Die Existenzanalyse Victor E. Frankls Teil 4 Der dreidimensionale Mensch

Freiheit
Wenn Frankl von der Freiheit des Menschen spricht, dann setzt er voraus, daß nur das Geistige des Menschen seine Freiheit begründet. Frankl leugnet nicht, daß der Mensch in einer Fülle biologischer, psychologischer und soziologischer Bedingungen lebt, aber er ist ihnen nicht ausgeliefert, als geistiges Wesen hat er immer noch die Freiheit, Stellung zu seiner Lebenssituation zu beziehen.
Der Mensch hat z.B. Triebe, die ihn einschränken, doch nicht auf Kosten seiner Freiheit, denn – so sagt Frankl: «Der Mensch hat also Triebe, gewiß, aber die Triebe haben ihn nicht» (zitiert in: Böschemeyer, Die Sinnfrage in Psychotherapie und Theologie, S. 66).
Das gleiche gilt für die Umwelt des Menschen. Auch wenn die sozialen Bedingungen noch so schlecht sind,     entscheidet der Mensch letztlich, ob er sich ihnen unterwirft oder ob er gegen sie kämpft. Frankl ist nicht zuletzt aufgrund eigener Erfahrungen im Konzentrationslager zu dieser Überzeugung gekommen. Die Gefangenen haben trotz der schrecklichen Bedingungen nicht, wie Freud meinte, alle ihre Differenzen auf Kosten einer uniformen Äußerung des ungestillten Nahrungstriebes aufgegeben.10 Im Gegenteil, Frankl beobachtete, wie «angesichts der identischen Situation aus dem einen Menschen ein sogenannter Schweinehund wurde, während der andere in seinem dortigen Leben geradezu einen Heiligen repräsentierte» (zitiert in Böschemeyer, Die Sinnfrage in Psychotherapie und Theologie, S. 66).
Diese Freiheit ermöglicht es auch dem Menschen, sich zu verändern, sich selbst gegenüber, unter Umständen auch entgegenzutreten und sich zu diesem Zwecke sich von sich selbst zu distanzieren. In der Fähigkeit zur Selbst-Distanzierung ist der Mensch immer stärker als seine inneren und äußeren Bedingungen. Daß dies keine intellektuelle Spielerei ist, zeigt die tiefe Wirkung, die Frankl in Gesprächen mit zahlreichen Sträflingen gehabt hat. Diese beklagten sich, daß sie immer als hoffnungslose Verbrecher für alle Zeit abgestempelt waren. Tief beeindruckt waren sie dann, als Frankl ihnen sagte, daß es nie zu spät sei, daß sie bis zu ihrem letzten Atemzug die Freiheit hätten, anders zu werden, daß sie nicht verlorene Verlierer, für immer in das Böse verstrickt, sein müßten. «Es liegt in eurer Macht», so sagt Frankl ihnen, «von eurem früheren, schuldigen Ich abzurücken, gleichgültig, was euch in eurem früheren Leben widerfahren ist» (Ringen um Sinn, S. 36).
Die Freiheit, gegenüber unserer psychologischen Verfassung eine Stellung zu wählen, läßt sich für Frankl sogar noch in pathologischen Fällen nachweisen. Selbst der seelisch Kranke hat noch einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen er eine positive Einstellung zu seinen Leiden finden kann. Frankl berichtet von Patienten, die aus ihrer Depression heraus Selbstmord begangen haben, während andere um eines Menschen oder einer Sache willen ihre Selbstmordabsichten überwinden konnten.
Das Anliegen einer logotherapeutischen Behandlungsmethode, der paradoxen Intension“, ist, die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung, wie sie uns z.B. in der menschlichen Fähigkeit zum Humor begegnet, zu mobilisieren. Wie wirkungsvoll die paradoxe Intension angewendet werden kann, soll hier an einem Beispiel gezeigt werden.
