Perfektionismus

Wer ein Standardlexikon zur Hand nimmt, findet den Perfektionismus „als ein übertriebenes Streben nach Vollkommenheit“ beschrieben. Schaut man sich in unserem Alltag um, so entdeckt man dieses Streben an vielen Stellen. Fitnessprogramme versprechen uns die perfekte Figur. Modeberater verhelfen uns zum perfekten Outfit. Im Reisebüro wird uns der perfekte Urlaub angepriesen. Wir sind umgeben von einer hochentwickelten Technologie, sodass wir nahezu perfekte Autos oder Computer haben können. Und selbstverständlich erwartet die Spieler auf dem Fußballfeld der perfekte Rasen.
Nun ist es keineswegs falsch, sich an einem solchen Perfektionismus zu freuen. Ein perfekt gespieltes Musikstück hört sich allemal besser an als ein fehlerhaft herunter gespielter Vortrag. Dazu kommt, dass ohne jenes Streben nach Perfektion viele Entwicklungen in Wissenschaft und Technik niemals möglich gewesen wären. Die meisten Wissenschaftler sind Perfektionisten. Und als Patient erwarte ich von einem Chirurgen oder Zahnarzt, dass er sein Handwerk möglichst perfekt versteht. Mitarbeiter, die ein Gemeindefest möglichst perfekt vorbereiten, sind ein wahrer Segen für eine Gemeinde.
Dennoch besitzt der Perfektionismus auch eine sehr negative Kehrseite. Das Streben nach Perfektion kann zu einer wahren Besessenheit werden, unter der die Betroffenen selbst und auch ihr Umfeld früher oder später leiden. Um diese Art der Perfektion, die ein ernstes psychisches Leiden darstellt, soll es im Folgenden gehen. Wir wollen verstehen, warum der Perfektionismus uns zutiefst unglücklich machen kann. Zugleich wollen wir vom Evangelium her Wege entdecken, wie man sein Bestes geben kann, ohne daran zu zerbrechen.
KENNZEICHEN EINER PERFEKTIONISTISCHEN LEBENSEINSTELLUNG
Perfektionismus und zwanghaftes Handeln sind sehr eng miteinander verwandt. Perfektionisten wollen alles genau richtig machen. Fehler wollen sie unter allen Umständen vermeiden. Wie ein solches Verhalten den Alltag lahmlegen kann, zeigt das folgende Beispiel: Ein Student sollte während eines Praktikums auf einem landwirtschaftlichen Betrieb bei der Kartoffelernte mithelfen. Dabei sollte er, der klaren Anweisung des Bauern folgend, die großen Kartoffeln in die eine und die kleinen Kartoffeln in die andere Kiste werfen. Zum Erstaunen des Landwirtes hatte der Student auch nach über einer Stunde schweißtreibender Arbeit keine der beiden Kisten voll bekommen. Auf die Nachfrage des Landwirtes, weshalb er nicht vorwärts komme, sagte der Student: „Ich kann nicht entscheiden, welche Kartoffel groß und welche klein ist.“ Nun mag dieses Beispiel zum Schmunzeln anregen und mancher wird vielleicht sagen „typisch Kopfarbeiter“. Dennoch zeigt das Beispiel die schwierigen Folgen perfektionistischen Verhaltens auf. Entscheidungen zu treffen fällt schwer. Die Arbeit wird nie fertig. Ständig läuft man fremden oder eigenen Erwartungen hinterher. Dass solche Muster den Alltag erheblich beschweren, liegt auf der Hand.
Eine praktische Folge dieser Einstellung ist das Denken in absoluten Polaritäten. So gibt es für einen Perfektionisten nur das absolut Richtige und das absolut Falsche, die absolute Ordnung oder die Angst vor dem absoluten Chaos. Dazwischen gibt es für ihn nichts. Entweder engagiert er sich ganz oder gar nicht. Halbe Sachen kennt er nicht. Wenn er nicht abschätzen kann, wie eine Sache am Ende ausgeht, lässt er lieber die Finger davon. Perfektionisten meiden Risiken. Die Dinge müssen kalkulierbar sein. Die Hintergründe eines solchen Verhaltens lassen sich leicht erahnen. Wenn Perfektionisten auf die unabsehbaren Folgen und Gefahren einer Sache starren, dann hat dies nicht nur sachliche Gründe, sondern hat auch mit ihrer Angst zu tun. Es ist die Angst, die Kontrolle über die Dinge zu verlieren, die Angst, dass alles schief läuft, oder die Angst zu versagen. Wo die Angst jedoch zum handlungsleitenden Prinzip wird (etwa in der Erziehung der Kinder), wird das Leben sehr schnell eng. Perfektionismus kann sich in christlichem Kontext als Gesetzlichkeit äußern.
