die Beschneidung und Gehorsam gegenüber dem Gesetz hinzufügen. Das ist eine Verdrehung des Evangeliums, die Paulus energisch zurückweist. Wenn wir das Heil durch unsere Taten erlangen könnten, sagt er, dann „wäre Christus völlig umsonst gestorben“ (2,21). Hat Jesus unsere Sünden, unseren Fluch getragen, dann ist das Kreuz ein völlig ausreichendes Opfer für die Sünde, und es ist völlig überflüssig, irgend etwas hinzufügen zu wollen. Darin besteht gerade das „Ärgernis des Kreuzes“ (5,11): Es besagt, dass das Heil ein Geschenk ist, das uns auf Grund des Todes Christi zuteil wird, und dass wir nichts, aber auch wirklich nichts selbst beitragen können.
Die Kirche ist also die „Familie der Glaubenden“ (6,10). Glaube ist das wichtigste Kennzeichen von Gottes Kindern. Wir sind eine Glaubensfamilie, und der Glaube macht uns mit allen Gotteskindern an jedem Ort und in jedem Zeitalter eins.
3. Die Frage eines gerechten Lebenswandels
Die jüdischen Lehrer versuchten, das von Paulus verkündigte Evangelium dadurch zu untergraben, dass sie andeuteten: Wenn die Rechtfertigung durch Glauben und Gnade allein erfolgen würde, müssten gute Werke völlig unwichtig sein – jeder könne dann so leben, wie es ihm gerade gefällt. Paulus lehnt diese Schlussfolgerung ab. Christen sind zwar „frei“ und sollen in der Freiheit „fest bleiben“, mit der Christus sie frei gemacht hat (5,1), doch fügt er gleich hinzu: „Nur: Nehmt diese Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch“ (5,13). Freiheit ist nicht gleich Freizügigkeit. Christen sind zwar vom Gesetz als Heilsweg befreit, doch bedeutet das nicht, dass sie das Gesetz außer Acht lassen können. Im Gegenteil, wir sollen „das Gesetz erfüllen“, indem wir einander lieben und uns gegenseitig dienen (5,13+14).
Wie können wir ein gerechtes, Gott wohlgefälliges Leben führen? Paulus zeigt den Konflikt zwischen dem „Fleisch“ (der alten sündigen Natur) und dem „Geist“ auf und weist darauf hin, dass der Sieg denen gehört, die dem Geist erlauben, die Oberhand zu gewinnen. Menschen, die zu Christus gehören, haben „das Fleisch gekreuzigt“ und seine „Leidenschaften und Begierden“ verworfen (5,24). Grundsätzlich fand das statt, als wir Buße taten und uns bekehrten. Wir müssen uns jedoch täglich daran erinnern und unsere Entscheidung erneuern. Jünger Jesu trachten danach, sich „vom Geist leiten zu lassen“ (5,18), ihm zu „folgen“ (5,25) und auf seinen „Acker“ zu säen (6,8), indem sie ihre Lebensgewohnheiten seinem Wort unterordnen, damit die neunfache Frucht des Geistes (5,22+23) in ihrem Leben reift und sichtbar wird.
John R. W. Stott fasst die Botschaft des Galaterbriefs so gut zusammen (The Message of Galatians: Only One Way. Downers Grove und Nottingham, 1986, S. 185 – 191), dass ich seine Gedanken hier gekürzt wiedergebe.

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