Frankl berichtet von einer 48jährigen Patientin, die an einem so starken Zittern litt, daß sie außerstande war, eine Tasse Kaffee oder ein Glas Wasser zu halten, ohne etwas zu verschütten. Daraufhin beschloß Frankl, die paradoxe Intension anzuwenden, «und zwar richtig mit Humor», wie er vorweg sagte. Hier geben wir ein Stück aus dem Gespräch mit der Patientin wieder. «So begann ich denn: Wie wär’s, Frau N., wenn wir einmal ein Wettzittern veranstalteten? – Sie: Was soll das heißen? – Ich: Wir wollen einmal sehen, wer schneller und wer länger zittern kann.
Sie: Ich hab‘ nicht gewußt, daß Sie ebenfalls an Zittern leiden. – Ich: Nein, nein, keineswegs; wenn ich aber will, dann kann ich zittern.
-(Und ich begann – aber wie) Sie: Jö – Sie können es ja scheller als ich. (Und sie begann ihr Zittern zu beschleunigen) Ich: Schneller – los, Frau N. sie müssen viel schneller zittern. – Sie: Aber ich kann ja nicht – hören sie auf, ich kann nicht mehr weiter. – Und sie war wirklich müde geworden. Sie stand auf, ging in die Küche und kam zurück mit einer Schale Kaffee. Und sie trank sie aus, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten. Wann immer ich sie seither beim Zittern ertappe, brauche ich bloß zu sagen: Nun, Frau N., wie wär’s mit einem Wettzittern? Worauf sie zu sagen pflegt: Schon recht, schon recht. – Und es hat noch jedesmal geholfen» (D. Mensch v.d. Frage n.d. Sinn, S. 126). Dies ist nur ein Beispiel aus der Praxis, es gäbe noch viele, die Frankls These von der Freiheit des Menschen bestätigen, denen aber auch die Beweiskraft – im naturwissenschaftlichen Sinn abgeht. Wer in seiner Anthropologie Freiheit als menschliche Gegebenheit aufnimmt, stößt immer an Grenzen und auf offene Fragen. Auch Frankl ist sich dessen bewußt, daß er Freiheit als unverlierbare Möglichkeit des Menschen nicht nachweisen kann, aber er bezeugt die Freiheit und glaubt an deren Existenz. Dies formuliert er in seinem psychotherapeutischen Credo so: Das psychotherapeutische Credo bekennt den Glauben «an diese Fähigkeit des Geistes im Menschen, unter allen Bedingungen und Umständen irgendwie abzurücken von sich in fruchtbare Distanz zu stellen zum Psychophysikum an ihm» (Wille zum Sinn, S. 116). Dieses Credo, von Frankls Kollegen strikt abgelehnt, ist eine völlig neue Haltung in dem Gebiet der Psychotherapie und zeigt noch einmal Frankls Verständnis von der geistigen Person. Hinter Frankls großem Engagement innerhalb der Psychiatrie steht vor allem die Sorge um die Würde des Menschen – besonders des kranken Menschen.
Verantwortung Die Freiheit des Menschen bedeutet für Frankl immer auch Freiheit zur Verantwortung, denn Freiheit ohne Verantwortung schlägt um in Willkür. «Was ist nun Verantwortung?» – fragt sich Frankl. «Verantwortung ist dasjenige, wozu man gezogen wird, und – dem man sich entzieht.» Aus irgendeinem Grunde scheut sich der Mensch, Verantwortung zu tragen und versucht, ihr zu entfliehen. Überlegt man auch einmal, was Verantwortung alles beinhaltet, dann tritt uns die Ernsthaftigkeit dieser Aufgabe erschreckend vor Augen, denn «es ist etwas Furchtbares um die Verantwortung des Menschen – doch zugleich etwas Herrliches! Furchtbar ist es: zu wissen, daß ich in jedem Augenblick die Verantwortung trage für den nächsten, daß jede Entscheidung, die kleinste wie die größte, eine Entscheidung ist für alle Ewigkeit, daß ich in jedem Augenblick eine Möglichkeit… verwirkliche oder verwirke. Nun birgt jeder einzelne Augenblick Tausende von Möglichkeiten, ich aber kann nur eine einzige wählen, um sie zu verwirklichen. Alle anderen habe ich damit auch schon verdammt, zum Nie-sein verurteilt, aber auch dies für alle Ewigkeit. Doch herrlich ist es: zu wissen, daß die Zukunft, meine eigene und die Zukunft der Dinge, der Menschen um mich, irgendwie – wenn auch in noch so geringem Maße – abhängig ist von meiner Entscheidung in jedem Augenblick. Was ich durch sie verwirkliche, was ich durch sie in die Welt schaffe, das rette ich in die Wirklichkeit hinein und bewahre es so vor der Vergänglichkeit» (Ärztliche Seesorge, S.48).
