Die Existenzanalyse Victor E. Frankls Teil 3 Das Wesen der geistigen Person Die Selbsttranszendenz

Um in dem geometrischen Bild zu bleiben, können wir sagen, der Mensch ist ein offenes System oder wie Frankl sagt, der Mensch ist «weltoffen». Die Selbsttranszendenz des Auges ist für Frankl ein sehr deutliches Beispiel für die Weltoffenheit des Menschen. Denn, «die Fähigkeit des Auges, die Welt außerhalb seiner selbst wahrzunehmen, ist in dem Maße gestört, in dem das Auge auch nur im Geringsten sich selbst, beziehungsweise etwas innerhalb seiner selbst, etwa eine Linsentrübung wahrnimmt… unser Sehvermögen ist transzendent» (Wille zum Sinn, S. 155). Es klingt paradox, aber die Fähigkeit des Auges, die Welt wahrnehmen zu können, hängt von seiner Unfähigkeit ab, sich selbst zu sehen. Nur das kranke Auge sieht sich selbst. Wenn ein Mensch z.B. an einem grauen Star leidet, dann nimmt es sein Auge in Form eines grauen Nebels wahr, ist er an einem grünen Star erkrankt, dann sieht er rings um die Lichtquelle einen Hof von Regenbogenfarben. In jedem Fall, wenn das Auge etwas von sich selbst sieht, ist es krank.
Ähnlich verhält es sich mit dem Menschen. Die «Weltoffenheit» des Menschen bedeutet für Frankl, die Fähigkeit des Menschen, über sich selbst hinauszuweisen, denn so sagt Frankl: «Je mehr er sich selbst übersieht, je mehr er sich selbst vergißt, indem er sich hingibt einer Sache oder anderen Menschen, desto mehr ist er selbst Mensch, desto mehr verwirklicht er sich selbst. Erst die Selbstvergessenheit führt zur Sensitivität und erst die Selbsthingabe zur Kreativität» (Der Mensch v. d. Frage n. d. Sinn, S. 184). Ein Mensch, der zu stark mit sich selbst beschäftigt ist und der zu sehr auf sich bezogen lebt oder der nur um die Selbstverwirklichung – um einmal das Modewort des 20. Jahrhunderts zu gebrauchen – bedacht ist, ist in Frankls Augen ein Mensch, der in seinem «Willen zum Sinn» frustriert ist. Denn auf Grund seiner Selbsttranszendenz ist der Mensch immer schon ausgerichtet auf einen Sinn. Auch hier findet Frankl ein gutes Beispiel: Die eigentliche Aufgabe des Bumerangs ist nicht, wie im allgemeinen angenommen wird, zum Jäger zurückzukehren. Er soll vielmehr die Beute treffen und töten. Hat der Bumerang jedoch sein Ziel verfehlt, dann kehrt er zum Jäger zurück. Ähnlich, so überlegt Frankl, kehrt der Mensch nur dann zu sich selbst zurück, reflektiert nur dann so stark über sich selbst, wenn er sein ursprüngliches Ziel, nämlich Sinnerfüllung verfehlt hat. Ein nach innen gekehrter Mensch ist dann nicht mehr weltoffen. Was bedeutet daher die anthropologische Erkenntnis der Selbsttranszendenz für die logotherapeutische Praxis? In Fällen von Potenzstörung z.B. geht es dem sexualneurotischen Patienten um sexuelle Lusterfüllung. Aber gerade der Kampf um Lust, der Kampf um Potenz oder der Wille zur Lust bringt den Menschen nicht nur um Lust, sondern zieht ihn auch in den Teufelskreis der Hyperreflexion auf sich selbst; denn je mehr es dem Menschen um Lust geht, desto mehr vergeht sie ihm auch schon.
Der Weg zu Lustgewinn führt für Frankl nun einmal über Selbsthingabe und Selbstvergessenheit. Deshalb setzt Frankl der Hyperreflexion in der Therapie eine Dereflexion entgegen, d.h. er fordert seine Patienten auf, die starke Konzentration auf den Sexualakt selbst aufzugeben, um sich dem Partner unbefangener hingeben zu können. Viele Erfahrungen aus der Praxis haben Frankls These von der Dereflexion bei der Behandlung von potenzgestörten Patienten bestätigt, die hier aber nicht erläutert werden sollen.