Der Anspruch, selbst perfekt zu sein oder alles perfekt machen zu müssen, hat fatale Folgen für den, der nach diesem Prinzip seinen Alltag ordnet. Wer von sich selbst nur das Allerbeste erwartet und sich selbst nach diesem Maßstab beurteilt, für den ist jedes Anzeichen eigener Unvollkommenheit ein ernstes Problem. Entweder muss er solche Unvollkommenheiten leugnen, was meistens auch eine Zeit lang sehr gut gelingt. Oder er muss sich angesichts solchen „Versagens“ selbst verurteilen. Pannen und Misserfolge zeigen ihm, dass er ein hoffnungsloser Versager ist. Perfektionisten fällt es schwer, zwischen
Person und Sache zu unterscheiden. Vom Erfolg oder Misserfolg einer Sache schließen sie auf den Wert oder den Unwert der eigenen Person. Für Fehler suchen sie die Ursache ausschließlich bei sich selbst. Die Frage, was man aus Fehlern lernen kann, wäre in dieser Situation eine gesündere Reaktion.
SEELSORGERLICHE ASPEKTE
Vertreter eines christlichen Perfektionismus suchen ihre Lehren häufig mit neutestamentlichen Aussagen zu stützen. Hat Jesus seine Jünger nicht selbst zur Vollkommenheit ermahnt (vgl. Matthäus 5,48)? Erwartet nicht auch Paulus den tadellosen Lebenswandel und das makellose Verhalten der Christen (vgl. Philipper 2,15)?
Wir sehen an dieser Stelle exemplarisch, wie die Interpretation einzelner Bibelstellen, ohne den biblischen Gesamtrahmen mitzudenken, ins Abseits führt. Weder für Jesus noch für Paulus ist der Weg zur christlichen Vollkommenheit eine Möglichkeit des Menschen. Im Gegenteil: In sich selbst findet der Mensch überhaupt keinen Anhaltspunkt, Gott zu gefallen oder sich der Vollkommenheit Gottes anzunähern.
Der perfektionistische Christ lebt unter dem Gesetz. Wir können dieses Gesetz als das Gesetz der Fehlerlosigkeit, der sozialen Zwänge oder auch als das Gesetz der eigenen Ansprüche bezeichnen. Letztlich ist dieses Gesetz nur eine Variante jenes Gesetzes Gottes, an dem Paulus und Martin Luther gescheitert sind, und an dem letztlich jeder Mensch nur scheitern kann. Ein Beispiel für jene gesetzesstrenge Haltung liefert der Romanschreiber Titus Müller in dem Mittelalter-Roman „Das Mysterium“. Dort beschreibt er, wie die christliche Sekte der Katharer im 14. Jahrhundert in München ihr Unwesen trieb. Das Oberhaupt jener Sekte Amiel von Ax scharte dort seine Anhänger um sich, um sich mit ihnen zusammen einem sündlosen und vollkommenen Leben zu verschreiben. Der meisterhaft geschriebene Roman zeichnet nicht nur die historischen Verhältnisse jener Zeit präzise nach. Er verarbeitet auch die theologische Frage von Gesetz und Gnade. Erst als dem Sektenführer Amiel von Ax am Ende seines Lebens der Widerspruch zwischen perfektionistischem Ideal und eigener Lebenswirklichkeit bewusst wird, beginnt er, sich für die Gnade Gottes zu öffnen. Die Katharer, die sich selbst „perfecti“ (Die Vollkommenen) nannten, bilden ein Muster für jenen christlichen Perfektionismus, der in der Geschichte der Gemeinde Jesu bis heute mehr oder weniger treue Nachahmer findet.