Die Radikalität der Verantwortlichkeit sieht Frankl in der Zeitlichkeit und Einzigartigkeit des Menschen begründet. Jede Person ist einzigartig, unwiederholbar und deshalb sind auch die Situationen, die ihr begegnen einmalig und unwiederbringlich. So überraschend es klingt, aber Frankl sieht gerade im Tod den Forderungscharakter der Verantwortlichkeit; denn wäre unser Leben unbegrenzt, dann könnte jede Entscheidung, jede Verwirklichung von Verantwortung «bis in alle Ewigkeit» hinausgezögert werden. Damit ist die Gegenwart der zeitliche Raum, in dem der Mensch entscheidet, was «in das Reich der Vergangenheit gerettet» werden soll und was «in die Schatzkammer der Erinnerung» eingehen soll (Ärztliche Seelsorge, S. 95).
Wofür ist der Mensch nun verantwortlich? Frankl ist immer darum bemüht, seinen Patienten den Reichtum der Wertewelt sichtbar zu machen. Schöpferische Werte kann der Mensch z.B. in der Hingabe an eine Aufgabe, in seinem Berufsleben verwirklichen, Erlebniswerte im Aufnehmen der Welt, z.B. in der Hingabe an die Natur, Einstellungswerte in der Bejahung einer ausweglosen Situation.
Immer ist der Mensch verantwortlich, Werte zu verwirklichen. Dabei verlangt das Leben diesbezüglich eine ausgesprochene Elastizität vom Menschen, denn er muß von einer Wertkategorie zur anderen wechseln, sobald es der Augenblick erfordert. Jetzt wäre noch zu fragen, wovor der Mensch verantwortlich ist. Darauf werden wir in dem Kapitel «Sinn und Gott» eingehen. Fassen wir das Bisherige zusammen: Der Mensch ist als geistiges Wesen frei; er ist seinem Schicksal nicht ausgeliefert, er kann sich von sich selbst distanzieren, kann über sich selbst hinausweisen; er ist frei zur Verantwortung gegenüber dem Sinn des Daseins.
Anmerkungen
1.Drei Konzepte liegen der Psychoanalyse Freuds im wesentlichen zugrunde: Das Ganze der menschlichen Seele und atomistisch aus vielen Teilen bzw. Trieben zusammengesetzt gedacht. Die Entdeckung des Unbewußten führte Freud zu einem der Physik analogen «Energieerhaltungssatz seelischer Energien». Nicht verarbeitete Erlebnisse, seelische Energien, gehen demnach nicht verloren, sondern werden in das Unterbewußtsein verdrängt. Zum dritten spricht Freud von einer entscheidenden inneren Strukturierung im frühesten Kindesalter, wobei das Kind verschiedene Pha¬sen (orale, anale, ödipale…) durchlebt, denen spezifische Bedürfnisse, aber auch Probleme entspringen (vgl. auch: K. Berger «Vergewaltigung der Seele – Sigmund Freud» – TELOS-Reihe «Leben-Werk-Wirkung», Berneck 1984. Anm.d.Red.).
2. «Schließlich war es Feud selbst, der die Psychoanalytiker als unverbesserliche Mechaniker und Materialisten) bezeichnet» (Sigmund Freud, Schriften London, Ausgabe XVII, S. 29). Zitat in: Frankl, Der unbewußte Gott, S. 13.
3.Nach Frankls Interpretation leugnet der Nihilismus «nicht das Sein des Seins», sondern den «Sinn des Seins». Der Nihilismus behauptet keineswegs, daß in Wirklichkeit nichts sei, er behauptet vielmehr, die Wirklichkeit sei nichts als…» Frankl, Homo pa-tiens, S. 1.