Wichtig für uns ist: Für Frankl liegt das Wesen menschlicher Existenz in deren Selbsttranszendenz, in dem Sinn, daß der Mensch immer schon ausgerichtet ist auf etwas oder auf jemanden. Solche Selbsttranszendenz sprengt alle Rahmen eines reduktionistischen Menschenbildes. Was aber ermöglicht dem Menschen die Fähigkeit zur Selbsttranszendenz? Das geistig Unbewußte
Diese Frage führt Frankl zu der Erkenntnis des geistig Unbewußten, was für die Psychotherapie von außerordentlicher Bedeutung ist. Daß der Mensch im Vollzug geistiger Akte aufgeht, ist für Frankl ein Hinweis dafür, daß der Mensch bis in sein Unterbewußtsein hinein ein geistiges Wesen ist. Während Freud in dem Unbewußten lediglich ein Reservoir verdrängter Triebhaftigkeit gesehen hat, erweitert Frankl den Inhalt des Unbewußten um das Geistige, d.h. es gibt auch ein geistig Unbewußtes. Mit dieser Erkenntnis will Frankl dem Unbewußten seine Bedrohlichkeit nehmen, denn im Gegensatz zur Psychoanalyse, die den Menschen für ein von seinem Es, d.h. von seinen Trieben beherrschtes Wesen hält, sieht Frankl den Menschen als ein Wesen, das von seinem Unbewußten getragen wird, denn, «das unbewußt Geistige ist die Quell-und Wurzelschicht aller bewußten Geistigkeit» (zitiert in Böschmeyer, Die Sinnfrage in Psychotherapie und Theologie, S. 63). Frankl will damit sagen, daß der Geist in seinem Ursprung, in seiner letzten Instanz unbewußt ist. Es ist ein ähnlicher Sachverhalt wie bei dem Auge; denn dort, wo das Auge seinen Ursprung hat, nämlich in der Eintrittsstelle des Sehnervs in die Netzhaut, da hat die Netzhaut ihren «Blinden Fleck». Genauso ist der Geist genau dort, wo er seinen Ursprung hat, aller Selbstbeobachtung und Selbstbespiegelung gegenüber blind, «wo er ganz ursprünglich, ganz er selbst ist, ist er sich selbst unbewußt» (D. Mensch v.d. Frage n.d. Sinn, S. 65).
Aber nicht nur in seinem Ursprung ist der Geist unbewußt, sondern auch in seiner «letzten Instanz» -wie Frankl es nennt, – in der Instanz, die gleichsam über Bewußtsein und Unbewußtsein zu entscheiden hat, ist er selbst unbewußt. Dies wird deutlich, wenn wir bedenken, daß es im Schlaf eine Traumwache gibt, die entscheidet, ob ein Mensch weiterschlafen, oder aufwachen soll. Eine Mutter wird z.B. schon bei dem leisesten unruhigen Atmen des Kindes wach, während sie weitaus lautere Geräusche überhört, d.h. die Traumwache unterscheidet Geräusche voneinander. Beides: unterscheiden und entscheiden sind geistige Vorgänge.
Wie im psychischen Bereich können auch im geistigen Bewußtseinsinhalte ins Unterbewußtsein verdrängt werden. Verdrängte Gewissens- oder Wertkonflikte oder ein erfolgloses Streben nach Sinn können unter Umständen so übermächtig werden, daß sie eine noogene Neurose9 hervorrufen können. Neurosen, die aus Gewissenskonflikten entstehen haben ihren Ursprung im geistig Unbewußten. Wie der Psychotherapeut versucht, seinem Patienten dadurch zu helfen, daß er dessen unbewußt Triebhaftes ins Bewußtsein hebt, so versucht der Logotherapeut, dem Patienten seine unbewußte Geistigkeit bewußt zu machen. Praktisch kann das so aussehen, daß der Logotherapeut, dem Patienten seine unbewußte Sehnsucht nach einem Lebenssinn deutlich zu machen versucht. Wie der Therapeut im einzelnen arbeitet, kann hier nicht weiter erörtert werden.

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