Wer dem eigenen Perfektionismus entkommen will, muss ihn an der Wurzel packen. Die Wurzel aber ist die Angst. Wie gelingt es, diese Angst vor Ablehnung, Versagen oder Minderwertigkeit zu zähmen?
Der Weg der Erlösung kann nur über das Kreuz Jesu Christi führen. Wo ein Mensch sich selbst und damit seine Angst und seine Minderwertigkeitsgefühle dem gekreuzigten Herrn ausliefert, geschieht zweierlei. Zum einen kann er sich seine Angst vor sich selber und vor Gott eingestehen. Dies ist entscheidend. Denn nur, was wir uns eingestehen und nicht verdrängen, kann erlöst werden. Das Zugeben und Offenlegen der eigenen Angst im Gebet ist daher eine der wichtigsten Voraussetzungen auf dem Weg der inneren Heilung. Dort, wo die Angst eingestanden wird, kann schließlich das andere geschehen. Der oder die Betroffene wird auf eine geheimnisvolle Weise mit Vertrauen beschenkt. Mit anderen Worten: Die Angst kann sich unter dem Kreuz in Vertrauen verwandeln. Dies geschieht in aller Regel nicht von heute auf morgen. Doch kann ein solches Ehrlichwerden vordem gekreuzigten Jesus der Beginn eines Weges in die Freiheit sein.
Biblisch gesprochen ist also die Rechtfertigung das eigentliche Mittel gegen einen zwanghaften Perfektionismus. Denn wo die Gnade in einem Leben Raum gewinnt, kann das eigene Streben nach Vollkommenheit, das im Kern ein Streben nach Anerkennung ist, überwunden werden. Das Ergebnis solchen „Sterbens“ und „Auferstehens“ ist, dass man mit der Zeit die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten annehmen und sich selbst lieben kann. Ein eindrückliches Beispiel hierfür ist Nick Vujicic. Der im Rahmen von „Jesus House“ in Deutschland bekannt gewordene Australier ist ohne Arme und Beine zur Welt gekommen. Gerade als Jugendlicher musste er aufgrund seiner Behinderung ernste Krisen bewältigen. Nachdem er schließlich zum Glauben an Jesus gefunden hat, bekennt er offen: „Obwohl ich alles andere als perfekt bin, bin ich trotzdem der perfekte Nick Vujicic.“ Und er ergänzt: „Wir sind alle vollkommen unvollkommen.“ Das Leben von Nick Vujicic ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass dort, wo man die eigenen Mängel und Schwächen annimmt, erstaunlich Neues entstehen kann.
GOTTES GNADE BEWIRKT NEUE HINGABE
Die Gnade Gottes befreit nicht nur von Ängsten, sie befähigt auch zu einer neuen Haltung. Wo ein Mensch frei geworden ist von sich selber, kann er sich neuen Zielen hingeben. Wo nicht mehr Versagensangst und deren Kehrseite, der ungezügelte Perfektionismus, einen Menschen bestimmen, treten neue Prioritäten ins Blickfeld. Nun kann er sein Leben zur Ehre Gottes einsetzen.
Was könnte unter uns Christen und in unseren Gemeinden heute geschehen, wenn wir diese entscheidende Grundfrage unseres Lebens noch einmal klären würden? Was könnte geschehen, wenn wir unsere „Hausaufgaben“ machen und Jesus auch dort Raum geben würden, wo unsere Angst oder unser Stolz sitzt? Vermutlich würde eine große Freiheit entstehen. Fesseln der Angst würden fallen. Eine Dynamik, seine Sache zur Ehre Gottes wirklich gut zu machen, könnte sich entwickeln. Wir würden uns nicht mehr so sehr um uns selbst, unseren Ehrgeiz oder unsere Angst drehen, sondern könnten uns selbst ganz für ihn verschwenden.
Christen sind nicht perfekt. Sie müssen es auch nicht sein. Wo aber die Gnade ihr Leben durchgreift, kann etwas geschehen, wozu sie aus eigenem Vermögen niemals im Stande wären.
Siehe auch Perfektionismus Der Weg zum Himmel – oder zur Hölle?
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=279

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