4.Nicolai Hartmann weist auf den traditionellen Gegensatz zwischen «Natur und Geist» im Idealismus hin, wie er als Schichtung die Wissenschaften bis heute bestimmt. Das Wesentliche aber sei, daß sich diese Seinsbereiche überlagern, wobei man das eine als Gesamtheit niederer Gebilde versteht, das andere von Gebilden höherer Art.
Diese Vereinfachung kritisiert Hartmann, «die reale Welt ist nicht so einfach» und schlägt statt zwei mindestens vier Schichtungen (Kategorien) vor. Die Natur müsse in organisch und anorganisch (leblos und lebendig) und der Geist in seelisch und geistig unterteilt werden. Jetzt kann er den Psychologismus, der die Eigenständigkeit des Geistigen nicht anerkennt, kritisieren, und man sieht deutlich die Verwandtschaft zu Frankl.
«Alle diese Ismen (er nennt auch Biologismus und Materialismus) verkennen die Schichtung der realen Welt. Sie vergewaltigen die Phänomene.» Nicolai Hartmann: Der Aufbau der allgemeinen Kategorienlehre – 2. Auflage, Berlin 1949.
5.Schon auf der ersten Seite wird die Gemeinsamkeit Schelers und Frankls in der Sorge «um eine einheitliche Idee vom Menschen» bei der «immer wachsenderen Vielheit der Spezialwissenschaften» deutlich. Auf Seite 38 fällt die bekannte Formel: Der Mensch ist «ein geistiges Wesen» und «weltoffen», Max Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos, München, Bern, 6. Auflage 1962.
6.Dies gilt vor allem für die einseitigen Forschungsergebnisse der Pawlow’schen Reflexologie und Watsons Behaviorismus.
7.Das gilt für Freuds These von der psychischen Determiniertheit, wenn er nicht überwundene Konflikte im frühesten Kindesalter ursächlich mit Problemen des Erwachsenen in Verbindung bringt.
8. «Ein Flugzeug hört nicht auf, genauso wie ein Auto auf dem Flughafengelände, also auf der Ebene umherfahren zu können; aber als ein wirkliches Flugzeug wird es sich erst dann erweisen, wenn es sich in die Lüfte, also in den überdimensionalen Raum, erhebt», Ä.S., a.a.S. 3.
9. «Im Gegensatz zur Neurose, im engeren Wertsinn, die per definitionem eine psychogene Erkrankung darstellt, geht diese noogene Neurose nicht auf Komplexe und Konflikte im herkömmlichen Sinne zurück, sondern auf Gewissenskonflikte und Wertkollusionen…, auf eine existentielle Frustration, die das eine oder andere Mal eben auch in neurotischer Symptomatologie ihren Ausdruck und Niederschlag finden kann». Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, S. 143, Gesamtwerk. 10 Freud hat einmal gesagt: «Man versuche es, eine Anzahl der allerdifferenziertesten Menschen gleichmäßig dem Hunger auszusetzen. Mit der Zunahme des gebieterischen Nahrungsbedürfnisses werden alle individuellen Differenzen sich verwischen und an ihrer Statt die uniformen Äußerungen des ungestillten Triebes treten.» Frankl: Theorie und Therapie der Neurosen, München/Basel 1975, S. 153. 11 Die paradoxe Intension wurde von Frankl bereits 1929 praktiziert, aber erst 1939 beschrieben. In der Behandlung der Angstneurose ist es wichtig, den Zirkel von Erwartungsangst und Angst zu durchbrechen, indem der Patient lernt, sich von seiner Angst zu distanzieren. Dies wird am einfachsten dadurch erreicht, daß er das Symptom objektiviert. Die Objektivierung und die Distanzierung ermöglichen es dem Kranken, sich «neben» oder «über» das Angstgefühl zu stellen.
Teil 1a factum 7/8 Juli / August 1986 von Britta Laubvogel
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=495 Teil1

http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1581 Teil 2

http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1586 Teil 3

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